...das dann das ganze Leben umwirft

Der Weg Günter Wands zu den Sinfonien von Franz Schubert

Von Bernd Feuchtner (1997)


- Musik: 9. Sinfonie, Colin Davis, Staatskapelle Dresden, 1. Satz Anfang

Franz Schubert, die Einleitung zur großen C-Dur-Sinfonie - oft hört man sie so: romantisch, etwas wehmütig, großer Klang, der Auftakt zu "himmlischen Längen". Wir haben eine beliebige Platte genommen, es ist einfach die letzte Neuveröffentlichung mit Colin Davis und der Staatskapelle Dresden. Wunderbar ausziselierte Orchesterfarben, großartig sich entfaltende Motive - und doch tritt die Musik irgendwie auf der Stelle. Das Ganze gibt sich sehr grandios und zerfällt doch in lauter kleine Schönheiten. Alle Noten sind zur Stelle, aber ist das Schubert? Darf große Musik so beliebig klingen?
Diese Fragen stellte sich vor 50 Jahren auch ein junger Kapellmeister. Jede Generation muss ihre Klassiker selbst entdecken, und mit Schubert tat Günter Wand sich schwer. Was er da vor allem bei der großen C-Dur-Sinfonie von den Kollegen zu hören bekam, überzeugte ihn gar nicht. Wenn er überhaupt etwas zu hören bekam...

Ich war ja ein junger Mann, wie ich alle diese Aufgaben übertragen bekam, ich war ja erst grade Anfang 30, als ich in Köln Chef wurde, und bis dahin war ich Opernkapellmeister gewesen, hab auch ein Konzert mal dirigieren dürfen in Allenstein oder in Detmold, oder wo ich grade war. Aber das war ja alles für mich Neuland. Und als Gürzenich-Kapellmeister konnte ich zwar sagen, gut, das dirigieren andere. Es war ja selbstverständlich, die h-moll-Messe zu dirigieren oder die Missa Solemnis zu dirigieren, und so weiter, das gehörte zu meinen amtlichen Pflichten, da konnte ich mich nicht vor drücken und das wollte ich auch nicht. Weshalb ich das jetzt erwähne, ist, dass ich natürlich, als ich dann nach Vorbildern Ausschau gehalten habe, wobei man ja noch dazusagen muss, dass in der Zeit, von der ich jetzt rede, also die ersten Nachkriegsjahre vor der Währungsreform, da gab’s ja keine Radioprogramme in dem Sinn, dass Sie mal reinhörten in den Funk. Sie konnten noch nicht mal hin- und herfahren zwischen den Städten. Die meisten können sich das ja heute nicht vorstellen, unter welchen Umständen wir damals gearbeitet und gelebt haben, bis endlich die Währungsreform 1948 kam. Mit anderen Worten, es gab wenig zu kontrollieren, und wenn man das mal gekonnt hat irgendwo, dann handelte es sich um bedeutende Persönlichkeiten, die man eingeladen hatte. Für mich war das schon bedeutend, dass ich da mal zuhören konnte, ich habe die besten Dirigenten, die man, ob das Fritz Busch oder Pierre Monteux oder Carl Schuricht oder Klemperer und Böhm, die haben doch alle am Gürzenich-Pult gestanden, und ich war nicht so überheblich und dumm, dass ich gedacht habe, ich weiß alles besser. Aber dann doch dieser Abstand bei diesen bestimmten Stücken, wo ich dachte: Ne!

Bis Günter Wand der Maßstäbe setzende Schubert-Interpret wurde, sollten drei Jahrzehnte vergehen. Und vielleicht hat das auch mit dieser Abstinenz zu tun: Für Günter Wand gehörte Schubert nicht zum Betrieb. Da gab es nicht die Falle der Routine. Und durch den Abstand der Jahre bestand auch nicht die Gefahr, die Schubert-Interpretation Wilhelm Furtwänglers nachzuahmen, die so viele Dirigenten beeinflusst hat.

Ich war ein Schwärmer für Furtwängler, ich weiß das noch genau, da war ich Oberprimaner, da kam der mit den Berliner Philharmonikern nach Elberfeld, meiner Heimatstadt, und dann gastierten die da, spielten Leonoren-Ouvertüre und so was, und das war für mich ein unglaubliches Erlebnis, unglaubliches Erlebnis. Später hat sich das sehr gewandelt. Das heißt nicht, dass ich einen großen Mann nicht einen großen Mann sein lasse - verstehen Sie mich um Himmels willen richtig, das ist es nicht - sondern meine Anschauung von Musik hat sich gewandelt, und was man als Dirigent darf.

"Was man als Dirigent darf..." - ein Schlüsselsatz für Günter Wand. Darf man überhaupt "interpretieren", den Noten etwas hinzufügen? Aber es steht ja auch etwas hinter den Noten. In unserem Gespräch weist Günter Wand beharrlich darauf hin, wie sehr es ihm widerstrebt, über den Inhalt der Musik zu reden, obwohl er weiß, dass er in den Proben diese Grenze selbst immer wieder überschreiten muss, um den Musikern seine Absichten deutlich zu machen. Doch darf man mit dem erhobenen Zeigefinger dirigieren und dem Publikum die persönliche Sichtweise mit dem Holzhammer einbläuen?

Was ich in der großen Musik nicht haben will, ist Privates. Wirklich große Musik ist nie privat. Was sie ausdrückt, ist nicht privat. Sie ist nicht mehr die Beleuchtung oder Darstellung eines persönlichen - meinetwegen sehr erhabenen, großen - Gefühls. Das war es: dass ich das Gefühl hatte, diese Musik wird benutzt, um persönlich sich auszudrücken in dem, was man fühlt und denkt, in religiöser Hinsicht. Und da bin ich mit dieser Musik dann nicht klargekommen, also diese Musik, da meine ich 5. Bruckner zum Beispiel, 9. Bruckner, erster Satz, solche Geschichten, aber eben auch diese große C-Dur von Schubert. Ich dachte immer: das ist sie so nicht, nein so ist sie nicht.

Dreißig Jahre lang ließ Günter Wand sich dadurch davon abhalten, Schubert zu dirigieren. Wovor er zurückschreckt, ist die Frage, ob er sich mit seiner eigenen Auffassung gegenüber der Musikwelt würde behaupten können. Die so berühmt gewordene zyklische Aufnahme der Schubert-Sinfonien durch Günter Wand ging zu allerletzt auf die Initiative des Dirigenten zurück

Ich bin ganz ehrlich: der Herr Dr. Lang damals, der war Musikabteilungsleiter, der rief mich an, nachdem ich die Neunte, die große C-Dur gemacht hatte, "Wollen Sie nicht diese ganzen Sinfonien mal mit uns aufnehmen?" Ich krieg’ dann immer einen ziemlichen Schreck und denk’, das kannst du ja doch nicht. Ich habe halt immer das Gefühl: Schaffst du das? So ist es mir ja bei Bruckner auch gegangen. Und dann hab’ ich ein paar Tage überlegt - ja gut, ich mach’ das. Es war ja alles nicht an Veröffentlichungen gedacht, das ist später von selbst gekommen. Die neun Schubert-Sinfonien, die neun Bruckner-Sinfonien waren Aufnahmen für den Westdeutschen Rundfunk. Eine kolossale Chance, finde ich heute, für mich auch. Ich habe mich ja sehr spät an diese Schubert-Sinfonien rangewagt. Ich war 60 Jahre alt, 1972 habe ich das Stück zum ersten Mal dirigiert.

Und als Wand die große C-Dur-Sinfonie zum ersten Mal dirigierte, geschah das nicht in Köln, sondern in Paris.

Das war eine Art Festival unter dem Namen "Prestige de la Musique", und da spielte das Radio-Orchestre National, und im Programm war die As-Dur-Messe mit dem Chor des BR und dem Orchestre National und dann Pause, und dann die große C-Dur. Und das hatte auch grade bei den Musikern einen so unglaublichen Eindruck gemacht, das hat mich so getröstet, weil ich es zum ersten Mal so gemacht hatte, wie ich mir das gedacht hatte.

- Musik: 9. Sinfonie, Günter Wand, BPO 1995, 1. Satz

Franz Schubert, erster Satz der großen C-Dur-Sinfonie, gespielt in einem Konzert der Berliner Philharmoniker mit Günter Wand im Jahr 1995. Nun hat der Dirigent bereits über zwei Jahrzehnte Erfahrung mit dieser Sinfonie, er muss keine Auffassung mehr durchsetzen, sondern weiß, dass die Musiker und das Publikum seine Interpretation erwarten. Wenn dieser Interpretation eines abgeht, dann Vagheit und pseudoromantische Gefühlsduselei.
Diese Musik ist zielgerichtet, aber nicht im Beethovenschen Sinn. Schubert ist kein Kämpfer, obwohl Beethoven, den er nur um ein Jahr überlebte, in der Sinfonie ein großes Vorbild war. Schubert gehört einer anderen Generation an, die Ideale der Französischen Revolution sind im Metternichstaat längst nur noch Schatten. Das Wandern, das im späteren Schubert immer öfter durch die Lieder geistert, hat seine Ursache in innerer und äußerer Unruhe, die kein Ziel und keinen Ausweg findet. Auch das Hauptthema des ersten Satzes der großen C-Dur-Sinfonie ist ein Wanderthema. Das macht das Stück aber noch lange nicht zu einer Liedersinfonie. Die Wanderung beginnt nicht unangefochten, davon erzählt die Einleitung, dann geht es frisch voran bis der Schluss ins Offene, in die Weite hineinlacht. Mahler hat den ersten Satz seiner 1. Sinfonie ganz nach diesem Muster gestaltet. Und so, befreit vom Ballast pathetischer Interpretation, klingt Schuberts Kopfsatz auch bei Günter Wand.
Der entscheidende Konflikt findet in dieser Sinfonie nicht im Kopfsatz statt, sondern im langsamen Satz. Wie nie zuvor werden die Dissonanzen getürmt und der gesamte Verlauf aufgesprengt. Eine Lösung durch Kampf wie bei Beethoven kann es hier nicht geben. Soweit ist Schubert Romantiker. Er stellt sich dem unauflösbaren Widerspruch, aber er resigniert nicht. Er ist soweit Klassiker, dass er das individuelle Unglück transzendiert ins allgemeine Heil. Schubert ist 31, als er diese Sinfonie schreibt, er weiß zwar nicht, dass sein Leben zu Ende geht, aber er weiß, dass er tödlich krank ist, er hat Syphilis, und das ist so, als hätte er heute Aids. Seit fünf Jahren lebt er mit der Krankheit und damit auch mit dem Tod. Das, was das Schönste sein sollte, die Liebe, hat den Tod gebracht. Damals, im Jahr 1823, hatte Schubert ein Gedicht mit dem Titel "Mein Gebet" geschrieben:

Tiefer Sehnsucht heil'ges Bangen
Will in schön're Welten langen;
Möchte füllen dunklen Raum
Mit allmächt'gem Liebestraum.

Großer Vater! reich' dem Sohne,
Tiefer Schmerzen nun zum Lohne,
Endlich als Erlösungsmahl
Deiner Liebe ew'gen Strahl.

Sieh, vernichtet liegt im Staube,
Unerhörtem Gram zum Raube,
Meines Lebens Martergang
Nahend ew'gem Untergang.

Tödt' es und mich selber tödte,
Stürz' nun alles in die Lethe,
Und ein reines kräft'ges Sein
Lass, o Großer, dann gedeih'n.

Diesen Gedanken folgt noch die große C-Dur-Sinfonie des Jahres 1828: das Finale wandelt auf den Pfaden von Beethovens Neunter, versenkt das eigene Unglück ins allgemeine Glück: "...alle Menschen werden Brüder, wo dein sanfter Flügel weilt..." Wenn ein Komponist wie Franz Schubert diese Leistung der Objektivierung vollbracht hat, sollte das die Interpreten doch davon abhalten, ihre kleinen Gefühlsergüsse darauf abzulagern. Es gibt eine sehr merkwürdige, aber fatale Neigung, Schubert zu sentimentalisieren, und das hindert den Hörer daran, die Größe der Musik zu erfassen. Hat man die Größe der Musik von Franz Schubert aber einmal erfasst, ist das Leben nicht mehr das gleiche wie vorher - und wenn man schon 60 Jahre alt ist, wie Günter Wand, als er zum ersten Mal Schuberts große C-Dur dirigierte.

Dass den Noten etwas Privates an Gefühlen unterlegt worden ist, das hat mich abgestoßen. Aber alle haben es so gemacht. Und ich dann gedacht habe, jetzt oder nie. In dem Alter! Das ist ganz unglaublich, dass man da ein solches Erlebnis haben kann, das dann das ganze Leben umwirft und die Werte verändert.

Seitdem sind 25 Jahre vergangen, und in denen ist der Dirigent nicht stehen geblieben, sondern setzt sich weiter mit der Musik auseinander. Zum Beispiel mit der oft diskutierten Frage, in welcher Temporelation die Einleitung zum Allegro stehen sollte.

Ich hab’ mir kürzlich noch mal die Orchesternoten angesehen, weil ich ein paar Eintragungen von mir ändern wollte, und bin darauf gestoßen, dass doch tatsächlich in allen Geigen - Streichern sogar, nicht nur Geigen - gedruckt ist "Alla breve", und das merkwürdige ist, bei den Bläsern nicht. Bei keinem Komponisten - Mozart vielleicht ausgenommen - ist so viel geschludert worden. Wenn man nur mal sich anguckt die Bedeutung der Keile und der Staccatopunkte. Zum Beispiel 2. Satz von dieser großen C-Dur-Sinfonie: ... die erste Note hat einen Staccatopunkt, die drei folgenden Achtel haben Keile, und der nächste Takt hat Staccatopunkte. Also ist es doch was anderes, ob ich spiele... Das verstehe ich unter "die Noten angucken". ... Und die Frage der Überleitung mit diesem berühmten Furtwänglerschen Accelerando im ersten Satz zu dem Allegro hin. Ja, wenn Sie das 1. Hornthema so langsam spielen, dass Sie es nur in 4 hören können statt in 2, dann kommen Sie natürlich in Druck, wenn Sie die Überleitung machen wollen von der Einleitung ins Allegro hinein. Sie brauchen das gar nicht. Wenn die Triolen in den ersten und zweiten Geigen vor dem Allegro als Doppeltriolen verstanden werden, d.h. im Grunde genommen als Sextolen, wie es ja der Vorschrift "Alla breve" entspräche, dann kommen Sie ganz von selbst, haben Sie die Vorlage schon, dann brauchen Sie gar nicht accelerieren, das ist ganz logisch.

Für den Interpreten gibt es viele Hinweise in den Noten, man muss nur genau hinsehen und sich mit der Tradition beschäftigen, in der Schubert sich verstanden hat. Aber auch der umgekehrte Blick ist hilfreich.

Ich bin vielleicht durch meine außerordentlich große Beschäftigung mit der Moderne zu einer anderen... ich habe es anders gehört. Dazu kommt noch etwas: Ich bin komponistengläubig. Es bezieht sich nicht nur darauf, dass ich meine, die Noten sollten so gespielt werden, wie sie der Komponist dahin geschrieben hat, sondern das bezieht sich schon, sagen wir mal, auf die Angabe eines Taktes. Dass man begreift, dass ein 2/4-Takt etwas anderes ist als ein 4/8. Und der zweite Satz der großen C-Dur ist halt ein 2/4-Takt. Und der zweite Satz der 7. Beethoven ist übrigens auch ein 2/4-Takt und kein 4/8-Takt. Und wenn Sie darauf hin mal die verschiedenen Interpretationen mal durchhören, dann hören Sie doch, dass vielen Dirigenten das nicht ganz klar ist, dass es einen Unterschied zwischen einem 2/4- und einem 4/8-Takt gibt. Aber was man nicht bestreiten kann, ist, dass wenn ein Komponist vom Range Beethovens hinschreibt: Ganze Takte gleich soviel - und nicht: Viertel gleich soviel, Eroica, 1. Satz, da steht Ganze Takte gleich - da hat er ja wohl Ganze Takte gehört! Thematisch und in der Entwicklung. Und wenn das klar ist, gibt das ein total anderes interpretatorisches Bild.
Der 4/8-Takt im zweiten Satz führt zu einem Marsch. Das 2/4 führt zu einem Tanz, das ein ganz gewaltiger Unterschied.

- Musik: 9. Sinfonie, Günter Wand, RSO Köln 1977, 2. Satz Anfang

Den Beginn des zweiten Satzes der großen C-Dur-Sinfonie von Franz Schubert spielte das Rundfunk-Sinfonie-Orchester Köln unter der Leitung von Günter Wand in einer Produktion aus dem Jahr 1977. Das genaue Studium der Noten ist bei den bekanntesten Stücken am wichtigsten, die man im Schlaf zu kennen glaubt. Den Druckausgaben der Beethoven-Sinfonien darf man nicht trauen, und auch denen der Schubert-Sinfonien nicht, selbst wenn der Herausgeber Johannes Brahms heißt. Denn zu Lebzeiten Schuberts kamen die Sinfonien nicht aufs Konzertpodium - von den frühen Sinfonien abgesehen, die der Komponist noch mit dem Konviktsorchester aufführen konnte - und später gab es keine Aufführungstradition. Man sah die Manuskripte in den Achtziger Jahren des 19. Jahrhunderts mit den Augen einer späteren Generation an und bei der Drucklegung verwandelten sie sich in deren Musiksprache.

Zum Teil ja auch mit Verfälschungen! Diese wunderbare Dissonanz unmittelbar vor der Wiederholung in der Unvollendeten im ersten Satz, nicht wahr, diese Reibungen da, das ist ja schon phantastisch! Ich weiß nicht ob es von Brahms ist, man sagt, es ist von Brahms, jedenfalls im Druck ist es so erschienen, mit der Verfälschung. Und es hat einen solchen Abstand dadurch, dass die Harmonie nicht aufgeweicht ist als Septe!

Die "Unvollendete", die h-moll-Sinfonie, hat nur zwei Sätze, die Skizzen für Scherzo und Finale sind nicht nennenswert. Wie soll man das aufführen? Soll der Hörer das Empfinden haben, das Stück sei noch nicht zuende?

Für mich ist das ein Abschluss, ich kann’s mir nicht vorstellen. Er hat ja auch Zeit genug gehabt, jahrelang Zeit gehabt, es zum Abschluss zu bringen. Statt dessen gibt es nur diese paar Takte. Bei Bruckner ist es ja eigenartig, Bruckner hat ja ein ganzes Jahr unterbrochen, nur um noch mal ‘ne neue Fassung von der Ersten Sinfonie zu schreiben: ein ganzes Jahr die Arbeit unterbrochen an der Neunten! Da kann mir auch keiner was erzählen von wegen er ist dann gestorben.

- Musik 8. Sinfonie, Günter Wand, BPO, 2. Satz Schluss

Der zweite Satz der "Unvollendeten", der h-moll-Sinfonie von Franz Schubert in einer Liveaufnahme der Berliner Philharmoniker mit Günter Wand im März 1995. Was Günter Wands Interpretationen der Schubert-Sinfonien auszeichnet, ist das Gefühl für Proportionen. Wann müssen Wiederholungen gespielt werden, wann nicht. Viele Dirigenten spielen Wiederholungen im langsamen Satz der Fünften Sinfonie nicht, weil er dann zu lange wirkt. Anschließend rasen sie durch das Scherzo, um endlich zum Finale zu kommen - das ist doch nur Ausdruck mangelnden Vertrauens in die Musik. Gerade die Fünfte Sinfonie ist aber ein ganz erstaunlich reifes Werk aus dem Jahr 1816, in dem auch schon die Vierte entstanden war, ein Werk, das den Geist Mozarts in sich aufgenommen hat und doch einen ganz eigenen Funken daraus schlägt.

In der Fünften Schubert im ersten Satz - natürlich muss man die Wiederholungen machen, das ist ganz klar im ersten Satz ich mache alle Wiederholungen, in der Fünften Schubert alle Wiederholungen. Warum auch nicht? Also ich finde, der zweite Satz kann überhaupt nicht lang genug sein. Ich sage immer am Ende - und ich fühle mich mit meinen Musikern einig, die das mit mir spielen - schade, dass es schon aus ist, sage ich immer dazu: wenn es doch noch nicht aus wäre! Dieses Abgehobensein im zweiten Satz in einer völlig anderen Galaxie geradezu, würde ich sagen, die mit dieser Welt gar nichts mehr zu tun hat, das ist ja derartig erschütternd, in der nicht zu reparierenden Traurigkeit, in der so etwas aufhört, mit den Mollwendungen, dann nichts anderes geschieht wie ein absoluter Tonartenwechsel, ein anderer Rhythmus - bei mir sogar ein anderes Tempo, was nicht da steht - das macht absolut den Eindruck, man verlässt diese Welt und geht - ich will das Wort "Paradies" nicht gebrauchen - in eine andere Welt, wo es diese Not nicht gibt. Und dann wieder zurückführen in das Diesseits - wie kann dieser Satz zu lang sein?

Dieser langsame Satz wirkt nur dann zu lange, wenn das Scherzo zu schnell gespielt wird. Es hat die Aufgabe, das Andante auszubalancieren, und dafür muss man ihm die Zeit lassen. Dann erst zeigt es sich in seiner vollen Größe.

- Musik: 5. Sinfonie, Günter Wand, RSO Köln 1984, 3. Satz

Das Scherzo von Schuberts Fünfter Sinfonie in B-Dur spielte das Kölner Rundfunk-Sinfonie-Orchester unter Leitung Günter Wands in einer Studioaufnahme von 1984.

Dieses Scherzo: wenn man irgendwo weiß, wo Bruckners Scherzi herkommen, dann müsste man sich dieses Scherzo aus der Fünften Schubert mal anhören, dann weiß man das schon sehr, und vergleicht man das dann mit der Dritten Bruckner, oder mit der Zweiten, man weiß dann schon, wo diese Scherzi - ich will nicht sagen ihr Vorbild haben, aber eine Nähe jedenfalls.
Das ist für mich ein Kreis: Mozart–Schubert–Bruckner. Alle drei für mich total unerklärlich, rätselhaft, dass es Lebewesen gegeben hat, das sind Menschen gewesen, ganz verschiedene, aber der Kreis, den sie durchschritten haben, ist der gleiche. Und der eine ist 31 geworden, der andere 35, der andere ist wenigstens 70 geworden. Das reicht schnell ins Glaubensmäßige, also ins Religiöse hinein. Ich glaube schon, dass das Gottesbeweise sind, dass es Menschen wie diese drei gegeben hat, sie so etwas zu Papier gebracht haben.

Die Qualität der frühen Schubert-Sinfonien zu entdecken, war auch für Günter Wand eine Überraschung.

Und in der späten Lebenszeit ist das ausgerechnet für mich das Liebste mit geworden, was es an Musik gibt, diese nicht so oft gespielten Bruckner-Sinfonien und die Schubert-Sinfonien 1, 2, 3 und 5.

- Musik: 3. Sinfonie, Günter Wand, NDR-SO, 4. Satz

Das war der Schluss-Satz von Schuberts Dritter in D-Dur aus dem Jahr 1815. Das Rossinifieber grassierte in Wien.

Wenn man diese Sinfonien nicht ganz ernst nimmt und denkt, na ja das sind halt so Jugendwerke und wir machen schon schön... Aber die müssen perfekt gespielt werden! So was wie die Erste Sinfonie, auch die Zweite Sinfonie, mit 18 Jahren komponiert, diese Ecksätze, was da von den Streichern verlangt wird, das ist nicht von Pappe.

Seine erste Sinfonie schrieb Franz Schubert im September und Oktober 1813, also als 16jähriger Schüler des Stadtkonvikts und Sängerknabe der kaiserlichen Hofkapelle. Im Orchester des Stadtkonvikts hatte er die sinfonische Literatur genauestens kennengelernt, Haydn und Mozart waren ihm der Maßstab, Salieri wird sein Lehrer. Ganz selbständig ist schon Schuberts Melodik. Wir hören den ersten Satz der 1. Sinfonie in D-Dur in einer Studioproduktion aus dem Jahr 1978 mit dem Kölner Rundfunk-Sinfonie-Orchester und Günter Wand.
Noch einen kräftigen Schritt weiter tat Schubert mit seiner 2. Sinfonie in B-Dur, die 1815 entstanden ist. Die erste und die zweite Messe sind bereits komponiert, ebenso die Oper "Des Teufels Lustschloss". Zahlreiche Goethe-Lieder sind entstanden, viele Liebeslieder geschrieben. Schubert arbeitet für den kleinen Kreis der Freunde, aber alle diese Dinge ragen längst weit darüber hinaus.

Ich hab mal einem Schreiber, der so Einführungen schreibt für Schallplatten - ich weiß nicht mehr, wie der hieß - der hat mal gewagt, zu schreiben das seien Fingerübungen: die Erste und Zweite Sinfonie! Das ist doch ungeheuerlich, so etwas. Der zweite Satz der 2. Sinfonie gehört für mich zum Rührendsten, was es in der Musik, in der sinfonischen Musik überhaupt gibt. Da kann man sehr lange drüber sprechen, was in einem jungen Menschen von 18 Jahren vor sich geht, der fähig ist, so was in Noten umzusetzen.

Und wie vermittelt der Interpret Günter Wand dies seinen Musikern?

Ich sage schon vieles dazu, wo ich manchmal denke: darfst du das tun? Aber ich glaube im Grunde genommen sind die Musiker von heute in den Sinfonieorchestern doch rein allgemeinbildungsmäßig, was Literatur anbetrifft, Malerei, auch Philosophie nicht nur Technik. Ich glaube einen Unterschied zu sehen zu den Anfängen, ich bin jetzt über 60 Jahre in diesem Beruf, und da meine ich aus meiner Erfahrung mit den vielen Orchestern, die ich so kennengelernt habe, das allgemeine Niveau - also nicht nur das Musikmachen, sondern auch das über Musik Nachdenken und über Kunst Nachdenken, wozu das ist, und warum das ist, und was unsere Aufgabe ist, das kann sich doch durchaus sehen lassen. Ich weiß nicht, ob die Orchestermusikerkollegen da nicht etwas unterschätzt werden.

Wand hat lange gezögert und zögert auch in unserem Gespräch immer wieder, aber die Erfahrung hat ihm gezeigt, dass er es wagen kann, dem Orchester seine Assoziationen mitzuteilen - das einfachste Gleichnis hilft da oft mehr als ein philosophisches Kolloquium.

In der vierten Variation, da spüre ich ein Gewitterchen bei einem Spaziergang, man geht über Land, wunderbar, und dann kommt so ein Aprilschauerchen, wie Haydn das so schön macht - und es klingt auch ganz nach Haydn zu, aber man hört sofort, es ist Schubert, aber man denkt einen Moment, es klingt nach Haydn, Hut ab - und dann kommt die fünfte Variation, da ist der Regen vorbei und die Sonne guckt wieder raus, wie’s im April so ist, und alles riecht auf einmal anders: es riecht nach Erde, und es ist unglaublich - es ist in der Musik. So oft wir das hören, meine Frau und ich, meine Frau liebt das Stück auch so sehr und bevor wir schlafen gehen, wir gehen sehr spät ins Bett, hören wir oft nachts um halb eins noch ein bisschen Musik, und dann hören wir oft diesen zweiten Satz. Und immer wenn diese Stelle kommt, hat man den Eindruck, das Fenster geht auf und diese Luft kommt rein. Sehen Sie, da sind wir schon mitten drin bei der Gefahr, was ich eben meinte: wo fängt das an und wo hört das auf? Jetzt habe ich also geschildert, wie auf mich, der ich dieses Stück nun glaube zu kennen, und der ich es so oft dirigiert habe, wenn ich es dann tatsächlich klingen höre, welche Assoziationen das für mich bringt, zur Natur hin, zum Himmel, zur Erde, zur Liebe, zur Freundschaft, und, und... Aber die Musik kreist halt um all das.

- Musik: 2. Sinfonie, Günter Wand, RSO Köln 1979, 2. Satz

Das Kölner Rundfunk-Sinfonie-Orchester spielte unter Günter Wand den langsamen Satz aus Schuberts Zweiter Sinfonie B-Dur. Die Studioaufnahme entstand 1979. Günter Wands Aufnahmen der Sinfonien von Franz Schubert haben das Schubert-Bild vieler Menschen verändert, obwohl und gerade weil er weder ein Showstar ist noch aus der modischen Bewegung der Originalklangapostel kommt.

Ich glaube, dass es viele junge Menschen gibt heute, gerade junge Menschen, die gegen Verführung sehr empfindlich sind, glaube ich. Die ein Gefühl haben für Richtigkeit. Nicht mal für "Ah, So! Fantastisch!" und so, sondern für das Richtige. Das ist so einer meiner Hauptwünsche, dass die das hören, müssten das Gefühl haben: Das kann doch gar nicht anders sein, das ist doch so! Ich glaube, diese Suche nach Wirkungen, die außerhalb dieser Überlegungen liegen, die machen leider nicht nur den ausführenden Inspirator, Dirigator, sondern auch die Musik mit verdächtig.

Schuberts Musik hat es nicht nötig, "interessant" gemacht zu werden, die Interpreten tun ihr den größten Gefallen, wenn sie möglichst wenig eigene Erfindung dazutun. Eigenes schon: nämlich wirkliche Aneignung und eigene Empfindung. Nur so lässt sich die Wahrheit finden in der Musik. Nach 25 Jahren der Suche nach der Wahrheit in der Musik von Franz Schubert fragen wir Günter Wand, was ihn persönlich am stärksten bewegt in Schuberts Sinfonien.

Das letzte Drittel des zweiten Satzes der großen C-Dur-Sinfonie: wo er immer wieder versucht, mit dem Thema wieder anzuheben und es gelingt ihm nicht, und es kommt dieser entsetzliche Zusammenbruch und der schreckliche Aufschrei: "Warum!" Und dann - ich weiß nicht, ob man so etwas sagen darf - der Trost im Tod. "Komm zu mir, da ist Ruhe", ich weiß, wie du leidest, komm zu mir - "dann wird Ruh’ im Tode sein", Pamina, Ende der g-moll-Arie, ein bisschen was davon, das bewegt mich außerordentlich. Und dann bewegt mich sehr in der Einleitung der großen C-Dur, wo immer die Oboe alleine niedergeschmettert wird - das hat so was von Orpheus, mit dem schrecklichen "Nein! Nein!", mit dem Gebrüll dazwischen, immer schüchterner, und dann auf einmal die eigene Persönlichkeit und schon schweigen die Posaunen und machen nur noch Forte und lenken ein. Das sind Dinge, die sind ungeheuerlich, und die kann ich eigentlich nur mit Worten, auch in der Probe, was ich da verwirklichen möchte. Und wenn sie es dann machen - dann ist schon wieder: Ja, ist doch klar, warum denn nicht.

- Musik: 9. Sinfonie, Günter Wand, RSO Köln 1977, 2. Satz Schluss


Absage:
Das war der Schluss des langsamen Satzes der 9. Sinfonie in C-Dur von Franz Schubert. Günter Wand dirigierte das Kölner Rundfunk-Sinfonie-Orchester.

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