Zur Person: Dimitri Schostakowitsch zum 100. Geburtstag
Bernd Feuchtner im Gespräch mit Rudolf Barschai
SWR, 13. 9. 2006
Zur Person: Dmitri Schostakowitsch zum 100. Geburtstag. Bernd Feuchtner hat sich mit dem Schostakowitsch-Kenner und Dirigenten Rudolf Barschai unterhalten:
Ich war von Schostakowitsch so fasziniert und habe ihn fast vergöttert. Für mich ist es unmöglich, ihn als Mensch zu beschreiben. Er war erstens sehr höflich, immer sehr bescheiden, aber gut angezogen, sehr akkurat, sehr pünktlich. Er hatte sehr starke Prinzipien für die Kompositionsarbeit. Einmal sagte er, als Oistrach, Oborin und das Beethovenquartett sein Quintett vor Chaussons Konzert für Violine. Klavier und Quartett spielten man muss sagen, dass Chausson wirklich schöne Musik ist, die Schönheit ist hier die Hauptsache, große Bedeutung hat sie nicht, es ist Zuckerwasser, aber wirklich sehr schön da kam Schostakowitsch ins Künstlerzimmer, gratulierte nicht sondern sagte noch in der Türe: „Für einen Komponisten ist wie für einen Mann, nicht Schönheit wichtig, sondern Klugheit.“ Könnte sein, dass er beleidigt war, dass sie nach seinem Quintett den Chausson spielten...
Er war sehr humanistisch, sehr großzügig seinen Freunden gegenüber. Persönlich muss ich sagen, dass er mich in einer schweren Zeit meines Lebens einmal gerettet hat.
MUSIK 1: 9. Sinfonie, Finale (RSO Köln, Rudolf Barschai, Brillant Classics)
Track 5, Anfang bis 4’15 (ausblenden) 4’20
LC 09421 Brilliant 6275-6
Das Finale der Neunten Symphonie von Dimitri Schostakowitsch, gespielt vom Radiosinfonie-Orchester Köln unter der Leitung von Rudolf Barschai. Diese Neunte ist auf den ersten Blick ein verspieltes Stück à la Haydn, eine Wiederauflage der Symphonie classique von Prokofjew. Doch irgendetwas stimmt nicht in dieser Idylle. Das Stück entstand 1945, und alle hatten vom Komponisten eine „Sowjetische Neunte“ zum Sieg Stalins im Zweiten Weltkrieg erwartetet. Rudolf Barschai hatte den Krieg als Student erlebt und kann sich an diese Zeit nur zu gut erinnern:
Nach dem Zweiten Weltkrieg hat Stalin einige Schönheiten von Hitler aufgegriffen, so den Antisemitismus. Er war ein so begabter Schüler, dass er den Antisemitismus sogar weiterentwickelt hat. Schostakowitsch als großer Humanist konnte das nicht akzeptieren. Er war sehr dagegen, er war ein Gegner jeder möglichen Art von Totalitarismus und Diktatur, besonders nachdem einige seiner Freunde jüdischer Nationalität unterdrückt und umgebracht wurden. So beispielsweise als der große Schauspieler Solomon Michoëls von Stalin umgebracht wurde. Auf Befehl Stalins wurde er auf der Straße durch einen schweren Lastwagen getötet. Aus Protest hat Schostakowitsch jüdische Themen in seinen Werken benützt und bearbeitet, besonders populäre Tanzthemen.
Ein Beispiel ist die Neunte Symphonie.
Die Neunte Symphonie hat ein sehr besonderes und eigenartiges Schicksal. Nach der Achten Symphonie erwarteten alle von Schostakowitsch eine große Neunte - auch Stalin - in der Art Beethovens. Das sollte eine Chorsinfonie sein mit Worten zum Lob der Stalinära. Und Schostakowitsch versprach das: „Das ist genau das, worüber ich gerade nachdenke.“ Und wieder fragte man ihn: „Ja, das geht voran.“ Schließlich sagte man zu ihm: „Mitja, weißt du, er selber wartet darauf,“ und zeigte dabei bedeutungsvoll mit dem Finger nach oben. „Ja, ja ich weiß, ich bin schon im Finale.“ Schlussendlich stellte er eine Neunte Symphonie vor, die eine Witz-Symphonie war, aber ein böser Witz, wie Schostakowitsch das konnte. Besondern scharf war der Witz im Finale, sogar eine Verspottung Stalins. Durch jüdische Themen verspottete er den Antisemiten Stalin besonders. Mit großer meisterlicher Entwicklung hat er das gemacht, mit Beethoven’scher Durchführungs-Meisterschaft. Bei der Coda wird dieses Thema von Posaune, Trompete, Schlagzeug, mit allem brillanten Klang gespielt. Das bedeutet, dass dieses Tanz-Thema eine besonders wichtige Bedeutung hat, dass es sogar mit dem schweren Blech gespielt wird. Das provoziert das Bild, dass das Tanzensemble der Roten Armee tanzt aber was für einen Tanz! Für den Antisemiten Stalin unerträglich, ein Schock, eine Bombe! Aber Stalin hat das zum Glück nicht verstanden. Sonst wäre das die letzte Symphonie von Schostakowitsch gewesen.
MUSIK 2: 9. Sinfonie, Finale (RSO Köln, Rudolf Barschai, Brillant Classics)
Track 5, Schluss ab 4’30 (einblenden) 2’18
LC 09421 Brilliant 6275-6
Das war der Schluss der Neunten Symphonie, gespielt wieder vom RSO Köln unter der Leitung von Rudolf Barschai.
Nach dem Ende des Krieges brach eine neue Eiszeit über die Sowjetunion herein, die bis zum Tod Stalins im Jahr 1953 andauerte. Im Februar 1948 wurden zum zweiten Mal sämtliche bedeutenden Komponisten an den Pranger gestellt und bei einer ZK-Veranstaltung als „Formalisten“ gebrandmarkt. Schostakowitsch verlor seine Stellung als Professor und damit die Grundlage zur Ernährung seiner Familie. Rudolf Barschai erinnert sich:
Alle Komponisten haben das ganz unterschiedlich genommen. Man erzählt, dass Prokofjew sehr selbständig kam, sehr elegant angezogen in grauen Hosen und glänzenden Schuhen und saß in der ersten Reihe, sehr souverän. Den Nachbarn fragte er: „Wer sind Sie?“ „Ich bin Skerjatow.“ Das war ein sehr großer, berühmter Parteifunktionär. Prokofjew sagte, „Ich kenne Sie nicht.“
Schostakowitsch hat es sehr schwer aufgenommen. Er war sehr nervös, und als nach dieser Versammlung im Moskauer Konservatorium eine große Versammlung aller Professoren, Dozenten und Studenten war, war Schostakowitsch auch dabei. Das dauerte lange, ich glaube zwei oder sogar drei Tage. Schostakowitsch war natürlich auch dort, er saß im Parkett und war wie verkrampft. Alle fünf Minuten rannte er hinaus zum Rauchen. Welche Reden es gab, daran zu erinnern fällt schwer. Die Rede des neu eingestellten Kulturministers Lebedew beispielsweise (der alte Kulturminister hatte die Gefahr des Formalismus nicht rechtzeitig erkannt). Der neue kam ich weiß nicht woher, vielleicht aus einer Fabrik, aber seine Rede! „Das Moskauer Konservatorium hat kriminelle Fehler gemacht. Der Direktor hat den Professoren erlaubt, dass die Studenten der Komponisten-Fakultät die Musik von Madler und Handemithen studieren.“ Genau so hat er das ausgesprochen. Schostakowitsch war stark schockiert, und danach war er sogar krank, im Krankenhaus. Einer der Professoren, ein berühmter Mann, sagte: „Genosse Prokofjew, Ihre Musik ist gefährlich für junge Pianisten, sie macht ihre Hände kaputt!“ Ein anderer sagte: „Genosse Schostakowitsch, wir müssen akzeptieren, dass es in irgendeinem Quartett von Haydn mehr Musik gibt als in allen Ihren Symphonien.“ Ich ging damals mit meinem kleinen Sohn in den Zirkus. In Moskau war ein wunderbarer Zirkus. Dort stand auf der Bühne ein kleines Klavier. Es kam der berühmte Clown Karand’asch. Er ließ seinen Hund über die Tastatur laufen. Als man ihn fragte, was der Hund macht, sagte er: „Oh, er spielt die neue Symphonie von Schostakowitsch.“ Das war eine schwere Zeit für uns alle. Wir konnten schon ahnen, was für schwere Zeiten kommen würden. Was sollten wir weiter machen?
Für Schostakowitsch war das ein Déjà-vu. Das Gleiche hatte er im Jahr 1936 schon einmal erlebt, als an seiner Oper „Lady Macbeth von Mzensk“ das Exempel statuiert wurde, das die gesamte sowjetische Avantgarde-Kunst auslöschte. Mit der Fünften Symphie hatte er sich rehabilitiert und als neuer Klassiker dargestellt, der die Regeln der Doktrin des Sozialistischen Realismus zu beherrschen weiß. Seine Vierte Symphonie musste er dafür allerdings opfern.
Wir hören den Anfang der Vierten, live gespielt vom Bundesjugendorchester unter der Leitung von Rudolf Barschai.
MUSIK 3: 4. Sinfonie, Anfang (Bundejugendorchester, Rudolf Barschai)
Track 1, 10’33
M0-009076 W00
Als er die Vierte Symphonie komponierte unmittelbar nach der „Lady Macbeth“, mit der sie viel zu tun hat bereitete Stiedry die Uraufführung in Leningrad vor. Aber bei der Generalprobe haben Schostakowitsch und seine Freunde die Uraufführung aus Angst zurückgehalten. Sie wurde erst 30 Jahre später in Moskau uraufgeführt. Dumme Leute sagten, das sei ein schlechter Dirigent gewesen, der die Einstudierung mit dem Orchester nicht geschafft hätte. Das stimmt nicht. Er war ein großer Dirigent und das Orchester spielte sehr gut. Es war Angst, weil das gefährlich war. Einmal geschlagen, könnte das zweite Mal Gefängnis kommen. Er hatte immer Angst vor dem Gefängnis. Nicht nur er, viele Leute! Auch David Oistrach hat erzählt, dass er immer Angst hatte, wenn in der Nacht der Lift kommt. Dann konnten sie nicht schlafen und warteten, in welchen Stock er anhält. Sie lebten im zweiten Stock, und wenn er weitergefahren war, konnten sie ruhig weiterschlafen. So war das Leben in Moskau.
Und dann kam der Krieg. Schostakowitsch blieb zunächst im belagerten Leningrad. Im Radio hörten die Menschen, dass er dort seine Siebte Symphonie schrieb. Sie wurde ein Mythos. Als sie fertig war, war der Komponist schon an den Ural evakuiert. Rudolf Barschai war damals mit der Leningrader Musikschule nach Taschkent ausgelagert. Dort waren alle neugierig auf die neue Symphonie und wollten sie unbedingt spielen. Einer seiner Lehrer war Schostakowitschs engster Freund:
Damals war Isaak Glikman unser Literaturlehrer, und er fuhr mit anderen nach Swerdlowsk, um die Partitur nach Taschkent zu holen.
MUSIK 4: 7. Sinfonie, 1. Satz (RSO Köln, Rudolf Barschai, Brillant Classics)
Track 1, ab 10’10 (einblenden), 16’10 ausblenden 6’15
LC 09421 Brilliant 6275-4
Wenn das Angriffsthema zur höchsten Apotheose kommt, tritt ein schwerer Blechbläserchoral ein: Schostakowitsch sagte damals, „das ist mein Requiem! Ich hätte so gerne Worte dafür benutzt, aber ich konnte nicht die passenden Worte finden.“ Das ist klar: die Propaganda erlaubte das nie, denn das Requiem war für alle im Krieg Gefallenen, alle Seiten, nicht nur unsere Seite. Und dann geht die Musik weiter zu dem großen, berühmten Fagottsolo. Er spielt diesen Monolog wie ein großes Rezitativ. Schostakowitsch sagte: „Das muss so traurig sein, dass es sogar keine Tränen mehr gibt.“
MUSIK 5: 7. Sinfonie, 1. Satz (RSO Köln, Rudolf Barschai, Brillant Classics)
Track 1, ab 20’00 (einblenden), bis 22’28 2’28
LC 09421 Brilliant 6275-4
Das war das Fagottsolo aus dem ersten Satz der Siebten Symphonie. Als Student am Moskauer Konservatorium kam Rudolf Barschai dann seinem Idol näher. Er hatte ein Quartett gegründet und studierte Schostakowitschs Erstes Streichquartett ein. Frech fragten die Studenten den Komponisten, ob er nicht zu einer Probe kommen wolle. Und er kam. Seitdem ging Barschai regelmäßig zu ihm, um ihm seine Kompositionen zu zeigen. Er war ein anspruchsvoller Lehrer:
Was er von uns verlangt hat: nie Bleistift benutzen, alles nur im Kopf komponieren: „Im Kopf arbeiten und alle Skizzen im Kopf machen. Wenn Sie im Kopf bis zum letzten Instrument der Partitur fertig sind, dann nehmen Sie ein Blatt Notenpapier, Tinte und schreiben.“ Er hat so gearbeitet. Ich habe es gesehen. Zum Beispiel die Neunte Symphonie schrieb er in einem fertigen Exemplar, ohne Skizzen, ohne Klavier, nichts, nur die Partitur.
Ein Komponist wurde Barschai dann doch nicht, aber ein guter Bearbeiter. Prokofjews „Visions fugitives“ bearbeitete er ebenso zur Zufriedenheit des Komponisten wie Schostakowitschs Achtes Streichquartett.
Erstens hatte ich das Gefühl, dass einige Streichquartette von Schostakowitsch symphonische Ideen enthalten. Diese Überlegung trug ich einmal Schostakowitsch vor. Er sagte, „Sie haben recht.“ Ich fragte, ob ich es einmal ausprobieren dürfe. „Warum nicht?“
Aber zweitens möchte ich diese Schönheiten popularisieren und mehr Menschen ermöglichen, sie zu hören, in größeren Sälen.
1’15
14
Das war natürlich eine nicht sehr einfache Aufgabe. Das war kompliziert. Man musste es so bearbeiten, dass es natürlich klingt und man die Musik nicht verschlimmert. Zu meiner Bearbeitung des Achten Streichquartetts sagte Schostakowitsch, „das klingt besser als das Quartett,“ aber das war ein zu starkes Lob. Ich war beschämt.
In Barschais Bearbeitung und in seiner Interpretation mit dem von ihm gegründeten Moskauer Kammerorchester ging das 8. Streichquartett um die Welt. Schostakowitsch hatte ihm die Widmung „Den Opfern von Faschismus und Krieg“ mitgegeben, und die Tatsache, dass es 1960 quasi im zerstörten Dresden entstand, trug zur Tarnung bei. Denn bei diesem Stück handelt es sich um ein Schlüsselwerk. Wenn hier von einer Ruine die Rede ist, dann höchstens von dem Komponisten selbst, der sich in den politischen Turbulenzen ebenfalls wie verbrannt fühlte. Das Quartett zitiert ausschließlich aus eigenen Werken, ja es stellt sie sogar in politische Zusammenhänge. Ganz deutlich wird im dritten Satz gezeigt, wie Schostakowitschs musikalisches Kürzel d-es-c-h sich in das betriebsame Kopfmotiv des Cellokonzerts verwandelt, das also dessen Verballhornung darstellt der eifrige Präsident des Komponistenverbandes, der für alle da ist, die Maske, hinter der der wahre D.SCH. verschwunden ist.
Im zweiten Satz taucht auf einmal mit Wucht das jüdische Thema aus dem 2. Klaviertrio auf. Es ist wie ein Ausbruch des Schmerzes. Schostakowitsch schätzte die jüdische Musik, weil ihm einfach ihre Melodien gefielen und weil sie ein Lachen durch Tränen ausdrücken konnte. Er beschreibt sich damit selbst als der Clown, der die anderen mit seiner Musik unterhält, während ihm selbst ganz anders zumute ist. Wer die Zeit im Stalinismus ähnlich empfunden hat, verstand diese Haltung. Für die Kulturbürokraten war sie glücklicherweise nicht durchschaubar, obwohl sie natürlich genau spürten, dass in dieser Musik etwas nicht stimmte, doch das ließ sich nur einfach nicht greifen.
MUSIK 6: Kammersinfonie op. 110a (8. Streichquartett, bearbeitet von Rudolf Barschai), 2. Satz (Mito Chamber Orchestra Tokio, Rudolf Barschai)
Track 6 3’32
LC 09421 Brilliant 8212
Das war der zweite Satz der Kammersymphonie von Dimitri Schostakowitsch nach dessen Achtem Streichquartett. Instrumentiert wurde es von Rudolf Barschai, der bei dieser Aufnahme auch Dirigent des Mito Chamber Orchestra Tokio war. Bis heute legt Barschai immer wieder Instrumentierungen von Kammermusikwerken vor. Seine berühmtesten Bearbeitungen sind sicherlich „Die Kunst der Fuge“ von Bach und die von Mahlers Zehnter Symphonie. Aber auch eine Bearbeitungs-Reihe weiterer Streichquartette von Schostakowitsch hat er vorgelegt, so das Dritte Streichquartett, bei dem er hier am Pult des Orchestra Sinfonica di Milano Giuseppe Verdi stand.
MUSIK 7: Kammersinfonie op. 83a (3. Streichquartett, bearbeitet von Rudolf Barschai), 2. Satz (Orchestra Sinfonica di Milano Giuseppe Verdi, Rudolf Barschai, Brillant Classics)
Track 7 7’04
LC 09421 Brilliant 8212
Der dritte Satz des Dritten Streichquartetts hat einen faszinierenden Schluss. Es ist ein Beispiel dafür, wie Schostakowitsch nicht ohne Einfluss von Mahler eine Episode komponierte, in der zwei Tonarten zusammenstoßen. In diesem Fall c-moll und e-moll, und diese Dissonanz zwischen dem es in c-moll und e in e-moll bringt eine Atmosphäre hervor. Mahler hat solch eine Stelle in der Zehnten Symphonie, wenn im Es-Dur in der Oberstimme ein ges kommt. Eine ähnliche Stelle gibt es am Ende des ersten Satzes der Zehnten Symphonie. Das ist schon ein Einfluss des Zwölftonsystems, wie man ihn bei Schostakowitsch ab und zu antreffen kann. Seine Haltung zur Zwölftonmusik war sehr interessant. Ich kann nicht sagen, dass er sich sehr damit beschäftigt hat. Aber ich hörte ihn einmal sagen: „Viele ernsthafte Leute beschäftigen sich mit dieser Richtung. Das müssen wir akzeptieren.“
Für sich selber hielt der Komponist jedoch an der monumentalen Sprache fest, die die Zuhörer nicht nur in den sowjetischen Konzertsälen erreichte. Schostakowitsch-Uraufführungen waren für Musikfreunde magische Ereignisse, und seine Symphonien waren die letzten, die in aller Welt ein Echo fanden. Die beiden Kriegssymphonien Nr. 7 und 8 haben den gleichen epischen Atem wie die Romane Boris Pasternaks und die selbe poetische Gegenwärtigkeit wie die Gedichte Anna Achmatowas.
Wir hören jetzt den 3. Satz und den Anfang des 4. Satzes der Achten Symphonie.
MUSIK 8: 8. Sinfonie, 3. Satz und Beginn 4. Satz (RSO Köln, Rudolf Barschai, Brillant Classics)
Track 3 + 4 (Anfang) bis 2’00 8’30
LC 09421 Brilliant 6275-5
Wenn ich die Achte Symphonie dirigiere und zum Schluss komme, wenn die Tempi richtig waren, wenn alles durchgearbeitet war und geklungen hat, dann hatte ich beim letzten Akkord das Gefühl, das ganze Leben sei an meinen Augen vorbeigelaufen. Und wenn ich die Musik von Schostakowitsch dirigiere, sehe ich ihn fast realistisch, sein Gesicht, seine Augen, höre seine Stimme. Ich habe gesehen, wie er komponiert und schreibt. Ich verbrachte einen Sommer mit meiner Familie auf seiner Datscha. Oft war er sehr früh im Wald. Wir haben gewartet und dann endlich gefrühstückt. Plötzlich sagte Maxim: „Da!“ Er lief schnell aus dem Wald heraus, und Maxim sagte: „Er hat komponiert.“ Er geht nicht zum Balkon, zum Kaffee, sondern direkt in sein Arbeitszimmer, nimmt Papier, Tinte und schreibt. Die ganze Partitur. Ich sehe das. Und wie er Klavier gespielt hat! Ich habe das gehört und kann es nie vergessen. Ich habe fast alle Beethoven-Sonaten von ihm gehört. Wenn er Klavier spielte, spielte er immer Beethoven, entweder Sonaten oder Quartette. Wie er spielte, wunderbar! Mit so großer Bedeutung, perfekt, mit phantastischem Klang er war ein großer Pianist. Wenn wir mit ihm sein Quintett spielten, was das der höchste Genuss für einen Ensemblespieler, denn sein Rhythmus war unvergleichlich, so stark, mit fast elektrisierendem Ton.
Als Bratscher war Rudolf Barschai häufiger Kammermusikpartner Schostakowitschs, als Dirigent seines Moskauer Kammerorchesters hatte er wegen der Verschlechterung des Gesundheitszustands des klavierspielenden Komponisten immer seltener Gelegenheit, mit ihm zu musizieren. Doch im Jahr 1969 schrieb Schostakowitsch seine Vierzehnte Symphonie für das Barschai-Orchester. Es ist ein elfteiliger Liederzyklus, der nur ein Thema kennt, das er unbarmherzig einkreist: den Tod. Ein Tabuthema im Sozialismus, in dem alle Menschen immerzu glücklich zu sein und auf eine bessere Zukunft zu hoffen hatten. Daraus hören wir jetzt den zweiten Satz „Malagueña“, gesungen von Alla Simoni.
MUSIK 9: 14. Sinfonie, 2. Satz Malagueña (Alla Simoni, Sopran, RSO Köln, Rudolf Barschai, Brillant Classics)
Track 2 2’50
LC 09421 Brilliant 6275-10
Er hat mich angerufen. Aber wie: Ich hatte noch kein Telefon. Immer wenn er mit mir sprechen wollte, schickte er ein Telegramm. „Bitte rufen Sie mich so schnell an wie möglich. Schostakowitsch.“ Ich ging zur Telefonzelle. „Ich möchte Sie etwas fragen. Bitte sagen Sie mir genau die Besetzung Ihres Orchesters. Wie viele Geiger gibt es?“ „Insgesamt beide zwölf, vier Bratschen, drei Celli, ein Kontrabass.“ „Das heißt, zehn Geigen divisi geht? Können Ihre Musiker divisi solistisch spielen?“ „Ja, ohne weiteres.“ „Gut, kann man zwei Kontrabässe haben, können Sie noch einen engagieren?“ „Ja, ich kenne einen, er heißt Grischa Valevski, ich würde ihn gerne einladen.“ „Gut. Und sind drei Schlagzeuger möglich?“ „Ja. Holzbläser brauchen Sie nicht?“ „Nein, nur Streicher und Schlagzeug.“ „Unsere Bläser werden Schlagzeug spielen, ich bringe es ihnen bei.“ „Gut, wenn ich so weit bin, werde ich Sie in ein paar Tagen noch einmal anrufen, wenn Sie erlauben.“ Nach einer Woche oder etwas mehr schickte er wieder ein Telegramm, ich solle ihn anrufen. „Was machen Sie heute Nachmittag?“ „Egal, was ich mache, für Sie bin ich frei.“ „Sie sind motorisiert?“ „Bin ich.“ „Können Sie um vier Uhr zu mir kommen?“ Ich fuhr hin. „Ich möchte Ihnen meine neue Symphonie vorspielen, wenn Sie erlauben.“ „Natürlich, ich werde nur glücklich sein!“ Er spielte sie mir vor. Es war die Vierzehnte. Die Partitur war schon fertig. Ich war sehr fasziniert. Und das heißt noch gar nichts. Ich war begeistert! Das sagte ich ihm auch. „Wenn sie ihnen gefällt, würden Sie sie dann uraufführen?“ Erstens musste ich dankbar sein, zweitens war ich glücklich, mit ihm zu arbeiten. Aber ich brauchte so bald wie möglich Stimmen. „Ja, ja, schon morgen gebe ich die Partitur zum MusFond, dort gibt es eine Bibliothek, die werden das machen.“ Wieder eine Woche vergeht, und wieder kommt ein Telegramm: „Sie sind fertig! Wohin sollen sie geliefert werden?“ „In die Moskauer Philharmonie.“ Als ich sei kontrolliert hatte, bat er mich, ein wenig zu warten. Danach schickte er mir eine Fehlerliste, darunter stand: „Mehr Fehler habe ich nicht gefunden.“ Ich rief ihn an, dass ich anfangen wolle. „Ja, ja, wann geht es los, ich möchte schon bei der ersten Probe dabei sein.“ Und er kam, war erstaunlicherweise bei jeder Probe dabei, hat keine einzige verpasst. Manchmal passierte etwas Erstaunliches. Er war sehr natürlich in enthusiastisch bis zu Naivität, sehr spontan. Einmal probten wir die Malagueña, den zweiten Satz, eine sehr bravouröse Musik, ein in Charakter und Rhythmus energischer spanischer Tanz. Dort machte er eine sehr interessante Instrumentierung. Am Anfang spielen sie unisono über zwei Oktaven. Erste und Zweite Geige unisono sehr hoch und unten Celli und Kontrabässe, das klingt teuflisch, so wie ein Messer. Wir proben, und plötzlich fühle ich einen Schlag auf der Schulter. Ich drehe mich um und sehe Schostakowitsch, der mich umarmt. „Um Gottes willen! Ich habe nicht vermutet, dass das so fantastisch klingt! Bitte weiter.“ Er war immer so spontan und begeistert. Auch bei der Probe mit den Sängern war er dabei. Er sagte: „Sie arbeiten gut mit den Sängern, sie provozieren Sie zum Guten. Weiter so!“ Er hat viel geholfen, das war unschätzbar.
Die erste Sängerin, die die ganze Vorbereitung sang, war Margarita Miroschnikowa. Wischnewskaja kam erst später, weil sie im Bolschoi stark beschäftigt war. Irgendwo schrieb sie, es habe sechzig Proben gegeben. Wie will sie das wissen? Sie hat nie geprobt! Sie kam erst ganz zum Schluss für ein, zwei Proben...
Schostakowitsch war immer dabei. Zum Schluss hat er seine Schüler eingeladen. Die waren so begeistert! Ich glaube Weinberg sagte, „Das ist so unwahrscheinlich komponiert, ich weiß nicht, womit man das vergleichen kann.“ Und Wassner sagte: „Nur das Lied von der Erde.“ Ich wäre einverstanden.
MUSIK 10: 14. Sinfonie, 11. Satz (Alla Simoni, Sopran, Vladimir Vaneev, Bass, RSO Köln, Rudolf Barschai, Brillant Classics)
Track 11 1’04
LC 09421 Brilliant 6275-10
Mit dem 11. Satz aus Schostakowitschs 14. Sinfonie ging Thema Musik zuende. Die Solisten waren Alla Simoni, Sopran, und Vladimir Vaneev, Baß. Rudolf Barschai hat auch hier das Rundfunk-Sinfonieorchester Köln dirigiert, wie bei fast allen Sinfonie-Aufnahmen in dieser Sendung. Barschai war heute auch zu Gast in Zur Person: Dimitri Schostakowitsch zum 100. Geburtstag. Und der Autor dieser Sendung war Bernd Feuchnter.
In diesen Tagen erscheinen übrigens auch Bernd Feuchtners Aufzeichnungen der Barschai-Memoiren bei Brillant-Classics, ebenso wie eine entsprechende Interview DVD und ein Hörbuch. Anlaß dieser Edition ist Schostakowitschs 100. Geburtstag.
Sollten Sie an einem Mitschnitt dieser Sendung interessiert sein, dann rufen Sie einfach an beim SWR-Mitschnittdienst unter 07221/929-60 30.
Füller:
M0026068 W03, Schostakowitsch, G-dur-Fuge op. 87 Nr. 3, Vladimir Ashkenazy
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