Befreiung durch Musik
Das Orchesterwunder von Venezuela: Was sucht Simon Rattle in Caracas?

Den venezolanischen Staatspräsidenten Hugo Chávez kümmert es wenig, wo Simon Rattle probt, und so kaperte er das Teatro Teresa Carreño kurzerhand für die Bewegung gegen seine Amtsenthebung. Doch in Venezuela gibt es auch die Orchesterbewegung, und die verlegte die Rattle-Probe einfach in den kleinen Saal: Zuerst füllte das 250-Mann-Orchester das Podium, anschließend der 600-köpfige Chor den Zuschauerraum. Der jungen Musiker und Sänger legten sich dafür nicht weniger ins Zeug und lieferten dem berühmten Dirigenten die Vorlagen für eine ausgereifte Aufführung von Mahlers Zweiter Symphonie.

Hugo Chávez ist ein Populist, die venezolanische Orchesterbewegung hingegen ist populär. In allen 23 Bundesstaaten gibt es sie, in über 100 Jugend- und mehr als 50 Kinderorchestern finden Jungen und Mädchen einen Weg aus dem Elend, und es werden täglich mehr. Musik und Bildung sind kein Privileg der Elite mehr, seit José Antonio Abreu vor 29 Jahren mit einem wahnwitzigen Projekt begann: Das ganze Land mit einem System von Kinder- und Jugendorchestern auszustatten, um der Unbildung, den Drogen und der Kriminalität den Boden zu entziehen. Am Anfang stand kein bürokratischer Akt, sondern ein Handstreich. Abreu ging in ein Armenviertel und machte zuerst den Kindern Lust auf die Musik, danach forderte er vom Staat die Instrumente. Und er brach mit der traditionellen akademischen Pädagogik: In seinen Kinderorchestern macht man zu allererst Musik und spielend lernt man das Instrument. Die Achtjährigen bringen schon den Sechsjährigen etwas bei, und so setzt sich das Lernen und Leiten beständig nach oben fort – wer ganz oben ankommt, ist bereits ein brillanter Musiker oder auch Dirigent.

Der 24-jährige Dietrich Paredes beispielsweise (den Vornamen hat er nach seinen deutschen Urgroßeltern) leitet die „Jungen Streicher“ in Caracas und ist zweiter Konzertmeister des Nationalen Jugend-Sinfonieorchesters von Venezuela, ein Musiker von sprühender Intensität, der noch jetzt von den Energien von Beethovens Siebter vibriert, die er gerade dirigiert hat. Sein genialischer Altersgenosse Gustavo Dudamel leitet das Jugendsinfonieorchester von Caracas und wird bereits vom Ausland umworben. Nicht nur diese beiden werden Venezuela sicher bald verloren gehen und international Karriere machen. Was die brasilianischen Fußballer für unsere Clubs bedeuten, das werden bald die venezolanischen Musiker für unsere Orchester sein.

Hunderttausende sind durch diese Schule gegangen und haben das System verbreitet. Die Musiker des Simón-Bolívar-Orchesters in Caracas sind die Elite, die Dirigenten wie Giuseppe Sinopoli oder Simon Rattle fasziniert. Vier Tuben, zehn Querflöten, 23 Celli – und der Klang wird nie massiv oder gar brutal. Dieses Mahler-Konzert war keinen Deut schlechter als eine Rattle-Aufführung mit den Berliner Philharmonikern, denn es hatte das Plus der Frische von Einsatz und Empfindung, von Leidenschaftlichkeit und Körperreichtum des Klanges. Die Jugendlichen fügen sich in einen unvergleichlich lebendigen Organismus, der mit der Musik zuckt und wogt, gerade weil ihre musikalische Praxis ihnen geholfen hat, ihre Persönlichkeit zu entwickeln. Hier wird völlig angstfrei musiziert, und die unglaubliche Präzision ist nicht die Folge von Drill, sondern von Lust am gemeinsamen Spiel.

Dass es die Spaltung von U- und E-Musik nicht gibt, gehört zu Abreus Prinzipien. Als wir in das Musikzentrum des Stadtteils Montalbán kommen, spielt im Foyer ein Blechbläserensemble eine barocke Intrada. Im großen Saal dirigiert Gustavo Dudamel 700 Kinder und Jugendliche bei Tschaikowskys Slawischem Marsch (8 Becken schlagen erbarmungslos gleichzeitig zusammen), danach geben sie einen Mambo zum Besten. Es macht ihnen einen Riesenspaß, das Stück auch zu inszenieren: Mal wiegen sich die Streicher im Takt, mal stehen die Flöten auf oder heben rhythmisch ihr Instrument, dann rufen alle „Mambo!“. Bei den öffentlichen Konzerten kommt die Musik auf die Plätze der Viertel, die Familien und Freunde sehen die jungen Musiker und verschaffen ihnen Erfolgserlebnisse – etwas, das rar ist in dieser Nachbarschaft. Und durch Häuser, in denen früher nur Samba oder Popmusik zu hören war, klingt plötzlich Mozart oder Prokofjew. So ist die klassische Musik populär geworden in Venezuela.

Auf internationalen Tourneen seines Jugendorchesters, aber auch mit dem Besuch einer Zelebrität wie Simon Rattle kann Gründer Abreu die Ernte seiner Arbeit einfahren. Der freundliche ältere Herr, der noch heute aktiv das System leitet, beobachtet wach die Arbeit. Zwischendurch hatte er auch den Nationalen Kulturrat geleitet und war Kulturminister; am Anfang jedoch hatte der ausgebildete Dirigent und Komponist das politische und wirtschaftliche System in der staatlichen Wirtschaftsförderung kennengelernt. Vielleicht bewog ihn dies, sein Orchestersystem an das Sozialministerium anzuschließen, denn als Anhängsel des Kulturministerium wäre es womöglich als elitäre Maßnahme abgestempelt und politischem Taktiktieren ausgesetzt worden. Abreu hat nicht die Elite gefördert, Elite ist die Folge seiner Förderung. Und heute richtet sich die Aufmerksamkeit auch auf die Rehabilitation von Behinderten durch Musik.

Das System der Kinder- und Jugendorchester hat gezeigt, dass es überall Begabung gibt. Kinder in einer tristen Umgebung konnten Schönheit entdecken. Mehr noch, sie lernten Schönheit herzustellen. Und so erfuhren sie, dass die Schönheit in ihnen selbst wohnt. Sie erlebten eine solidarische Gemeinschaft und entwickelten Verantwortung. Deshalb sind ihnen auch all die menschlichen Empfindungen, die Gustav Mahler in seiner Musik gestaltet hat, vertraut. Sie kennen die Panik und die Todesangst ebenso wie die Sehnsucht und das Glück. Nur einen Wiener Walzer kennen sie nicht, und deshalb muss Simon Rattle ihnen erst einmal demonstrieren, dass der nicht so platt gespielt wird, wie er notiert ist: „Das ist doch alles Wiener Musik!“

Wien ist so fern hier, und doch ist es durch die Musik so nahe. Das Jugendorchester hat gerade einen Beethoven-Zyklus absolviert. Es ist ein Zufall, dass im Parlament gleichzeitig eine Ausstellung über das Bonner Beethovenhaus eröffnet wird, organisiert von der Parlamentariergruppe für Auslandsbeziehungen. Während das Goetheinstitut den Anwesenden mit einer bürokratischen Powerpoint-Präsentation die Zeit stiehlt, trifft der Leiter des Beethovenhauses, Michael Ladenburger, mit seiner Rede über Beethovens Lebensphilosophie im venezolanischen Abgeordnetenhaus auf überraschende Resonanz: man empfindet das als absolut aktuell. In Venezuela wie in vergleichbaren Ländern geht es heute um eine neue bürgerliche Bewegung, wenn die Herrschaft der Oligarchien gebrochen und der Globalisierung Schranken gesetzt werden sollen. Abreus Orchesterbewegung war daran pionierhaft beteiligt: Die Schaffung einer Gesellschaft aus dem Geist der Musik ist ihr Ziel.

Bernd Feuchtner

Süddeutsche Zeitung, 4. August 2004

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