Musik des Russischen Futurismus: Künste und Künstler in der frühen Sowjetunion (HR 1992)
hr2, Opernbühne, 5. April 1992, Anschluss-Sendung
Künste und Künstler in der frühen Sowjetunion
Manuskript: Bernd Feuchtner
In der Frankfurter Kunsthalle "Schirn" zieht zur Zeit eine Ausstellung große Besuchermassen an: Sie heißt "Die große Utopie" und zeigt Kunstwerke aus der Frühzeit der Sowjetunion. Hier scheint es, als sei die ganze Moderne ein Produkt der Aufbruchszeit nach der Oktoberrevolution. Einflüsse auf Italien und Paris wurden genial verarbeitet zu einer Kunst, die absolut neu sein wollte und das auch war. Plötzlich ist die Abstraktion da, Malewitsch malt schwarze Quadrate, Kandinskys russische Städtebilder verlieren die Gegenständlichkeit, El Lissitzkis kühne Konstruktionen stoßen in den Raum vor.
Viele Ausstellungsstücke sind überhaupt zum ersten Mal im Westen zu sehen. Das heißt, auch in der Sowjetunion hat sie kaum jemand gesehen, weil die Moderne in den Dreißiger Jahren in Ungnade gefallen und in die Depots der Museen gesteckt worden war. Einiges hatte in Privatsammlungen überlebt, etliche legendäre Raumobjekte wurden in jüngster Zeit rekonstruiert. Manche Skulptur sieht aus, als sei sie das Vorbild für die neuesten Design-Produkte unserer Zeit gewesen.
Die Kunst der frühen Jahre der Sowjetunion ist aktueller denn je. Russische Kunst war dies nur bedingt, denn ihre Produktion spielte sich nicht nur in den beiden Hauptstädten Russlands, sondern auch in den Zentren der anderen Teile des alten Reiches ab, die nun eigenständige Sowjetrepubliken wurden, und an der Produktion waren auch nichtrussische Künstler beteiligt. Zu dieser Kunst gehört auch das Pathos der Revolution und des sozialistischen Aufbaus.
Es gibt eine Musik, die als Ausdruck dieses Aufbaugeistes berühmt geworden ist, und dann als Beispiel präsentiert wird, wenn es um "typische" Musik jener Jahre geht: Mossolows "Eisengießerei". Um dieses kurze Fragment aus dem Ballett "Sawod" kommen wir folglich auch hier nicht herum.
Musik: A. Mossolow, Die Eisengießerei
RSO Frankfurt, Aldo Ceccato
3-238 976 3'20
Das Radiosinfonieorchester Frankfurt unter der Leitung von Aldo Ceccato spielte "Die Eisengießerei" von Alexander Mossolow aus dem Jahr 1928. Ein typisches Stück "futuristischer Musik". Doch was bleibt bei näherem Hinsehen davon übrig? Es ist mechanische Musik, harmonisch und rhythmisch nicht besonders kühn, und für das Entstehungsjahr auch in keiner Weise avantgardistisch. Da hatten Eric Satie mit seiner "Parade" und Arthur Honegger mit seinem Lokomotivenstück "Pacific 231" schon früher Besseres geliefert.
Was haben die russischen Futuristen sonst an Musik hinterlassen? Der Begriff kommt aus Italien, wo sich einige Künstler von der Technik die Befreiung aus den alten gesellschaftlichen Strukturen erhofften. Italien hatte ja erst im 19. Jahrhundert zur nationalen Einheit gefunden und die industrielle Entwicklung Mitteleuropas verpasst. In den zehner Jahren unseres Jahrhunderts begannen die künstlerischen Revolutionen, und in Italien konzentrierte sich diese Bewegung auf die Vergötterung von Bewegung, Dynamik und Technik. Im ebenfalls unterentwickelten Russland traf das einen verwandten Nerv. Und als die Bolschewiki nach der Revolution den industriellen Aufbau zu ihrem Programm machten, bekam diese künstlerische Bewegung ihr politisches Fundament. Es soll dabei gar nicht verschwiegen werden, dass die italienischen Futuristen das ihre beim Faschismus fanden.
Ein Phänomen ist jedoch, dass der Futurismus in der Musik wenig Spuren hinterlassen hat. Oder kennen wir sie nur nicht, weil Stalin sie ausgelöscht hat? Es hat in den letzten zwanzig Jahren einige Ausgrabungen gegeben, und neben dem Namen Mossolow haben wir von Nikolas Obuchow gehört, von Arthur Lourié, Sergej Protopopow, Emil Burian und etlichen anderen mehr. Hören wir beispielsweise zwei der Vier Lieder, die Nikolas Obuchow auf Gedichte von Konstantin Balmont schrieb.
Musik: aus: N. Obuchow: Vier Lieder
Nr. 1 "Je t'attendrai" 3'30
Nr. 2 "L'agneau est notre remords" 2'05
Jane Manning, Sopran
Jean-Claude Pennetrier, Klavier
WDR
Wir hörten die Sopranistin Jane Manning und den Pianisten Jean-Claude Pennetrier. "Je t'attendrai" und "L'agneau est notre remords" hießen diese beiden Lieder, die der futuristische Komponist Nikolas Obuchow auf Texte von Konstantin Balmont schrieb. Diese Musik ist gewiss interessant und eigenständig. Sie entstand in den Jahren des ersten Weltkrieges und war daher noch ganz unabhängig von der späteren politischen Einordnung der Futuristen. Sie lässt auch erkennen, dass diese Modernität eher ein Nachklang westeuropäischer Entwicklungen war, aber nicht die große, utopische Kraft der Bilder jener Zeit hatte.
Der Komponist Arthur Lourié gehört zu den Künstlern, die in den ersten Jahren der Sowjetmacht in staatliche Einrichtungen geholt wurden. Alle bedeutenden Künstler wie Kandinsky, Chagall, Malewitsch, Rodtschenko waren in solchen Instituten tätig, die eine neue Ästhetik für eine neue Gesellschaft entwickeln wollten, bis diese Utopie an der Realität der brutalen Industrialisierung nach Stalins Muster zerschellte. Die Musiker bauten Bildungseinrichtungen auf, sorgten für die Lebens- und Arbeitsmöglichkeiten der Komponisten und Interpreten und stellten Repertoirepläne auf, welche Musik fortschrittlich sei, und welche nicht mehr aufgeführt werden dürfe. Hier ein kleines Beispiel aus dem Schaffen Arthur Louriés, der nach wenigen Jahren nach Paris emigrierte. Sein Klavierzyklus "Piano gosse" entstand im Jahr 1917, wir hören das Stück "Diablotin".
Musik: aus: A. Lourié:
Piano gosse (1917)
Nr. 4 Diablotin
Jorge Zulueta, Klavier
WDR 1'02
Jorge Zulueta spielte das Stück "Diablotin" aus dem Klavierzyklus "Piano gosse" von Arthur Lourié. Auch bei diesem institutionalisierten Avantgardisten werden wir nicht fündig, wenn wir eine Musik suchen, die den starken Entwürfen der bildenden Kunst entsprechen. Die Tonsprache der meisten Komponisten greift auf alte Modelle zurück. Man muss da von Glück reden, wenn das Vorbild Skrjabin heißt, und nicht Tschaikowsky oder Rimski-Korsakow. Ein charakteristisches Produkt sowjetischer Sinfonik stammt von Nikolai Mjaskowski. Mjaskowski gehört zu den talentiertesten Komponisten der ersten Jahrhunderthälfte. Seine Hauptform ist die Sinfonie, eine scheinbar ausgestorbene Form, die er aber nach Dutzenden komponiert. Unser Beispiel ist die Sinfonie Nr. 7 in h-moll opus 24 aus den Jahren 1921/22. Wir hören die Schlusspassagen des einsätzigen Werkes.
Musik: N. Mjaskowski: 7. Sinfonie
Rundfunkorchester Hannover des NDR
Willy Steiner
DRA 69.5258
ab 15'56 7'39
Das Rundfunkorchester Hannover des NDR unter der Leitung von Willy Steiner spielte den Schluss der 7. Sinfonie von Nikolai Mjaskowsky aus den Jahren 1921/22. Noch immer sind wir auf der Suche nach einer Musik, die der utopischen Kraft der frühen sowjetischen Kunst entspräche. Auch bei dem sinfonischen Ton Mjaskowskis, der bald die Konzertsäle erobern sollte, haben wir sie nicht gefunden. Sogar den Skrjabinton wird diese Musik noch verlieren, da Skrjabin als extremer Reaktionär eingestuft wurde.
Herrschten auf dem Gebiet der Musik vielleicht besonders ungünstige Bedingungen? Kurze Zeit vorher war eine Reihe bedeutender Komponisten gestorben: Rimski-Korsakow, Balakirew, Cui, Ljadow, Tanejew, Skrjabin. Andere emigrierten im Krieg oder nach der Revolution: Strawinsky, Rachmaninow, Prokofjew, Kussewitzky, Tscherepnin, Ljapunow, Medtner. Die bekanntesten der im Lande verbliebenen Komponisten waren Alexander Glasunow und Michail Ippolitow-Iwanow. Igor Strawinsky hatte 1912 mit seinem "Sacre du printemps" einen ähnlichen Coup gelandet wie die abstrakten Maler und damit nicht nur der russischen Musik eine neue Richtung gewiesen. Auch Prokofjew wollte in der Emigration - den Kontakt zur Heimat ließ er nie ganz abreißen und 1934 kehrte er wieder zurück - auch absolut modern sein. Das Fortschrittspathos hatte ihn durchaus ergriffen, und seine Zweite Sinfonie, die er 1924 schrieb, könnte genauso ein Ausdruck des russischen Futurismus sein.
Musik: S. Prokofjew: 2.Sinfonie
entweder 1. Satz ganz (in meiner Aufnahme 11'45)
oder bis nach dem Posaunenthema, bei 4'40, vor dem
bizarren Kontrabassthema
"Sinfonie aus Stahl und Eisen" nannte Sergej Prokofjew seine Zweite Sinfonie, die er 1924 in Paris komponierte. Entstanden ist diese Musik freilich in der Emigration, nicht unter den Bedingungen der ersten Jahre der Sowjetherrschaft, als die Künstler an der "Großen Utopie" arbeiteten. Oft lag die Quelle der Begeisterung im fernen Amerika mit seinen Wolkenkratzern, dem wahren Utopia des 20. Jahrhunderts. Nicht nur der Revolutionsdichter Majakowski himmelte es an, auch die Musiker schrieben Stücke im amerikanischen Stil, die vom Jazz beeinflusst waren, oder dem, was man in Europa sich darunter vorstellte.
Bei unserer Suche nach der Musik, die der wahre Ausdruck der Großen Utopie war, stoßen wir auf das Theater. Dort trafen alle Künste zusammen. Der Dichter lieferte das Stück, das Bühnenbild und die Kostüme gaben ihm den optischen Rahmen, Plakate gaben der Aufführung eine Tendenz vor und die Musik begleitete das Ganze ja ebenfalls. Der einflussreichste Regisseur dieser Jahre war Wsewolod Meyerhold. Er strebte ganz neue Darstellungsformen an, für die er seine Schauspieler mit selbst entwickelten Methoden trainierte. Eine neue Zeit brauchte auch neue Bewegungen.
Als Meyerhold Majakowskis "Wanze" aufführte, holte er sich für die Dekoration den führenden Konstruktivisten Alexander Rodtschenko ans Theater. Es fehlte die Musik. Meyerhold fand einen jungen Komponisten, der mit avantgardistischer Musik das Stummfilmpublikum frappiert hatte: Dimitri Schostakowitsch. Er holte ihn zu sich und übertrug ihm nach kurzer Erprobung den Auftrag, die Bühnenmusik zur "Wanze" zu schreiben. Majakowski hatte nur etwas angedeutet, dass er sich die Musik im plakativen Stil einer Feuerwehrkapelle vorstelle. Ganz so klang es dann zwar nicht, aber Meyerhold, Rodtschenko und Majakowski waren von Schostakowitschs Partitur begeistert. Sie sahen darin das musikalische Pendant zu ihrem Theaterstil.
Schostakowitsch experimentierte damals ohne dogmatische Scheu. Jedes Mittel schien ihm recht, um den erwünschten Effekt zu erzielen. Diese frühe Musik ist durch den Müll der Stalinjahre fast vollständig verschüttet worden. Wäre das Jahr 1936 mit dem vernichtenden Prawda-Artikel über Schostakowitschs zweite Oper nicht gewesen, wir hätten einen ganz anderen Schostakowitsch gehabt. In seiner Musik drückte sich der große Aufbruch jener frühen Jahre am besten und künstlerisch auch am avanciertesten aus. Wie die pathetischen Skulpturen Tatlins griff er zum Massenchor, wie Rodtschenkos monochrome Bilder in Schwarz schuf er Klangflächen, aus denen Bewegung erst entsteht.
Die Zweite Sinfonie Schostakowitschs aus dem Jahr 1927 entstand zum zehnten Jahrestag der Oktoberrevolution. Der Komponist versuchte ein Stück zu schreiben, das in Form und Inhalt dem Anlass entspricht. Hören wir deshalb zum Abschluss diese Sinfonie, die in der Nachbarschaft der "Nase" entstand und wohl den extremsten Punkt im Schaffen des jungen Komponisten markiert. Es spielt die Leningrader Staatliche Philharmonie, es singt der Studentenchor des Nadeschda-Krupskaja-Kulturinstituts, der Dirigent ist Igor Blaschkow.
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