| Die stille Suche Das Ensemble Modern schlägt eine Brücke zwischen Indien und Europa Ob die Beatles oder Yehudi Menuhin mit Ravi Shankar musizierten keinem Musiker gelang dabei ein wirklicher Dialog zwischen den beiden Kulturen. Der Europäer nahm ein Stückchen vom Inder mit und fügte es seiner eigenen Musik als Kolorit ein. Auch als dann westliche Avantgarde-Musiker und Weltmusik-Apostel in Scharen nach Indien pilgerten, spielten die Musiker dort ganz ungerührt weiter ihre Ragas und Talas, so wie sie sie von ihren Gurus gelernt hatten. Das klassische musikalische Indien scheint globalisierungsresistent: Nicht einmal die von den Briten eingepflanzte Oper, die sogar in der Mongolei ausdauert, konnte nach der Selbstständigkeit Indiens überleben. Wenn Komponisten wie Klarenz Barlow, Param Vir oder Sandeep Bhagwati aus Indien zum Studium nach Europa kamen, verwandelten sie sich in Teile des hiesigen Avantgardebetriebs, denen man ihre Herkunft nicht mehr anhörte. Sandeep Bhagwati war 1968 mit fünf Jahren nach Deutschland gekommen und hatte die westliche Neue Musik als den Nabel der Welt betrachtet bis er nach Indien fuhr und dort merkte, dass gewisse indische Traditionen sich subkutan auch in seine Musik geschmuggelt hatten. Seitdem wurmte es ihn, dass die westliche Musik sich bei den traditionellen Musiken der Welt ausbeuterisch bedient, ohne dass diese etwas davon zurück bekommen, und er beschloss, die Einbahnstraße auch in die andere Richtung zu öffnen. Für das Berliner Haus der Kulturen der Welt bereitete er das Festival Rasalîla vor, das zum ersten Mal einen wirklichen Austausch zwischen indischer und westlicher Musik zustandebringen sollte. Das Projekt begann Realität zu werden im Januar 2002 mit einem Workshop des Ensemble Modern in Indien, bei dem indischen Meistern, die Bhagwati danach ausgewählt hatte, ob sie bereit waren, aus ihrem eigenen Kreis hinaus zu schauen, westliche Stücke vorgespielt wurden. Die Musiker des Ensemble Modern wiederum besuchten ein klassisches indisches Konzert, um diese Tradition lebendig zu erleben. Danach gab es Begegnungen zwischen beiden Welten, einen echten Erfahrungsaustausch über Formen, Spieltechniken, Denkweisen. Es wurde vereinbart, gemeinsam Stücke zu erarbeiten. Im Mai 2003 kamen die indischen Musiker zum Ensemble Modern nach Frankfurt, um ihre neuen Stücke zu erproben. Und jetzt wurden diese Arbeiten an einem langen Wochenende im Haus der Kulturen der Welt dem Publikum vorgestellt. Das Ergebnis war verblüffend es wurden keine Erwartungen erfüllt, sondern Fragen aufgeworfen. Wer das Ensemble Modern schon mit der säuselnden Sitar hatte dialogisieren sehen, wurde enttäuscht: Es gab gar keine Sitar. Es gab Kompositionen indischer Musiker auch schon etwas Neues für ein Land, das keine Notation kennt für westliche und indische Instrumente, mal gemischt, mal einzeln. Das Ensemble Modern führte unter der Leitung von Kasper de Roo vor, wie Param Vir kurz nach seiner Ankunft in London 1985 in Concertante versuchte, mit den westlichen Techniken zu Rande zu kommen: ein vitales Gesellenstück, das sich an den Klangfarben der Instrumente erfreut und mit einem Duo zwischen Cembalo und Cello freundlich ausklingt. Bhagwati selbst steuerte als Uraufführung Rasas bei, eine rhombische Matrix, deren Gitternetz man auf einem beliebigen Pfad durchqueren kann. Die kurzen Fragmente spielen oft ironisch mit Mustern des frühen 20. Jahrhunderts, bis hin zu Ives und Antheil, bieten ruhig ineinander gleitende Klangflächen ebenso wie motorische Hektik mit rhythmischem Pfiff, ja wird ausgesprochen komisch oder löst einen Flirt zwischen schmeichelnder Violine und brummelnder Posaune aus. Bei allem Witz wird hier auch sinnlich spürbar, wie sehr die westliche Neue Musik sich nach 1945 entpersönlicht und aller regionalen Farben entledigt hat: Auch Bhagwati entwickelte sich in dieser Atmosphäre. Es ist ja auch der Sinnverlust in dieser Materialwüste, der die Musiker immer wieder auf die Suche in den Orient treibt. Schon 1974 hatte hingegen Klarenz Barlow mit ...UNTIL... ein Stück geschrieben, das heute auf der meisterlichen Sarangi von Dhruba Ghosh und den ebenso virtuosen Tablas von Aneesh Pradhan für uns wie ein indisches Original klingt: leise modulierend gleitet es von einer Erscheinungsform des Grundmotivs zur anderen, um schließlich zum Anfang zurückzukehren. Die indische Musik scheut sich nicht, dort wieder anzulangen, wo man ausgegangen war eine Todsünde in der westlichen Musik. Auch Originalität ist kein Ziel: Der Schüler lernt von seinem Guru die einmal als perfekt empfundenen Modelle, um sie möglichst genau wiederholen zu können. Erst auf der Grundlage der vollständigen Beherrschung dringt er zu individuellen Varianten vor, doch ist nicht Veränderung das Ziel. Ruhige Meditation wird angestrebt, nicht unruhige Belehrung traditionelle Musik sucht überhaupt kein Ziel, sondern geht im Kreis. Indien kennt den Traditionsbruch nicht, es verleibt die moderne westliche Technik seinem eigenen System einfach ein, ohne sich davon aus der Ruhe bringen zu lassen. In Samagam sitzen die vier Musiker auf dem Boden, die berühmte Sängerin Shubha Mudgal und Uday Bhawalkar, ein außergewöhnlicher Virtuose des Dhrupad-Gesangsstils. Sie entfachen mit leisen Vokalisen einen musikalischen Wellenschlag der Konfrontation und Amalgamisierung, dann streicht Dhruba Ghosh seine Sarangi dazu und schließlich mischt Aneesh Pradhan seine Tablas darunter und am Ende wird zu einem Gedicht des Sufi-Poeten Pemi das Verlangen nach dem Verschmelzen mit dem Göttlichen beschworen. Wenn man das Musizieren eines Streichquartetts als die geistvolle Unterhaltung von vier klugen Männern beschrieben hat, so lässt sich dieser ruhige Austausch wie ein schönes Gespräch von vier Weisen erfahren, die Klugheit längst hinter sich gelassen haben. Am schönsten wirkte vielleicht das stille Stück The Masters Tanpura von Dhruba Ghosh. Er tupft die Saiten des riesigen Instruments nur ein paar Mal an, um den Musikern des Ensemble Modern den Weg zu weisen, und seine Hand deutet an, wenn sie intensiver werden oder nachgeben sollen. Die Musik entwickelt sich aus dem Nichts, ein unendlicher Atem über dem leisen Schnarren der Tanpura-Saite. Die Flöte zeigt ein erstes organisches Lebenszeichen. Ausgiebig sind die westlichen Spielweisen genutzt. Bisweilen wird das Kontinuum unterbrochen und Ghosh streicht die Sarangi. Shanti, Shanti, Shanti singt er dann leise und langgezogen, und die Musiker antworten ihm. Noch einmal geht die Bewegung los, Leben fährt in das Streichertrio, ein repetitiver, rhythmischer Teil beginnt und schlingt tänzerisch seine Girlanden in die Luft. Die Musik beruhigt sich und das dreimalige Shanti des Meisters und seiner Musiker endet das Stück. Hier war die Suche alles. Bernd Feuchtner |
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