| Aus der Neuen Welt: Inferno und Ekstase Die Oper «Florencia en el Amazonas» des Mexikaners Daniel Catán vor ihrer europäischen Erstaufführung Von Bernd Feuchtner Fünfhundert Jahre sind seit der Entdeckung Amerikas vergangen, und noch immer staunen wir über die Wunder der Neuen Welt! Zum Beispiel darüber, dass die Oper, die im alten Europa mausetot scheint, dort die prächtigsten Kinder auf die Welt bringt. Im bürgerlichen Europa wurde die Oper zuerst demokratisiert und dann, nach dem Missbrauch des Populären durch Hitler, von den Intellektuellen übernommen. In Amerika sind die Geldaristokraten die Fürsten; sie bauen Riesen-Opernhäuser mit ebenso hohen Eintrittspreisen. Damit ergibt sich ganz von selbst, was für eine Art von Musik für sie geschrieben werden muss, damit das Geschäft sich unterm Strich rechnet: jedenfalls keine Avantgarde-Musik. Die Oper «Florencia en el Amazonas» von dem mexikanischen Komponisten Daniel Catán wurde im Jahr 1996 in der Grand Opera der texanischen Metropole Houston uraufgeführt, und hier strömt ein gigantischer Fluss von ganz eigenem Aroma. Der alte Realismus ist ersetzt durch den Magischen Realismus Lateinamerikas: die Librettistin ließ sich von Motiven von Gabriel García Márquez inspirieren, und man singt spanisch. Natürlich ist hier das 19. Jahrhundert der Ausgangspunkt. Das bedeutet auch, dass der Ausdruck hier vor allem über die Stimmen transportiert wird. Große, einprägsame Bögen und effektvolle Spitzentöne überrumpeln den Zuhörer ebenso wie der beinahe minimalistische Strom der Orchesterklänge alles von amazonischer Üppigkeit, getaucht in die tropische Schwüle und die gigantischen Dimensionen von Fluss und Dschungel. Dabei sind von Mahler und Skrjabin über Strauss, Zemlinsky und Schreker bis John Adams alle Instrumentationskünste ausgereizt, und die kraftvolle Melodik schillert tatsächlich in allen Farben eines exotischen Schmetterlings. Daniel Catán stammt aus Mexiko, doch musikalisch wurde er von vielen amerikanischen und europäischen Einflüssen geprägt in der Oper sind es vor allem Mozart und Richard Strauss, umspielt von den Düften der Karibik. Sie durchwehen bereits sein frühes Orchesterwerk «Em un doblez del tiempo» von 1982 und seine Kantate «Obsidian Butterfly» für Sopran, Chor und Orchester von 1984. Im Jahr 1988 kam seine erste Oper «Rappaccini’s Daughter» heraus. Nach dem Erfolg von «Florencia en el Amazonas» gab Houston den Auftrag für Catáns dritte Oper, die kubanische Komödie «Salsipuedes», die dort im Herbst 2004 uraufgeführt wurde. Im Moment schreibt der Komponist an seiner vierten Oper nach der Erzählung «Il postino» von Pablo Neruda, ein Auftragswerk der Oper von Los Angeles. «Florencia» ist die Oper einer Reise, der Reise des Lebens. Der Dampfer «El Dorado» fährt vom kolumbianischen Letitia stromabwärts nach Manaus. Dort soll die Operndiva Florencia Grimaldi nach zwanzig Jahren wieder auftreten. Inkognito ist sie selbst an Bord und sorgt mit grandioser, bald auftrumpfender, bald samtweicher Stimme für fortwährende Sinnessensationen. Catán bindet die Stimmen wunderbar ein in die schwellenden Orchesterklänge: Da wir auf dem Schiff sind, hat hier alles mit Wasser zu tun, die Wogen der aufkeimenden Liebe zwischen Rosalba und Arcadio ebenso wie die kalten Spritzer des zankenden Paares Paula und Alvaro. Der Kapitän ist der ruhende Pol auf dem Schiff. Das Phantom Riolobo gibt der Geschichte einen weiteren phantastischen Anstrich, es scheint eine Art guter Amazonasgeist zu sein, der auch mal als Kellner dient, vor allem aber Wendepunkte begleitet, wenn nicht herbeiführt. Das ändert nichts am Schiffbruch am Ende des ersten Aktes, rettet aber Alvaros Leben, der dabei über Bord geht, und seine Ehe. Denn nach dem Inferno wird alles wie neu. Die Grimaldi singt ihre Sehnsucht nach Cristóbal, dem geliebten Schmetterlingsfänger hinaus, den sie vor zwanzig Jahren der Karriere wegen hier verließ. Rosalba und Arcadio flüstern sich die süßesten Worte zu, um ihrer Liebe zu entkommen, während Alvaro durch das einsame Liebesgeständnis Paulas ins Leben zurückkehrt. Natürlich! Dieser Fluss ist auch der Fluss der Liebe, und die Wogen der Liebe sind es, die die Musik beflügeln. Rosalba, die ein Buch über die geheimnisvolle Diva Grimaldi geschrieben hat und sie nun endlich treffen und hören will, muss den Verlust ihrer Arbeit im tobenden Wasser erleben, aber sie erkennt auch die Grimaldi an ihren Worten, die ihr zudem Mut machen zu ihrer Liebe zu Arcadio intime Momente von großer Schönheit. Angekommen in Manaus, verkündet Riolobo, dass Cholera herrscht, und der Kapitän erklärt, man könne sich nur retten, indem man an Bord bleibe: niemand wird die Grimaldi singen hören! Und sie wird niemals Cristóbal wiederfinden... Da tritt sie hinaus aufs Deck und singt ihre letzte Arie, einen Liebestod, der eine Wiedergeburt ist: «Ich fühle das Schlagen deines Herzens in meinem Lied, hier, in meinem Gesang.» Da sind wir ihr längst verfallen und haben eines der Geheimnisse der Oper wie der Liebe verstanden. Das Theater in der romantischen Stadt Heidelberg wagt nun die europäische Erstaufführung. Daniel Catán hat sich bei der Premiere der Oper „Berenice“ seines jungen österreichischen Kollegen Johannes Maria Staud bereits davon überzeugt, dass das Theater der richtige Ort dafür ist, er hat mit den Musikern, dem Regieteam und dem Dirigenten gesprochen. |
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