Der junge Hindemith und die Bühne
Eine Sendung von Bernd Feuchtner
29.1.1989, 75 Minuten

Musikbeispiele:
Mörder, Hoffnung der Frauen: 6'
In einer Nacht (Klaviersuite):
Das Nusch-Nuschi: 14'55
Sancta Susanna: 6'
Der Dämon: 26'


- Ansage: Das Radio-Sinfonieorchester Berlin spielt zunächst unter der Leitung von Gerd Albrecht den Anfang des Einakters "Mörder, Hoffung der Frauen". Es singt der Verstärkte RIAS-Kammerchor, Einstudierung Uwe Gronostay. Als Solisten hören Sie Franz Grundheber, Bariton, und Gabriele Schnaut, Sopran, sowie Wilfried Gramlich, Tenor, Victor von Halem, Bas, Lucy Peacock, Sopran und Gabriele Schreckenbach, Alt.

- Musik: Mörder, Hoffnung der Frauen, Anfang ca. 6'

Dies war der markige Anfang der Oper "Mörder, Hoffnung der Frauen", nach dem expressionistischen Drama des Malers Oskar Kokoschka. Hier stehen sich gegenüber Der Mann und Die Frau, archaisch in ihrem Widerspruch, deshalb verlegt ins Altertum. Der Mann ist Krieger, der Führer der Krieger, die Frau hat nur auf ihn gewartet, klebrig sozusagen, um ihm neue Wunden zu schlagen. Beim Kampf kommt auch sie nicht unverletzt davon, aber es ist ein Männerstück, Strindberg ins Extrem verschärft, im hohen Ton, der dem Expressionismus von der Gründerzeit und vom Jugendstils geblieben ist, und in dem der Mann den Frauen am Ende entkommt wie dem Krieg: Wie Mücken erschlägt er sie.

Im Sommer 1919 schrieb Paul Hindemith dieses erste Bühnenstück. 23 Jahre alt war der Komponist damals, und er betrachtete es als die entscheidende Wendung von der Reger-Nachfolge zur "ultraüberspannten" Richtung, wie er es nannte. Der junge Musiker hatte früh Erfolg gehabt, war mit 21 Jahren schon Konzertmeister an der Frankfurter Oper geworden - es war Krieg. Ganz eigenständig waren seine ästhetischen Grundsätze nicht, manches an dieser Musik klingt altklug. Sein erster Einakter ist aber kein formloses Experiment, sondern wird durch eine erweiterte Sonatenform zusammengehalten. Auch seine Orchestersprache rührt nicht nur aus der Erfahrung im Orchestergraben her.

Das Opernhaus war für den jungen Hindemith manchmal allerdings auch die Stätte seiner Alpträume. Jedenfalls muss man das aus seiner Klaviersuite "In einer Nacht" schließen, die er 1917-19 schrieb: Als "böser Traum" taucht dort ein Motiv aus Verdis "Rigoletto" auf. Die Suite mit dem Untertitel "Träume und Erlebnisse" besteht aus vierzehn Sätzen. Sie hören die letzten vier mit den Titeln: Prestissimo, Böser Traum, Foxtrott und Finale: Doppelfuge mit Engführungen.

Musik: "In einer Nacht", 7'35

Diese Stücke aus der Klaviersuite "Aus einer Nacht" von Paul Hindemith, gespielt von Werner Bärtschi, in denen die Oper nur als "Böser Traum" vorkam, entstanden zugleich mit dem ersten Einakter "Mörder, Hoffnung der Frauen". Im folgenden Jahr 1920 schrieb der Komponist erneut eine einaktige Oper. Das einstündige Werk trägt wie der Erstling einen rätselhaften Titel: "Das Nusch-Nuschi". Als Untertitel nannte der Textautor Franz Blei das Stück ein Spiel für burmanische Marionetten. Um Sexualität geht es auch hier, aber ganz spielerisch-locker, ohne jede Verkrampfung.

Musik: "Das Nusch-Nuschi", Anfang 1'00

Nie wieder ist Hindemith eine derartige Leichtigkeit gelungen. Die reizende Spiellaune entsteht im "Nusch-Nuschi" gerade deshalb, weil sie absichtslos ist und nicht den Zeigefinger hebt und sagt: "Jetzt sind wir aber mal ganz naiv!"

Jeder Spieler stellt sich dem Publikum selbst vor, so auch die vier Frauen des Kaisers, die zum wachsenden Entsetzen des Dieners Tumtum eine nach der anderen sich zum Rendezvous mit seinem schönen Herrn Zatwai eingeladen fühlt. Die vier Arien sind zugleich kleine Kabinettstücke an musikalischer Parodie.

Musik: "Das Nusch-Nuschi", 5'27 bis 12'24 7'00

Das waren die Auftrittsarien der vier Frauen des Kaisers aus Hindemiths Operneinakter "Das Nusch-Nuschi", gesungen von Verena Schweizer, Celina Lindsley, Gabriele Schreckenbach und Gudrun Sieber. Die letzte Arie unverkennbar eine Parodie der Mater Gloriosa aus Mahlers Achter - Hindemith verstand es, Frauenbilder treffend musikalisch zu charakterisieren.

Was aber zum Teufel hat es nun mit dem Nusch-Nuschi auf sich? Es wird als ein Tier, halb große Ratte, halb Kaiman charakterisiert, das langsam kriecht und schnauft. Und da der Diener Tumtum jetzt in höchster Gefahr schwebt, für die Schandtat seines Herrn büßen zu müssen, hat es nun seine dramaturgische Funktion zu erfüllen. Tumtum sieht den alten Feldgeneral Kyce Waing heranwanken, Besiegter zahlloser Schlachten und sturzbetrunken. Ihn hat Tumtum zu seinem neuen Herrn erkoren - doch wie? Da erscheint das Nusch-Nuschi, auf ihm sitzt unsichtbar der Gott des Verlangens und prophezeit Tumtum die Rettung. Sie hören Victor von Halem als Kyce Waing, Wilfried Gramlich als Tumtum und Peter Maus als Gott Kamedawa, begleitet wieder vom Radio-Sinfonieorchester Berlin unter der Leitung von Gerd Albrecht.

Musik: "Das Nusch-Nuschi", 16'08 bis 19'15 2'10

Der für seine Rettung vor dem Nusch-Nuschi dankbare General nimmt Tumtum tatsächlich in seine Dienste. Verwandlung. Das Fest bei Tumtums erstem Herrn, dem schönen Zatwai. Und jetzt gibt es etwas zu hören, was kaum jemand für möglich hält: erotische Musik von Paul Hindemith. Dem 24jährigen Komponisten machte es offenbar den größten Spaß, die völlig eindeutigen Gesänge der Bajaderen zu vertonen. Von ihnen erfahren wir übrigens auch, dass sie noch am Vorabend beim General zu tun hatten, der für Frauen jedoch nur schöne Worte habe, da er von Vel Ragaranta, dem Gott der einen Lanze, schlecht bedacht worden sei. Daran werden wir noch denken müssen.

Es steckt aber auch etwas vom späteren Hindemith im "Nusch-Nuschi". Wenn der schöne Herr Zatwai nacheinander mit den vier Frauen des Kaisers im Nebengemach verschwindet, kommt ein instrumentales Zwischenspiel, das in einer Choralfuge gipfelt, wie schon die Klavierstücke "Aus einer Nacht". Bloß dass Hindemith für eine Choralfuge an ausgerechnet dieser Stelle eine hübsche Begründung hatte:

Folgende Choralfuge (mit allem Komfort: Vergrößerungen, Verkleinerungen, Engführungen, Basso ostinato) verdankt ihr Dasein lediglich einem unglücklichen Zufall: sie fiel dem Komponisten ein. Sie bezweckt weiter nichts als dies: sich stilvoll in den Rahmen dieses Bildes zu fügen und allen Sachverständigen Gelegenheit zu geben, über die ungeheure Geschmacklosigkeit ihres Schöpfers zu bellen. Hallelujah!) - Das Stück muss in der Hauptsache von zwei Eunuchen mit ganz ungeheuer dicken Bäuchen getanzt (gewackelt) werden.

Musik: "Das Nusch-Nuschi", 34'30 bis 39'15 4'45

Natürlich wird der nächtliche Spaziergang der Frauen des Kaisers entdeckt und ebenso natürlich wird Tumtum gefangen. Er leugnet nicht, die vier Frauen zu seinem Herrn geführt zu haben, aber als er nach dessen Namen gefragt wird, sagt er ebenso wahrheitsgemäß den Namen des Generals. Der Kaiser ist entsetzt: "Mir dies, Kyce Waing, mir dies! Wohin nun Treue, da er sie verriet! Wohin nun Ehr und echte Art...", was Ihnen, meine Hörer, zweifellos bekannt vorkommt. Das Urteil lautet auf die übliche Strafe, doch der Henker kommt völlig geknickt vom Versuch der Ausführung jener Strafe zurück, von der Tumtum meint, sie sei bei den Frauen besonders deswegen ungern gesehen, weil dann nichts zu sehen sei. "Meine Ehre ist befleckt!", ruft der Henker und fügt hinzu: die Vollstreckung war nicht nötig. Das große allgemeine Gelächter geht über in ein neues Liebesgelage.

Bei der Uraufführung der ersten beiden Einakter 1921 in Stuttgart durch Fritz Busch und mit den Bühnenbildern von Oskar Schlemmer gab es in der Presse fast nur Hasstiraden. Die Tristan-Parodie ausgerechnet in diesem Zusammenhang, die Verunglimpfung der Madonna und der Choralfuge - dieser freche Bengel frevelte an jedem deutschen Heiligtum.

Mittlerweile hatte die "Sancta Susanna" Hindemiths Einakter zum Triptychon ergänzt, das 1922 in Frankfurt durch Ludwig Rottenberg uraufgeführt wurde, und in dieser "Sancta Susanna" ging er über die Blödeleien des "Nusch-Nuschi" noch ein Stück hinaus. Hier wehrt sich eine Nonne gegen die Unterdrückung aller Sinnlichkeit durchs Klosterreglement. Sie versteht sich so als Braut Christi, dass sie sich das Brusttuch und dem Gekreuzigten das Lendentuch herunterreißt.

Musik: "Sancta Susanna", ab Klementia: "Keuschheit..." 6'

Das war der Schluss des Einakters "Sancta Susanna" aus dem Jahr 1921 von Paul Hindemith. Sie hörten Helen Donath, Gabriele Schnaut und Gabriele Schreckenbach, die Damen des RIAS-Kammerchors und das Radio-Sinfonieorchester Berlin unter der Leitung von Gerd Albrecht.

Im Jahr 1922 entstand eine weitere Bühnenarbeit Hindemiths, die bereits den Umschlag seiner Musiksprache anzeigt, die Tanzpantomime "Der Dämon" von Max Krell, geschrieben für die Darmstädter Ausdruckstänzerin Nini Willenz. Es spielt nur noch ein kleines Solisten-Ensemble. Der Plot behandelt wiederum die Mann/Frau-Problematik:

Zitat 1'40

Musik: "Der Dämon", 1. Bild

Dies war das Erste Bild der Tanzpantomime "Der Dämon" aus dem Jahr 1922 von Paul Hindemith, gespielt von Mitgliedern des Radio-Sinfonieorchesters Berlin unter der Leitung von Gerd Albrecht. Hier die Handlung des Zweiten Bildes:

Zitat 2'10

Musik: "Der Dämon", 2. Bild


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