Sergej Prokofjew: Der feurige Engel
HR 2 Opernbühne, 22.10.1988, 20.30 Uhr
- Ansage mit Besetzung (Tagessprecher)
Der erste Akt der Oper gönnt dem Zuschauer nur ein kurzes Einatmen, bevor ihn die Schauergeschichte vom Feuerengel packt. Ruprecht war lange in Amerika, und da die Handlung um 1534 in Köln und Umgebung spielt, muss er einer der Pioniere gewesen sein. Vor dem schmutzigen Dorfgasthof, in dem ihm die Wirtin ein schlechtes Zimmer zuweist, ekelt ihn: in Italien gab es in der letzten Spelunke weichere Betten. Doch er hat sich noch nicht richtig niedergelegt, da überfällt ihn das Grauen, das ihn auch nicht mehr loslassen wird. Im Nebenzimmer beginnt es derart schaurig zu jammern, dass er die Tür aufbricht. Eine Frau, in unaussprechlicher Angst an der Wand lehnend, wirft sich ihm entgegen und presst sich an ihn. Der ritterliche Ruprecht vermag die Gespenster zu verjagen, aber dass Renata, so nennt sich die Frau, ihn beim Namen genannt hat, macht ihn nur für einen kurzen Augenblick stutzig. Er gerät in ihren Bann und damit ist er verloren.
Sein naives Staunen wächst noch mehr, als Renata ihm erzählt, von was für einem bösen Geist sie da heimgesucht werde. In Gestalt eines feurigen Engels habe er sich ihr zum ersten Mal gezeigt, als sie gerade acht Jahre alt war, seine Augen von himmlischer Bläue, seine Locken gesponnen aus reinem Gold. Madiel nannte er sich, Madiel. Sie wurden unzertrennliche Spielkameraden. Aber auch in anderer Gestalt kam er zu ihr: "wiegend als großer, als feuriger Schmetterling. Falter mit silberstrahlenden Schwingen, goldnen Fühlern, dann verbarg ich ihn im wallenden Falle meines Haars. In einer Blume, die ich brach, erkannt ich ihn, in einer glühenden Kohle, springend hervor aus dem Herd, oder in einem ausgelösten Nusskern. Nächtens aber teilte Madiel mein Lager mit mir, schmiegte sich wie eine Katze an bis zum Morgengrau."
Schließlich habe Madiel ihr eine Prophezeiung gemacht: zur Heiligen sei sie bestimmt - und so habe sie nun auch zu leben. Er zwang sie, sich Martern aufzuerlegen, zu hungern und im Winter mit bloßen Füßen zu gehen, sich die Lenden zu geißeln und die Brüste sich mit Dolchen zu zerfleischen. Er gab ihr bei alldem die Stärke. Kranke zu heilen begann sie sogar.
Dann aber, als sie Sechzehn war, hatte sie ihn gebeten, sich mit ihr auch "im Fleische zu verbinden". Madiel verweigerte das. Sie umschlag ihn bettelnd, doch Madiel entflammte in feurigem Zorn, als Feuersäule entschwand er, indem er sie versengte.
Lage habe sie dann gelitten in völliger Verlassenheit. Bis sie Gottfried traf, den Grafen mit den himmelblauen Augen und dem lockigen Blondhaar. Allerdings: dass er eine Inkarnation Madiels sei, das wollte Gottfried nicht glauben. Nach einem Jahr des größten Glücks verließ er sie schließlich ohne Abschied, ohne Erklärung. Wieder habe sie gelitten, gewartet, gesucht, und seit dieser Zeit habe sie diese schrecklichen Gesichte, vor denen Ruprecht sie gerade gerettet habe.
Ruprecht findet Renata trotz ihrer furchtbaren Geschichte zart und sanft. Ganz anders die Wirtin, die mit ihrem Knecht gelaufen kommt, um dem Lärm ein Ende zu machen. Beide beschimpfen Renata als gottlose Hure. Aus Ruprechts Mitleid wird langsam Begehren. Er überlegt, er könnte Renata retten, sie müsste ihm dafür dankbar sein, und dann... Vor irgendwelchen Teufelsspuk wird er doch keine Angst haben, der sich in Amerika mit den Rothäuten geschlagen hat! Renata beginnt wieder von ihrer Lust auf Gottfrieds Körper zu schwärmen. Den armen Ruprecht erhitzt das aufs Äußerste. Seinen Ansturm wehrt Renata jedoch mit solcher Entschieden heit ab, dass er betroffen beschließt, ihr auch ohne Lohn zu helfen, den blonden Grafen wiederzufinden. Zunächst steht ihm noch eine kleine Probe bevor auf das, was ihn erwartet. Die Wirtin hat eine Wahrsagerin herbeigeschleppt. Renata, die sich in deren Kauderwelsch erstaunlich gut auskennt, bittet Ruprecht, die Alte zu bezahlen, damit sie weissagt. Mit den blutigen Horrorvisionen, die die Wahrsagerin daraufhin produziert, schließt der erste Akt.
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Dies war der erste Akt der Oper "Der feurige Engel" von Sergej Prokofjew, die wir heute abend in einem Live-Mitschnitt aus dem Grand Theatre Genf ausstrahlen. Die Wahrsagerin war Pauline Tinsley, die Wirtin Janeen Franz. Die Renata wird gesungen von Sophia Larson, Ruprecht von Franz Grundheber. Im zweiten Akt treten Andreas Jäggi als Glock und Ragnar Ulfung als Agrippa auf. Der Dirigent ist Bruno Bartoletti.
Diesmal genügen knappere Anmerkungen zum Inhalt. Ruprecht ist nun vollständig in Renatas dunkle Bestrebungen verstrickt. Nachdem beide die ganze Stadt Köln nach Renatas Traumgrafen abgerannt sind, suchen sie nun in der Magie nach der Lösung. Im ersten Bild unternimmt Ruprecht den Versuch, mit einem Klopfgeist Kontakt aufzunehmen, was aber jämmerlich misslingt. Im zweiten Bild sucht Ruprecht Agrippa von Nettesheim auf. Der berühmte Gelehrte versichert ihm, er sei kein Magier, sondern lediglich auf der Grundlage des Christentums auf der Suche nach tieferer Weisheit. Was Ruprecht nicht sieht: Hinter einem Vorhang stehen drei menschliche Skelette, die unter schaurigem Geklapper zischen "Du lügst!"
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Im zweiten Akt von Prokofjews "Feurigem Engel" hörten Sie Sophia Larson als Renata, Franz Grundheber als Ruprecht, Ragnar Ulfung als Agrippa von Nettesheim und Andreas Jäggi als Jakob Glock. Ferner hörten Sie die Chöre des Grand Théâtre Genf und das Orchestre de la Suisse Romande, es dirigierte Bruno Bartoletti.
In seiner Autobiographie schreibt Prokofjew: "Im März 1922 ließ ich mich in Süddeutschland nieder, am Abhang der bayerischen Alpen, unweit vom Kloster Ettal und drei Kilometer von Oberammergau, berühmt durch seine Festspiele - ein mittelalterliches Passionsspiel - die alle zehn Jahre abgehalten werden. Es war eine malerische und friedliche Gegend, ideal für die Arbeit. Ich begann sogleich mit der Komposition des 'Feurigen Engels'. Der darin beschriebene Hexensabbath muss irgendwo in dieser Gegend stattgefunden haben."
Nichts verbindet den "Feurigen Engel" mit der davor komponierten Oper Prokofjews, der raffinierten und klaren "Liebe zu den drei Orangen". Der Komponist griff vielmehr auf die expressive Musik zurück, die er um 1915 komponiert hatte: die zynische Dostojewski-Oper "Der Spieler" beispielsweise, oder das Ballett "Le Chout". Auch seine Skytische Suite "Ala und Lolly", die mit ihrem Riesenorchester Rhythmen skandiert, Beschwörungsphrasen und Märsche mischt, sozusagen Strawinskys "Sacre" mit Skrjabins "Poème de l'extase" verbindet. Nach diesen ungeschlachten, gewalttätigen Werken hatte Prokofjew 1916 ganz überraschend die luzide Symphonie Classique und das 1.Violinkonzert geschrieben und auf Meyerholds Anregung sich Gozzis "Liebe zu den drei Orangen" zugewandt.
Commedia dell'arte im russischen Revolutionsjahr 1917! Prokofjew war kein politischer Mensch, die Erregung dieser Zeit hinterließ in seinem Werk nur in den "Chaldäischen Beschwörungen 'Es sind ihrer Sieben'" nach Balmonts "Rufen des Altertums" ihre Spur. 1918 reiste er mit dem Einverständnis des Volkskommissars Lunatscharski ins Ausland, "Studien- und erholungshalber", wie man diplomatisch formulierte. Über Wladiwostok, Japan und Hawaii kam Prokofjew nach Amerika, wo er hauptsächlich als Klaviervirtuose auftrat. Dort beendete er 1919 die "3 Orangen" und dort entdeckte er im Dezember des gleichen Jahres die Erzählung "Der feurige Engel", die der russische Symbolist Waleri Brjussow in den Jahren 1907/08 veröffentlicht hatte.
"Nach dem heiteren und frivolen Stück von Gozzi war es reizvoll, sich der wilden, leidenschaftlichen Renata zuzuwenden. Der mittelalterliche Rahmen, mit dem umherwandelnden Doktor Faust und den drohenden Erzbischöfen, sagte mir ebenfalls sehr zu. Unglücklicherweise war mein Interesse nicht sehr zeitgemäß. Als ich die Arbeit an der 'Liebe zu den drei Orangen' begann, hatte ich einen Vertrag in der Tasche, und es wurde dennoch nichts mit der Aufführung. Jetzt mit einem neuen großen Werk zu beginnen ohne irgendeine Aufführungsaussicht war zumindest unklug. Aber da zeigte sich die eigensinnige Ader meiner Natur: Mit einer Oper war es schiefgegangen, da würde ich also eine andere schreiben. - Sieben Jahre arbeitete ich an dem 'Feurigen Engel' - allerdings mit großen Unterbrechungen. Die Oper enthielt viel mehr Musik als die 'Orangen'; aber ich hatte nie Glück mit ihr. Schuld ist daran zum Teil die Handlung, aus der sich nicht leicht ein Libretto formen ließ. Das ist bei allen in der ersten Person erzählten Geschichten so: diese Person ist immer im Vordergrund und von den anderen Gestalten wird nur wenig ausgesagt, so dass man für sie selbst entsprechende Vorgänge erfinden muss.
Jedenfalls füllte die Arbeit an der neuen Oper die Lücke aus, die nach der Vollendung der 'Orangen' entstanden war. Manchmal, wenn ich in New York im Central Park umherwanderte und zu den Wolkenkratzern empor sah, dachte ich mit wildem Zorn an alle die wunderbaren amerikanischen Orchester, die sich nicht um meine Musik kümmerten, an die Kritiker, die unermüdlich Plattheiten wiederholten, wie 'Beethoven ist ein großer Komponist!', und alles Neue heftig ablehnten; an die Managers, die lange Tourneen für Künstler veranstalteten, die das selbe abgedroschene Programm fünfzig Mal hintereinander spielten. Ich war zu früh hierher gekommen: das Kind war noch nicht alt genug, um neue Musik zu schätzen. Sollte ich nach Hause gehen? Aber wie sollte ich hinkommen? Russland war von allen Seiten von den 'Weißen' blockiert, und dann: wer will nach einer Niederlage heimkommen?"
Prokofjew ging nach Paris, wo er für Dhiagilew "Le Chout" für die Aufführung fertigkomponierte. Das war endlich ein Erfolg. Die russische Exotik war in Paris immer noch gefragt. Er schrieb das Dritte Klavierkonzert zuende. Dafür verwendete er Themen, die er ursprünglich für ein Streichquartett ohne Versetzungszeichen gedacht hatte. Die ständige Diatonik erschien ihm dann aber zu monoton und so verwendete er einen Teil der "weißen" Themen für das Klavierkonzert, andere zweigte er für den "Feurigen Engel" ab: Das Hauptthema fand in der Klosterszene Verwendung, das Seitenthema wurde zum Motiv Renatas. Noch einmal fuhr Prokofjew in die Vereinigten Staaten, zur Uraufführung der "Liebe zu den drei Orangen", noch einmal kehrte er enttäuscht nach Europa zurück, wo er sich im März 1922 für anderthalb Jahre mit seiner Frau und seiner Mutter in Ettal niederließ, um am "Feurigen Engel" zu arbeiten.
Wie vorausgesehen, hatte Prokofjew mit dem "Feurigen Engel" keinen Erfolg. Er hat nicht einmal die Uraufführung erlebt. In Paris wurden 1926 Teile des 2. Aktes konzertant aufgeführt, dort war auch die konzertante Uraufführung in Prokofjews Todesjahr 1953. Erst 1955 wurde die Oper im Teatro La Fenice in Venedig zum ersten Mal in Szene gesetzt. Auch den Grund für den Misserfolg hatte Prokofjew richtig vorhergesehen. Die Zeit des Expressionismus ging zu Ende, der Neoklassizismus, den er ja selber mitinitiiert hatte, wurde zur vorherrschenden Mode. In den Zeiten der Stabilisierung zwischen den Kriegen waren letztlich doch in der Ästhetik der Jahrhundertwende steckengebliebene Werke wie der "Feurige Engel" zu schwül, zu plüschig - dasselbe gilt für Hindemiths "Sancta Susanna" - ein ganz ähnliches Thema, von dem deutschen Expressionisten August Stramm bearbeitet und zur gleichen Zeit, 1921, komponiert.
Waleri Brjussow, der von 1873 bis 1924 lebte, hat seiner Erzählung einen äußerst ausladenden Titel gegeben: "Der feurige Engel oder die wahre Erzählung von dem Teufel, der wiederholt in der Gestalt eines lichten Geistes einem Mädchen erscheint und dieses zu verschiedenen sündhaften Handlungen verführt, von der gottlosen Beschäftigung mit der Magie, Astrologie und Nekromantie, von dem Gericht über das Mädchen, unter Vorsitz seiner Ehrwürden des Erzbischofs von Trier, und über die Begegnungen und Unterhaltungen mit dem Ritter und dreifachen Doktor Agrippa aus Nettesheim. Die erzählende Person des ganzen Werkes ist der Ritter Ruprecht - ein Mann, dem alle mystischen Vorurteile fremd sind. Er ist ein Humanist und Skeptiker, der Länder bereist und sich an Kriegshandlungen beteiligt. - Die Hauptperson der Erzählung ist die Geliebte des Ritters Ruprecht, Renata, die von religiös-mystischen Anfällen heimgesucht wird und durch die Foltern der Inquisition umkommt."
Prokofjew hat die Vorlage zwar gekürzt - er hat das Libretto selbst geschrieben - aber keine wesentliche Änderung der Tendenz vorgenommen. Das Historische ist durchaus nur koloristisch gemeint. Ob Ruprecht nun als Humanist klassifiziert wird, ist völlig gleichgültig, denn die okkulten Vorgänge finden ja tatsächlich statt. Der philosophisch-theologische Diskurs ist ebenfalls bloße Dekoration. Wie bedenkenlos die Handlung mit bildungsbürgerlichen Versatzstücken umherwirft, zeigt sich schon daran, dass ohne Umstände Faust, Mephisto, Agrippa von Nettesheim usw. die Handlung bereichern, ohne dass es um irgendeine Interpretation der Geschichte ginge. Und Prokofjew wurde von genau dieser koloristischen Qualität der Erzählung angezogen.
Gemeint ist nur das Sexuelle. Frauen hinter Klostermauern - das belebt Männerphantasien. Die Titelfigur der Oper tritt überhaupt nicht auf; Madiel lernen wir wie Ruprecht nur in den Erzählungen Renatas kennen, auch Gottfried sieht der Zuschauer nur ganz kurz von hinten. Auch nicht Renata ist die Hauptfigur, sondern Ruprecht, ein Mann. Die ganze Handlung ist eine männliche Projektion. In Renata verquicken sich die um die Jahrhundertwende beliebte Trennung des Frauenbildes in die Heilige und die Hure in einer Person. Der Mann Ruprecht hat Angst vor der Frau und begehrt sie doch. Er scheitert beim Vergewaltigungsversuch und beginnt sie zu idealisieren. Nun hat sie ihn in ihrer Gewalt. Sie spielt virtuos damit, ihn erst zu locken und dann zu demütigen. Erst nachdem Ruprecht alle Stadien der Erniedrigung und des Versagens durchgemacht hat, beinahe sein Leben geopfert hat für ein Liebesversprechen um dann damit konfrontiert zu werden, dass die Geliebte den Schleier nimmt und ewig unerreichbar sein wird, erst in diesem äußersten Punkt schlägt die Handlung um in den Hexensabbath des 5. Aktes, die Frau wird zur Hexe, hat sich fleischlich dem Satan ergeben, ja schließlich wird die ganze Weiberwelt besessen. Ein Mann, der Inquisitor, rettet die Lage, indem er das Weib mit seinem Stab annagelt. -
Eine Hinweis noch. Prokofjew hat sich von dem Misserfolg nicht beirren lassen. Da die Musik des feurigen Engels, wie Sie gehört haben, sehr sinfonisch komponiert ist, der Gesang fast rezitativisch deklamiert, der Orchesterpart eine gewichtige Rolle spielt, und motorische Rhythmik und expressive Linien plastisch auseinander treten, konnte er das Material ohne Schwierigkeiten in seiner Dritten Sinfonie c-moll op.44 verwenden. Wenn Ihnen also Teile des "Feurigen Engels" bekannt vorkommen, kann es daran liegen, dass Sie die Dritte Sinfonie schon einmal gehört haben. Sollte Ihnen dieses spannende Werk bisher entgangen sein, so möchte ich auf die großartige Einspielung Kyrill Kondraschins hinweisen, die noch erhältlich ist. -
Der 3. Akt spielt zunächst vor Graf Heinrichs Haus. Renata lehnt verzweifelt an der verschlossenen Tür. Heinrich lässt ihr nicht öffnen, weil sie vom Teufel sei und alle seinen Hoffnungen zerstört habe. Die gute Laune Ruprechts, der gerade von Agrippa zurückkommt und glaubt, er sei jetzt von der Magie geheilt, kann unter diesen Umständen nicht von langer Dauer sein. Renata versucht ihn dazu anzustiften, Heinrich zu töten. Zuerst weigert er sich entsetzt, aber als Renata schwört, nach Heinrichs Tod werde sie nur noch ihm angehören und ihm das ganze Leben hindurch folgen, wird er schwach. Er folgt Renatas teuflischem Vorschlag, den Grafen Heinrich wegen der Verführung und Verstoßung Renatas zu fordern. Doch während Ruprecht im Haus des Grafen ist, fiebert Renata bereits wieder nach ihrem Madiel, und den armen Ruprecht, der zum Duell davoneilt, beschwört sie: "Man darf ihn nicht töten, er leuchtet, er ist herrlich, ich allein bin schuldig vor ihm. Wenn du nur ein Haar ihm am Haupte krümmst, dann hörst du niemals mehr von mir. Berühre Madiel in keinem Fall!"
Im zweiten Bild ist der Zweikampf bereits vorbei. Am Rheinufer liegt Ruprecht schwer verwundet. Er wirft Renata vor, sie habe ihn in den sicheren Tod gesandt, dann verliert er das Bewusstsein. Renata ist so gütig, ihm noch eine Mitteilung zu machen. Er dürfe nicht in den Tod gehen, ohne zu erfahren, dass ihre Geister ihr gesagt hätten, der kühne Ruprecht werde ihr gesandt um sie im Leben zu beschützen. Ach, kaum wage sie es zu gestehen: mit Zartheit, Treue und mit der Kraft seiner Liebe habe er sie gewonnen. "Ja, ich liebe dich", leidenschaftlich umarmt sie Ruprecht, während ein Frauenchor hinter den Kulissen höhnisch wiederholt "Ich liebe dich, ich liebe dich". Ruprecht nimmt von all dem nichts wahr. Er sieht im Fieberwahn nur Rothäute, die seinen Skalp haben wollen.
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Worüber das Publikum gerade gelacht hat, das war der Arzt, der zwar nicht mehr viel auf Ruprechts Leben gibt, aber die Fortschritte der Medizin im 16. Jahrhundert preist. Weder im Vierten noch im Fünften Akt von Prokofjews "Feurigem Engel" wird es noch einmal etwas zum Lachen geben. Zwei Leidensstationen hat Ruprecht noch vor sich. Im 4. Akt konfrontiert Renata den trotz allem Genesenden mit ihrer Absicht, ihn zu verlassen, da er ihr die Seele verführe: sie will ins Kloster gehen. Ruprecht versucht zu argumentieren. Zur Lebensmühe, die dem Menschen aufgetragen sei, gehöre nun einmal auch die Liebe, und daher dürfe man sich ihr sowenig entziehen, wie den übrigen Lebensplagen. Aber selbst Amerika lockt Renata nicht. Soll er doch ins Freudenhaus gehen, dort könne er für billiges Geld haben, was er wolle, höhnt sie. Renata ist wirklich unvergleichlich. Ruprecht schwört bei seinem Seelenheil, dass er sie liebe, und sie nennt ihn einen Heuchler, der vom Satan besessen sei. Sie greift ein Messer und keucht: "Sie her, hier ist ein Mittel dagegen, wenn der Leib uns zum Verführer werden will". Sie reißt sich das Kleid von der Schulter und verwundet sich mehrere Male. Dann schleudert sie das Messer gegen Ruprecht, der knapp ausweichen kann. Beide stürzen davon.
Sie haben nicht bemerkt, dass neben ihnen Faust und Mephisto Platz genommen haben. Mephisto entzückt Faust bei einer Rast von ihren Reisen mit einigen seiner Sarkasmen. Als ihm der Hammelbraten zu lange dauert, verspeist er den winzigen Kellnerknaben - natürlich krabbelt der später unversehrt aus dem Kehrichtkasten wieder hervor. Der arme Ruprecht ist Mephistos nächstes Opfer. Er spricht ihn an, zusammen mit Faust teilen sie ihm die großartige Erkenntnis ihrer Fahrten mit, dass überall nur der Mann dem Weibe nachlaufe, das er begehrt, und dass man nirgendwo um Gold noch mit Gewalt Liebe gewinnen könne. Das ist gerade das Richtige für Ruprecht. Um ihn zu erheitern, schlägt Mephisto ihm einen gemeinsamen Ausflug für den nächsten Tag vor.
In unserem Mitschnitt aus dem Grand Theatre Genf treten im 4. Akt zusätzlich auf Ragnar Ulfung als Mephistopheles und Philippe Rouillon als Faust.
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Der fünfte und letzte Akt der Oper "Der feurige Engel" von Sergej Prokofjew spielt in dem Kloster, in das Renata eingetreten ist. Seit ihrer Ankunft ist dort buchstäblich der Teufel los. Aus diesem Grund erwartet man den Inquisitor, der die Dämonen verjagen soll. Renata gesteht ihm zwar, dass sie Erscheinungen hat, aber Madiel habe ja immer nur von der göttlichen Güte und einem sündlosen Leben gesprochen, warum sollte sie ihm nicht trauen? Da ertönen abgerissene Schläge aus der Wand und aus dem Boden, allgemeine Unruhe entsteht und unter den Schwestern hört man einzelne Aufschreie und Stöhnen. Einige Nonnen sind Renata verfallen und preisen sie als Heilige. Immer größere Erregung erfasst sie, bis sie sich in Krämpfen auf dem Boden winden. Andere unterstützen den Inquisitor beim Exorzismus. Denn dieser hat verkündet, dass oftmals der Geist der Finsternis die Gestalt von Engeln des Lichts annimmt. Zwei besessene Nonnen gestehen, dass Renata es ist, in der der Dämon haust. Sie selbst beharrt ganz schlicht auf ihrer Unschuld.
Nun geht der Kampf erst richtig los. Rechtzeitig kommt Mephisto mit Ruprecht hinzu, der hier also das versprochene Abenteuer erleben soll. Vor Entsetzen will Ruprecht sich von der Galerie stürzen. Aber Mephisto packt ihn im Fall. Kopfüber muss er bis zum Ende zusehen. Wie besessen stürzen sich schließlich alle Nonnen auf den Inquisitor. In letzter Sekunde reißt einer aus dessen Gefolge die Tore auf. Das Sonnenlicht bricht herein, die Wache stürmt den Saal und drängt die Frauenmasse zurück. Das letzte Wort hat der Inquisitor, der Renata mit seinem Stab gleichsam annagelt: "Dieses Weib ist schuldig, fleischlich Umgang zu haben mit Satanas. Man überliefere sie dem Strafgericht der Inquisition. Zur Folter mit der Hexe, lasst sie verbrennen."
In unserer Aufnahme aus dem Grand Theatre Genf kommt als Inquisitor hinzu Kevin Langan.
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Absage mit vollständiger Besetzung: Tagessprecher
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