| Terrassen der Ekstase Scheich Ahmad Al-Tuni aus Ägypten mit einem Sufi-Ritual beim Sacred Music-Festival im Haus der Kulturen der Welt Wenn er die Bühne betritt, dann nicht in der nüchternen Geschäftigkeit westlicher Musiker Scheich Ahmad Al-Tuni schlendert mit seinen Begleitern in langen Gewändern und lockerem Gespräch herein wie auf den Marktplatz. Der Basar mit seinem Stimmengewirr und den geschäftigen Menschenansammlungen ist auch der angestammte Ort für ein solches Vorhaben. Die Sufis sind keine elitäre Sekte, sondern vermitteln ihre mystische Botschaft inmitten des Alltags. Sie beginnen nicht mit einem Paukenschlag, sondern setzen fast unmerklich ein, um dann allmählich die Zuschauer desto sicherer in Fesseln zu schlagen. So auch im Berliner Haus der Kulturen der Welt, wo der ägyptische Scheich das Festival Sacred Music zu seinem Höhepunkt führte. Seine Begleiter, das sind zunächst der Oud-Spieler und der Flötist. Sie sitzen im Hintergrund und gehen aus dem Stimmen heraus unmerklich ins Musizieren über. Die arabische Laute Oud macht sich hier nicht mit Melodien oder Rhythmen wichtig, sondern schafft eine Stimmung. Der Flötist führt einen kleinen Koffer mit sich, aus dem er ein Holzinstrument nach dem anderen zusammensetzt, ohne dass unsere Ohren zunächst Unterschiede feststellen können. Und dann beginnt der Scheich, der vorne auf dem Teppich steht, mit dem Gesang. Er erzählt Geschichten aus dem Koran, malt poetische Bilder mit Stimme und Gestik. Wovon er erzählt? Das erfahren wir nur ungenau. Es heißt, im Westen wähle er gerne Geschichten von Jesus aus, der für die Muslime ein Prophet war, und in Ägypten zählen auch die koptischen Christen zu seinen Zuhörern: Gestrandete Einsiedler waren hier, gekleidet in Sackleinen, gemeinsam vertieft in die Lektüre der Thora und des Evangeliums. Al-Tuni betont das Gemeinsame der drei großen monotheistischen Religionen, ohne auch nur einer Spur von Dogmatismus zu verfallen. Die Erzählungen der Sufis sind dunkel, berichten von surrealen Träumen, von den Schrecken der Seele, von spirituellen Reisen. Die Zuschauer in der ausverkauften Schwangeren Auster sind eingeladen, dem Scheich ins Unbekannte zu folgen. Die Stimme des 70-Jährigen bewegt sich in arabischen Melismen, etwas belegt zunächst, doch rhetorisch bestimmt. Nach einem Abschnitt schweigt er einen Moment und lauscht den Instrumenten. Dann gibt er den beiden Trommlern ein Zeichen, und die Musik hebt sich in einen neuen Zustand. Immer wieder nimmt der Scheich ein Wasserglas vom Boden und schlägt auf ihm mit seiner Andachtskette den Rhythmus vor. So bewegt sich die Musik in Terrassen, schreitet Stufe für Stufe auf eine höhere Ebene und steigt dann wieder eine hinunter, um sich danach durch Rhythmus-Rückungen desto intensiver nach oben zu arbeiten. Es sind Stufen der Trance. Der biegsame Körper des alten Scheichs bewegt sich im Rhythmus der Erzählung. Der Handtrommler ist aufgestanden und wiegt seinen Körper ekstatisch, so dass sein Kleid wippt wie auf einem mittelalterlichen Gemälde. Gemeinsam mit seinem sitzenden Kollegen mit dem größeren Instrument ruft er immer wieder den Namen Allahs an mit dem aufgerissenen Mund und dem wippenden Gewand sieht er jetzt beinahe aus wie eine gotische Engelsstatue; nur der Turban und der schwarze Bart bringen unsere schweifende Phantasie wieder zur Raison. Der Puls beschleunigt sich. Nun sind sie alle auf dem Podium in einer anderen Welt. Die Stimme von Scheich Achmed vollzieht die erstaunlichsten Wandlungen. Bald lockt sie in baritonalen, wohlklingenden Tiefen, bald schraubt sie sich in ekstatische Höhen. Er greift Worte heraus und wiederholt sie, unterstrichen von Bewegungen seines Körpers, immer wieder, bis sie keine Worte mehr sind, sondern reine Musik. Ja, er wandelt sich zum Stimmkünstler, der mit den Lippen spielt oder den Kehlkopf zum Instrument werden lässt. So gibt er der Sehnsucht Laut, der Hoffnung, der Furcht, der Liebe. Er rollt einzelne Konsonanten, haucht, seufzt, lockt. Die Wandlungsfähigkeit dieser Stimme scheint unerschöpflich, und doch wirkt alles völlig natürlich. Wir sind aber nicht auf dem arabischen Marktplatz, sondern in einem europäischen Konzertsaal. Und wer in Stimmung gekommen ist, kann in dieser langen Sufi-Nacht anschließend noch Sufi-Rituale aus Marokko betrachten, vorgeführt von einer im 13. Jahrhundert begründeten Bruderschaft aus Quazzan. Eine ebenso lange Nacht hatte Sacred Music den bengalischen Bauls gewidmet, außerdem gab es rituelle Konzerte aus Israel (Meron Celebration Project), von koreanischen Mönchen, persischen Maqam und als Exoten europäische sakrale Vokalmusik, präsentiert von einem Leipziger Ensemble. Im Publikum der Sufi-Nacht befinden sich auch einige Deutsche, die sich orientalisch kostümiert haben. Die eigene Kultur und die Kirchen erfüllen ihre spirituellen Bedürfnisse offenbar nicht eine Folge der geistig-seelischen Verwüstung, die die Nazizeit hinterlassen hat. Nun ist aber auch Scheich Ahmad längst nicht mehr in erster Linie ein religiöser Führer seiner Glaubensgemeinschaft, sondern ein Musiker, der in Konzerten auftritt und auch den Musikbetrieb bedient: Diese Musik selbst ist eine spirituelle Kraft, die sie seit Jahrhunderten beweist. Die historischen Pole haben sich umgedreht: die christlich-jüdische Kultur, die einst das Bilderverbot gegen die Götzen Ägyptens durchsetzte, hat sich der Zerstreuung durch die Bilderflut ausgeliefert, während die muslimische Kultur bei uns Erfolge feiert durch eine Musik der Konzentration. Fortschritte hat sie kaum gemacht außer dass sie nun über Mikrophon verstärkt wird. Fortschritt ist eine westliche Kategorie, Teil des aufklärerischen Denkens, das in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhundert alles Vorbewusste unter Ideologieverdacht gestellt hat. Doch im Zuge der Globalisierung ist auch die sogenannte Traditionelle Musik in Bewegung geraten. Diese Musiker leben in der urbanen Welt von heute, sehen Fern, haben Computer und Syntheziser. Das dominierende westliche Harmonie-System hatte mit der Temperierung seinen ersten Modernisierungs- und Planierungsschub erhalten hatte, nun wird es global zur zweiten Natur. Was die Merkmale der globalisierten Musik sind, werden aber letzten Endes die Musiker der verschiedenen Kulturprovinzen selbst entscheiden. Das Haus der Kulturen der Welt ist bei dem Versuch, den Dialog dieser Musiker zu organisieren, schon ein gutes Stück vorangekommen. Es wird sie im Januar beim zweiten transonic-Festival zum gemeinsamen Musizieren und Improvisieren zusammenführen, außerdem zu Demonstrationen und Debatten bei einer Konferenz. Über das Internetforum www.hkw.de/transonic können Erfahrungen und Meinungen auch von außen ins Spiel gebracht werden. Bernd Feuchtner |
||||