Sergej Prokofjew: Die Verlobung im Kloster
Oper in vier Akten und neun Bildern
auf einen Text des Komponisten und von Mira Mendelssohn, nach "Die Dueña" von Sheridan
opus 86 (1940/41), UA Leningrad 1946

hr2 Opernbühne, 15. Dezember 1991, 20.05 - 22.35


Ansage: Auf der hr2-Opernbühne heute abend: "Die Verlobung im Kloster" von Sergej Prokofjew, aufgeführt von den Solisten, dem Chor und dem Orchester des Stanislawski Theaters Moskau unter der Leitung von Kemal Abdullajew. Am Mikrophon ist Bernd Feuchtner.


Heute abend präsentieren wir Ihnen eine wirkliche Rarität. "Die Verlobung im Kloster" - dieser Operntitel sagt wohl kaum jemandem etwas. Er erinnert auch gar nicht mehr an das Theaterstück, das der Oper zugrunde liegt, Sheridans "La Dueña". Prokofjew dachte sich den neuen Titel aus, weil "La Dueña" sich im Russischen nicht eingebürgert hatte.
Er war 1940 auf den Stoff gestoßen. Sheridans bekanntere Stück heißen "Die Lästerschule" und "Die Nebenbuhler", und ihr Autor war ein Zeitgenosse von Beaumarchais und damit auch von Mozart. Der anglo-irische Dramatiker Richard Brinsley Sheridan lebte von 1751 bis 1816 und neben dem Schreiben betätigte er sich auch in der Politik.
Warum man Prokofjews Oper "Die Verlobung im Kloster" beinahe nur in Russland aufführt, werden auch Sie nicht verstehen, wenn Sie jetzt den 1. Akt hören, der schon viel geistreiche und eingängige Musik enthält. Ich will Ihnen gleich die Handlung schildern.

Das erste Bild spielt auf einem Platz vor dem Haus des Don Jerome, eines älteren Edelmannes, der vor allen Dingen das Geld liebt - das ist ein Buffo-Tenor. Der träumt zusammen mit einem Fischhändler, dem Bass Mendoza, davon, den gesamten Fischhandel Sevillas zu monopolisieren. Um den Handel zu besiegeln, soll Mendoza Luisa bekommen, die schöne Tochter Don Jeromes. Schön und jung ist er zwar nicht, aber schließlich hat er Dukaten. Nur, Mendoza kennt Luisa noch gar nicht. Da beschreibt Don Jerome in einem komischen Duett der beiden Alten eindringlich die Vorzüge Luisas. Mendoza ist hingerissen, so sehr, dass er die Vorzüge seiner Fische zu preisen beginnt. Don Jerome küsst am Ende vor Entzücken sogar die Forelle, die ihm Mendoza vor die Nase halten lässt. Selbst als bei einem zweiten Annäherungsversuch eine Langustine ihn in den Finger zwickt, ist er nicht gewarnt.
Nun betritt Ferdinand die Szene, Bariton und Sohn von Don Jerome. Er trägt überall lautstark seine Liebe zu Clara vor sich her, der Freundin seiner Schwester Luisa. Als Luisas Verehrer Antonio kommt, ein lyrischer Tenor, um seiner Angebeteten ein Ständchen zu singen, will er ihn zuerst wegjagen, aber dann überlegt er: und was, wenn der seine Serenade dann meiner Clara singt? Soll er sie in Gottes Namen meiner Schwester singen! Antonios Serenade ist ein wunderschöner melodischer Einfall Prokofjews, und nachdem ihn zu-nächst ein paar Maskierte unterbrochen haben, erscheint Luisa auf dem Balkon und stimmt in Antonios Liebes-lied ein. Sie ahnt ja nicht, dass sie von ihrem Vater gerade an den Fischhändler Mendoza verkauft worden ist.
Vater Don Jerome hört die Serenade natürlich auch: "Hört auf zu miauen, schert euch zum Teufel!", schreit er. Nun stürzen sich die Maskier-ten auf ihn - es ist Karneval. Don Jerome ist außer sich: Was für eine Last, eine unver-heiratete Tochter im Haus zu haben - aber bald ist er diese Last los, an den Dukaten trägt er lieber.
Prokofjew konnte der Versuchung nicht widerstehen, jetzt ein Ballett der Maskierten einzufügen, die den Karneval feiern. Das geschieht gar nicht auftrumpfend, sondern sehr lyrisch und leicht. Besänftigt träumt Don Jerome noch einmal von der Vereinigung von Fisch und Geld, und schließlich senkt sich die Nacht über Sevilla und auch die letzten Masken gehen leise nach Hause.

Sie hören jetzt: den Bassisten Nikolas Kortschunow als Don Jerome und den Tenor Eduard Bulawin als Mendoza.
der Bariton Jan Kratow ist Don Jeromes Sohn Ferdinand,
Walentina Kajewtschenka und Anatol Mistschewski sind das Liebespaar Luisa und Antonio.
Das Ensemble des Stanislawski-Theaters Moskau wird geleitet von Kemal Abdullajew.


CD 1 Track 1 - 9 29'32


Das war das Stanislawski-Theater Moskau mit dem ersten Akt der Oper "Die Verlobung im Kloster" von Sergej Prokofjew. Die Oper entstand in den Jahren 1940/41 und wurde 1943 noch einmal überarbeitet. Prokofjew beschrieb selbst, was ihn zur Komposition dieses Stoffs anregte, und warum das Stück im Untertitel nicht nur "Komische Oper" heißt, wie man vielleicht erwarten würde, sondern "Lyrisch-komische Oper":

Mich reizten der feine Humor, die bezaubernde Lyrik, die scharfe Charakteristik der einzelnen Personen, die Dynamik der Handlung, die so spannend aufgebaut ist, dass in keinem Augenblick das Interesse erlahmt und ihr Fortgang mit Ungeduld erwartet wird. Auch häufig vorkommende Lustspielsituationen werden von Sheridan so gebracht, dass sie neu erscheinen und unerwartet sind.
Als ich an die Komposition einer Oper über den Stoff der "Dueña" ging, standen mir zwei Wege offen - entweder die komische Seite des Stückes zu unterstreichen oder die lyrische. Ich entschloss mich zur letzteren. Es scheint mir, dass ich mit der besonderen Betonung des Lyrischen in der "Dueña" recht habe, handelt es sich doch um die Liebe zweier junger, lebensfroher, schwärmerischer Paare - Luisas und Antonios, Claras und Ferdinands, um die sich ihrer Liebe entgegenstellenden Hindernisse und ihre glückliche Verlobung, um das poetische Sevilla, das an einem stillen Abend vor den Augen der Liebenden ausgebreitet liegt, um nächtlichen, verhallenden Karneval und ein altertümliches, verlassenes Nonnenkloster.
Dennoch verschloss ich mich in keiner Weise den bei Sheridan so prächtigen komischen Elementen, wie der Figur des alten Don Jerome, der vom Zorn so verblendet ist, dass er statt der Dueña, die ihn in Wut gebracht hat, die eigene Tochter in deren Kleidern aus dem Hause jagt und auf diese Weise die von ihr ausgedachte Flucht zu dem Geliebten noch begünstigt; wie der Figur des geizigen, von den Dukaten so geblendeten Mendoza, dass er sich anführen lässt und anstelle der jungen berückenden Luisa ihre alte Kinderfrau heiratet; wie der Figur des heißblütigen Ferdinand, der auf seine Geliebte so eifersüchtig ist, dass er jedes sich in der Gesellschaft eines jungen Mannes befindliche Mädchen für seine ihn betrügenden Clara hält.
Diese Personen und die komischen Situationen, in die sie geraten, heben sich vor dem Hintergrund der lyrischen Szenen nur noch mehr ab, besonders wenn die komischen Quidproquos mit ernsthaftem Gesichtsausdruck gespielt werden. Übrigens haben die Moskauer Kammer-spiele, die die "Dueña" aufführten, als meine Oper schon geschrieben war, die komische Seite besonders heraus-gestellt, wobei sie stellenweise ins Possenhafte verfielen. Ein Verdienst des Theaters war es, die Originalmusik der "Dueña" zu beschaffen, aber eine solche Überspitzung des Komischen war meiner Ansicht nach nicht gerechtfertigt.
Das Textbuch für meine Oper schrieb ich selbst, wobei mir die Behandlung des Stoffes als Oper einige neue Möglichkeiten vermittelte. So gebe ich am Ende des ersten Bildes nach einigen Zwischenfällen verliebt-komischen Charakters die in Musik ausgedrückte Vorstellung der allmählich einschlafenden Stadt in Gestalt einer großen Ballettszene, im Hinblick darauf, dass bei Sheridan zu dieser Zeit in der Stadt ein Karneval stattfindet.

Acht Opern hat Prokofjew geschrieben. Sie markieren seinen kompositorischen Weg. Im Repertoire taucht nur "Die Liebe zu den drei Orangen" regelmäßig auf, "Der feurige Engel" findet dann und wann auf die Bühne. Aber auch von Tschaikowskys zehn Opern kennt man nur zwei. Von den sieben Balletten Prokofjews wurde nur "Romeo und Julia" wirklich berühmt, schon "Aschenbrödel" blieb ein solches.
In diesem Jahr wurde Prokofjews 100. Geburtstag gefeiert. Seine erste Oper schrieb er mit Zwanzig, doch wurde "Maddalena" erst 1979 von der BBC uraufgeführt. Im zweiten Anlauf vertonte er Dostojewskis "Spieler", die 1916 beendete Partitur wurde für die Uraufführung in Brüssel 1929 noch einmal überarbeitet. Inzwischen war längst 1921 in Chicago seine dritte Oper uraufgeführt worden, "Die Liebe zu den drei Orangen". Das war ein Stück nach Gozzi, es vermischt Commedia dell'arte mit Fantastik, liebt die grellen Farben und ist immer auf eine drastische Formulierung aus. Prokofjew hatte freundschaftliche Beziehungen zu den Futuristen gepflegt, die in Russland so ab 1908 von sich reden machten. In der ersten Erregung der Revolution sah er sich von Majakowski in einem Brief als "Vorsitzender der Weltsektion der Komponisten" tituliert - Majakowski nahm für sich den selben Titel für die Dichterschaft in Anspruch.
Prokofjew war wirklich ein Rebell in der Komposition, er hatte einiges von Reinhold Glière gelernt, mit den traditionellen Komponistenschule, die aus dem "Mächtigen Häuflein" hervorgegangen war und von Rimski-Korsakow vertreten wurde, konnte er jedoch gar nichts mehr anfangen. Er schrieb die gewagtesten Modulationen, die lautesten Geräuschorgien - und er erfand gleichzeitig mit der "Symphonie Classique" gewissermaßen den Neoklassizismus. Das war 1916, zur selben Zeit saß in Deutschland Richard Strauss an seiner Musik zu Molières "Der Bürger als Edelmann", die ähnlich in frühere Zeiten zurückhörte.
Mit den Revolutionären kam der im Grunde ganz unpolitische Prokofjew schließlich doch nicht aus. Im Einverständnis mit dem Kulturkommissar Lunatscharski verließ er die junge Sowjetunion und ging ins Ausland, vor allem nach Paris und nach Amerika. Seine vierte Oper "Der feurige Engel" schrieb er - nach einem deutschen mystizistischen Stoff - großenteils in Ettal. Nach vergeblichen Versuchen, sie auf die Bühne zu bekommen, verarbeitete er Teile der Musik in seiner Dritten Sinfonie. Die Uraufführung des "Feurigen Engels" erlebte er nicht mehr.
Zwanzig Jahre lang reiste Prokofjew als Starpianist durch die Welt und schrieb sich das dritte und fünfte Klavierkonzert, fühlte sich aber als Komponist nicht mehr wirklich inspiriert. Ihn plagte Heimweh. Eine erste Tournee in der Sowjetunion verlief erfolgreich. 1932 schrieb er in "Moskau am Abend":

Ich werde nicht lange von der Sowjetunion fortbleiben. Im Frühjahr, im April, denke ich wieder zurückzukehren. Mich erwartet in Paris die Aufführung meines neuen Balletts, danach will ich dort mein fünftes Klavierkonzert spielen; und schließlich habe ich noch eine Gastspielreise durch Amerika vor.
Solche Umstände - ununterbrochen auftreten zu müssen - können schwerlich einer intensiven schöpferischen Arbeit günstig sein. Ich hoffe, sie nach der Rückkehr in die Sowjetunion wieder aufzunehmen, und zwar fast ganz und gar mit sowjetischer Thematik.
Was ich für einen Stoff suche? Nicht eine Karikatur auf Mängel, auf missliche Unvollkommenheiten unseres Alltags. Im gegenwärtigen Augenblick reizt mich das nicht. Ich suche einen Stoff, der den positiven Anlauf zum Gegenstand hat, eine Eroica des Aufbaus, den neuen Menschen darstellend, den Kampf und die Überwindung der Hindernisse.

Es folgten immer häufigere Aufenthalte in Russland und ab 1936 wohnte er wieder ständig in der Sowjetunion. "Romeo und Julia" und "Peter und der Wolf" gehören zu den ersten dort vollendeten Stücken. Er ahnte wohl nicht, welch fatalen Zeitpunkt er getroffen hatte, denn soeben begannen die Moskauer Prozesse und wurde die gesamte Avantgarde-Kunst ausgelöscht. Prokofjew dachte vermutlich, seine internationale Berühmtheit werde ihn schützen, doch die Bürokratie wollte ihn nur als Aushängeschild. Gerade weil er berühmt war und lange im Ausland gelebt hatte, war er verdächtig.
Und tatsächlich scherte Prokofjew sich nicht im geringsten um irgendwelche Vorschriften des Sozialistischen Realismus. Er wurde auch niemals aus ideologischen Gründen verfolgt, man fand einfach zu viele Dissonanzen in seinen Werken. Prokofjew bemühte sich ehrlich, seinem Land zu dienen, indem er sozialistische Stoffe vertonte, bis hin zu Kantaten auf Stalin und den 20. Jahrestag der Revolution. Doch selbst Stücke wie "Die Vereinigung von Wolga und Don" sind reinster Prokofjew. Als er nach langer Pause 1939 wieder eine Oper schrieb, entstand "Semjon Kotko" nach der sowjetischen Erzählung "Ich bin ein Sohn des arbeitenden Volkes" von Walentin Katajew. Auch seine letzte Oper, "Die Erzählung von einem wahren Mann", entstand 1947/48, doch blieb sie ein vergeblicher Versuch, seine Zeitgenossen mit einem Gegenwartsstoff zu gewinnen.
Zwischen dem "Semjon Kotko" und der "Verlobung im Kloster" liegen nur die 6., 7. und 8. Klaviersonate. 1940 hatte Prokofjew Sheridans Lustspiel "Die Dueña" kennengelernt und er beschloss sofort, es zu komponieren. Gleichzeitig arbeitete er an dem Ballett "Aschenbrödel", im Jahr darauf begann er mit seiner Riesenoper "Krieg und Frieden" nach Tolstoi. Das nächste große Instrumentalwerk entstand erst 1944 mit der Fünften Sinfonie.
All das Auftrumpfende, das Prokofjews Musik in diesen Jahren oft hat, fehlt der "Verlobung im Kloster". Es gibt sie schon, die charakteristischen Trompetenthemen, die womöglich auch noch vom Streicherunisono begleitet werden, doch hier klingen sie samtweich. Die Musik ist fragil. Sie unterstreicht mit winzigen, aber witzigen Gesten den geistreichen Verlauf der Intrigen, und dieser Witz liegt nicht nur im Orchester, sondern auch in den Singstimmen, die die zahlreichen Personen klar typisieren.
Prokofjew wendet sich hier kaum zu seiner frühen Gozzi-Oper "Die Liebe zu den drei Orangen" zurück, eher noch zu den Anfängen des Neoklassizismus, zur "Symphonie Classique". Die Commedia dell'arte wird zu einem zweiten Leben erweckt, und da Sheridan ein Zeitgenosse der Französischen Revolution war, ist der Kampf der Typen abgelöst von einer viel tieferen Charakterisierung der handelnden Personen, die bereits als Individuen interessant werden.

Nun zum 2. Akt. Er besteht aus drei Bildern. "Huch!" ruft Luisa, als sie von der Dueña erfährt, dass ihr Vater sie mit dem Fischhändler Mendoza verheiraten will. Sie liebt ja den hübschen, aber armen Antonio. Doch die Dueña, die Sie an ihrer Altstimme erkennen, ist selber hinter Mendoza, beziehungsweise seinem Geld her: den Antonio sollst du haben, Luisa, dann kriege ich Mendoza. Als Luisa ihren Vater kommen hört, steckt sie der Dueña einen Liebesbrief Antonios zu, den Don Jerome nicht finden soll, und gerade darauf baut die Dueña ihre List auf.
Zuerst aber kommt Fernando, um seiner Schwester beizustehen, die sich sträubt, diesen Orang-Utan Mendoza zu heiraten: wenn er sie erst mal geheiratet hat, wird er auch noch dieses und jenes von ihr wollen... Der Alte bleibt stur, auch als Fernando ihm vorhält, er als Adeliger könne seine Tochter doch nicht einem beliebigen Händler verschachern. In Wirklichkeit ist Fernando gar nicht so edel, sondern er hat bloß Angst, dass Antonio sich seiner Clara zuwenden könnte, wenn er Luisa verliert, und schon plärrt er wieder von seiner Liebe zu Clara.
Da kommt die Dueña, um sich von Don Jerome mit dem Brief überraschen zulassen. Der Alte liest Antonios Brief, gerät wie erwartet in Wut und wirft die Dueña aus dem Haus, weil sie ganz offenbar ihre Gouvernantenpflicht verletzt und nicht auf die Tochter aufpasst. Er hat soviel Mitleid mit sich selber, dass er übersieht, dass vor seinen Augen in den Kleidern der Dueña seine eigene Tochter aus dem Hause spaziert.
Im zweiten Bild hören wir zusätzlich zu den bereits bekannten Sängern Tamara Janko, Alt, als Dueña.


CD 1 track 10 - 15 16'31


Verfrüht war dieser Freudentanz Don Jeromes, der sich schon auf das Geld Mendozas freut, denn er hat nicht bemerkt, dass unterdessen seine Tochter Luisa aus dem Haus geflohen ist. Das dritte Bild spielt auf dem Fischmarkt, wo die Fischweiber Mendozas Fische anpreisen. Dort trifft auch die verkleidete Luisa ihre Freundin Clara, die verblüffender-weise ebenfalls verkleidet ist. Sie ist von zuhause geflohen, weil ihr Geliebter Ferdinand doch tatsächlich versucht hatte, sie zu verführen, und das verträgt ihr Stolz nicht. Es ist ihr jedoch eine Arie wert. Clara wird sich im Kloster Santa Catarina verstecken, Luisa wird sich als Clara ausgeben.
So trifft sie Mendoza, der mit seinem Freund, dem Edelmann Don Carlos vorbeikommt. Die Kleine gefällt ihm, als sie ihn anspricht, ist die Affäre schon im Sack - hat er gedacht, aber Clara alias Luisa erklärt ihm, er sei ihre letzte Hoffnung, um ihren Liebhaber Antonio zu finden. Ach, nicht in ihn ist sie verliebt, grämt sich Mendoza, doch der ritterliche Don Carlos ermahnt ihn, der Dame zu helfen. Na, auch gut, meint Mendoza, wenn Clara Antonio bindet, kann der ihm bei Luisa nicht mehr in die Quere kommen. So intelligent ist Mendoza, rühmt sich der Fischhändler. Und sein Freund Don Carlos führt die verkleidete Luisa direkt zu Mendozas Haus. Dort wird sie ihren Antonio erwarten. Den Don Carlos singt der Bassist Sergej Illinski.


CD 2 track 16 - 21 18'19


So weit das vierte Bild der "Verlobung im Kloster". Nun geht Mendoza zu Don Jerome, um endlich seine Braut Luisa zu treffen. Die beiden erörtern schadenfroh die Flucht Claras aus dem Elternhaus, das könnte Don Jerome nie passieren. Er ruft die Zofe Lauretta, die tuschelt mit ihm, Luisa ist verbockt und will nicht herunterkommen. Schließ-lich meldet die Zofe, Luisa werde Mendoza sprechen, doch nicht in Gegenwart ihres Vaters. Was für eine Tochter, seufzt Don Jerome und räumt das Feld.
Die verschleierte Dueña tritt ein, fest entschlossen, den alten Fischhändler zu verführen. Der meint, Don Jerome müsse wohl blind sein, wenn er seine Tochter als so reizvoll beschrieben habe. Sie erwidert seine etwas unverschämten Fragen aber mit so großem Charme, dass er sie immerhin interessant findet. Singen soll sie ja wie eine Nachtigall, also bitte, singen Sie doch für mich! Die Dueña singt ihm nun ein Liebeslied voller Anzüglichkeiten. Mendoza wird heiß und kalt, er will sich gleich mit ihr dem Vater vor die Füße werfen. Das geht natürlich nicht, der würde den Betrug merken. Auch sein Seufzen hin macht sie einen romantischen Vorschlag: er soll sie doch nachts in einer Kutsche entführen. Was für ein Roman! Damit geht sie wieder hinauf. Don Jerome bringt Champagner. Als er Mendoza noch einmal die Reize Luisas aufzählt, wird der beinahe schwankend, aber zum Schluss sind die beiden Alten sich doch einig in ihrem Fisch- und Familienverein.


CD 1 track 22 - 23 6'53
CD 2 track 1 - 2 6'32


Die beiden Alten freuen sich und ahnen nicht, dass sie längst beide gefoppt sind, Don Jerome durch die Flucht seiner Tochter Luisa, Mendoza, weil er der Dueña auf den Leim gegangen ist. Der zweite Akt ist damit zuende. Hier sämtliche bisher Mitwirkenden dieser Aufnahme aus dem Moskauer Stanislawski-Theater, dessen Chor und Orchester unter der Leitung von Kemal Abdullajew spielten:
Don Jerome, ein Edelmann - Nikolas Kortschunow, Tenor
Ferdinand, sein Sohn - Jan Kratow, Bariton
Luisa, seine Tochter - Walentina Kajewtschenka, Sopran
Antonio, deren Verehrer - Anatol Mistschewski, Tenor
Lauretta, Luisas Zofe - Ruslana Oreschkina, Sopran
die Dueña - Tamara Janko, Alt
Clara, Luisas Freundin - Nina Isakowa, Mezzosopran
Rosina, Claras Zofe - Jadwiga Dybowskaja, Sopran
Mendoza, Fischhändler - Eduard Bulawin, Bass
Don Carlos, verarmter Edelmann - Sergej Illinski, Bass

Es war eine unruhige Zeit, in der Prokofjews Oper "Die Verlobung im Kloster" entstand. Seit sieben Jahren waren in Deutschland die Faschisten an der Macht, im Jahr davor hatte der Pakt zwischen Hitler und Stalin die Welt erschreckt, und auch in der Sowjetunion glaubte man höchstens an einen Aufschub vor der Aggression, der die Polen und Tschechen bereits zum Opfer gefallen waren. Soeben wurde Westeuropa in einem Blitzkrieg unterworfen. In der Sowjetunion selber tobte der stalinistische Terror. Wie kann man in solch einer Zeit an eine Oper über Liebesintrigen im alten Spanien denken?
Prokofjew selbst hat sich klar dazu geäußert. Als er ein uraltes Ballett aus der Zeit des Ancien Régime gesehen hatte, notierte er, die Aufführung sei deshalb so erfolgreich gewesen, weil gerade in diesen Tagen die Menschen lustige, lebensnahe Stücke verlangten. Seine Antwort auf den Überfall der deutschen Truppen im Juni des folgenden Jahres war weniger auf Ablenkung vom Alltag angelegt:

Am 22. Juni hatten die deutschen Faschisten die Sowjetunion überfallen. Das ganze sowjetische Volk erhob sich zum Schutz der Heimat. Ein jeder wollte unverzüglich das Seinige dazu beitragen. Die erste Reaktion der Komponisten auf die Vorgänge waren natürlich Lieder und Märsche heroischen Charakters, das heißt solche Musik, die unmittelbar an der Front erklingen konnte. Ich schrieb zwei Lieder und einen Marsch. In diesen Tagen nahm ein schon lange von mir gehegtes Vorhaben über eine Oper nach Tolstois Roman "Krieg und Frieden" feste Formen an. Besonders in den Vordergrund rückten die Stellen, die den Kampf des russischen Volkes mit den Horden Napoleons im Jahre 1812 und die Vertreibung seiner Armee vom russischen Territorium beschreiben.

Die offiziellen Stellen waren von dieser Art Frontunter-stützung weniger angetan, und Prokofjew bekam große Schwierigkeiten bei den Versuchen, "Krieg und Frieden" auf die Bühne zu bringen. Auch "Die Verlobung im Kloster" wurde erst nach dem Ende des Krieges uraufgeführt, und zwar nicht wie geplant im Kleinen Haus der Moskauer Oper, sondern 1946 im Leningrader Kirow-Theater.
Ich habe vor vier Jahren dort eine Aufführung dieser Oper gesehen. Die Bühnenbilder waren stilisiert im Geschmack der Sechziger Jahre, es hingen auf der sonst leeren Bühne also nur einige Dekorationselemente vom Schnürboden. Das passt bestens zu der stilisierten Musik. Ähnlich verhielten sich die Sänger, sie hüpften beinahe wie Marionetten von einem Bein aufs andere. Doch die Aufführung war völlig tot, der funkelnde Witz zündete nicht. Wo hätte er auch ankommen sollen? Als der Dirigent ans Pult trat, rührte sich im Publikum keine einzige Hand. Es war eine Repertoire-Vorstellung mit einem Publikum, das direkt von der Arbeit kam und müde war. Wahrscheinlich waren die Karten über die Gewerkschaften verteilt worden. Musikfreunde waren die wenigsten. Auch nach den Aktschlüssel klatschte man nur kurz um lieber ans Büffet zu schlurfen. Da wirkte die feine Musik wie ein schrecklicher Anachronismus, wie ein Gruß aus vorrevolutionärer Zeit, der niemanden mehr erreicht.
Das Publikum war seelisch viel zu sehr verarmt, um die Musik noch verstehen zu können. Diese Musik verlangt etwas, was es nicht gelernt hat: Zuhören. Es reicht nicht, den Melodien zuzuhören und die Rhythmen mitzuklopfen. Man muss die Ohren auch auf die Bewegung der Harmonik spitzen und sich jeden Takt auf der Zunge zergehen lassen.
Das wird auch der Grund sein, warum "Die Verlobung im Kloster" bei uns nicht aufgeführt wird. Sie stellt zu hohe Ansprüche an das Publikum, das von den immer wieder gespielten Repertoireschlagern eingelullt wird. Und nebenbei wäre es natürlich auch nicht leicht, so viele qualifizierte Stimmen zu finden. So bleiben wir einstweilen auf die Kost aus der Konserve angewiesen.

Wie der zweite ist auch der dritte Akt in drei Bilder gegliedert. In Mendozas Haus wartet die als Clara verkleidete Luisa unter Obhut des Don Carlos auf ihren Antonio. Mendoza selbst bringt Antonio herbei, der nicht glauben mag, dass Clara nun ihn liebt, sondern denkt, er solle sie zu Ferdinand bringen. Während die Musik förmlich erotische Ranken um das Schlüsselloch windet, belauscht Mendoza die beiden jungen Leute. Don Carlos findet das gar nicht richtig. Aber er will doch wissen was passiert: Oh, ruft Mendoza immer wieder, wie die beiden verzückt sind, wie er ihr die Hände küsst. Schließlich erscheinen beide Arm in Arm. Mendoza ist so übermäßig zufrieden, dass er ihnen sogar erzählt, wie er am Abend Luisa entführen werde. Eieiei! Ein großes Quartett beschließt das Fünfte Bild. Die beiden Liebenden betrachten die Silhouette Sevillas, Mendoza fühlt neue Jugend und Don Carlos versteht die Welt nicht mehr.


CD 2 track 3 - 7 14'22


Für das Sechste Bild hat Prokofjew sich etwas besonderes ausgedacht, um die Komik auf musikalische Art zu entfalten. Don Jerome spielt mit einem Freund und dem Domestiken Sancho Trio. Er selber spielt Klarinette, der Freund Piston, Sancho die große Trommel. Dieses Musizieren wird in einem Fort durch den Verlauf der Intrige unterbrochen. Don Jerome erteilt schließlich, während er auf der Klarinette sein Lieblingsmenuett spielt, dem Bund seiner Tochter mit dem unerwünschten Antonio seinen Segen, ohne dass er dessen gewahr wird.
Zunächst überbringt Don Carlos einen Brief Mendozas, in dem dieser sich zu der Entführung Luisas bekennt und um nachträglichen Segen bittet. Gern! Dann kommt ein kleiner Junge mit einem Brief Luisas. Sie sei in der Obhut des Mannes, den sie liebe und bitte um seinen Segen. Wenigstens den gleichen Boten hätten sie nehmen können! Und so schreibt er die Antwort: natürlich ist er einverstanden.
Nun ist er ganz beschwingt und auch die Musik greift zur großen Geste: ein großes Fest wird er heute abend geben!


CD 2 track 8 - 11 11'32


Wieder ein Bild verfrühter Freude: Don Jerome ahnt nicht, dass er seine Luisa gerade selbst dem Antonio zugesprochen hat. Das Siebte Bild spielt nun im Klostergarten, wo Clara sich als Novizin ergeht. Luisa kommt dazu und versucht sie noch einmal zu besänftigen: warum gleich ins Kloster gehen, bloß weil Ferdinand sie allzu sehr liebt. Antonio ruft durchs Gitter herein, und da kommt auch der Antwortbrief Don Jeromes. Luisa liest ihn vor: "Ich wünsche Dir Glück, vermähle Dich mit dem Mann, mit dem Du entflohen bist. Ich erwarte euch heute abend zum Diner." Antonio drängt, man solle sich gleich in der Kirche trauen lassen. Sie singen ein Duett und Clara bleibt allein zurück.
"Ich hätte nicht gedacht, dass ich mein Leben im Kloster beenden würde..." singt sie traurig. Der eifersüchtige Ferdinand, der hinter Antonio her ist, der ja Clara entführt haben soll, erkennt sie nicht. Nun wird Clara sich wieder ihrer Liebe zu Ferdinand gewiss: na warte, vielleicht wird nicht nur Luisa heute denjenigen heiraten, den sie liebt.


CD 2 track 12 - 13 14'38


Nicht lange mehr wird Claras Mund von den frommen Nonnen verschlossen bleiben. Im vierten und letzten Akt von Sergej Prokofjews Oper "Die Verlobung im Kloster" wird nun genau das stattfinden, was der Titel ankündigt. Fromm ist Prokofjew nicht geworden. Seine Schilderung des Kloster-lebens knüpft eher an die Orgien seiner frühen Oper "Der feurige Engel" an. Allerdings sind die Mönche hier nicht bösen Geistern, sondern dem Trinken verfallen. Sie trinken auf die Schönheit einiger Novizinnen und streiten über deren Augenfarbe. Da klopft es. Nacheinander werden zwei Herren gemeldet, einer sei korrekt, einer aufgeregt. Es sind Antonio und Mendoza. Erst als sie hören, dass reiche Kunden da sind, wenden die Saufbolde ihnen ihre Aufmerksamkeit zu. Verliebte wollen verheiratet werden? Welches Ansinnen großer Sünder! Mendoza lässt einen Geldbeutel fallen. Fünfzig Dukaten - ein bisschen mager, reicht aber immerhin für hundert Flaschen.
Doch Ferdinand platzt dazwischen. Mendoza denkt, Ferdinand wolle die Entführung seiner Schwester rächen, bekommt es mit der Angst und flieht. Antonio will ihn aufklären, aber er wünscht seine Schwester zum Teufel und geht mit dem Degen auf Antonio los. Clara tritt herein und die Mönche streiten weiter über die Augenfarbe der Novizin. Endlich begreift Ferdinand die Lage und die beiden jungen Paare können getraut werden. Die Mönche geben ihnen die Weisheit der Patres mit: begehrt weder Gold noch des nächsten Weib und meidet den Wein!
Die Mönche werden von den folgenden Sängern verkörpert:
Pater Kartäuser - Sergej Illinski, Bass
Pater Benedikt - Leonid Boldin, Bass
Pater Eleustaphius - Lew Elisejew, Tenor
Pater Augustin - Iwan Petrow, Bariton
Erster Novize - Iwan Sorin, Tenor
Zweiter Novize - Wladimir Slepnikow, Tenor
Chor und Orchester des Moskauer Stanislawski-Theaters spielen unter der Leitung von Kemal Abdullajew

CD 2 track 14 - 18 15'05


Endlich sind Antonio und Luisa, Fernando und Clara kirchlich getraute Paare. Don Jerome wartet in seinem Haus mit einem Galadiner auf Luisa und Mendoza, doch der Fischhändler kommt allein. Seine Angebetete stehe noch zitternd vor der Tür. Die Dueña kommt herein, Don Jerome steht starr: wen soll sie umarmen, ihren Papa? Die Dueña verschließt ihm den Mund mit einem Kuss. Nun bekommt er kein Wort mehr heraus.
Nun kommt Luisa mit Antonio und beide werfen sich vor Don Jerome auf die Knie. Was ist das schon wieder? Mendoza erklärt stolz, er habe das alles organisiert. Luisa zeigt ihm seinen eigenen Brief. "Und wen hast du alter Schlawiner jetzt geheiratet?" fragt er Mendoza und klärt ihn darüber auf, dass das die Dueña gewesen ist. Die Gäste kommen und Luisa und Antonio preisen die Intelligenz Mendozas.
Fernando und Clara werfen sich als letztes Paar dem Vater zu Füßen und rauben ihm schier den Verstand. Alle zusammen bitten so lange um seinen Segen, dass er schließlich kapituliert. Die versammelten Gäste zwingen ihn vollends, umzuschwenken. Er hält eine Rede, in der er die Weisheit des Vaters preist, der für die Jugend Verständnis hat. Und er trinkt ein Glas, und noch eines, denn auch er war einmal jung und versteht deshalb die Liebesgeschichten. Das Fest nimmt Fahrt auf.

CD 2 track 19 - 23 14'22

Auf der hr2 Opernbühne hörten Sie heute abend die Oper "Die Verlobung im Kloster" von Sergej Prokofjew. Die Mitwirkenden waren:
Don Jerome, ein Edelmann - Nikolas Kortschunow, Tenor
Ferdinand, sein Sohn - Jan Kratow, Bariton
Luisa, seine Tochter - Walentina Kajewtschenka, Sopran
Antonio, deren Verehrer - Anatol Mistschewski, Tenor
Lauretta, Luisas Zofe - Ruslana Oreschkina, Sopran
die Dueña - Tamara Janko, Alt
Clara, Luisas Freundin - Nina Isakowa, Mezzosopran
Rosina, Claras Zofe - Jadwiga Dybowskaja, Sopran
Mendoza, Fischhändler - Eduard Bulawin, Bass
Don Carlos, verarmter Edelmann - Sergej Illinski, Bass
Pater Kartäuser - Sergej Illinski, Bass
Pater Benedikt - Leonid Boldin, Bass
Pater Eleustaphius - Lew Elisejew, Tenor
Pater Augustin - Iwan Petrow, Bariton
Erster Novize - Iwan Sorin, Tenor
Zweiter Novize - Wladimir Slepnikow, Tenor
Chor und Orchester des Moskauer Stanislawski-Theaters spielten unter der Leitung von Kemal Abdullajew
Am Mikrophon war Bernd Feuchtner

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