Eis in der Wüste Gobi
Zum 5. Mal vereint das mongolische Festival „Roaring Hoofs“ scheinbar Unvereinbares


Unbeeindruckt von dem Wind, der ihm die Notenblätter in den Wüstensand treiben will, spielt der Freiburger Wolfgang Rüdiger ein Fagottstück von Violeta Dinescu. Vor ihm lagern raue Nomaden in farbigen Kleidern aus dem traditionellen Filz, der so gut gegen Hitze wie Kälte isoliert. Weder ein Fagott noch Notenblätter haben sie je zuvor gesehen. Wenn sich danach Moriko giggelnd und piepsend durch den Dünensand heranschlängelt, mit dem langen Haar wedelnd und den roten Mund spitzend, wird das Staunen in ihren gegerbten Gesichtern durch ein Grinsen verdrängt – was die Japanerin als Vokalkunst empfindet, kommt hier als offene Aufforderung an. Am Ende stellen die langgezogenen Melodielinien des traditionellen „Urtiin Du“-Gesangs wieder die Einheit von Klangraum und Landschaft her: Ein Dialog zwischen dem Menschen und seinen Tieren in der Unendlichkeit der Steppe, wo er nur selten einem fremden Wesen seiner Gattung begegnet.
Wir sind in der Wüste Gobi, nördlich der chinesischen Grenze. Die Wanderdünen des Moltsog Els sind Schauplatz eines der Konzerte des Festivals „Roaring Hoofs“ (Dröhnende Hufe), das „aktueller Musik“ gewidmet ist – westlicher Moderne ebenso wie traditioneller Musik aus Asien. Das Festival fand nun schon zum 5. Mal statt. Als ein „Angebot an die Sinne“ bezog es auch mongolische Schlangenmädchen ein, deren Performance von Improvisationen des englischen Saxophonisten Trevor Watts begleitet wurde, sowie eine mongolische Modenschau. Die Models, Schönheiten mit unglaublich langen Beinen, hatten nach dem Eröffnungskonzert in der Hauptstadt Ulan Bator klaglos die zweitägige Fahrt durch die Wüste auf sich genommen und flitzten auch dort gemeinsam mit den Musikern und einem Trupp europäischer Festivalgäste ergeben in russischen Kleinbussen über Sandpisten vom Camp zu den verschiedenen Aufführungsorten. Was sie in der lässigen Eleganz von Pariser Modeschauen der 70er Jahre zeigten, war Haute Couture à la Mongoloise – Elemente des nationalen Stils, übersetzt in internationale Mode, frei von jeglichem Folklorismus. Das Atelier Shilmel Zagvar hat da eine erfolgreiche Linie gefunden, und seinen jungen Designern Batjargal und Urtbayar war manches erstaunliche Modell gelungen – von denen wird man noch hören.
Die Mongolei hat 1990 die Wende vom sowjetischen Satellitenstaat zur Demokratie vollzogen und sucht nun Anschluss an die globale Entwicklung. Auch in der Kultur wollte man die Tür aufstoßen, die so lange verschlossen war. Bei der Suche nach Vorbildern stieß man auf das Festival „Zwei Tage, zwei Nächte“ in Odessa und lud dessen Leiter ein, den Freiburger Schlagzeugprofessor Bernhard Wulff. „Roaring Hoofs“ ist das Ergebnis: Nomadisierende Festspiele für ein Volk, das in der Mehrheit noch immer nomadisch lebt. In einem extremen Land – das so groß ist wie Deutschland, Benelux, Frankreich, Spanien und Portugal zusammen, das in der geographischen Breite etwa von Magdeburg bis Rom reicht, und über das nicht mehr Menschen gestreut sind als in Hamburg wohnen. Eine weitere knappe Million lebt in Ulan Bator, einer kalten Hauptstadt auf 1400 m Höhe mit einer Durchschnittstemperatur von -3 Grad Celsius.
Seit der Öffnung wandelt Ulan Bator sich rasch von einer sibirischen Provinzstadt zu einer globalisierten Metropole, und so stehen auch im weiten Land Gegenwart und Vergangenheit umstandslos nebeneinander. Sitzt man in der traditionell eingerichteten Jurte eines Viehzüchters, der noch die Rituale der traditionellen Gastfreundschaft zelebriert, blickt man durch die offene Tür unversehens auf die Enkel, die den aktuellsten Freizeitdress tragen. Und wenn man sich draußen umdreht, steht die Festivalleiterin Batma plötzlich mit einem Eis am Stiel da – mitten in der Wüste Gobi!
Die Gastfreundschaft der Nomaden ist überwältigend. Ebenso ihre Offenheit. Ihre eigene Musik hat ja auch experimentellen Charakter. Der Kehlkopfgesang Khuumi etwa, bei dem mit viel Druck in der Kehle ein tiefer Ton erzeugt wird, dessen Obertöne dann im Gaumen so lange moduliert werden, bis beinahe nur noch ihr helles Sirren zu hören ist. So ein Sänger, der sich selbst auf der zweisaitigen Pferdekopfgeige begleitet, ist mehr an seiner Kunstfertigkeit und den Klängen interessiert, die er hervorbringt, als an einem eingängigen Lied. Auch der Urtiin-Du-Gesang verziert die Melodielinie mit so langgezogenen, ausgefallenen Koloraturen durch die Register, dass das Lied dahinter fast völlig verschwindet. Aufmerksam zuzuhören sind die Mongolen also gewohnt, aber sie erwarten auch, dass einer was kann. Wer es nicht versteht, seine Zuhörer zu fesseln, hat Pech.
Zuhören können auch die mongolischen Musiker, und so überraschte das Ensemble „Sarnii Chuluu“ (Frieden des Mondes) mit einer neuen Eigenkomposition. Die Musiker spielen mongolische Zither, Oboe und Pferdekopfgeigen und werden von Khuumi- und Urtiin-Du-Sängern begleitet. Nun hatten sie auf Elemente westlicher Avantgarde in die lieblichen Klänge ihrer Volksmusik eingearbeitet. Einer ihrer Sänger betätigte sich geradezu als Kehlkopf-Rapper. Schon in der Sowjetzeit war mongolische Volksmusik verpoppt worden. Die Popmusik wandelt sich jetzt allerdings rasant. Die Boygroup „Kammerton“ feierte gerade das achte Jubiläum ihres perfektionierten Softpop, aber auch alle anderen Schattierungen, die über MTV eindringen, finden originelle Ableger. So hat das kleine Land ein reiches Musikleben, das ständig in Bewegung ist – nomadenhaft grasen die Mongolen auch hier auf vielen Wiesen.
Das „Roaring Hoofs“-Festival jedenfalls stößt auf offene Ohren. Mit seinem Konzept der gleichberechtigten Mischung aller lebendigen Musikformen hat Bernhard Wulff einen Nerv getroffen. Von seinem Festival „Kaspische Feuer“ in Baku hat er traditionelle Musiker aus Aserbaidschan, Kirgisien und Armenien mitgebracht, und wenn er die Programme für die Konzerte zusammenstellt, sorgt er für die gleichmäßige Durchmischung aller Elemente. Er selbst kündigt die einzelnen Programmpunkte an, die nicht länger als fünf bis zehn Minuten dauern dürfen, Festivalchefin Batma tut es danach auf mongolisch. Das Eröffnungskonzert in Ulan Bator fand im Choijin-Lama-Tempel statt, der den Vernichtungszug des Sozialismus gegen den Buddhismus nach dem Tod des Bogd Khan 1924 als Museum überlebt hat – über 700 Tempel wurden zerstört und zehntausende Mönche getötet. Die virtuos zweistimmige Handtrommel des Freiburger Türken Murat Coskun, die Improvisation der finnischen Flötistin Ulla Suokko, die Überblastechniken des Fagottisten Wolfgang Rüdiger: Sie alle wiesen auf Verwandtschaften mit mongolischen Techniken der Zweistimmigkeit und des Umschlagens der Register hin. Nicht anders der Gesang der persisch beeinflussten Aserbaidschaner, ja selbst die jüngst wiedererweckte Klage der armenischen Flöte Duduk, deren Spiel seit 1400 Jahren die Tragödien dieses Volkes spiegelt, und die spritzigen Stücke des Stockholmer Saxophonquartetts.
In der kleinen Wüstenstadt Dalanzadgad zogen die „Roaring Hoofs“ – auf mongolisch bedeutet das „Aufbruch und Bewegung“ – ins Stadion, wo sich ein paar hundert Menschen versammelten und geduldig auf den Beginn des Konzertes warteten. Pünktlichkeit ist hier fremd; man hat Zeit und erwartet vom Gast das gleiche. Die endlosen Fahrten über die Pisten der Wüstensteppe waren die beste Einübung dafür, das Erfahren einer anderen Dimension von Zeit und Raum. Da die Ebene bereits selbst hoch liegt, wirken die Spitzen der letzten Altai-Ausläufer seltsam niedrig für ihre alpine Zerklüftung – die Landschaft wurde erst zermalen und dann vom Sand ersäuft. Und plötzlich bricht die Ebene einige Dutzend Meter ab: die Flammenden Kliffs, wo der amerikanische Abenteurer Roy Chapman Andrews den Mongolen 1922 zeigte, dass die großen Knochen, die sie hier fanden, nicht von Drachen, sondern von Sauriern stammten. Sowohl die mongolische Oboe als auch ein Stück von John Cage klangen wie Botschaften aus anderen Zeiten über die majestätische Ruhe des Dinofriedhofs.
Der aufregendste Konzertort aber war sicherlich das Adlertal. Es ist so steil und eng, dass sich den ganzen Sommer hindurch ein Gletscher hält. Wahlweise läuft man zwei Kilometer oder reitet per Pferd, dann schlittert man über den Gletscher. Eine scharfe Biegung des Tales ergibt die natürliche Bühne, am Prallhang suchten sich die Nomaden der Umgebung ein Plätzchen zum Zuhören. Urtiin-Du-Solisten stimmen das Publikum mit ihren majestätischen Jodlern ein, dann spielen von verteilten Standorten drei Saxophone, Flöte und Fagott Cages Stück „No 5“. Die aserbaidschanische Musik klingt danach nicht weniger beschwörend, und selbst Ulla Suokkos Flöte wachsen magische asiatische Kräfte zu. Wolfgang Rüdiger lädt alle dazu ein, das jüdische Lied mitzusingen, das er auf dem Fagott intoniert, danach spielt er ein modernes israelisches Stück – in Varianten folgt jedes Programm dem gleichen Patchwork-Muster.
Dann hat die englische Performance-Gruppe „Red Earth“ ihren Auftritt. Im Tempel von Ulan Bator hatten sie in einer Art schamanistischem Ritual einen Stein zerschlagen – und Steine gelten als heilig in diesem Land. Im Stadion von Dalanzadgad hatten sie christliche und buddhistische Läute-Riten zum Tausendmeterlauf verfremdet, auf den Dünen das mystische Feuer profaniert. Nun schlugen sie ein Stück Eis aus dem Gletscher und schleuderten es gegen die Felswand, dann entzündeten sie ein Feuer und reichten es dem Schamanen, der das Festival begleitete. Der Frevel blieb nicht ungerächt: Die Adler kreisten über ihrem Tal, es donnerte, dann brach gewaltiger Regen los. Die Menge stolperte über Eis und Wiesenpfade zurück zum Ausgang des Tals. Doch die Wege hatten sich in reißende Bäche verwandelt und versperrten den Bussen den Weg, während die Nacht hereinbrach.
Beim Abschlusskonzert im Kulturpalast der Gewerkschaften in Ulan Bator nannte „Red Earth“ seine Performance „Patience“. Nach dem Verlesen eines pathetischen Kunst-Statements verteilten sie sich über die Bühne und hielten fünf Minuten lang den Mund.
Die mongolischen Zuhörer wurden unruhig – das ist sowieso ein lebhaftes Publikum, das gerne plaudert und ungeniert vom Handy Gebrauch macht. Der lange Abend – Pausen macht man nicht, und drei Stunden sind keine Zeit – begann und endete mit mongolischer Volksmusik. Das Stockholmer Saxophonquartett vertrat die seriöse westliche Konzertmusik, danach brachte Murat Coskun die Zuhörer mit Trommelimprovisation zur Raserei. Ulla Suokko tauchte unter einem roten Tuch als Lady Macbeth auf – eine Wahnsinnsszene für Flöte solo. Schade, dass ausgerechnet der europäische Belcantogesang von einem schweizer Sänger eher als Karikatur abgeliefert wurde, während die übrigen Künstler auf Perfektion und Können doch den größten Wert legten: Die Virtuosennummer, die der kirgisische Folkloremusiker Ruslan Djummabaev auf der Mandoline abzog, war zirkusreif und beifallsträchtig – dass er das Gleiche auch hochmusikalisch abliefern kann, hatte er bei einem Konzert im Camp gezeigt.
Auf der Maultrommel begleitete er das Stück von Nikolaus A. Huber, das Wolfgang Rüdiger auf dem Fagott spielte – eigentlich wollte er nur den rhythmischen Drive des Anfangs unterstützen, aber dann blieb er einfach auf der Bühne und begleitete das Stück nach Laune weiter. Leider ist „Mit Erinnerung“ für den ungeübten Zuhörer zunehmend unübersichtlich, weitschweifig und witzlos. Was mögen die Mongolen über den geistigen Zustand der Europäer gedacht haben? Morikos hexenhafte Improvisation ließ sie sicher vermuten, nun seien auch die Japaner übergeschnappt. Die Überraschungen kamen jedoch mit den Ergebnissen der „Gobi-Sommerakademie“. Weniger mit einem Bläserquintett von Danzi, das der Komponist Albrecht Gürsching – von dem auch geistreiche „Bagatellen“ für Saxophonquartett uraufgeführt wurden – mit Studenten der Musikhochschule einstudiert hatte, als mit der Fusion der scheinbar so unvereinbaren Musiktraditionen.
Murat Coskuns Trommel erwies sich als das Ferment der Verschmelzung, sein Rhythmusgefühl gab allen eine gemeinsame, elektrisierende Basis. Mit dem hochbegabten, gerade 17-jährigen Khuumi-Sänger Dorjnyam Shinetsog, dem Kirgisen und zwei Aserbaidschanern begann eine aufregende Improvisations-Session. Der Mongole in seinem prunkvoll schimmernden gelben Seidengewand und dem silbernen Helm mit schwarzem Filzbesatz sah aus wie der kleine Kaiser Pu-Yi (und spielte auch so göttlich), der Kirgise mit hohem Filzhut und langem, beigem, besticktem Mantel beeindruckte kaum weniger neben dem etwas profaneren Schwarzweiß von Coskun und den Aserbaidschanern. Die Kulturen mischten sich, weil jeder Musiker Respekt vor dem anderen hatte und weil sie im Lauf der Woche alle zu einem gemeinsamen Puls gefunden hatten. Kaum jemals zuvor dürften traditionelle nationale Musiken, die ja meist sehr autistisch in sich ruhen, sich so frei geöffnet und mit anderen Musiken gemischt haben.
Danach spielt Coskun mit dem Ensemble „Sarnii Chuluu“, das sonst kein Schlagzeug kennt. Diesmal aber hat der „heimliche Rapper“ eine Steinkette mitgebracht, die er als Rhythmusinstrument benutzt. Bis zur Ekstase trieb schließlich die gemeinsame Improvisation des Saxophonisten Trevor Watts mit Coskun und zwei Perkussionisten von „Red Earth“. Man hatte das Gefühl, es sei ein Ruck gegangen durch die Musikkultur. Scheinbar eherne Grenzen wurden eingerissen, die Zukunft der Musik frei wie die Adler über der Mongolei.

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