Es tobt ein Krieg in uns
Ilham Al Madfai im Gespräch und im Konzert mit seiner irakischen Band im Berliner Haus der Kulturen der Welt

Über eine Stunde schon hatte Ilham Al-Madfai mit seiner zehnköpfigen Band die Schwangere Auster zum Kochen gebracht. Im Mittelpunkt saßen drei Spieler: links Madfai mit seiner Gitarre, rechts ein Musiker mit der Jouza, einem seit 3000 Jahren unveränderten, viersaitigen Streichinstrument, dessen Korpus aus einer halben Kokosnuss besteht, über die die Haut eines Schafsherzens gespannt ist, in der Mitte eine Qanoun, die arabische Zither mit ihren 25 dreifachen Saiten, die mit über die Zeigefinger gestülpten Plektren gezupft werden. Als Madfai dann ganz alleine, sich selbst auf der Gitarre begleitend, das berühmte Gedicht des syrischen Dichters Nizar Kabani über die Schönheit von Bagdad zu singen begann, fiel auch die Jouza mit ihrem näselnden Klageton ein. Der Spieler der Qanoun sollte wohl nicht einsetzen – er hätte es auch nicht gekonnt, denn er fing zu weinen an. Er war nicht der einzige auf dem Podium und im Saal, den die Erinnerung an eine lebendige und einzigartige Stadt überwältigte, die lange Jahre hindurch gewürgt wurde und nun weiter in Trümmer fällt. Dazu kam die Ungewissheit über Freunde und Verwandte in den Kampfzonen, zu denen man keinen Kontakt mehr bekommt.
Danach setzte wieder die volle Band ein und hörte nicht mehr auf, bevor nicht drei Stunden vergangen waren. Ihr unwiderstehlicher Drive zog das Publikum in den Bann: die Arabesken der Melodik, die differenzierte Rhythmik, der Gesang der vier Männerstimmen, der Klang der orientalischen Instrumente. Die arabische Musik benutzt Halb- und Vierteltöne. Aber in der irakischen Musik gibt es noch mehr Zwischentöne, wie Madfai im Interview erläutert: "Man kann sie nicht beschreiben, nur fühlen. Da gibt es auf der Tonleiter beispielsweise den Viertelton, den wir Qar nennen. Der Qar, den wir auf unseren Instrumenten spielen, hat eine so tiefe, gefühlvolle Qualität, dass er direkt ins Herz geht. Die umliegenden Völker sagen, die irakische Musik sei so traurig, aber sie ist nicht traurig, es ist nur die Art, wie wir sie spielen."
Dabei finden sich in der Band auch westliche Instrumente: Schlagzeug, Keyboard, Saxophon, und Madfai selbst spielt eine Gitarre, die elektrisch verstärkt wird: "Ich bin deshalb aber nicht westlichen Einflüssen unterworfen. Selbst wenn ich Gitarre spiele, bin ich dem Orient verhaftet. Ich singe zwar englisch, spanisch, italienisch, französisch, mache Jazz, aber es bleibt orientalische Musik.
Und wie kommt ein Junge im Bagdad der 50er Jahre zur Gitarre? "Als ich zehn Jahre alt war, nahm ich die Gitarre einer Verwandten in die Hand, und weil ich gut damit umgehen konnte, schenkte sie sie mir. Damals spielten nur zwei, drei Leute in Bagdad die Gitarre. Zu uns kamen aber so viele Gruppen, die Gitarren dabei hatten, sogar elektrische in bunten Farben, und das interessierte uns sehr. Wir versuchten die Klänge von Cliff Richard, den Beatles, von Elvis Presley zu imitieren, bis wir herausbekamen, dass man damit alles anstellen konnte, solange man nur seinen persönlichen Stil fand. Und da kam ich wieder zu unserer eigenen irakischen Musik zurück und dachte, das müssten wir doch auch damit spielen können. So fing alles an."
In einem bürgerlichen Haus Bagdads herrschte damals eine friedliche Koexistenz östlicher und westlicher Musik: "In unserem Haus erklang ständig klassische Musik. In den 40er Jahren waren wir eines der ersten Häuser in Bagdad, die ein Grammophon hatten! Die meisten Familienmitglieder waren Ärzte und Ingenieure, aber das Haus war voller Musik – Bach, Beethoven und so weiter. Oder es sang irgend jemand traditionelle Musik oder spielte sie auf einem Instrument. Ich wuchs auf - wie soll ich es sagen – mit dem Klang der Erde! Mit traditioneller Musik: Sie hat den Geruch unserer Erde. So hält mich die Erde immer in ihrem Bann, die Erde von Bagdad."
Als Musiker ist Madfai Autodidakt. "Ich hatte nie einen Lehrer. Ich sah den Leuten beim Spielen zu und mischte mich unter sie. Bagdad zog viele ausländische Musiker an, die auch längere Zeit blieben. Es kamen so viele Fremde nach Bagdad, sie liebten die Stadt und fühlten sich zuhause. Sie mochten die Art der Leute und ihre Gebräuche: Bagdad ist immer jung, wächst täglich, und es herrscht dort so viel Geschmack. So gab es sehr viele Einflüsse. Spielen brachte ich mir zwar selbst bei, aber es gab viele Leute, die mich beeinflussten, bei den orientalischen Instrumenten war das vor allem Shaoubi, ein ganz phänomenaler Musiker, der die Jouza spielt."
Im Jahr 1961 gründete Ilham Al Madfai mit den "Twisters" die erste Band, die im Nahen Osten traditionelle Musik mit elektronischen Instrumenten spielte. Man nannte ihn den "Beatle von Bagdad". Dann ging er zum Architekturstudium nach London, und dort lernte er noch viel mehr Musik kennen – und britische Musiker wie Paul McCartney oder Donovan lernten im "Café Bagdad" seine Musik schätzen. Sein weiteres Leben war ein Pendeln zwischen Bagdad, wo er 1967 die Band "Thirteen and a Half" gründete, und dem Ausland. Den ersten Golfkrieg erlebte er in Bagdad, danach durfte er bis 1994 nicht mehr ausreisten. Seitdem lebt er mit seiner Familie in Amman, wo er ein eigenes Studio aufgebaut hat.
Die traditionelle Musik Bagdads ist keine ländliche Folklore, sondern sie war seit jeher eine städtische Musik. Ihre Ursprünge liegen in der Zeit der Abbasiden, des ersten Kalifats des Islam vor 1200 Jahren, also in den Zeiten Harun Al-Raschids, als Bagdad so etwas wie die Kulturhauptstadt der Erde wurde. Vieles ist Legende, aber schon von den Sumerern gibt es Tontafeln mit einer Musiktheorie, die noch ganz frisch wirkt und den heutigen Bewohnern Mesopotamiens nicht ganz fremd vorkommt. Eine Besonderheit ist der Bagdader Maqam, wie er einmal in der Woche am Feiertag im Café des Bagdadi Museum gepflegt wird. Der Besucher geht vorbei an einem Schild "Bagdad wurde gegründet von Al-Mansour und verbessert von Saddam Hussein" und erlebt dann eine Session, bei der die Musiker im festgelegten Stil über vorgegebene Themen improvisieren. "Den Maqam würde ich niemals anrühren," meint Madfei, "weil ich niemanden verletzen will, der ihn liebt. Ich habe es ein, zwei Mal versucht, aber keine Zustimmung gefunden. Beim Maqam gibt es nicht ständig etwas Neues wie bei der Popmusik. Die Irakis sind sehr stolz auf ihre traditionelle Musik."
Doch wie die meisten Kulturen dieser Welt ist auch die irakische eine Mischkultur: "Da das Land zwischen den beiden Flüssen so wertvoll war, zog Mesopotamien viele Völker an, und so gab es auch sehr viele Beziehungen zwischen den Kulturen. Die persische Hofmusik hatte Einfluss. Durch das Osmanische Reich übten im 18. und 19. Jahrhundert die Türken einen Einfluss aus. Und das geht bis heute so. Unser Qanoun-Spieler beispielsweise hatte einen türkischen Meister."
Und der Keyboarder der Band ist Afroamerikaner, der Saxophonist Brite. Die Perkussionssektion ist so groß wie nie zuvor, zum klassischen Drum Set kommen zwei hochvirtuose Tablaspieler und ein Tambourin: "Ich benutze jetzt eine neue Zusammenstellung von Instrumenten, aber die musikalische Grundlage steckt in uns drinnen, die ändert sich nicht. Die Leute in Bagdad sind so tief mit ihrer Musik verwachsen, dass die Einflüsse von außen sich nicht halten können. Popmusik verschwindet einfach wieder. Wie viel aber letztlich bleiben wird, wissen wir nicht. Die Musik regeneriert sich wie in einem Garten, wo auch jedes Jahr die Zwiebeln wiederkommen. Auch die Musik hat ihre Jahreszeiten. Und wenn eine Musik 60 oder 70 Jahre gehalten hat, dann wird sie zu Volksmusik. Ein Lied entwickelt sich alle 15 oder 20 Jahre neu, wird neu arrangiert, spielt eine andere Rolle. Inzwischen habe ich Lieder, die ich dreimal entwickelt habe, für drei verschiedene Generationen. Und man liebt sie immer noch. Später wird jemand kommen, der sie noch mal anders spielt."
"Lied" ist eine untertreibende Bezeichnung, "Chanson" wäre eher angemessen für die poetischen Texte und die ausladenden, langen Strophen, die immer leicht variiert werden. Manchmal sind es achttaktige Strukturen, manchmal kompliziertere Formen, manchmal reihen sich mehrere Stücke nahtlos aneinander zu einem Set von zwanzig, dreißig Minuten. Viele im Saal kennen die Stücke und singen und klatschen mit. Ins Exil getrieben, verändert sich diese Musik dann doch: "Auf einmal wächst diese Musik nicht mehr auf der Erde, auf der sie so viele hundert, ja tausend Jahre lang wuchs. Wenn man sie draußen züchtet, gedeiht sie in einem anderen Klima und wird dann auch anders klingen. Das sieht man an Musikern, die lange in Deutschland, Holland oder England lebten: nach sechs, acht Jahren sinkt der Standard auf erstaunliche Weise. Sie müssen sich ja der neuen Umgebung anpassen, sie ziehen Kinder groß, und all das übt seinen Einfluss aus."
Und auch Bagdad selbst ist nicht mehr das gleiche. Mag es dem Fremden zunächst so vorkommen, als habe sich unter der Käseglocke des Embargos alles so konserviert wie im Schneewittchensarg, lehrt der zweite Blick Schlimmes. Das Regime Saddam Husseins hat das Land auf die gleiche primitive Weise in die Industrialisierung getrieben wie die Sowjetunion, und so sieht das neue Bagdad denn auch aus wie die Hauptstadt einer Sowjetrepublik: "Ja, man hat die alte Lehmarchitektur durch Beton ersetzt. Und diese neuen Strukturen haben keinen Kontakt mehr zu den Ursprüngen des Landes. Sie befriedigen nicht einmal die menschlichen Bedürfnisse. Bei den alten Häuser waren die Mauern über einen halben Meter dick und die Räume waren sechs bis sieben Meter hoch. In unserem alten Haus, das ungefähr 85 Jahre alt ist, brauchen wir keine Klimaanlage, wir machten nur einmal im Jahr den Ventilator an der Decke an, das genügt. Und deshalb hielt das Ding auch 85 Jahre lang."
Das schöne, alte Bagdad mit seinen hölzernen Balkonen und intimen Gassen, mit der prachtvollen Raschidstraße und den Uferpromenaden gibt es nicht mehr. Um die bombardierten Blocks wurde einfach eine Mauer gezogen, und die stehengebliebenden Häuser wurden der Verrottung preisgegeben. Und mit den endlosen Neubauviertels für die von Saddam Zwangsumgesiedelten wucherte die Stadt ins Umland.
"Die Zugezogenen beeinflussen sogar die Sprache. Früher konnten wir sie nicht einmal verstehen. Aber nach zwanzig Jahren beeinflussen sie sogar die Musik. Der Charakter der Instrumente verändert sich. Sie haben die Jouza und die Santour durch elektronische Instrumente ersetzt. Ein Sample klingt anders, denn man hat das Original durch etwas Digitales ersetzt. Das ist ein großer Verlust und eine Niveausenkung. Sie spielen 'Grand Piano’, ohne je eines gesehen zu haben, nur weil es die Taste 'Grand Piano’ auf dem Keyboard gibt. Das ist eine kontinuierliche Katastrophe. Die Musik wird ihre Wurzeln verlieren. Man kauft ein neues Instrument, weil es leichter geht, und morgen gibt es noch was einfacheres, man kann die Rhythmen auf dem Keyboard abrufen. Alles beschleunigt sich auf der Welt und wird sich ähnlicher, und am Ende haben wir eine One-Man-Show."
Ilham Al Madfai, der eben noch so überzeugt davon schien, dass die Musik Bagdads das ewige Leben habe, wirkt auf einmal sehr traurig. Den zweiten "Golf-Weltkrieg", wie er ihn nennt, erlebt er nun im Ausland. Doch: "es geht nicht nur um den Krieg, der gerade stattfindet. In unserem Inneren tobt schon seit langem ein Krieg, in jedem von uns ist ein Krieg, der unser Inneres zerstört. Kontinuität ist so wichtig für jedes menschliche Lebewesen. Wenn man einen Baum sieht, der normal heranwächst, ist das ein wunderschönes Ding. Wenn aber ein Mensch kommt, und ihn sich so zurecht schneidet, wie er ihn gerne hätte, dann zerstört er das Ganze. Deshalb ist es für unsere Existenz sehr wichtig, dass wir unsere Erfahrungen von einer Generation zur nächsten weitergeben. Es reicht aber nicht, den jungen Leuten beizubringen, wie die Fingersätze gehen, es gibt so viel mehr zu tun."
Im Saal des Hauses der Kulturen der Welt ist die Stimmung auf dem Höhepunkt. Ein paar hübsche Mädchen sind aufgestanden, wiegen ihre Körper lustvoll im Klang der Musik und flirten mit den Musikern. Auch einige Jungs haben angefangen zu tanzen. Was soll man denn auch der Wirklichkeit entgegenhalten, wenn nicht Schönheit und Lebenslust?

Bernd Feuchtner

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