Die Filmmusik von Dimitri Schostakowitsch
Manuskript für den Südwestfunk Baden-Baden
von Bernd Feuchtner
Musikauswahl:
"Das Neue Babylon" op.18 (1928)
"Allein" op.26 (1930)
"Das Märchen vom Popen und seinem Knecht Balda" op.36 (1933)
- 5. Sinfonie, 2. Satz (1937)
"Die Abenteuer Korsinkis" op.59 (1940)
"Die junge Garde" op.75 (1947/48)
"Fünf Tage - Fünf Nächte" op.111 (1960)
- Streichquartett Nr.8 op.110 (1960)
"Hamlet" op.116 (1964)
Gesamtdauer: 82'30"
Ansager:
Die Filmmusik von Dimitri Schostakowitsch ist das Thema unserer folgenden Sendung. Dimitri Schostakowitsch war nicht der bedeutendste Filmkomponist, aber zweifellos der bedeutendste Komponist, der sein Leben lang auch Filmmusik schrieb. Welche Bedeutung seine Musik für den sowjetischen Film hatte und in welcher Beziehung sie zu seinen sonstigen Kompositionen steht, darüber informiert heute abend Bernd Feuchtner.
Ablauf:
- "Das Neue Babylon", Nr.1 "Krieg" 3'20
RSO Berlin, James Judd (ausblenden ab 3'10)
Capriccio 10 341/42 LC 8748
Während die Titelei zu dem sowjetischen Stummfilm "Das Neue Babylon" ablief, erklang nach dem obligatorischen Trompetensignal eine Musik wie aus der Giftküche des Jacques Offenbach, lustig und satirisch zugleich. Sie begleitete auch die folgenden Szenen in einem Pariser Kaufhaus, Szenen des Luxus und der Frivolität, in denen nur eine nicht glücklich ist, die kleine Verkäuferin Louise. Die Pariser Bourgeoisie feiert nämlich in ausgelassenster Stimmung den Krieg mit Deutschland und den Sturz des Kaiserreichs 1871. Sie wollen nichts wissen von der Not der kleinen Leute, deretwegen Louise sich dem Arbeiteraufstand der Pariser Kommune angeschlossen hat.
Die Pariser Kommune gehörte - nicht zuletzt weil Karl Marx einen glänzenden Essay darüber geschrieben hatte - zu den Mythen der Bolschewiki, sie galt als eine Vorläuferin der Oktoberrevolution. Es war also nicht verwunderlich, dass die beiden avantgardistischen Filmregisseure Grigori Kosinzew und Leonid Trauberg zehn Jahre nach der Revolution auf die Idee kamen, einen Film darüber zu drehen. Von Kosinzew und Trauberg war da kein bloß chronologischer Film zu erwarten. Sie waren die Gründer der FEKS, der Fabrik des exzentrischen Schauspielers, und die FEKS-Leute experimentierten mit einem neuen, futuristischen Stil des Schauspiels.
Für die Begleitmusik zu ihrem neuen Film gewannen sie den 22jährigen Komponisten Dimitri Schostakowitsch. Dieser war drei Jahre zuvor mit seiner 1. Sinfonie weltberühmt geworden, die er als Abschlussarbeit am Konservatorium geschrieben hatte. Von ihm war aber dennoch keine brave Partitur zu erwarten. Mit der ersten Klaviersonate und den 10 Aphorismen hatte er für seine eigenen Auftritte recht radikale Stücke geschrieben, eine 2. Sinfonie hatte er mit einer gewagten Klangflächenepisode beginnen und mit einem revolutionären Oktober-Hymnus enden lassen. Und in seiner Gogol-Oper "Die Nase" hatte er mit Simultanszenen, einem reinen Schlagzeugstück und Filmschnitttechnik dramatische Neugier gezeigt.
In seiner Studentenzeit hatte Schostakowitsch drei Jahre lang sein Geld als Stummfilmpianist verdient und sich für Charlie Chaplin begeistert. Nun lernte er die Techniken der sowjetischen Avantgarde kennen - Kosinzew war nur eineinhalb Jahre älter als er und blieb lebenslang sein Freund. Der Film wurde nach dem Prinzip der Montage strukturiert, und diese Schnitttechnik übernahm Schostakowitsch auch für seine Musik. Was er noch mit den Filmavantgardisten gemeinsam hatte, war das Prinzip der Stilisierung. Gefühle wurden dargestellt, nicht nachempfunden. Auch die Musik steht "in Anführungszeichen". Im "Neuen Babylon" werden der Walzer und Can-cans von Offenbach mit Revolutionsliedern gegengeschnitten. Wir hören nun die Episode "Durch die Jahrhunderte stand Paris", es spielt, wie schon zu Beginn, das Radio-Sinfonieorchester Berlin unter der Leitung von James Judd.
- "Das Neue Babylon", Teil V (Track 5) 10'25
Das war eine Episode aus dem Kosinzew/Trauberg-Film "Das Neue Babylon" aus dem Jahr 1928. Schostakowitsch kam damals auch in Kontakt zu dem avantgardistischen Theaterregisseur Meyerhold. Mit ihm, dem Autor Wladimir Majakowski und Alexander Rodtschenko, der das Bühnenbild schuf, arbeitete er an dem Stück "Die Wanze". "Wie eine Feuerwehrkapelle" wollte Meyerhold die Musik haben. Trocken und ein wenig schräg, geistreich statt sentimental sollte diese Gebrauchsmusik sein, und das lag Schostakowitsch sehr. Er schrieb damals Bühnenmusik für das Theater der Arbeiterjugend und für Ballette mit revolutionären Themen, daneben entstand jedoch auch anspruchsvolle Konzertmusik.
Schon 1930 schrieb er die Musik zu einem weiteren Film von Kosinzew und Trauberg, dem avantgardistischen Streifen "Allein". Hier tritt die klare Welt des ländlichen Lebens in der Altai-Region nahe der mongolischen Grenze der Parodie des Stadtlebens gegenüber, überschneiden sich Träume und Wirklichkeit. "Allein ist wieder ein experimenteller Film, mit kühnen Perspektiven in der Art der Fotografien von Alexander Rodtschenko, mit raffinierten Gegenschnitten und Montagen. Und so ist auch die Musik von Schostakowitsch, die Straßengeräusche integriert und nicht weniger fantasievoll montiert ist. Music Hall, Tanz- und Jahrmarktsmusik grundieren das Portrait der lebenslustigen Kusmina, der nach Beendigung ihres Studiums eine Lehrerstelle im Altaigebirge zugewiesen wird. Ein jäher Schock, den sie aber dank der Plakat- und Lautsprecher-Propaganda für die Kulturoffensive überwindet.
Grandiose Aufnahmen von der Gebirgsregion und ihrer Bewohner werden begleitet von authentischer Hirtenmusik, und der Schamane führt wilde Tänze mit dem Tamtam aus. Natürlich kann die junge Lehrerin ihre Kinderchen nicht in Ruhe unterrichten, sondern wird hineingezogen in den Kampf gegen den bösen Kulaken, der die einfachen Hirten schädigen will. Mit der simplen Geschichte versöhnen die genaue Komposition des Films, die großartige Kameraführung und - die Musik von Schostakowitsch, die immer wieder überraschende Perspektiven eröffnet. Der folgende Ausschnitt begleitet die Szenen, in denen Kusmina die Missstände ohnmächtig mit ansehen muss. Hier ist es vor allem die satirische Kraft der Groteske, die Schostakowitsch als Kontrapunkt zu den Filmszenen einsetzt.
- "Allein", 3. Satz (Track 18) 6'01
Akadem. SO der UdSSR, Gennadi Roshdestwenski
Olympia OCD 194 (ohne LC, GB / Melodija)
Das war eine Episode aus dem Film "Allein" von Grigori Kosinzew und Leonid Trauberg aus dem Jahr 1930, gespielt vom Akademischen Sinfonieorchester der UdSSR unter Gennadi Roshdestwenski, der dies wie viele andere Fragmente Schostakowitsch in verschiedenen Archiven aufgestöbert und eingerichtet hat. Schostakowitschs Musik wurde nun schon als ein eigenständiger, positiver Beitrag zu den Filmen wahrgenommen, während man beim "Neuen Babylon" noch den Dirigenten für betrunken gehalten und Schostakowitschs Partitur beim Kinoorchester durch die üblichen Schablonen ersetzt hatte. "Allein" war zwar noch ein Stummfilm, doch wurde die fertige Tonspur hier bereits nach einem von A.F. Schorin neu entwickelten Verfahren auf die Filmkopie übertragen.
Für Trauberg/Kosinzew schrieb Schostakowitsch noch die Musik zu "Maxims Jugend" und "Maxims Rückkehr", zu "Die Wyborger Seite" und "Einfache Leute", danach für Kosinzew allein 1947 "Pirogow", 1950 "Belinski", sowie 1964 "Hamlet" und 1970 "König Lear", was seine letzte Filmmusik überhaupt war. Auch die anderen Mitglieder der FEKS wurden von Schostakowitsch beliefert: Sergej Jutkewitsch, Fritz Ermler, Sergej Gerassimow, Leonid Arnstam. Insgesamt hat Schostakowitsch die Musik zu 34 Filmen in sein Werkverzeichnis aufgenommen. Darunter sind auch zwei Zeichentrickfilme von Samuil Marschak: 1933 "Das Märchen vom Popen und seinem Knecht Balda" und 1939 "Das dumme Mäuschen". "Das Märchen vom Popen und seinem Knecht Balda" wurde leider zerstört, von der Musik fanden sich immerhin Reste. Sie gehören zum reizendsten, was Schostakowitsch je geschrieben hat. Wir hören zuerst den "Aufmarsch der Finsterlinge", dann das Stück "Karussell".
- "Das Märchen vom Popen und seinem Knecht Balda" 2'55
Platte, Seite 1, Spur 2 + 3
Kammerensemble des Staatl. SO der UdSSR,
Dirigent Gennadi Roshdestwenski
Ariola-Eurodisc 201 974-366 (LC 0202)
Im Januar 1936 wurde in dem Prawda-Artikel "Chaos statt Musik" an Schostakowitsch das Exempel statuiert, mit dem Stalin die gesamte sowjetische Avantgardekunst auslöschen ließ. Schostakowitsch hat das im Gegensatz zu vielen anderen überlebt, aber seine Musik hat sich vollkommen anders weiterentwickelt. Er komponierte die nach außen hin streng klassizistische 5. Sinfonie, die ihm die Rehabilitierung sicherte. Diese Musik ist jedoch doppelbödig. Wenn dort das Scherzo auch scheinbar dem verordneten Schema der "gesunden Lebensfreude" genügte, war es in Wahrheit ein sarkastischer Kommentar dazu, dessen Sprache von den Bürokraten freilich nicht verstanden werden konnte.
- 5. Sinfonie, 2. Satz 1'43
(Track 2 Anfang; rasch ausblenden)
Scottish National Orchestra, Neeme Järvi
Chandos CHAN 8650 (o.LC)
Gespielt vom Scottish National Orchestra unter Neeme Järvi, war dies der Anfang des Scherzos der 5. Sinfonie aus dem Jahr 1937, ein sarkastischer Kommentar zu dem Verlangen der Partei nach volkstümlicher Kunst. Inwiefern, das versteht man sofort, wenn man daneben Musik hört, mit der Schostakowitsch wirklich populär und unterhaltend sein wollte. Beispielsweise mit der Musik zu der Filmkomödie "Korsinkis Abenteuer" von Mintz. Gennadi Roshdestwenski spürte auch davon Fragmente in Archiven auf und spielte sie mit Chor und Orchester des Kulturministeriums der UdSSR im Jahr 1984 für die Schallplatte ein.
- "Korsinkis Abenteuer" CD, track 3 - 9 9'13
Chor und SO des KuMi der UdSSR,
Gennadi Roshdestwenski
Olympia OCD 194 (s.o.)
Solch witzige, schlanke Musik schrieb Dimitri Schostakowitsch noch im Jahr 1940 für die Filmkomödie "Korsinkis Abenteuer". Zur gleichen Zeit begann sein älterer Kollege Sergej Prokofjew, der seit einigen Jahren wieder in Moskau lebte, mit der Zusammenarbeit mit Sergej Eisenstein. Sie währte zwar nur zwei Filme lang - "Alexander Newski" und "Iwan der Schreckliche" - blieb aber nicht ohne Folgen. Schostakowitsch hatte Musik geschrieben, die ironisch gebrochen war und oft einen selbständigen Kommentar zum Film lieferte. Prokofjew hingegen unterstrich die Filmbilder mit breitem, sinfonischem Sound, nicht anders, als er es mit seinen Ballettmusiken tat. Und wie der sowjetische Film im Stalinismus und im 2. Weltkrieg allgemein pathetischer, propagandistischer - und schlechter wurde, so wurde auch die Filmmusik von Schostakowitsch dickflüssiger, schematischer - und schlechter.
- "Die Junge Garde", Lied der Jungen Garde 2'56
CD, track 7
Filmorchester der UdSSR, Gregor Hamburg
Melodija MCD 201 (o.LC)
Das war das traditionelle "Lied der Jungen Garde", arrangiert 1947 von Dimitri Schostakowitsch für Sergej Gerassimows Propagandafilm "Die junge Garde", hier gespielt vom Filmorchester der UdSSR unter der Leitung von Gregor Hamburg. Die Filmmusik Schostakowitschs schwingt sich nun nur noch selten zu charakteristischer Kraft auf. Sie ordnet sich ein in seinen "offiziellen Stil" der Massenlieder und Parteimusiken, wie er sie zu Jubiläen schreiben musste. Für Stalins Lieblingsregisseur Tschiaureli schrieb er 1949 die bombastische Partitur zu "Der Fall von Berlin" - und zeigte doch gleichzeitig mit seiner knapp gefassten, von Esprit sprühenden 9. Sinfonie, in welch andere Bahnen sein eigenes Musikdenken sich entwickelte.
Nach der 10. Sinfonie mit ihrem vehementen Bekenntnis zum Individualismus wollte ihm zunächst kaum noch ein ernsthaftes Werk mehr gelingen, das größere künstlerische Bedeutung gehabt hätte. Chruschtschows Tauwetter schlug die Bedingungen weg, unter denen seine musikalische Maske funktioniert hatte, und eine neue Form des Ausdrucks fand er nicht. 1957 entstand die 11. Sinfonie mit ihrer Revolutionsromantik. 1959 bearbeitete er Mussorgskis Oper "Chowanschtschina" für eine Verfilmung und schrieb danach sein 1. Cellokonzert und das 7. Streichquartett.
Einer Mystifizierung fällt gewöhnlich die Musik zum Opfer, die Schostakowitsch 1960 zu dem Film "Fünf Tage - fünf Nächte" von Lew Arnstam geschrieben hat. Sie hat nämlich ein Schwesterwerk, das berühmte 8. Streichquartett. Die DEFA lud den Komponisten damals nach Dresden ein, um sich an Ort und Stelle für die Musik zu diesem Film über die Rettung der Dresdner Gemäldegalerie durch sowjetische Soldaten inspirieren zu lassen.
Über das dort entstandene Streichquartett, das in Rudolf Barschais Bearbeitung als Kammersinfonie bald auch ein Bravourstück für Kammerorchester wurde, setzte Schostakowitsch das Motto "Den Opfern von Faschismus und Krieg". Bis heute kann man daher immer wieder lesen, das Streichquartett schildere das zerstörte Dresden, und die Filmmusik leiste das gleiche, nur eben mit anderen, aber nicht weniger meisterhaften Mitteln. Das ist jedoch genauso ein stalinistisches Märchen wie das verlogene Humanismus-Gerede, mit dem hier die Wahrheit verdeckt wird.
Lew Arnstam hatte mit Schostakowitsch am Konservatorium studiert und beide hatten 1932 bei dem Film "Der Gegenplan" zum ersten Mal zusammengearbeitet. Mag sein, dass der Komponist ihm in Erinnerung an die alten Tage bei FEKS mit dem Dresden-Film einen freundschaftlichen Gefallen tun wollte. Aber sobald er auf der Burg Stolpen untergekommen war und die großartige Aussicht auf die Sächsische Schweiz sowie die exquisite Küche genoss, vergaß er den Filmauftrag und schrieb das 8. Streichquartett.
Das auch 1960 noch sehr zerstörte Dresden hat den Leningrader Schostakowitsch, der die grauenhaften Jahre der Belagerung seiner Stadt erlebt hatte, sicherlich nicht unbewegt gelassen. Aber bei seinem 8. Streichquartett dachte er vor allem an sich selbst. Das beweisen schon seine musikalischen Initialen "d-es-c-h", die ständig auftauchen, dazu die Zitate aus eigenen Werken, die an Knotenpunkten seiner Komponistenlaufbahn entstanden. So dringt am Anfang wie aus weiter Ferne und durch tiefstes Dunkel der Anfang der 1. Sinfonie an unser Ohr, deren Uraufführungstag Schostakowitsch jedes Jahr zu feiern pflegte, auch die 5. Sinfonie und Tschaikowskys Sechste werden zitiert.
- 8. Streichquartett, 1. Satz 4'52
CD, track 1
Borodin-Quartett
Russian Disk 11 087 (o.LC, USA)
Diese ernsthafte, meisterhaft komponierte Musik für den Film zu opfern, fiel Schostakowitsch nicht ein, dies wurde der erste Satz seines 8. Streichquartetts, der laut gängiger Meinung Dresden in Ruinen schildert, in Wirklichkeit aber die traurige Erinnerung an den eigenen Werdegang ist. Hören wir, was er stattdessen für den Film "Fünf Tage - fünf Nächte" schrieb, um "Dresden in Ruinen" zu illustrieren.
- "Fünf Tage - fünf Nächte", 2. Satz 5'35
CD 2, track 4
RSO Berlin, James Judd
Capriccio (s.o.)
Diese Musik, in unserer Aufnahme gespielt vom RSO Berlin unter der Leitung von James Judd, begleitet in dem Film "Fünf Tage - fünf Nächte" den Schwenk über die rauchenden Ruinen der Stadt Dresden. Der Mittelteil mit den Trillern und Trompetensignalen charakterisiert die lagernden Sowjettruppen und ist Schostakowitschs 11. Sinfonie entnommen. Schon die Tatsache, dass der Komponist Musik, die für die Illustration einer sehr unterschiedlichen Situation geschrieben war, hier umstandslos wiederverwertet, zeigt, dass er sich damit nicht viel Mühe gemacht hat. Auch das pathetische Drumherum ist nach Schablone geschrieben, was für Schostakowitsch, der sich als musikalisches Chamäleon jederzeit in jede Haut werfen konnte, kein Problem war. Ein Kuriosum ist die Musik, die Schostakowitsch erklingen lässt, wenn die Sowjetsoldaten von den befreiten Dresdnern begeistert empfangen werden:
- "Fünf Tage - fünf Nächte", 3. Satz 2'47
CD 2, track 5, ab 3'43"
"Alle Menschen werden Brüder" - diese Kurzfassung von Beethovens Neunter schrieb Dimitri Schostakowitsch 1960 als Begleitmusik zu dem Film "Fünf Tage - fünf Nächte" von Lew Arnstam. Sie unterstreicht die propagandistische Verbrüderungsszene zwischen der deutschen Bevölkerung und den Sowjetsoldaten. Schablonenmusik zu einem sentimentalen Schablonenfilm, der vor allem den Zweck hatte, die Verbringung der Bilder der Dresdner Galerie nach Moskau als eine "humanistische Tat" zu rechtfertigen, damit so viel Schönheit für die Zukunft gerettet werde.
Das 8. Streichquartett, das für Schostakowitsch viel wichtiger war, hat damit nichts zu tun, die musikalischen Welten beider Musiken liegen unendlich weit voneinander entfernt. Das 8. Streichquartett ist nicht nur eines der besten Werke Schostakowitschs, es hilft uns sogar bei der Entschlüsselung des doppelten Bodens, den er in der Zeit des Stalinismus in seine Musik eingebaut hatte. Da sind die Zitate eigener und fremder Musik, da ist sein musikalisches Kürzel "D Sch". Im gehetzten 2. Satz verbindet es sich mit dem jüdischen Thema aus seinem 2. Klaviertrio: Schostakowitsch identifiziert sich mit den Opfern des Antisemitismus - ob in der Sowjetunion, in Deutschland oder sonst irgendwo auf der Welt, ist nicht von Bedeutung.
Im dritten Satz mit seiner untertänigen Geflissentlichkeit enthüllt Schostakowitsch das Hauptthema seines Cellokonzerts vom Vorjahr als Entstellung des "D-eS-c-h"-Motivs: das angepasste Mitglied des Komponistenverbandes, das immer hilfreich bereitsteht und seine neuen Stücke gerne kritisieren lässt, als die Maske des Komponisten D.Sch. Und dann wird das Thema des Cellokonzerts, diese Verballhornung, wieder richtiggestellt, die wahre Identität enthüllt. Im folgenden Ausschnitt hören wir zunächst das Thema des Cellokonzerts, dessen Viertonmotiv dann aus dem Zusammenhang gerissen und mit harten Tuttischlägen konfrontiert wird. Nach Klageliedern erklingt das originale Viertonmotiv "d-es-c-h". Die Maske wird abgestreift, der wahre D.Sch. wird sichtbar.
- 8. Streichquartett, 51 - 65 6'36
CD, track 3, ab 3'27 + track 4 (sofort raus)
Schwer zu glauben, dass nach dieser Musik sogleich die 12. Sinfonie zum Gedenken an Lenin entstand und der Komponist sich nicht nur zum Vorsitzenden des Russischen Komponistenverbandes wählen ließ, sondern sogar in die Kommunistische Partei eintrat! Doch auch das passt zusammen. Er hatte den Auftrag für die Filmmusik angenommen, um den Bedrängungen zu entgehen, mit denen man ihm in Moskau zusetzte, damit er diese Schritte unternehmen sollte.
In diesem Jahr ist in Russland ein Buch erschienen, das unsere Vermutungen bestätigt, das Erinnerungsbuch von Schostakowitschs Freund Isaak Glikman. Es enthält eine sehr plausible Schilderung der Umstände. Dort beschreibt Glikman, wie er einen Anruf Schostakowitschs erhielt, der aus der Versammlung gelaufen war, in der er seinen Aufnahmeantrag in die Partei verlesen sollte. Heimlich fuhr er nach Leningrad, stieg dort aber nicht wie sonst im Hotel Europa ab, sondern ging in die Wohnung seiner Schwester, wo er auf Glikman wartete. Dieser sah ihn in einem schrecklichen Zustand, er weinte laut. Chruschtschow wollte ihn zum Vorsitzenden des Russischen Komponistenverbandes machen, und dafür war die Parteimitgliedschaft die Voraussetzung. Er brachte vor, er verstehe noch nicht genügend vom Marxismus und sei religiös. Es muss damals etwas ähnliches wie ein mittelalterliches Autodafé stattgefunden haben, so wie beim Widerruf des Galileo Galilei. In einem sehr begrenzten Kreis war damals sein Werk "Rayok" bekannt, mit dem er kurz vorher die Kulturpolitik der Partei verspottet hatte.
In dieser Situation fuhr er nach Dresden. An Isaak Glikman schrieb er von dort einen Brief. Darin berichtet Schostakowitsch, dass er zwar von der Sächsischen Schweiz begeistert sei und ein Streichquartett geschrieben habe, dass von der Filmmusik aber noch keine einzige Note existiere. Das 8. Streichquartett, schreibt er weiter, sei eine Pseudotragödie und "der Erinnerung des Verfassers dieser Musik gewidmet" - sarkastisch beschreibt sich Schostakowitsch als einen Toten. Die Selbstdemütigung gipfelt in der Bemerkung, er habe geweint - aus Glück darüber, wie schön die Form gelungen sei.
Die Filmmusik zu Arnstams "Fünf Tage - Fünf Nächte" gehört dagegen nicht zu Schostakowitschs Meisterwerken. Danach schrieb er nur noch zu vier weiteren Filmen die Musik, darunter Arnstams "Sofia Perowskaja" im Jahr 1967. Für Grigori Roschal schrieb er 1965 die Musik zu der Karl-Marx-Legende "Ein Jahr wie ein Leben" mit Zitaten der Marseillaise und anderer Lieder von 1848. Und seinem alten Freund Kosinzew lieh er seine Feder für dessen späte Shakespeare-Filme "Hamlet" und "König Lear". Während sich Schostakowitschs Spätwerk immer mehr zur kargen Graphik verknappte und kaum noch ein anderes Thema fand als den Tod, schrieb er gleichzeitig Gebrauchsmusik, wie er sie während seines ganzen Lebens geschrieben hatte. Darunter finden sich die Walzer und Galopps bekannter Art, als sei die Zeit stehen geblieben.
Doch die beiden letzten Gemeinschaftsarbeiten mit Kosinzew inspirierten ihn noch einmal zu Filmmusiken, die die alte Kraft spüren lassen. Die musikalische Sprache ist bei aller Monumentalität wieder lapidarer und knüpft bisweilen sogar an frühe Muster an. Die interessanteste Szene in "Hamlet" ist die Szene mit dem Geist von Hamlets Vater. Im Film wäre es noch einfacher, einen Geist erscheinen zu lassen, als auf der Bühne, doch Kosinzew fand das lächerlich. Gemeinsam mit seinem Komponisten fand er eine andere Lösung. Der Geist bleibt unsichtbar. Aber hörbar. Die Musik übernimmt diese Rolle. Mit diesem Geist, der nicht erscheint, der letzten originellen filmmusikalischen Idee Schostakowitschs, wollen wir den Querschnitt durch diesen Bereich seines Schaffens denn auch beschließen. Leonid Grin dirigiert das Radio-Symphonieorchester Berlin.
- "Hamlet", 3. "Das Gespenst" 5'27
CD, track 3
RSO Berlin, Leonid Grin
Capriccio 10298 (LC 8748)
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