Die Filmmusik von Sergej Prokofjew
Manuskript für den Südwestfunk Baden-Baden
von Bernd Feuchtner
Musikauswahl:
"Leutnant Kische" op.60 (1934)
"Alexander Newski" op.78 (1938)
"Iwan der Schreckliche" op.116 (1942-46)
Gesamtdauer: 83'50
Ansager:
Sergej Eisensteins Filme "Alexander Newski" und "Iwan der Schreckliche" sind Klassiker der Filmgeschichte. Wer sie gesehen hat, dem hat sich auch die Musik von Sergej Prokofjew eingeprägt. Auch wenn er sonst kaum für das Kino gearbeitet hat, hat Prokofjew sich damit in die Reihe der prägenden Filmkomponisten eingeschrieben. Bernd Feuchtner stellt den russischen Komponisten heute abend von dieser eher unbekannten Seite vor.
Ablauf:
- "Leutnant Kische", 1. Kisches Geburt, track 8 3.58
Sinfonieorchester von Montréal
Charles Dutoit
Decca 430 506-2 (LC 0171)
Was sich da so zart ankündigte und dann so pompös auswuchs, das war ein Menschlein, das auf die ungewöhnlichste Art ins Leben trat, die sich denken lässt: durch einen Tintenklecks. Der mächtige Zar Paul I. las den Klecks in der Liste seiner Offiziere als "Kische" und hielt ihn für einen Leutnant. Und da er sich nicht an diesen Leutnant erinnerte, forderte er nähere Informationen über ihn an. Seine Chargen wagten es natürlich nicht, den kaiserlichen Lesefehler aufzudecken, und lieferten die gewünschten Informationen über Leutnant Kische. Er bekommt eine Geschichte - seine Geburt haben wir gerade gehört. Er wird befördert, weil das so sein muss, und er wird verheiratet, weil sich das ebenfalls so gehört.
Alexander Fainzimmer machte aus der Erzählung von Juri Tynjanow 1934 den humorvollen Film "Leutnant Kische". Für die Musikbegleitung, die an einzelnen Stellen in den Soundtrack eingearbeitet wurde, gewann er Sergej Prokofjew, der nach der Oktoberrevolution emigriert war, aber seit 1932 die Sowjetunion immer wieder besucht hatte. Die Geschichte von dem Tintenklecks, der in den Sold des Zaren geriet, hätte selbstverständlich auch im stalinistischen Russland passieren können. 1934 konnte man darüber noch lachen. Und Prokofjew nahm die Entwicklung auch 1936 noch nicht tragisch, als bereits der berüchtigte Prawda-Artikel "Chaos statt Musik" erschienen war und die Moskauer Prozesse begonnen hatten. So wollen auch wir uns noch einige Minuten mit Leutnant Kische amüsieren, beim Tanz zu seiner Hochzeit, bei einer lustigen Troika-Fahrt und schließlich bei seinem feierlichen Begräbnis, das mit der gleichen Fanfare endet, mit der seine Geburt, und damit auch die Filmmusik begonnen hatte.
- "Leutnant Kische", 3 - 5, track 10 - 12 11.10
Die von Prokofjew arrangierte Konzertsuite "Leutnant Kische", aus der wir zuletzt die Sätze "Kisches Hochzeit", "Troika" und "Kisches Beisetzung" hörten, wurde dirigiert von Charles Dutoit, es spielte das Orchestre National de Montréal. Dieses Verfahren, die Splitter der Musik, die er für einen Film geschrieben hatte, in einer Konzertsuite zusammenzufassen, wandte Prokofjew auch bei seinem nächsten Filmprojekt an, dem "Alexander Newski". Von den vier übrigen Filmmusiken fehlt daher bisher jede Spur.
In der Stummfilmzeit waren die Streifen im Kino von einem Pianisten oder einem Filmorchester begleitet worden, gegen Ende der Stummfilmzeit, als die Tonspur bereits erfunden war, die Bilder aber noch immer ohne Ton aufgenommen wurden, trug man die Musik auf die einzelnen Kopien auf, das Notenmaterial blieb aber bei den Filmproduzenten und ging dort meist unter, da die Partituren zu keinen Verlagen gingen, um gedruckt zu werden. Die Originalmusik zu Sergej Eisensteins berühmtestem Film "Panzerkreuzer Potemkin" stammte von dem Berliner Musiker Edmund Meisel, und auch sie ging zunächst unter, wurde auf späteren Kopien ersetzt durch Musik von Schostakowitsch, etwa dessen 11. Sinfonie, die zwar von der russischen Revolution von 1905 handelt, aber erst in den 50er Jahren geschrieben wurde. Meisels Musik wurde erst in letzter Zeit wiederentdeckt und bei zahlreichen Live-Aufführungen zu ihrer alten Wirkung gebracht.
Ein Problem war auch das Aufnahmeverfahren. Die russische Filmindustrie war weit hinter der Entwicklung anderer Länder zurück. Die klare, durchsichtige Faktur des "Leutnants Kische" - wie ja auch der Filmpartituren von Schostakowitsch - kommt daher, dass man mit einem möglichst kleinen, aus besonders charakteristischen Instrumenten zusammengesetzten Ensemble die größtmögliche Wirkung erzielte, die sich auf der Tonspur festhalten und im Kino zur Wirkung bringen ließ. Die ersten richtigen russischen Musikfilme entstanden aber schon im Jahr 1934, dem Jahr des "Leutnant Kische", es waren ebenfalls Komödien, ein Genre, das es schwer gehabt hatte unter der Last des Auftrags, moralisierende Agitprop anzufertigen. Es waren Igor Sawtschenkos "Die Ziehharmonika" und Grigori Alexandrows "Lustige Burschen".
Bei seiner letzten Auslandsreise hatte sich Prokofjew 1938 in Hollywood ausgiebig die modernsten Techniken der Filmproduktion angesehen. Zur Arbeit an "Alexander Newski" war er danach überaus motiviert. Eisenstein hatte gerade den Kampf um seinen Film "Die Beschinwiese" verloren. Nach seinem Mexiko-Abenteuer wollte er einen großen Film über einen jungen Pionier der Kolchoswirtschaft drehen. Den Filmbürokraten war er zu wenig stereotyp auf den Kampf gegen die Kulaken ausgerichtet, das bürgerliche Feindbild auf dem Dorf. Bei Eisenstein bekam der Konflikt die Größe einer antiken Tragödie, doch das interessierte die Partei nicht. Sie wies einen ersten Rohschnitt zurück und zwang Eisenstein zu weitgehenden Umarbeitungen, an denen sich Isaak Babel beteiligte. Die zweite Fassung wäre künstlerisch sicherlich schlechter geworden, sie wurde gänzlich vernichtet, während von der ersten zumindest Standbilder erhalten blieben. Man hatte das Material an Stalin geschickt, dessen Njet die Vernichtung des Films nach sich zog.
Damit war Eisenstein das gleiche geschehen wie Dimitri Schostakowitsch, dessen Oper "Lady Macbeth von Mzensk" auf dem Gebiet der Musik dafür herhalten musste, um die Avantgardekunst auszulöschen. Der Prawda-Artikel "Chaos statt Musik" war im Januar 1936 erschienen, im Frühjahr nahm Prokofjew endgültig in Moskau Wohnung. Sein Ballett "Romeo und Julia" wollte den Bürokraten überhaupt nicht gefallen und wurde im Ausland uraufgeführt. Immerhin schrieb er damals eine Kindergeschichte über einen mutigen kleinen Komsomolzen, der den bösen Feind überlistet - die Geschichte von Peter und dem Wolf.
Stalin war auch ein großer Historiker. Es war ebenfalls im Januar 1936, als er einen Beschluss des ZK herbeiführte, der die bis dahin allgemein vorherrschende Geschichtsinterpretation der Bolschewiki in ihr Gegenteil verkehrte. Der bereits verstorbene Historiker Michail Pokrowski, der die These vertreten hatte, nicht die Herrscher, sondern das Volk mache die Geschichte, wurde nun als Vertreter einer "mechanistischen Geschichtsschreibung" verurteilt. Stalin legte großen Wert auf den Anteil heldenhafter Persönlichkeiten an der Geschichte. Und er formte im Geist bereits die Ahnenreihe, die zu ihm als dem größten Russenfürsten hinführen sollte: von Alexander Newski, den ersten Reichsfürsten, über Iwan den Schrecklichen und Peter den Großen als die Festiger des Reiches bis zu Lenin und Stalin. Den ersten Film über Peter I. drehte 1937 Wladimir Petrow nach einem Drehbuch von Alexej Tolstoi. Für den Film über Alexander Newski wünschte sich Stalin Eisenstein als Regisseur. Und Eisenstein wünschte sich Prokofjew als Komponist.
- "Alexander Newski", "Russland unter dem 2.40
mongolischen Joch", track 1
Chor und Sinfonieorchester von Montréal
Charles Dutoit. Decca 430 506-2
Charles Dutoit dirigierte das Sinfonieorchester von Montréal mit der Einleitung zu Sergej Prokofjews Musik zu dem Film "Alexander Newski". Sie schildert die Lage Russlands unter dem mongolischen Joch, eine Situation, die nach einem Befreier schreit. Er findet sich in dem Großfürsten von Nowgorod, der sich zusätzlich noch von einem anderen Gegner bedrängt sieht: Die deutschen Kreuzritter stoßen nach Osten vor. Hier macht nun zweifellos ein Mann Geschichte, während das Volk auf eindrucksvolle Weise nur kommandierte Masse bleibt.
Kommandiert werden sollte auch Eisenstein. Die Hauptverwaltung Kinematografie Goskino stellte ihm Dimitri Wassiljew als Ko-Regisseur an die Seite, der sich als Aufpasser allerdings so unwohl fühlte, dass er sich selbst zum Assistenten degradierte. Wenn Eisenstein "Alexander Newski" so auch nach seinen eigenen Vorstellungen realisieren konnte, waren es doch Vorstellungen, die sich unter dem Druck der Verhältnisse gewandelt hatten. Seine Kunst der ekstatischen Darstellung wandte er nun auf ein Historiendrama an, das einen klaren politischen Auftrag hatte: den Patriotismus schüren und das Feindbild der Deutschen pflegen, deren Nazi-Staat die ernsthafteste Bedrohung für die Sowjetunion darstellte.
Der Film erfüllt diese Aufgaben durch die Zeichnung der Kreuzritter als einer gesichts- und gefühllosen Masse, optisch zwar attraktiv gestaltet, doch mit ihrem starren Singsang als Fremde gebrandmarkt. Prokofjew ließ sie einen lateinischen Text singen - die Sprache der allen Rechtgläubigen verhassten Westkirche - und schrieb dafür eine kirchentonal nachempfundene Musik, dissonanzengeschärft und dadurch von seltenem Reiz. Zusätzlich deformierte man den Klang durch technische Manipulation, so dass die Instrumente kreischen und heulen.
Die volksliedartigen Chöre der braven Russen sind dagegen ganz banal in Dur und Moll, folkloristisch gefärbt und ganz gesund im Sinne der ästhetischen Doktrin des Sozialistischen Realismus. Ihre Lieder werden von Pfeifen begleitet, während den germanischen Eroberern Hörner und Trompeten zugeordnet sind. Stalin hatte nämlich noch einen zweiten marxistischen Grundsatz über Bord geworfen, den Internationalismus. Hatte es früher geheißen, es komme nur auf die Klassenzugehörigkeit an, die keine Grenzen kenne, und Nationalismus sei eine schlechte bürgerliche Eigenschaft, der man die Friedensliebe vorziehe, setzte Stalin, nachdem er seine unumschränkte Macht errichtet hatte, auf einmal auf den Patriotismus und die Kriegslust aller Russen. Durch den Staatsmann schimmerte der ewige Spießer durch, und zum Antisemitismus war es dann ja auch nicht mehr weit. Wir hören jetzt also die Deutschordensritter mit ihrem Chor "Als Fremdling erwarte ich, dass meine Schritte sich im Cymbal-Klang bewegen", danach die Russen mit dem vaterlandstreuen Lied "Erhebt euch, Russen!".
- "Alexander Newski", "Die Kreuzritter in Pskow" 8.47
und "Erhebt euch, Russen", track 3 + 4
Vaterlandsliebe und Siegeswillen sollten die Gesänge der Deutschordensritter und der Russen in "Alexander Newski" wecken, sie sollten warnen vor angeblichen Kulturträgern, die aus dem Westen kommen, sei es im Zeichen des Kreuzes, sei es mit dem Hakenkreuz. Zum Höhepunkt des Filmes wurde die Schlacht auf dem zugefrorenen Peipus-See. Eisenstein hatte dafür den Apfelgarten hinter seinem Haus in dem Moskauer Vorort Potylicha geopfert. Mitten im Sommer wurde er in einen Eissee verwandelt. Die Szene wurde in enger Zusammenarbeit mit Prokofjew entworfen. Am Anfang stand Eisensteins Entwurf, dann schrieb Prokofjew ein Tongemälde, in dem sich die deutschen und russischen Chöre nach Art von Tschaikowskys "Ouvertüre 1812" - da ging es um den Kampf gegen die Franzosen - ihre Schlacht liefern. Dies wurde dann zum Maßstab für die Filmszenen genommen.
Die Zusammenarbeit zwischen Prokofjew und Eisenstein verlief ungeahnt reibungslos, beide waren enthusiastisch bei der Sache. Mal schnitt Eisenstein die Filmsequenzen analog zur vorher geschriebenen Musik, mal nahm Prokofjew vorhandene Filmszenen zum Anlass für ein Musikstück. Täglich nach Mitternacht hatte man das gefilmte Material gesichtet. Und wenn Prokofjew versprach, um 12 Uhr mittags mit der fertigen Musik zu kommen, konnte Eisenstein sich darauf verlassen, dass das blaue Autochen des Komponisten um 11.55 Uhr hereintuckern würde.
Nach der Schlacht läuft ein Mädchen zwischen den Gefallenen umher und klagt um seinen Verlobten. Keinen schönen Mann will sie jetzt nehmen, einen Tapferen nur, der die Heimat verteidigt! Glorreich ist der Einzug des Kriegshelden Alexander nach Pskow. Es läuten die Glocken wie in Glinkas "Ein Leben für den Zaren" oder im "Boris Godunow", nur ohne dessen zwiespältige Untertöne. Er wird Zar werden und die Grenzen des Reiches ausdehnen - das ist dann kein Verteidigungskrieg mehr.
- "Alexander Newski", "Alexanders Einzug in Pskow" 4.13
track 7
Der Eisenstein-Film "Alexander Newski" mit der Musik von Sergej Prokofjew hatte am 1. Dezember 1938 seine Kinopremiere. Die Uraufführung der Konzertsuite dirigierte der Komponist am 17. Mai des folgenden Jahres. Zwei Monate später wurden die Sowjetmenschen vom Hitler-Stalin-Pakt überrascht. Nun war der Film plötzlich unaktuell, und Eisenstein inszenierte Wagners "Walküre" am Bolschoi Theater - freilich nicht als naiven Germanenkult, schon gar nicht den Wagner Hitlers, sondern den Wagner, von dem er schon immer träumte, in der Überzeugung, erst die Revolution der Russen habe die Kunstrevolution möglich gemacht, von der Wagner träumte. Kaum zwei Jahre später war das Träumen vorbei, Hitler hatte die unvorbereitete Sowjetunion überfallen. Jetzt wurde "Alexander Newski" als Propagandafilm zur Mobilisierung eingesetzt. Im April 1942, zum 700-Jahr-Jubiläum der Schlacht auf dem Peipus-See, wirkt der Film auch international als direkte Parallele zur aktuellen Lage Russlands.
Mit seinem nächsten Filmprojekt, dem "Ferghana-Kanal", geriet Eisenstein wieder in Konflikt mit der Bürokratie. Hier wollte er den Kampf des Menschen um das Wasser in drei Phasen darstellen: Tamerlan - Zarismus - Kolchossystem. Die Verwirklichung dieses Phasenmodells stellte er sich einer Architektur gleich vor, wie sich durchdringende Bögen. Er hatte sein Auge an den "Carceri" von Piranesi geschult, jenen phantastischen Höhlenräumen, die stets ein Geheimnis zu bergen scheinen. Mit solch architektonischen Strukturen schloss Eisenstein den epischen Fluss seiner Filmerzählungen zusammen, und damit war er von den Strukturprinzipien der europäischen Musik nicht sehr weit entfernt.
Er stieß auf einen alten Aufsatz Gogols über die Gotik und entwickelte daraus seine Vorstellungen über die Bauten für seinen Film "Iwan der Schreckliche". Diese Bauten sollten nicht historisierend eine vergangene Wirklichkeit vortäuschen, das hätte sich mit Eisensteins romantischer Stilisierung nicht vertragen, sie sollten präzise die Stimmung der einzelnen Szenen einstellen. Eine reine Heldenlegende wie in "Alexander Newski" hatte er nicht mehr im Sinn. Eine andere Vorstudie befasste sich mit El Greco, dem ekstatischen Maler, dessen Gesichter und überlängte Silhouetten für das Personal des "Iwan" nicht ohne Einfluss blieben. So schuf Eisenstein moderne Ikonen von unverwechselbarer Kraft.
- "Iwan der Schreckliche", Ich werde Zar sein 2.25
Platte 1, Seite 1, Nr. 4 + 5
Philharmonia Orchestra London, Ambrosian
Chorus, Riccardo Muti
Irina Archipowa, Mezzo; Anatolij Mokrenko,
Bariton; Boris Morgunow, Erzähler
EMI 157-02 966/67 (LC 0233)
"Ich werde Zar sein!", dieser Entschluss des im Jahr 1547 im Alter von 16 Jahren gekrönten Iwan bedeutet: die Herrschaft der Bojaren, der Reichsfürsten, muss ein Ende haben, die Selbstherrschaft der russischen Zaren in einem zentralistischen Staat beginnt. Prokofjew hat dafür eine leitmotivartige Musik geschrieben, die an wichtigen Punkten der Handlung auftaucht. Wir hören Prokofjews Musik zu dem Eisenstein-Film "Iwan der Schreckliche" in der Form, die Abram Stasewitsch, der den Original-Soundtrack dirigiert hatte, für Konzertaufführungen zusammengestellt, und damit vermutlich auch vor dem Verschwinden gerettet hat. Es spielt das Philharmonia Orchestra London unter der Leitung von Riccardo Muti. Boris Morgunow ist der Erzähler und der Ambrosian Chorus ist für die umfangreichen Chorpartien zuständig.
Wie es kaum eine russische Oper gibt, die ohne ein Libretto von Puschkin auskommt, so ist kaum ein Herrscherdrama vorstellbar, das nicht an "Boris Godunow" anknüpft, die Oper Modest Mussorgskis nach einer Erzählung von Puschkin. Prokofjew greift in "Iwan der Schreckliche" ebenso auf Mussorgski zurück, wie er es in "Alexander Newski" schon getan hatte. Auch hier gibt es beispielsweise einen Gottesnarren, der dem neu gekrönten Zaren allerlei Unheil prophezeit. Und natürlich, sagt er, wird Gott das Volk dafür strafen!
"Iwan der Schreckliche", Gottesnarr 3.15
Platte 1, Seite 1, Nr. 8 + 9
Vor Drehbeginn erschien in der Zeitschrift "Literatur und Kunst" Eisensteins Artikel "Iwan der Schreckliche - ein Film über die russische Renaissance des 16. Jahrhunderts." Darin betont er, "wir wollen ihn im Andenken des Volkes nicht reinwaschen. Nicht aus Iwan dem Schrecklichen Iwan den Süßen machen. Wir wollen die ganze Spannweite und das Ausmaß seiner Tätigkeit und seines Kampfes um den Moskauer Staat zeigen... Man muss offen sagen, dass diese Tätigkeit und dieser Kampf gewaltig und blutig waren... Der heutige Betrachter, ob Engländer, Amerikaner oder Russe, wird nicht anders können, als das energische Vorgehen, die notwendige Grausamkeit und mitunter auch die Gnadenlosigkeit eines Menschen zu verstehen, dem die Geschichte die Mission übertragen hatte, einen der stärksten und größten Staaten der Erde zu schaffen! Heute, in den Tagen des Krieges, versteht jeder wie nie zuvor, dass derjenige den Tod verdient, der zur Vernichtung des Vaterlandes aufruft, dass derjenige Strafe verdient, der auf die Seite der Feinde seiner Heimat übergeht, dass man gnadenlos mit dem verfahren muss, der dem Feind die Grenzen seines Landes öffnet."
Stalin wird es mit Wohlgefallen gelesen haben. Iwans Expansionswege waren ihm vermutlich auch nicht unrecht: die baltischen Staaten - "Provinzen unserer Väter und Ahnen, aus unserem Heimatland gerissen" - nahm er wieder in Besitz. "Zwei Roms sind gefallen, das dritte - Moskau - steht, ein viertes wird es nicht geben! Und von diesem dritten Rom werde ich künftig Herr sein, ich einzig und allein!" Eisensteins Film hält sich im großen und ganzen an die historischen Daten und Legenden, in einem aber zollt er der zeitgemäßen Ideologie Tribut. Der Zar entmachtete die Bojaren, aber er stützte sich dabei nicht auf das Volk, wie im Film, sondern auf den Adel. Gleichviel, die Bojaren wurden hingerichtet, wenn sie intrigierten: "Auf den Knochen der Feinde, auf den Scheiterhaufen, vereinigt sich ganz Russland!"
"Iwan der Schreckliche", Zur Hinrichtung 5.15
Platte 1, Seite 2, Nr. 13 - 15
Sergej Prokofjew ist es auch in "Iwan der Schreckliche" gelungen, der Bildkraft Eisensteins eine Musik beizugeben, die nicht nur diese Bilder mit Pathos einfärbt, sondern selbst die Kraft einer Ikone erlangt. Sein jüngerer Kollege Dimitri Schostakowitsch hatte eine Filmmusik geschrieben, die in kontrapunktische Spannung mit dem Film tritt. Für solche geistreichen Spiele ist in der Sowjetunion kein Platz mehr. Eindeutigkeit ist gefragt. Sonst wird der Künstler behandelt wie ein intrigierender Bojar. Hinter deren Scheiterhaufen war bereits das Bild der heranrückenden Tataren aufgetaucht, die noch immer die Steppe von Kasan beherrschten. Dorthin führt der erste Feldzug, der den Zugang zum Asowschen Meer öffnen soll, von Prokofjew mit einem flotten Mobilisierungslied angeführt. Doch der Zug durch die Steppe wird schwer. Der Weg des Zaren ist schwer. Eine neue Welt lässt sich nicht ohne Opfer erobern.
"Iwan der Schreckliche", Nach Kasan 2.30
Platte 1, Seite 2, Nr. 16 (ausblenden)
Das war der bittere Weg der Armee des Zaren gegen die Tataren. Die Geschichte von der Errichtung des Moskauer Zentralstaats ist die eine Grundlinie des Films, und man wird im ersten Teil vergeblich nach der versprochenen historischen Grausamkeit Iwans suchen. Daneben stellt Eisenstein die private Geschichte Iwans, der vereinsamt, von Intrigen und Machtkämpfen umgeben ist, die bis zur Ermordung seiner Frau gehen. Die Mörderin, Iwans Tante Eufrosina, hatte gehofft, ihren eigenen Sohn auf den Thron zu befördern. Nun hält sie den Leichnam ihres ebenfalls ermordeten Sohnes im Arm.
"Iwan der Schreckliche", Lied vom Biber 3.00
Platte 2, Seite 1, Nr. 19
Irina Archipowa sang das "Lied vom Biber" aus der Musik zu dem Film "Iwan der Schreckliche" von Sergej Prokofjew. Der erste Teil der geplanten Trilogie wurde im Juni 1943 in Alma-Ata beendet, wohin Mosfilm im Oktober 1941 evakuiert worden war. Dass ein so konsequent durchstilisierter Film mit derart ausgefeilten Requisiten dort entstehen konnte, ist selbst ein kleines Wunder. Die Uraufführung fand am 16. Januar 1945 in Moskau statt. Der erste Teil wurde mit einem Regen von Stalinpreisen bedacht, darunter auch einer für die Musik von Prokofjew.
Der erste Teil umfasste die Zeit von der Krönung bis zum Nordischen Krieg von 1578. Dem zweiten Teil stellte Eisenstein einen Prolog voran, in dem der achtjährige Iwan Zeuge davon wird, wie die Bojaren seine Mutter ermorden, was das Misstrauen und den Verfolgungswahn des Zaren motivieren sollte. Daran schloss sich die Rückkehr des Zaren im Dezember 1564 aus der selbst gewählten Zuflucht in Alexandrow an. Auch hier bleibt Iwan der positive Held, dessen grausame Züge mit seiner Einzigartigkeit gerechtfertigt werden.
Der zweite Teil wurde 1946 fertig. Doch da zog bereits wieder die stalinistische Kulturpolitik die Grenzen enger, für die sowohl Eisenstein als auch Prokofjew geschätzte Opfer waren. Teil II durfte nicht aufgeführt werden. Eisenstein erlitt einen Herzanfall, der seiner Karriere ein Ende setzte. Teil III wurde nicht gedreht, Eisenstein starb 1948. Prokofjew wurde im Februar 1948 zusammen mit Schostakowitsch und anderen als Formalist verurteilt und verlor sein Lehramt am Konservatorium. Erst im Jahr 1958, zwei Jahre nach Chruschtschows Abrechnung mit Stalin, durfte Teil II von "Iwan der Schreckliche" in der Sowjetunion gezeigt werden, 1959/60 begann er seinen Triumphzug um die Welt. Prokofjew war damals schon sechs Jahre tot. Er war im März 1953 gestorben, bekanntlich am gleichen Tag wie Stalin.
Besonders einprägsam ist die Musik, die Prokofjew für die Opritschniki schrieb, die berüchtigte Sondertruppe Iwans des Schrecklichen. Nachdem die Bojaren wieder einmal den Aufstand gegen Iwan probiert hatten, zog der Zar sich schmollend zurück nach Alexandrow und drohte abzudanken. Da das Volk seine Rückkehr fordert, stellt er die Bedingung, dass er eine Leibwache gründen darf, die nur ihm ergeben ist und unbeschränkte Gewalt ausüben darf, die Opritschnina. Sie leistet einen Eid auf den Zaren, dem sie dienen will wie ein Hund, während sie mit eisernem Besen durch die Dörfer fegt. Ihr Terror war es, der Iwan zu dem Kosenamen "Iwan Grosny" verhalf: Iwan der Schreckliche. Der Zar dankt, dass er das Schwert der Bestrafung von Gott empfangen habe: "Das große Werk werde ich vollenden!"
"Iwan der Schreckliche", Opritschniki und Finale 14.10
Platte 2, Seite 1, Nr. 21 - 25
Absage:
Anatoli Mokrenko war der Solist bei den Gesängen der Opritschniki aus der Filmmusik zu "Iwan dem Schrecklichen" von Sergej Prokofjew, weiterhin hörten Sie hier und im Finale die Ambroisan Singers und das Philharmonia Orchestra London unter der Leitung von Riccardo Muti.
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