Klemperer in Budapest
hr2, opernplatz 29.12.1989
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Musikbeispiele:
(alles Hungaroton-Platten)
Wagner, Meistersinger:
- Festwiese 13'17 Band 900
LPX 12340-41
Wagner, Lohengrin:
- Romerzählung 6'53 800
LPX 12436
Beethoven, Fidelio:
- Arie des Rocco 2'35 600 take 2
- Kerkerszene 10'20 1200
LPX 12428-29
Mozart, Entführung:
- Arie der Konstanze 4'32 Platte, S.2 Schluss
- Terzett 1'56 Band 1000 take 2
- Finale 5'33 1000 take 4
LPX 12636-37
Mozart, Don Giovanni:
- Arie der Donna Anna 2'23 700
LPX 12???
Mozart, Zauberflöte:
- Ouvertüre 6'25 1100
LPX 12705-06
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Am Opernplatz zwischen den Jahren - Zeit zum Innehalten im emsig sich abspulenden Betrieb, Zeit zurückzuschauen, nicht nur auf das vergangene Jahr, sondern über weite Zeiträume, um sich der Maßstäbe zu versichern. Ein Maßstab soll heute nicht gelten, der in unserer Zeit die Vorherrschaft errungen hat: die technische Perfektion, die CD-Brillanz, die Orchester-Opulenz, der Stimmenglanz. Heute soll es einfach nur um Musik gehen, darum, wie einmal Musik gemacht wurde auf eine Art, die Musikgeschichte wurde und dennoch von der Geschichte zugeschüttet ist. Die Rede ist von Otto Klemperer als Opernchef.
Walter Legge, der legendäre Musikproduzent der Schallplattenfirma EMI, meinte:
Klemperer war deutscher als die meisten Deutschen. Leider habe ich ihn niemals die Meistersinger dirigieren hören, doch seine breiten Tempi, seine Gewichtigkeit, ebenso die Reinheit des Kontrapunkts auf jenen Aufnahmen, auf denen er die Ouvertüre dirigiert, ferner seine gewichtigen Akzente des "Tanzes der Lehrbuben" und seine gleichmütige Schwerfälligkeit stand dem näher, was Wagners eigene Auffassung gewesen sein mag, als jegliche andere Aufführung, die ich hörte. Wieland Wagner war der gleichen Meinung.
Klemperer hatte die Meistersinger in seinen frühen Jahren in Straßburg, Köln und Wiesbaden dirigiert, bevor er 1927 als Leiter der Krolloper nach Berlin kam, dann erst wieder nach dem Krieg in Budapest. Leider hat Walte Legge die Verwirklichung seines Traums nicht mehr erlebt. Es fanden sich nämlich im Keller des Ungarischen Rundfunks alte Schellack-Platten, die Rundfunkmitschnitte von Übertragungen aus der Staatsoper enthielten, und unter den Aufzeichnungen befanden sich auch die Meistersinger. Natürlich sind diese Aufnahmen, die im Lauf der 80er Jahre veröffentlicht wurden, stark vom Zahn der Zeit angenagt, aber ihre musikalische Qualität ist elektrisierend.
Hören Sie, wie leicht der Aufmarsch der Meister im letzten Akt daherkommt, wie sehr Klemperer diese Oper als Komödie verstand, und diese Auffassung teilte er mit Richard Strauss, der als Meistersinger-Dirigent sein Vorbild war. Premiere der Budapester Meistersinger war am 27. März 1949. Die Rundfunkübertragung aus der Staatsoper fand am 11. April statt.
Musik 1
Wagner, Meistersinger - Band 107/4814/900 - 13'17
Soweit ein Ausschnitt aus der Festwiesenszene der Meistersinger von Nürnberg in einer von Otto Klemperer dirigierten Aufführung der Budapester Staatsoper im Jahr 1949. Ein von den Nazis aus Deutschland vertriebener Jude musste den Deutschen zeigen, wie Wagner zu spielen sei. Wieland Wagners Wunsch, Klemperer im Nachkriegsbayreuth für die Meistersinger zu verpflichten, scheiterte an Klemperers Gesundheitszustand, der er ihm nicht mehr erlaubte, zwei Stunden lang zu sitzen.
Schwerste Unfälle und Krankheiten hatten seine Emigrationszeit in Amerika überschattet. Auch materiell ging es ihm sehr schlecht. Als er 1948 in Budapest endlich wieder eine feste Position bekam, erholte der halbseitig gelähmte Riese sich gesundheitlich etwas und bescherte den Ungarn maßstäbliche Opernaufführungen. Die Platten aus dem Keller des Rundfunks sind nicht perfekt. Sie sind mechanisch beschädigt, aber nicht nur das. Sie enthalten Mitschnitte ganz normaler Aufführungen, nichts konnte hinterher ausgebügelt werden. Auf diese Weise können wir heute sogar noch einmal Zeuge eines Theaterskandals werden. In der "Lohengrin"-Aufführung am 24. Oktober 1948 unterbrach das Publikum nach der Gralserzählung den Fortgang durch Applaus, der sich gar nicht mehr legen wollte, um ein Dacapo zu erzwingen, man hatte das Gleiche schon nach Ortruds Racheschwur versucht, und solche Verstöße gegen Wagners durchkomponierten Willen duldete Klemperer nicht. Ich zitiere aus einer Kritik:
Das Bühnenvolk begann den Chorsatz zu singen, der dem wunderschönen Schlussteil des Lohengrin-Vorspiels identisch ist. Davon war aber kein Ton zu hören, weil das Publikum den Applaus fortsetzte und die Wiederholung der Gralserzählung forderte. Klemperer hatte Magda Rigó, die die Elsa sang, schon eingewinkt. Elsa aber konnte nicht zu Wort kommen, weil das Publikum lärmte. Da wandte sich Klemperer dem Publikum zu. Auch anders wann war es schon geschehen, dass der GMD dem Publikum mit feindseligem Blick gegenüberstand, wenn seine Meinung hinsichtlich der Wiederholung oder Nicht-Wiederholung abwich. Diesmal folgten jedoch weitaus stürmischere Szenen als gewöhnlich. Ein Teil der Zuschauer sprang von den Plätzen auf und begann Pfui zu rufen. Die Vorstellung brach ab. Klemperer schrie den Zuschauern erregt zurück: "Frechheit!" Darauf brach neuerlicher Lärm aus. Klemperer verließ das Pult, kehrte aber bald zurück, weil ihn der Orchesterinspektor um die Fortsetzung der Aufführung gebeten hatte. Schließlich gelang es, die Aufführung fortzusetzen. Ein Zuschauer in der ersten Reihe rief ein lautes Bravo, als Klemperer zurückkam, daraufhin begannen dann auch mehrere Bravo zu rufen, und Lohengrin ging weiter.
Richard Wagner, Lohengrin, Gralserzählung. In der Aufführung der Ungarischen Staatsoper unter der Leitung Otto Klemperers singt József Simándy.
Musik 2
Wagner, Lohengrin - Band 107/4814/800 - 6'53
Lohengrins Gralserzählung mit anschließendem Skandal in der Ungarischen Staatsoper - der Rundfunk hat es direkt übertragen und auf alten Schellackplatten blieb es als Dokument erhalten. Otto Klemperer war kein Mann der Kompromisse. Für ihn gab es nur ein Gesetzbuch: die Partitur. Dafür ging er mit dem Kopf durch die Wand, getreu seinem Vorbild Gustav Mahler, der ihm sein erstes Engagement verschafft hatte. Klemperer pflegte sich durchzusetzen und gewann nach dem Ensemble auch das Publikum für seine radikale Lesart. Eine der bedeutendsten Klemperer-Interpretationen war Beethovens Fidelio. "Nirgends brennen wir genauer" schrieb Klemperers Freund Ernst Bloch über die Berliner Fidelio-Aufführung der Kroll-Oper. Wie diese Aufführung geklungen hat, wissen wir nicht, aber wir haben einen vollständigen Mitschnitt der Fidelio-Premiere in Budapest am 8. November 1948. Den Fidelio hielt Klemperer nicht für ein harmloses Werk, aber im Gegensatz zu Mahler strich er die Goldarie Roccos nicht. Er begriff sehr genau, wie wichtig diese scheinbar gemütliche Einlage ist: die Mitläufer machen die Diktatoren möglich, die Realisten, die Weisheiten verbreiten wie die vom Gold, das halt die Welt regiere: "Das Glück dient wie ein Knecht für Sold, es ist ein mächtig Ding, das Gold". Um es mit einer zeitgenössischen Kritik zu formulieren:
Das dahinstürmende Tempo der Ballade wirkte sich auch auf die humorigen Szenen des Fidelio aus: Der Kerker meister von Mihály Székely, der heitere alte Rocco wurde in dieser Einstellung schon beinahe zu Vorfahren Dalands aus dem Fliegenden Holländer.
Musik 3
Beethoven, Fidelio - Band 107/4814/600, take 2 - 2'35
Mihály Székely sang die Goldarie des Rocco in der Fidelio-Premiere der Budapester Oper am 8. November 1948 unter der Leitung von Otto Klemperer. Es wird Sie kaum gestört haben, dass ungarisch gesungen wurde, wie auch in allen anderen Dokumenten der Klemperer-Ära. Denn der Lohn ist eine feurige Aufführung dieser Freiheitsoper, die ihresgleichen sucht. Man kennt meist nur Klemperers späte Fidelio-Aufnahme aus London von 1962, als der Dirigent schon 77 Jahre alt war, in Budapest war er 63 und hatte die lebendige Bühne vor sich. Das Ergebnis waren Aufführungen von bestürzender Intensität. Ich zitiere wieder zeitgenössische Kritiken:
Der Fidelio wurde in Budapest neuaufgeführt. Dieses eine Mal lag der Reiz der Neuheit nicht im Sehenswerten, sondern in der Musik. Dieser Schwung war eines Beethoven würdig, und seinem Wert tut es keinerlei Abbruch, dass die menschliche Stimme von begrenztem Vermögen im Finale dem übertriebenen Tempo der Ekstase des Dirigenten nicht zu folgen vermochte.
Klemperers spannende Temponahme bestürzte anfangs das Ensemble: den Chor und das Orchester, die Solisten, ja zu Beginn der neueinstudierten Aufführung auch das Publikum selbst. Doch im Verlauf des zweiten Aufzuges entschied sich der Prozess, der nicht nur ein Prozess Otto Klemperers war, sondern auch einer der Besten des Opernhauses. Nachdem der letzte Vorhang gefallen war, blieb das ganze Publikum beisammen und klatschte mit gerötetem Gesicht länger als zehn Minuten, bis vor dem eisernen Vorhang an der Seite der Hauptdarsteller endlich auch die charakteristische Gestalt von Otto Klemperer erschien.
Alle Kritiker waren sich der kulturgeschichtlichen Bedeutung dieses Ereignisses bewusst. Hören Sie den Schluss der Kerkerszene aus dem zweiten Akt: das Terzett zwischen dem Gefangenen Florestan und dem Kerkermeister Rocco mit seinem Gehilfen, Leonore, die ihm ein Stück Brot zusteckt, dann das Quartett mit Pizarro, der Florestan beseitigen will und dem Leonore sich mit dem Ruf entgegenstellt "Töt' erst sein Weib!", als schließlich die rettende Trompete ertönt, und dann das abschließende Duett der beiden wiedervereinigten Ehegatten.
Musik 4
Beethoven, Fidelio - Band 107/4814/1200 - 10'20
Im zweiten Teil der Kerkerszene von Beethovens Fidelio sangen Oszkár Maleczky als Pizarro, Endre Rösler als Florestan, Anna Báthy als Leonore und Mihály Székely als Rocco. Bei diesen Rundfunkübertragungen standen damals die Mikrophone an der Rampe und erfassten weiter entfernte Sänger und den Chor oft schlechter als den Souffleur, auch der Eindruck vom Orchester ist kaum sehr durchsichtig, aber diese Dokumente geben uns dennoch einen fernen Abglanz einer Interpretationsweise, die untergegangen ist.
Zu der Zeit, als Klemperer die Berliner Krolloper leitete und dort die Operntradition revolutionierte - in den Jahren 1927 bis 1931 - machte man natürlich noch keine Opernaufnahmen, das begann erst in den 30er Jahren, doch die Budapester Platten lassen immerhin Rückschlüsse zu. Klemperers Dirigieren wurde der "Neuen Sachlichkeit" zugeschlagen. Das scheint völlig falsch. Er machte zwar Schluss mit romantischen Willkürlichkeiten beispielsweise bei der Interpretation Bachs oder mit Zopfigem bei Mozart, aber er, der so viel neue Musik aufführte, spielte auch das Alte nur, wenn er etwas zu sagen hatte, und das tat er nie mit kühler Sachlichkeit.
An der Legende der Krolloper wird mit Recht auch herumgekratzt. Eine goldene Zeit war die Endphase der Weimarer Republik gewiss nicht. Man warf Klemperer vor, ihm seien die Sänger egal, entweder fordere er von ihnen Unmögliches - wie eben beim Fidelio - oder gute Darsteller seien ihm wichtiger als gute Stimmen. Hören Sie die Arie der Konstanze aus Mozarts Entführung, hören Sie, wie der Dirigent Otto Klemperer sich mit Mária Gyurkovics eine ganz einheitliche Auffassung erarbeitet hat.
Musik 5
Mozart, Entführung - Platte, Seite 2, Schluss - 4'32
Mária Gyurkovics sang die Arie der Konstanze aus dem zweiten Akt der "Entführung aus dem Serail" von Wolfgang Amadeus Mozart in einer Rundfunkaufnahme vom 20. März 1950. Nur in Budapest konnte Klemperer den Zyklus von Mozarts fünf bekanntesten Opern dirigieren, erst in London nahm er vier davon als Achtzigjähriger für die Schallplatte auf, dirigierte aber nur die Zauberflöte 1963 in Covent Garden - über diesen späten Don Giovanni hat immerhin kein geringerer als Adorno eine begeisterte Kritik geschrieben. Doch eigentlich entfaltete Klemperer sich erst bei Liveaufführungen. In den Archiven der Plattenindustrie gibt es genügend Konzertmitschnitte, doch werden sie zurückgehalten, weil die Studioproduktionen perfekter scheinen. Dafür sind sie auch steriler. Die Budapester Livemitschnitte beweisen, wie sehr Klemperer Theatermensch war, gerade als Mozartdirigent. Natürlichkeit ist das erste Kennzeichnen seines Stils, und gerade beim Singspiel der "Entführung" vermittelt das ausgezeichnet zwischen den jähen Stimmungsumschwüngen. Hören Sie den Schluss des ersten Akts, das Terzett zwischen Belmonte und Pedrillo auf der einen Seite, die hinein wollen ins Haus, und Osmin auf der anderen, der sie daran zu hindern sucht.
Musik 6
Mozart, Entführung - Band 107/4814/1000, take 2 - 1'56
Endre Rösler war Belmonte, Arpád Kishegyi war Pedrillo und Mihály Székely der Osmin. Eines der Geheimnisse Klemperers war, dass er seinen Produktionen in unerbittlichen Proben seinen Stempel aufzudrücken wusste, in der Aufführung aber freie Hand ließ. In der etwas pathetischen Ausdrucksweise von damals formulierte das ein Kritiker so:
Otto Klemperers Fall illustriert auf klassische Weise, dass die echte Wirkung des Dirigenten nicht von der malerischen Schönheit, dem Spektakulären dirigierender Bewegungen abhängt. Wie oft können wir schließlich beobachten, dass dieses Gestikulieren nicht einmal als Zeichen zum Beginn dem Spiel der Orchestermitglieder vorausgeht, sondern sich diesem gleichzeitig mit dem Erklingen oder nachträglich anschließt, dieses erläutert oder verziert, vor allem für das Auge des Publikums, also eine Erscheinung eher begleitender als initiierender Natur ist! ... Dieser durch zwei Hirnblutungen gelähmte geniale Dirigent greift sozusagen nur dann zum Steuerrad, wenn sein Schiff die Richtung wechselt. Nachdem er das geordnet hat, lässt er wiederum zu, dass es selbst die Wellen teilt. Er klammert sich nicht mit seinem Willen würgend im Nacken des Orchesters fest, er weist ihm nur die Richtung, und dann überwacht er es mit väterlicher Weisheit. Doch dieser weise Wille - wir können es nicht anders nennen - hat Fluidum, dessen Kraft das Orchester fasziniert und in seiner Verzückung über sich selbst erhebt.
Hören Sie also, wie Klemperer das Schiff durchs Finale der Entführung steuerte.
Musik 7
Mozart, Entführung - Band 107/4814/1000, take 4 - 5'33
In einem Mitschnitt aus der Budapester Oper vom 20. März 1950 hörten Sie das Finale der "Entführung aus dem Serail" von Wolfgang Amadeus Mozart. Glücklicherweise konnten die Platten der Entführung und der Zauberflöte komplett umgeschnitten und ohne Dialoge auf Doppel-LPs veröffentlicht werden. Die Platten mit Don Giovanni befanden sich in viel schlechterem Zustand. Hier konnten nur einige Nummern und die beiden Finali verwendet werden. Der Eindruck ist trotzdem fulminant. Ich will Ihnen zumindest die Arie der Donna Anna vorspielen, gesungen von Júlia Osváth.
Musik 8
Mozart, Don Giovanni - Band 107/4814/700, take 1 - 2'23
Das war die Arie der Donna Anna, gesungen von Júlia Osváth am 22. Oktober 1948 in einer stürmischen Aufführung der Ungarischen Staatsoper unter Otto Klemperers Leitung. Die Tempi waren auch hier bisweilen extrem rasch. Ganz unspektakulär ist die am 30. März 1949 vom Rundfunk übertragene Aufführung der Zauberflöte. Sie trägt alle Male des Theateralltags, ist aber doch insofern typisch, als Klemperers Auffassung der Zauberflöte eben in der Schlichtheit besteht. Klemperer vermied alles "Interpretieren", ließ der Musik ihren natürlichen Fluss, dem Komischen wie dem Ernsten.
Musik 9
Mozart, Zauberflöte - Band 107/4814/1100 - 6'25
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