Britten: "The Turn of the Screw" von den Schwetzinger Festspielen 1990
h2 Opernbühne
Sprecher:
Festspielsommer 1990. Auf der hr2 Opernbühne heute die Aufzeichnung einer Produktion der diesjährigen Schwetzinger Festspiele: "The Turn of the Screw", Oper in einem Prolog und zwei Akten von Benjamin Britten. Im deutschen Sprachraum wurde diese Oper auch unter dem Titel "Die sündigen Engel" bekannt, doch wirkt das ein wenig verharmlosend gegenüber der schaurigen Erzählung von Henry James, deren Titel "The Turn of the Screw" - "Das Drehen der Schraube" - das grauenhafte Geschehen im Landhaus Bly weit deutlicher faßt. In jeder der acht Szenen eines jeden Aktes zieht diese Schraube sich einen Ruck fester zu, zum wachsenden Entsetzen der Gouvernante, die den Auftrag übernommen hat, die beiden Kinder Miles und Flora zu erziehen, wie der Prolog berichtet. Nur vom Klavier begleitet, erzählt er von dem reichen Londoner Lebemann, der keine Zeit hat, sich um seine kleinen Mündel in der Provinz zu kümmern, und nun eine Gouvernante engagiert, um dieses Problem vom Hals zu haben - und sie möge ihn doch bitte nicht mit nutzlosen Fragen oder gar Briefen belästigen.
Das Orchester setzt ein mit dem Vorspiel zur 1. Szene. Britten hat für die Einleitungen der sechzehn Bilder die Form von Thema und fünfzehn Variationen gewählt, ein Kunstgriff, der zur Geschlossenheit der Opernhandlung beiträgt. Wir sehen nun die Gouvernante in der Kutsche, voller Erwartungen und Ängste angesichts des seltsamen Auftrags. Im 2.Bild kommt sie in Bly an, empfangen von den beiden Kindern und einer ziemlich entnervten Haushälterin. "Der Brief" heißt die 3.Szene, und besagtes Schreiben kommt von Miles' Schule. Er wird relegiert, weil er auf die anderen Jungen einen schlechten Einfluß habe. Mrs. Grose, die Haushälterin, will es nicht glauben: nein, schlecht ist Miles nicht, ein bißchen wild manchmal, wie eben ein echter Junge, aber dies hier ist glatt gelogen. Doch an einem schönen Sommerabend sieht die Gouvernante plötzlich eine Gestalt auf dem Turm im Garten, von der sie sich beobachtet fühlt. "Wer kann das sein?" fragt sie sich in Panik. Kurz darauf sieht sie ihn - in der 5. Szene - vorm Fenster stehen, und jetzt bestätigt ihr Mrs. Grose, wer der Geheimnisvolle ist: Peter Quint, früherer Kammerdiener, der sich immer zu viel herausgenommen hatte, ja, auch Miles gegenüber, selbst gegenüber Miss Jessel, der vorigen Gouvernante, die dann wegging und starb. Auch Quint starb bei einem Unfall, und noch immer scheint seine schlimme Bahn nicht vollendet.
Die Gouvernante bekommt Angst. Weniger um sich als um Miles, nach dem Quint ganz offensichtlich gesucht hatte. Sie wird diesen verderblichen Einfluß bekämpfen! Seltsam wird alles jetzt: die Lateinstunde in der 6.Szene, bei der Flora zu stören beginnt und Miles das seltsame Lied "Malo" singt, dann der Unterrichtsgang der 7.Szene, als plötzlich Miss Jessel am See auftaucht, von Flora wohl bemerkt, die sich aber nichts anmerken läßt. "Sie sind beide verloren, ich kann sie nicht beschützen", flüstert die Gouvernante.
Nacht. Im 8.Bild des 1. Aktes ruft Quint vom Turm aus nach Miles, der im Nachthemd in den Garten kommt, und verspricht ihm die großen Abenteuer. Und auch Miss Jessel lockt Flora, bis Mrs. Grose und die Gouvernante sich nähern und die Gespenster vertreiben. "Ich bin schlecht, siehst du", sagt Miles zum Schauder der Gouvernante.
Hören Sie jetzt Prolog und ersten Akt der Oper "The Turn of the Screw" von Benjamin Britten. Wie senden eine Aufzeichnung von den diesjährigen Schwetzinger Festspielen. Das Werk wurde inszeniert vom Kölner Opernchef Michael Hampe, der diese Oper bereits 1983 in einer Gemeinschaftsproduktion der Kölner Oper mit der Bayerischen Staatsoper auf die Bühne gebracht hatte. Schon damals war Machiko Obata als Flora dabei; den Knaben Miles sang in Schwetzingen Sam Linay. Richard Greager war der Prolog und Peter Quint, Phyllis Cannan war Miss Jessel. Die Haushälterin Mrs. Grose wurde gesungen von Menai Davies, die Gouvernante verkörperte Helen Field. Mitglieder des Radio-Sinfonieorchesters Stuttgart spielten unter der Leitung von Steuart Bedford.
Musik:
Benjamin Britten: "The Turn of the Screw"
Prolog und 1. Akt
Sprecher:
In einer Aufzeichnung der diesjährigen Schwetzinger Festspiele hören Sie "The Turn of the Screw", Oper in zwei Akten und einem Prolog von Benjamin Britten. Mit jeder Szene des soeben verklungenen Ersten Aktes hatte die Schraube ein wenig schärfer angezogen, die im Landhaus Bly die beiden Kinder Miles und Flora und die neue Gouvernante zusammen mit der Haushälterin Mrs. Grose allmählich zu ersticken droht. Auch in den acht Bildern des Zweiten Aktes wird sie sich jeweils einen spürbaren Ruck weiterdrehen, bis zur unausweichlichen Katastrophe.
Die Erzählung "The Turn of the Screw" von Henry James erschien 1898, und man erkannte sofort, daa dies mehr war als eine gewöhnliche Gespenstergeschichte. James begnügte sich mit Andeutungen, bei ihm hatten die Gespenster keine Sprache und es wurde auch nicht klar, womit sie eigentlich die Kinder locken. Es ist jedoch die Zeit Sigmund Freuds, und Henry James ist ein Geistesverwandter Arthur Schnitzlers, gleich ihm den Geheimnissen der Psyche auf der Spur, die von der Prüderie des Viktorianismus zugedeckt worden waren. Augenfällig sind die Symbole, die den beiden Verworfenen zugeordnet sind: Peter Quint erscheint auf einem Turm, Miss Jessel an einem See, und auch ihr Verhältnis zueinander klammerte offenbar das Sexuelle nicht aus. Die Erzählung von Henry James zieht subtil den viktorianischen Schleier von der angeblichen Unschuld der Kinder ohne etwas mit Worten zu sagen, er erzählt von den Verlockungen, die er jedoch in den Ängsten der Gouvernante aufscheinen läßt.
Benjamin Britten war zeitlebens angerührt von den Unschuldigen, die in den Mühlen des Lebens zerrieben werden, von Peter Grimes und Billy Budd bis zu Elisabeth I in der Krönungsoper
"Gloriana", die er zur Inthronisation Elisabeths II. 1953 geschrieben hatte. "The Turn of the Screw" war seine nächste Oper, uraufgeführt im venezianischen Teatro La Fenice im Herbst 1954. Myfanwy Piper schrieb für ihn das Libretto, das die Unheimlichkeit der Geschichte raffiniert in jene 16 Szenen überträgt, die zusammen mit den 16 Einleitungsmusiken den Zuhörer in einen unaufhaltsamen Strudel reißen, der ihn nicht mehr losläßt, bevor das grausige Ende ihn wieder ausspuckt. Nur in einem Punkt griff die Autorin verändernd ein: indem sie Peter Quint und Miss Jessel, den beiden Untoten, Stimmen verlieh. Britten seinerseits schuf eine unverwechselbare Klangatmosphäre, die strukturiert wird durch zwei Hauptthemen und einige davon abgeleitete Motive. Auch dies fördert den Eindruck der Unausweichlichkeit des Geschehens. Das Hauptthema besteht aus den zwölf Tönen der chromatischen Skala, jeweils eine Quart aufwärts, der eine kleine Terz abwärts folgt, bis alle Töne erklungen sind. Quarten und Terzen sind denn auch die bestimmenden Intervalle der Oper. Das zweite Thema erklingt in der 1.Szene, als die Gouvernante sich fragt: "Warum bin ich hierher gekommen?", sein Kernmotiv sind vier fallende Töne, deren Klang zum
charakteristischen Idiom der Oper beiträgt. Beispielsweise als zum ersten Mal Peter Quints Stimme zu hören ist, für Miles die Personifizierung aller Dinge, die seltsam und gewagt sind. Flora dagegen ist fasziniert von Miss Jessels melodramatischem Pathos, das in der letzten Szene des Ersten Akts zum kanonischen Erklingen beider Themen geführt hat, bis das Erscheinen von Mrs. Grose und der Gouvernante auf dem Höhepunkt der Szene das Erklingen aller sechs Stimmen und des Hauptthemas der Oper im Orchester brachte.
Den zweiten Akt eröffnet eine locker gebaute Introduktion, die aber gleichzeitig die kunstvollste der Variationen ist. Unheimlich klingende Akkorde wechseln ab mit Kadenzen, die der Musik von Peter Quint und Miss Jessel entnommen sind. Dann tauchen die beiden Gespenster auf und enthüllen ihre Absichten: sie suchen Herzen - nein Miss Jessel, nicht Ihres - die sie an sich ketten und an ihrer Sünde teilnehmen lassen können: Ein Ende hat dann die Zeremonie der Unschuld. Dann sieht man die Gouvernante, die sich quält.
Auch die frommen Lieder der beiden Kinder auf dem Friedhof täuschen Mrs. Grose und die Gouvernante nicht darüber hinweg, daa sie eigentlich nicht mit ihnen, sondern mit den beiden Gespenstern unterwegs sind, deren
Einfluß nicht mehr zu durchbrechen scheint. Die Gouvernante selbst sieht sich in der 3.Szene von Miss Jessel attackiert: als sie ins Zimmer tritt, sitzt das Gespenst seelenruhig an ihrem Schreibtisch. Es singt ein Lied der Rache, und verschwindet schließlich klagend. Die Gouvernante beschließt, nun doch dem Vormund zu schreiben.
In der 4.Szene überrascht sie Miles, wie er noch angezogen auf seinem Bett sitzt, statt zu schlafen. Sie stellt ihn zur Rede: "Was war in der Schule?" Sie bedrängt ihn - da erlöscht das Licht und Miles schreit auf. "Ich wars nur", sagt er dann schelmisch. Zum nächsten Vorspiel hört man Quint, wie er Miles dazu anstiftet, den Brief der Gouvernante an sich zu nehmen, und das 5.Bild zeigt, wie Miles dem Folge leistet. Ganz heiter gibt sich nun die 13. Variation des Hauptthemas, graziöse wie Klaviermusik aus dem 18. Jahrhundert. Miles hat Klavierstunde und spielt zum Entzücken der Gouvernante wie ein Wunderkind. Flora singt mit Mrs. Grose ein Hexenlied. Doch sie schläfern ihre beiden Aufpasserinnen nur ein, damit Flora unbemerkt hinausschlüpfen kann. Die Gouvernante seufzt nach Miles jetzt bereits im Tonfall Quints, dann stürzt sie hinaus, Flora zu suchen. Miles spielt triumphierend weiter auf dem Klavier. Man findet Flora am See, auf
dessen anderer Seite Miss Jessel erscheint, die Flora anfleht zu schweigen. Gegen die Gouvernante entlädt sich Flora in einem großen Wutausbruch.
Die 15.Variation bringt das Hauptthema in größter Verdichtung. In der folgenden Szene wird sich alles zuspitzen. Britten hat dafür die strenge Form einer Passacaglia gewählt. Es beginnt ein dramatischer Kampf um Miles, bei dem das Besitzergreifen seitens der Gouvernante nicht weniger massiv ist wie auf Seiten Peter Quints. Miles bricht schließlich zusammen. Die fürchterliche Schraube ist knirschend zum Stillstand gekommen. Die Gouvernante erkennt, daa sie an seinem Tod nicht unschuldig geblieben ist.
Hier nun der Zweite Akt der Oper "The Turn of the Screw" - "Das Drehen der Schraube" von Benjamin Britten in der Aufzeichnung von den diesjährigen Schwetzinger Festspielen unter der Leitung von Steuart Bedford.
Musik:
Benjamin Britten: "The Turn of the Screw"
2. Akt
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