Lachenmann in Sibirien Mit dem Ensemble Modern durch die Sowjetunion
Von Bernd Feuchtner
Hessischer Rundfunk, 2. Programm / 24. April 1990, 22.00 Uhr
Dauer der Sendung: 86'
Musik: 55'54
1. Helmut Lachenmann: Mouvement - Vor der Erstarrung 22'03
Ensemble Modern, Peter Eötvös
Harmonia mundi, LC 0761, HM 713 D
2. York Höller: Improvisation sur le nom de Pierre Boulez 3'38
Ensemble Modern, Lothar Zagrosek
Aufnahme Moskau 5.2.90
Band
3. Mauricio Kagel: Fürst Igor, Strawinsky 16'50
Boris Carmeli, Ensemble Modern, Mauricio Kagel
Band 104/3442/200
4. Heiner Goebbels: Befreiung13'23
Christoph Anders, Ensemble Modern, Lothar Zagrosek
Aufnahme Leningrad 7.2.90
Band
- Begrüßung in Barnaul (russisch) 1'30
(unter den folgenden Text ausblenden)
Sprecherin (deutsch):
Liebe Musikfreunde, heute dürfen wir uns auf ein ganz besonderes Konzert freuen, da es uns in eine ganz besondere Welt eintauchen lassen wird. Seit September vorigen Jahres wird bei uns nämlich das Festival der zeitgenössischen Musik der Bundesrepublik Deutschland veranstaltet. Obwohl wir auch schon bisher einen kulturellen Austausch - von Solisten und Musikern - hatten, und in Deutschland unsere Musik nicht unbekannt ist, haben wir doch eine derartige Präsentation der deutschen modernen Musik seit den 50er Jahren nicht erlebt. Erst in den Zeiten der Perestroika wurde es möglich, dass wir endlich Verständnis dafür haben, dass es in der Welt der Musik keine Grenzen geben darf. Die Sprache der Musik muss international sein, und auch für Forschungen auf dem Gebiet der Musik darf es keine Grenzen geben. Zur Zeit geben in unserem Lande mehrere musikalische Kollektive aus Deutschland Konzerte, so die Stuttgarter Oper, die Duisburger Sinfoniker...
... und so auch das Ensemble Modern aus Frankfurt, das hier in der Philharmonie von Barnaul gerade so herzlich begrüßt wird. Eine Musikwissenschaftlerin aus Minsk war eigens angereist, um das sibirische Publikum auf die ungewohnten Klänge vorzubereiten. Sie vergaß auch nicht, auf die Besonderheit hinzuweisen, dass das Ensemble Modern Selbstverwaltung praktiziert - im Lande des Kommunismus ist das, was Karl Marx die "unmittelbare Assoziation der freien Produzenten" nannte, seltsamerweise ja noch undenkbar. Die Dame aus Weißrussland wies die Zuhörer auf die Rolle des Ensemble Modern für die westdeutsche Musikszene hin, da es den Komponisten ermögliche, ihre Stücke im Klang zu hören.
- O-Ton 2 18" (ein- und ausblenden)
Mit einigen Sätzen gab sie Nachhilfe in der Nachkriegsgeschichte der westlichen Musik, hob die Darmstädter Trias - Boulez, Nono und Stockhausen - als die Väter der heutigen Moderne hervor. Früher habe man in der Sowjetunion solche Musik für unnötig erklärt, die Konservativen saßen an der Macht. Aber sind nicht auch Beethoven und Wagner in ihrer Zeit auf Widerstand gestoßen, war das so viel anders als bei Stockhausen?
- O-Ton 3 26" (ein- und ausblenden)
Mit Emphase versucht die Dame im Abendkleid das Publikum für musikalischen Glasnost zu gewinnen. Auch die Orchester der Sowjetunion spielen heute die moderne Musik von Schnittke, Gubaidulina oder Denissow. Und bei dem gegenwärtigen Festival bieten die sowjetischen Orchester - auch die Sinfonieorchester von Barnaul und Kemerowo oder die Philharmoniker von Nowosibirsk - zeitgenössische Musik aus der Bundesrepublik dar. Als erstes Stück nach der Einführung erklingt dann Wolfgang Rihms "Bild".
Diese Filmmusik zu Buñuels surrealistischem Streifen "Ein andalusischer Hund" schockiert das Publikum dann doch, das ganz im Gegensatz zu russischem Brauch vorwiegend in Sonntagskleidung in der Philharmonie erschienen ist. 100 Jahre alt ist das kleine Gebäude, es stammt also noch aus der Zarenzeit und liegt in der Altstadt mit ihren zweistöckigen Holzhäusern in der Nähe des Ob. Heute ist das Stadtzentrum weit nördlich gerückt, dort stehen stalinistische Prachtbauten - Fassaden sind alles - und die scheußlichen Wohnblocks aus vorgefertigten Betonblöcken, die den gesamten Ostblock verunstalten. 257 Jahre alt sei die Stadt, sagt man uns, aber zur Halbmillionenstadt wurde die Hauptstadt des Altai-Rayons erst in den letzten Jahrzehnten, als die Industrie ausgebaut wurde, die heute Himmel, Erde und Wasser verseucht.
Der Beifall ist höflich, auch Ligetis Klavierkonzert, mit Ueli Wiget als Solist, wird interessiert zur Kenntnis genommen. Zwar ist nach Barnaul bis heute kaum ein westlicher Tourist gekommen, aber auch in Sibirien gibt es moderne Komponisten, im Umkreis des Konservatoriums von Nowosibirsk vor allem, und ihre Musik hat man im Fernsehen oder im Radio schon gehört, die Musiker im Zuschauerraum haben solche Musik bereits selbst gespielt. Von einem mussten sich die Musiker des Ensemble Modern von Anfang an freimachen: dies war keine Reise in unberührtes Land. Erstens ist dies eine Industrielandschaft, wenn auch in einem unentwickelten Land, zweitens gibt es hier überall Institutionen europäischer Musikkultur: Opernhäuser, Philharmonien, Orchester. Es hapert bei den Instrumenten, die Schlagzeuger müssen sich ihre Glocken selber bauen, und Ersatzsaiten oder -Rohrblätter sind ein Problem in diesem Land, in dem alles ein Problem ist, was verteilt werden muss.
Nach der Pause dirigiert Lothar Zagrosek, der bei dieser Tournee zwei verschiedene Programme betreut, York Höllers charmante Improvisation, die der Komponist für Pierre Boulez zu dessen 60.Geburtstag geschrieben hat; darauf folgt Helmut Lachenmanns "Mouvement" mit dem Zusatztitel "Vor der Erstarrung". Dies ist wohl das extremste Stück. Auf dem zweiten Programm stehen zwar Stücke von Heiner Goebbels und Rolf Riehm, die dem Publikum einige verbale und elektronische Klangexzesse zumuten, doch Lachenmann bleibt ganz beim konventionellen Instrumentarium und erzeugt doch provozierend ungewöhnliche Geräusche.
Der herzliche Beifall, der in eine Standing ovation übergeht, täuscht ein wenig. Er hat auch politische Gründe. Das zeigt sich, als eine Frau auf die Bühne kommt und eine kleine Ansprache hält. Sie dankt den Musikern im Namen der Vereinigung der Sowjetdeutschen mit dem Namen "Wiedergeburt" - man sei glücklich, ein wenig mehr über die Kultur Deutschlands erfahren zu haben. Hier in Sibirien sind nämlich viele der Wolgadeutschen zerstreut angesiedelt worden, als Stalin deren Autonome Republik im Krieg auflöste. Sie geben deutschsprachige Zeitungen heraus und streben die Wiedererrichtung ihrer Autonomie an.
Als beim zweiten Konzert eine Programmänderung vorgenommen werden muss, entscheiden sich Lothar Zagrosek und das Ensemble deshalb dafür, im ersten Teil des Konzerts Lachenmanns Stück noch einmal aufzuführen. Man kann damit rechnen, dass ein Teil der Zuhörer wiederkommt, und will dem Stück eine Einführung voranstellen. Nicht ohne Grund hat das Ensemble Modern dieses Stück schon mehr als 35 Mal aufgeführt - es ist von seiner außerordentlichen Qualität überzeugt, die sich aber beim ersten Hören nicht leicht erschließt.
- O-Ton 4 6'08 (ausblenden)
Natürlich betreffen die Klangerfindungen Lachenmanns nur die Oberfläche von "Mouvement". Zagrosek zeigte sich beeindruckt von der philosophischen Idee des Stücks, das dynamisch in drei Hauptabschnitte unterteilt ist. Im dritten wird das Wiener Lied "O du lieber Augustin, alles ist hin" geklopft - man kann das nicht wahrnehmen, aber die Demonstration des Ensembles zeigte dem Publikum doch die Grundhaltung der Musik: eine Betriebsamkeit, die dann, wenn der "liebe Augustin" betrunken auf einem Haufen von Pesttoten einschläft, noch einmal in Panik aufschrickt und dabei groteskerweise Klänge in konventioneller Spielweise hervorbringt, bevor dann die endgültige Erstarrung eintritt. Wir hören das Stück in der Platteneinspielung des Ensemble Modern; der Dirigent war hier Peter Eötvös.
- Musik 1 (Lachenmann) 22'03
"Mouvement - Vor der Erstarrung" aus dem Jahr 1984 von Helmut Lachenmann. Fünf Mal wurde dieses Stück während der dreiwöchigen Tournee vom Ensemble Modern in der Sowjetunion aufgeführt: in Nowosibirsk und Barnaul, dann in Moskau und Wilna. Die Moskauer Aufführung war besonders gut, und das lag wohl auch am Saal. Der Tschaikowsky-Saal ist ein Traum von einem Saal, ein Traum in weiß und blau, oval, mit arenaartig ansteigenden Reihen. Hier zu spielen macht einfach Laune. Es ist das Quartier der Moskauer Philharmonie, die der große Kyrill Kondraschin erzogen hat, hier fanden in den 60er Jahren seine bedeutenden Mahler-Aufführungen statt. Der Saal ist getränkt mit russischer Musikgeschichte. Nur die Akustik soll nicht so gut sein wie im großen Saal des Konservatoriums, doch für unsere moderne Musik wirkt er dann geradezu ideal.
Der Publikumszulauf hält sich in Grenzen. Es sind nicht mehr Leute da als in den sibirischen Städten. Liegt es an der Übersättigung der Hauptstadt mit solchen Ereignissen? Am gleichen Abend spielt ein anderes westdeutsches Ensemble Stockhausen. Die Konzerte des Ensemble Modern sind schlecht plakatiert, es erfährt einfach niemand davon. Die staatliche Konzertagentur Goskonzert, die das Festival zusammen mit dem Deutschen Musikrat durchführt, hält das Monopol und ist entsprechend desinteressiert. Die begleitenden Dolmetscher und Organisatoren haben schon genug damit zu tun, die aktuellen Probleme zu beseitigen.
Einer der "Hits" der Tournee ist York Höllers "Improvisation sur le nom de Pierre Boulez" geworden. Ein leichtes, gewinnendes Stück, das bestens als Konzerteröffnung geeignet ist. Lothar Zagrosek hat in Paris Höllers Oper "Der Meister und Margarita" uraufgeführt, nach dem Roman von Bulgakow, der eben hier in Moskau spielt. Zagrosek schätzt die "Improvisation", weil sie die aus dem Namenszeichen gewonnenen Motive und Rhythmen brillant und spielerisch verarbeitet - eine schöne Geburtstagsgabe, unprätentiös, federnd und ganz in Tschaikowskys Sinn hübsch. Sie können jetzt den Mitschnitt dieser Aufführung im Moskauer Tschaikowsky-Saal vom 5. Februar 1990 hören.
- Musik 2 (Höller) 3'38
York Höllers Improvisation über den Namen Pierre Boulez, gespielt vom Ensemble Modern unter der Leitung von Lothar Zagrosek im Moskauer Tschaikowsky-Saal. Es war in diesen Tagen in Moskau unübersehbar etwas in Bewegung. Vor dem Roten Platz gab es eine große Kundgebung, die die Aufgabe des Führungsanspruchs der Kommunistischen Partei verlangte, und tatsächlich wurde vom Obersten Sowjet am nächsten Tag dieser Satz aus der Verfassung gestrichen. Aber es herrscht keine Aufbruchsstimmung. Die Menschen sind pessimistisch. Nicht einen haben wir getroffen, der positiv über Gorbatschow sprach. Das tägliche Leben, das in der Sowjetunion schon immer entwürdigend war mit seiner zermürbenden Suche nach dem Notwendigsten, mit seiner Ohnmacht vor Willkür und Privilegien, ist noch mühsamer geworden.
Von Gorbatschow kommen keine klaren Worte dagegen. Wie lange soll man noch Rücksicht nehmen auf die Gefahr eines Staatsstreichs der Nomenklatura? Gorbatschow sagt auch nichts gegen das Anwachsen der Rechten, gegen die antisemitische Bewegung und den großrussischen Nationalismus von Pamjat, die immer mehr Anhänger gewinnt und ganz offen von Miliz und Militär gedeckt wird - diese Leute waren die ersten, die sich auf dem Roten Platz versammeln durften, der sonst absolut tabu ist. Die Provokationen gegen Juden und sogenannte "Kosmopoliten" - das Wort "Weltbürger" hat in der Sowjetunion noch immer einen schlechten Klang - nehmen an Schärfe zu, sie werden als lebensbedrohlich empfunden. Die Kriminalität steigt, Jugendliche bilden Banden, die gesellschaftliche Moral zersetzt sich in atemberaubender Geschwindigkeit. Den Reden glaubt kein Mensch mehr, und Taten sieht man vor allem von der Mafia, den Rechten und den Kriminellen. Nicht Umbau, Auflösung prägt das Bild.
In Moskau traf Mauricio Kagel zum Ensemble Modern. Er dirigierte ein Programm mit eigenen Werken, von dem er später in Riga sagte, es könne der Eindruck entstehen, es stamme von drei verschiedenen Komponisten. Da war zunächst das Fantasiestück für Flöte und Klavier, bei dem - hinter einem Paravent versteckt - auch noch ein von Kagel dirigiertes Ensemble dazwischenfunkt. Außerdem "Variete", eine längere Suite über Klischee-Musik, der Kagel ein eigensinniges Nachleben verschafft.
Im Mittelpunkt des Kagel-Programms stand das Stück "Fürst Igor, Strawinsky", das musikalisch sowohl mit Borodins Oper "Fürst Igor", als auch mit Igor Strawinsky gar nichts zu tun hat. Es ist eine Huldigung an Strawinsky zum 10. Todestag. Kagel imponierte einerseits die religiöse Haltung des russischen Weltbürgers, der in seiner Heimat bis 1962 verfemt war, andererseits die ironische Distanz, mit der er auch für ihn bedeutsame Dinge zu behandeln wusste. Dem versucht er nachzueifern, indem er den Text der großen Arie des Fürsten Igor aus dem zweiten Akt von Borodins Oper nimmt und neu komponiert. Jeder russische Musikfreund kennt dieses pathetische Stück, das die Verzweiflung des Gefangenen schildert, der zudem noch die Schuld für das unnütz vergossene Blut auf sich lasten fühlt.
Zum großen Vergnügen der im Haus der Komponisten versammelten Kollegen setzt Kagel der vom Lautsprecher dezent verstärkten profunden Bassstimme von Boris Carmeli seinen eigenen Kommentar entgegen. Sichtbar ist ein kleines Ensemble mit Schlagzeuger, sehr rasch begreift man aber, dass hinter dem Paravent rechts noch ein zweiter Schlagzeuger am Werk ist, dessen Geräusche desto irritierender klingen. Zunächst schlägt er verschiedene Holzbretter an: das Klangsymbol für die verstreichende Zeit, abgeschaut der orthodoxen Kirche. Es werden Steine in einen Eimer geworfen, Glocken angeschlagen, die Säge zum Singen gebracht, mit Ketten gerasselt und dergleichen mehr. Zum erschütterndsten Ausbruch der Klage, einem ohnmächtigen Gelächter Carmelis, steuert das Ensemble einen so infernalisch schrill höhnenden Lärm bei, dass auch der dirigierende Komponist lachen muss.
Und dennoch - am Ende war doch nichts zum Lachen, formte sich eine große Szene gerade durch ironische Brechung. "Die Zwänge der slawischen Seele" wollte Kagel bloßlegen, und augenscheinlich ist ihm das gelungen, wie die Reaktion in Moskau zeigt, die ja wohl die Nagelprobe auf das Stück war, das zwar in aller Welt, aber noch nie zuvor in Russland gespielt worden war. Ein paar Tage vor der Abreise nach Sibirien war dieses Programm in der Frankfurter Alten Oper gespielt worden. Sie hören in dieser Aufnahme den Bassisten Boris Carmeli, das Ensemble Modern und Mauricio Kagel.
- Musik 3 (Kagel) 16'50
"Fürst Igor, Strawinsky" hieß dieses Stück von Mauricio Kagel, aufgenommen in Frankfurt mit dem Ensemble Modern unter der Leitung des Komponisten. Solist war Boris Carmeli, Bass. Das Kagel-Programm wurde in der SU vier Mal aufgeführt: in Moskau, im Haus der Komponisten, im Leningrader Konservatorium, im litauischen Kaunas und in der Philharmonie von Riga, der Hauptstadt Lettlands. Die Fahrt im Schlafwagen von Leningrad nach Wilna hatte Symbolcharakter: der Zug fuhr nicht mehr als 50, schlingerte und ratterte dabei aber so unglaublich, dass an Schlaf in den winzigen Viererabteilen kaum zu denken war - Lüftung gab es keine und auch die Leselampen waren abmontiert. Während also dieses Relikt der gewaltsamen und gefühlsmäßig nur halbwegs verkrafteten Industrialisierung des bäuerlichen Russland durch die Landschaft schlingerte, machte sich draußen Tauwetter breit. In Wilna herrschte Frühlingsluft. Vom Hotel blickte man über die Altstadt, die den Eindruck irgendeines Duodezstädtchens von vielleicht 50.000 Einwohnern macht, über den Horizont aber lugen die Hochhäuser der Trabantenstädte, die die litauische Hauptstadt auf ihre halbe Million bringen.
Auf der anderen Seite steht ein moderner Museumskubus, an dem die Aufschrift "Revolutionsmuseum" zu lesen ist. Das Museum welcher Revolution mag das sein? Der offizielle Stadtplan gibt die Auskunft: im Dezember 1918 proklamierte das Proletariat in Wilna die Sowjetmacht, der am folgenden Tag ganz Litauen zufiel. Damit endet die offizielle Geschichtsschreibung, als sei Litauen seitdem treues Mitglied der Sowjetunion gewesen. In Wahrheit erklärte Litauen im Jahr 1920 seine Unabhängigkeit, die es erst 1940 in Folge des Hitler-Stalin-Pakts wieder verlor, der das Land der Sowjetunion zuschob. Wilna gehörte nicht zu dieser Republik mit ihrer Hauptstadt Kaunas, es wurde von Polen besetzt. Ein Zentrum polnischen Geistes- und Wirtschaftslebens war die Universitätsstadt Wilna im 16. Jahrhundert, als Litauen und Polen für einige Jahrhunderte in Personalunion vereint waren. 1795 fiel Litauen dann an Russland, das die Universität wieder schloss. Als die Rote Armee die Hitlertruppen aus Litauen vertrieb, wurde der Zustand von 1940 wieder hergestellt, der das Wilna-Gebiet Litauen zugeschlagen hatte, das ja in dem Teil Polens lag, den Stalin sich genommen hatte.
Es wäre interessant gewesen, die sowjetische Darstellung der geschichtlichen Ereignisse kennenzulernen, aber als wir am nächsten Tag auf das Revolutionsmuseum blickten, war die Inschrift verschwunden. Es gibt kein Revolutionsmuseum mehr. Die Geschichte wird neu geschrieben. Wahrscheinlich wird man auch bald im Stadtplan nicht mehr nach der "Gemäldegalerie" suchen müssen, wenn man die Kathedrale sehen will. Neben dem klassizistischen Bau, der zum optischen Symbol des Unabhängigkeitskampfes geworden ist, steht ein Informationshäuschen der Sajudis. Bilder von Gefallenen werden gezeigt. Es sind junge Litauer, die bei den Kämpfen in Aserbaidschan getötet wurden. Das ist nicht ihr Krieg, und die Litauer wollen dafür nicht ihre Söhne geben.
Die Hoffnung der Menschen richtet sich auf die Wahlen vom 24. Februar. Wir wissen heute, dass die Mehrheit sich für die Unabhängigkeit erklärt hat, aber wir wissen so wenig wie unsere litauischen Gesprächspartner damals, wie es ausgehen wird. Der Westen hält sich zurück, rät den baltischen Staaten, doch die Lage Gorbatschows zu berücksichtigen, außerdem sei Nationalismus doch nun wirklich nicht die Lösung der Probleme. Es ist natürlich einfach, von der Warte derjenigen aus, die sich in einem Nationalstaat frei organisieren können, Ratschläge denen zu geben, die fremder Macht unterworfen sind. Sie bekommen die Probleme der Sowjetunion frei Haus geliefert, um die sie niemals gebeten haben. Der Zerfall des letzten großen Kolonialreichs dieser Erde ist nicht aufzuhalten, und es hilft Gorbatschow nicht lange, wenn er sich um die offenen Fragen weiterhin drücken kann.
Aber auch der litauische Nationalismus hat seine Kehrseite. Man trifft auf dümmsten Chauvinismus, auf blanken Hass auf die Letten, die Russen, die Polen, die Juden. Alles westliche wird angebetet, im Fernsehen gibt es auf einem Kanal abwechselnd Music TV, Super Channel oder Pro Sieben. Die Architektur der Geschäftsneubauten ist reine Postmoderne. Es ist nicht zu sehen, dass Litauen dem russischen Industriesystem staatskapitalistischer Prägung etwas eigenes entgegenzusetzen hätte. Wilna wirkt eng, eine Folge langer Unterdrückung der geistigen Freiheit und der politischen Auseinandersetzung. Litauen ist nicht Herr seiner Geschichte, deshalb können Legenden und traditioneller Hass sich so fatal ausbreiten.
Der Frankfurter Komponist Heiner Goebbels hat sich immer an der Praxis der Geschichtsverdrängung in Deutschland gerieben. Mehrfach hat er Texte von Heiner Müller vertont. Das Ensemble Modern führte bei seiner Sowjetunion-Tournee das Stück "Befreiung" nach einem Text von Rainald Goetz mit. Eigentlich nach zwei Texten aus dem Theaterstück "Krieg", Texten, die in sich schon widersprüchlich sind und nun noch gegeneinander arbeiten. Der Zuhörer hat keine Chance, sich zu identifizieren. Er muss sich mit den Sprachfetzen, die er versteht, schon selber auseinandersetzen. Es geht offenbar um Geschichte und Fortschritt, um den Weltgeist, der sich hier in den Köpfen der Söhne austobt.
Er tobt mit Worten, die auch der Zuhörer in der Sowjetunion versteht - Revolution - Bilanz der Welt - totale Kontrolle - Partitur - Material - Attacke - Diktatur des Proletariats. Der Text wird dem Hörer in seiner Widersprüchlichkeit zur Verfügung gestellt, er muss sich seinen eigenen Reim darauf machen. Die Musik nimmt den Text als rhythmisches Material. Sie dämpft seine Aggressivität nicht. Das Stück springt den Hörer an, provoziert ihn und lässt nicht locker bis zum Schluss. Goebbels hält diese Aggressivität nicht für ein Zeichen abtötender Martialisierung, sondern für ein Zeichen für Lebendigkeit, für das Vorhandensein von Widersprüchen, die nicht weggedrückt, sondern ausgetragen werden.
Das klassische Instrumentarium behandelt Goebbels so, dass der vertraute Klang verschwindet und sich dem Rocksound annähert. Die Instrumente werden mit Mikrophonen abgenommen und solche, die nach Individualismus klingen könnten, wie die Geige, werden verzerrt. Das Schallereignis kommt also in erster Linie aus den riesigen Lautsprechern, die sich in einem so ehrwürdigen Raum wie dem großen Saal der Leningrader Philharmonie schon merkwürdig ausnehmen. Und doch hat das Stück von Goebbels diesen geschichtsgetränkten Saal ausgehalten. Ja, die Atmosphäre des Raumes hat die Musiker noch zusätzlich motiviert. So kam es zu einer ganz besonders eindrucksvollen Aufführung dieses Stücks, die ich Ihnen jetzt zum Abschluss dieser Reportage in einem Live-Mitschnitt vorspielen kann. Es wirkten mit Christoph Anders als Sprecher und das Ensemble Modern unter der Leitung von Lothar Zagrosek.
- Musik 4 (Goebbels) 13'23
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