Ist der Mensch geboren für solch ein Leben?
Bühnenszenen von Dimitri Schostakowitsch

hr2, Samstag, 12. Dezember 1987
22.25 - 23.55 Uhr
Dauer: 90'
(Musik: 70', Kommentar: 20')


Ansage: "Ist der Mensch geboren für solch ein Leben?" - so heißt die nun folgende Sendung, in der Ihnen Bernd Feuchtner Szenen aus Bühnenwerken von Dimitri Schostakowitsch vorstellt. Zu Beginn hören Sie das 2. Bild und das ihm folgende Zwischenspiel aus der Oper "Die Nase". Den Iwan Jakowlewitsch singt V. Belych, den Wachtmeister B. Tarkow; es spielt das Orchester der Moskauer Kammeroper, geleitet von Gennadi Roshdestwenski.


Musik: "Die Nase", 1.Akt, Nr.3+4 (Dauer: 6')


Wenn Ihnen diese Musik ein wenig aufgeregt erschien, meine lieben Zuhörer, dann wundern Sie sich ruhig - es kommt schließlich nicht alle Tage vor, dass einer in seinem Frühstücksbrot eine fremde Nase findet. Und wenn ihn dann die gestrenge Hausfrau in den schrillsten Tönen vor die Tür scheucht, mag er wohl voll Panik durch die Stadt laufen, um sie irgendwo wieder loszuwerden - die Nase. Und zu dieser aberwitzigen Geschichte hat Schostakowitsch eben eine aberwitzige Musik geschrieben.

Wer sich übrigens dem verzweifelten Versuch des Nasenfinders, besagtes Körperteil wegzuwerfen, so großmächtig entgegengestellt hat - zum Klang einer Balalaika-Band - das war der Herr Wachtmeister. Die Polizei hat Schostakowitsch besonders geliebt: allerdings nur als Objekt seiner musikalischen Satirekunst. Auch in seine zweiten Oper "Lady Macbeth", von der wir später noch hören werden, hat er eine Karikatur der Polizei eingefügt, die in der literarischen Vorlage nirgends zu finden ist. Die Staatsmacht hat es ihm dann auch heimgezahlt.

Dass der Wachtmeister von Balalaika-Klängen begleitet wird, hat seinen Sinn: Es ist der musikalische Ausdruck dafür, dass hier eine ganz spezifisch russische Form des Autoritätswahns gemeint ist. Schostakowitsch liebt die musikalische Karikatur - und die Meisterschaft, die er in dieser Fähigkeit entwickelte, kam ihm später zu Stalins Zeiten als Tarnung zugute.

In der "Nase" findet außerdem noch ein ganz großartiger Polizeieinsatz statt. Die Nase des Majors Kowaljow besitzt nämlich die Frechheit, in der Uniform eines Staatsrates durch die Stadt zu spazieren. Um den Übeltäter zu fangen, will der Wachtmeister am Stadtrand von einem Trupp Polizisten einen Hinterhalt legen lassen. Als er seine Befehle erteilt, fangen seine Beamten an herumzumaulen. Er staucht sie zusammen und verteilt sie auf verschiedene Büsche. Dort beginnt einer mit einem sentimentalen Lied, in das die andern der Reihe nach einfallen. Wie schon zuvor hören Sie das Ensemble der Moskauer Kammeroper unter Leitung von Gennadi Roshdestwenski.
Dauer: 2'


Beispiel: "Die Nase", 3. Akt, Nr.11 bis Z.309 Dauer: 5'15


Das also war die Polizisten-Szene aus Schostakowitschs "Nase".
In der Szene, die Sie als nächstes hören werden, ist der Major Kowaljow zwar wieder im Besitz seiner Nase, doch - o Schreck! - als er sie ins Gesicht setzt, will sie nicht halten. Er lässt den Arzt kommen. Sie werden die beiden mühelos voneinander unterscheiden können, denn Kowaljow ist völlig hysterisch, während den Arzt der Fall bloß rein medizinisch interessiert; entsprechend träge leiert er seine klugen Sprüche vor sich hin: Da weiß er nämlich auch nicht weiter und rät dem Unglücklichen, "auf die Heilungskraft der Natur zu vertrauen". Den Arzt singt A. Sarkisow, den Kowaljow E. Akimow, begleitet werden sie vom Orchester der Moskauer Kammeroper unter der Leitung von Gennadi Roshdestwenski. Achten Sie vielleicht darauf, dass der Beginn der Szene von einer dreistimmige Fuge begleitet wird. Dauer: 50"


Beispiel: "Die Nase", 3. Akt, Nr.12, Ziffer 402-424 (5')


Das Schicksal des Majors Kowaljow, den Sie gerade so herzzerreißend klagen hörten, hat sich in der Stadt herumgesprochen. Überall will man die Nase gesehen haben - während wir wissen, dass sie so friedlich wie nutzlos bei Kowaljow auf dem Nachttisch liegt. Die folgende Szene zeigt die Entwicklung einer Massenhysterie. Die Menge rennt auf wilde Gerüchte hin erst zum Kaufhaus Junker, dann zum Sommergarten. Auf dem Höhepunkt erscheint ein orientalischer Potentat, der gerade in Petersburg weilt. Auch er sieht natürlich nichts, redet aber - denn er hat eine Sprechrolle - redet also von einem "Phänomen". Zum Schluss kommt die Feuerwehr und spritzt die Menge auseinander. Dauer: 1'


Beispiel: "Die Nase", 3. Akt, Nr.13 "Intermezzo" (ca. 5'30)


Das war das "Intermezzo" aus dem 3. Akt der Oper "Die Nase". Wieder hörten Sie das Ensemble der Moskauer Kammeroper unter der Leitung von Gennadi Roshdestwenski. Schostakowitschs "Nase" ist ein rasantes Stück - in nur knapp eineinhalb Stunden ist es auch schon vorbei. Der 22jährige Komponist legte aber großen Wert darauf, dass er Gogols Erzählung nicht einfach nur für einen musikalischen Spaß verwendet hatte. Er wies darauf hin, dass Gogol die grotesken Vorgänge in ernstem Ton geschildert habe und gerade darin die Stärke und der Wert seines Humors liege. Also habe auch er mit seiner Musik nicht "witzeln" wollen. Nicht der unglückliche Major soll verspottet werden, sondern die albernen Verhaltensweisen, die die das menschliche Zusammenleben zur Tortur werden lassen und soziale Fortschritte unmöglich machen.

Als instrumentales Zwischenspiel inmitten so vieler russischer Opernszenen hören Sie jetzt das "Adagio" aus dem zwei Jahre nach der "Nase" entstandenen Ballett "Das Goldene Zeitalter". Dauer: 1'


Beispiel: "Das Goldene Zeitalter", Adagio Dauer: 10'


Sie hörten das Orchester des Bolschoi Theaters Moskau unter der Leitung von Maxim Schostakowitsch mit dem "Adagio" aus dem Ballett "Das Goldene Zeitalter", das Dimitri Schostakowitsch im Jahre 1930 fertig stellte. Im gleichen Jahr begann der nun 24jährige Komponist mit der Arbeit an seiner zweiten Oper "Lady Macbeth von Mzensk" nach der gleichnamigen Erzählung von Nikolai Leskow.

Den Namen der blutrünstigen Lady aus Schottland bekam Katerina Ismailowa deshalb, weil sie zuerst ihren Schwiegervater und dann ihren Mann ermordete. Hören Sie den Monolog der Katerina vom Beginn der Oper. Wenn Schostakowitsch seine musikalischen Initialen "d-es-c-h" mit diesem Monolog verknüpft, ist das nicht nur das Autorensiegel, sondern die Parteinahme für die spätere Mörderin. Er will zeigen, dass sie das eigentliche Opfer ist. Sie hören Galina Wischnewskaja, begleitet vom London Philharmonic Orchestra unter der Leitung von Mstislaw Rostropowitsch. Dauer: 1'


Beispiel: "Lady Macbeth", 1.Akt, Anfang. Dauer: 5'


Galina Wischnewskaja sang den Einleitungsmonolog der Katerina aus Schostakowitschs zweiter Oper "Lady Macbeth von Mzensk". Nur der Mörderin hat Schostakowitsch menschlichen Ausdruck in die musikalische Sprache gelegt - alle anderen reden durch Schablonen primitiver Unterhaltungsmusik. Seine Oper sollte Katerina verteidigen: als Opfer jener demütigenden Verhältnisse, denen eine kluge und temperamentvolle Frau im Kaufmannsmilieu der zaristischen Epoche ausgesetzt war. Und natürlich liebte der junge Komponist ebenso wie seine Zeitgenossen der sowjetischen Moderne das Grelle und Plakative. So fiel es ihm nicht schwer, auch den Zuschauer auf die Seite Katerinas zu ziehen. Szene um Szene zeigt die Gewalt, der die Frau ausgesetzt ist. Außerdem lässt Schostakowitsch an den entsprechenden Stellen ein aus vier Tönen bestehendes "Gewaltmotiv" erklingen. So auch im zweiten Bild, als die Arbeiter auf dem Hof eine Magd quälen, bis Katerina dazwischentritt und versucht, den Männern den Wert einer Frau klarzumachen. Doch Sergej versucht es bei ihr mit allen Mitteln der Verführungskunst, und Sie können hören, wie Katerina allmählich schwach wird. Dauer: 1'


Beispiel: "Lady Macbeth", 1.Akt, 2.Bild, Anfang
Dauer: 6'30


Das war wiederum Galina Wischnewskaja als Katerina, außerdem hörten Sie Nicolai Gedda als Sergej und Daru Waljaka als Magd Axinja, begleitet vom Ambrosian Opera Chorus und dem London Philharmonic Orchestra, der Dirigent war Mstislaw Rostropowitsch. Es war übrigens diese Schallplattenaufnahme, die die ursprüngliche Fassung der "Lady Macbeth" zum ersten Mal bekannt machte. Heute bietet die Schallplattenindustrie weder die "Nase" noch die "Lady" an.

Der Filou Sergej, der eben der Magd so übel mitgespielt hat, ist dann auch derjenige, auf den Katerina hereinfällt. Ihm zuliebe bringt sie zuerst den tyrannischen Schwiegervater um, dann ermorden beide Katerinas impotenten Mann. Doch ihre Verbrechen werden entdeckt, und zwar ausgerechnet, als die beiden endlich Hochzeit feiern.
Im vierten und letzten Akt der Oper sehen wir beide auf dem Marsch ins sibirische Straflager. Da Sergej nun von Katerina keine Reichtümer mehr zu erwarten hat, bändelt er mit einer anderen an. Die Zwangsarbeiterinnen lachen sie aus, Katerina stürzt in äußerste Verzweiflung. Als die Wachen den Zug zum Weitermarschieren antreiben, stößt sie die Rivalin in den Fluss und springt selbst hinterher. Dauer: 1'15


Beispiel: "Lady Macbeth", 4.Akt, Schluss Dauer: 13'


Sie hörten den Schluss der Oper "Lady Macbeth" von Dimitri Schostakowitsch. Galina Wischnewskaja sang die Katerina, Nicolai Gedda den Sergej und Birgit Finnilä die Sonjetka. Mstislaw Rostropowitsch dirigierte den Ambrosian Opera Chorus und das London Philharmonic Orchestra.

"Ist der Mensch geboren für ein solches Leben?" fragte ein alter Zwangsarbeiter am Schluss. Das Mitleid mit den Unglücklichen hat im russischen Volk mehr Tradition als die Lust am Bestrafen. Auch Schostakowitschs Musik hat Mitleid mit denen, denen Unheil widerfahren ist, und geißelt mit sarkastischer Schärfe die Dummheit und die Bosheit. Das ist der Grund, warum ihr gesellschaftliches Engagement nicht schematisch wirkt. Die Stalinisten allerdings vermissten bei ihm die Schwarzweiß-Zeichnung: das Volk sei gut, die Kaufmannsfrau muss das Luder sein. So kam es, dass an Schostakowitschs Oper das Exempel statuiert wurde, mit dem die gesamte avantgardistische Kunst in der Sowjetunion ausradiert wurde. Erst 1961 durfte sie in einer gemilderten Fassung wieder aufgeführt werden.

Und nun wieder ein instrumentales Intermezzo, Musik aus dem Ballett "Der helle Bach" aus dem Jahr 1934, dem ein zweiter Schlag der Prawda galt, nur eine Woche nach dem Verbot der "Lady Macbeth". Das Ballett war eigentlich eher eine Revue, die das glückliche Leben im Kolchos illustrieren sollte. Große Mühe hatte sich Schostakowitsch mit der Musik nicht gemacht, sie besitzt ebenso wenig Tiefgang wie das Libretto, sondern ist überaus gefällig. Hören Sie "Romance sentimentale", "Frühlingswalzer" und "Galopp", es spielt das Orchester des Bolschoi Theaters Moskau, dirigiert von Maxim Schostakowitsch, dem Sohn des Komponisten. Dauer: 2'


"Der helle Bach": Romance sentimentale, Frühlingswalzer und Galopp Dauer: 8'


Dies waren Romance sentimentale, Frühlingswalzer und Galopp aus der Ballettsuite Nr.2, die im Jahr 1950 aus der Musik zu dem Ballett "Der helle Bach" zusammengestellt wurde.

Nach dem Verbot der "Lady Macbeth" hat Schostakowitsch keine weitere Oper geschrieben. In seinem Nachlass fand sich jedoch ein Opernfragment aus dem Jahr 1942 - eine heitere Arbeit zwischen so gewichtigen Werken wie der 2. Klaviersonate op.62 und dem 2. Klaviertrio op.67. Schostakowitsch hatte sich vorgenommen, Gogols Komödie "Die Spieler" Wort für Wort zu vertonen. Aber als er merkte, dass das für einen Opernabend viel zu lang würde, brach er die Arbeit ab. Hören Sie jetzt das kurze instrumentale Vorspiel der "Spieler". Worum geht es? In einem Gasthof trifft ein professioneller Falschspieler ein. Womit er nicht gerechnet hat: es sind schon Kollegen da. Zunächst versuchen sie gegenseitig die Dienerschaft durch Bestechung für sich zu gewinnen. Hier also das Vorspiel. Gennadi Roshdestwenski dirigiert die Leningrader Philharmonie. Dauer: 1'


"Die Spieler", Vorspiel Dauer: 1'


Das war der Beginn von Schostakowitschs Opernfragment "Die Spieler", nach Nicolai Gogols gleichnamiger Komödie, die dieser mit dem Untertitel "Begebenheiten längst vergangener Tage" versehen hatte. Eine satirische Oper, die Bezüge auf die Gegenwart möglich gemacht hätte, konnte der Komponist nicht wagen. Der Witz von Gogols "Spielern" ist hintergründig. Auch die Musik ist eher verhalten. Es geht nicht um das plakative Herausstreichen von gesellschaftlichen Miaständen, sondern um subtile Charakterzeichnungen, die dem Komponisten dennoch genügend Raum für seine Spottlust bieten. Sein "Spieler"-Fragment hat denn auch eher Ähnlichkeit mit einem Zyklus von Zeichnungen, die man sich im Kabinett anschaut. Die Unvollständigkeit stört hier eigentlich gar nicht. Die Charaktere sind angelegt, und auf diesem Hintergrund kann man die weitere Handlung mit dem größten Genus bei Gogol weiterlesen.

Hören Sie jetzt den Beginn des ersten Kartenspiels zwischen den vier Falschspielern. Drei von ihnen kennen sich bereits, und binnen kürzester Zeit haben sie auch den Neuankömmling entlarvt: "Gleich und gleich erkennt sich doch!". Der ziert sich zwar noch ein wenig, lässt sich dann aber gern in ihren Kreis aufnehmen. Dauer: 1'30


"Die Spieler", 8.Auftritt, 2.Plattenseite Anfang
Dauer: 6'


Sie hörten die Verbrüderung der vier Falschspieler aus dem Opernfragment "Die Spieler" von Dimitri Schostakowitsch. Gennadi Roshdestwenski dirigierte die Leningrader Philharmonie, es sangen Boris Tarchow und Nikolai Kurpe, Tenor, Aschot Sarkissow, Bass, und Jaroslaw Radiwonik, Bariton. Das gleiche Ensemble werden Sie auch in der letzten Szene hören, den "Erzählungen des Uteschitelny". Nach der Verbindung geht die Fachsimpelei los. Man erzählt von grandiosen Ereignissen aus der Welt der Falschspielerei. Uteschitelny steuert einige Erlebnisse bei, die dem Neuankömmling den Einfallsreichtum seiner neuen Freunde zeigen sollen. Auch wenn Sie, meine Hörer, die Geschichten aus der Trickkiste leider nicht im Wortlaut werden nachvollziehen können, mit denen ich mich von Ihnen verabschiede, so wird die Musik Schostakowitschs Ihnen doch das Vergnügen vermitteln, mit dem die Spieler ihre kriminelle Energie auszuleben wissen. Dauer: 1'


"Die Spieler", Erzählungen des Uteschitelny, ab "Ich
weiß nicht, ob Sie ihn" bis "das Spiel war aus"
Dauer: 4'


Absage: Sie hörten eine der "Erzählungen des Uteschitelny" aus dem Opernfragment "Die Spieler" von Dimitri Schostakowitsch. Den Uteschitelny sang Jaroslaw Radiwonik, Bariton, er wurde begleitet von der Leningrader Philharmonie unter der Leitung von Gennadi Roshdestwenski.

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