| Der vollkommen glückselige Tod Musik aus West-Java und Sumatra im Haus der Kulturen der Welt (1993) Sein größtes Glück findet der Liebhaber exotischer Welten dann, wenn wenn er Dingen gegenübertritt, an denen alles vollkommen fremd ist. Beim Vortrag der Tembang-Musik aus Sunda, die ihm das Indonesien-Festival im Haus der Kulturen der Welt bescherte, muß er daher nahe am Zustand der Glückseligkeit gewesen sein. Zwei Frauen hatten sich an der Rampe niedergelassen, drei Musiker mit Zithern und Flöte hinter ihnen Platz genommen. Auf dem feingewirkten Teppich der unendlichen Zither-Muster und zwischen den scheinbar beliebig ausgeworfenen Flöten-Girlanden begannen die beiden Frauen wechselweise in leisem Singsang. Weder rhythmisch noch melodisch läßt sich ihr zierreicher Vortrag recht fassen, eher scheinen sie melancholische Geschichten vorzutragen, die wir in Unkenntnis der Sprache indessen ebensowenig verstehen. Dieser Musikstil entstand im letzten Jahrhundert in der Stadt Cianjur im Westen Javas und ist heute durch die Kulturindustrie längst zu einem beliebten Produkt geworden. Alle zwei Jahre wird ein Wettbewerb ausgetragen, den die Sängerinnen des Ensembles "L.S.Malati Ida" natürlich alle einmal gewonnen haben. Der Festival-Leiter Habib Touma erklärt auch kurz, daß es in beiden Stücken um Liebe gehe, im "Pelog" auch um die Liebe zur Stadt Bandung, im "Sorog" um die Bitte eines Ehemanns um Verzeihung, um gebrochene Herzen samt einem Epilog. Das Programmbuch des diesjährigen Festivals traditioneller Musik enthält zwar etliche Erläuterungen zum Instrumentarium und den musikalischen Stilen, der Inhalt der Vokalmusik und der Zeremonien wird dem Publikum leider weitgehend vorenthalten. Wiederum ist das Internationale Institut für traditionelle Musik in Berlin der Veranstalter des seit 1977 jährlich stattfindenden Festivals, dessen Teilnehmer auch in etlichen anderen Städten auftreten. Weitere Partner sind Festivals in Paris, Genf, Basel und Amsterdam, und diese internationale Kooperation ermöglichte es erst, authentische Gruppen aus dem kulturell so reichen und vielgesichtigen Indonesien auszuwählen und einzuladen. Die zweite Programmhälfte des gut besuchten Abends in der Schwangeren Auster wurde von drei Batak-Stämmen in der Gebirgsregion Nord-Sumatras bestritten. Mit Sets von Trommeln und Buckelgongs und einer näselnden Oboe begleiten die Simalungun Batak ein Ritual, das der Seele eines Verstorbenen den "vollkommen glücklichen Tod" bereiten soll. Zunächst kommt ein kleiner, traditionell gekleideter Mann herein, das schmale Gesicht gezeichnet von den Entbehrungen des Lebens, die nackten Füße vorsichtig in abgemessene Richtungen setzend. Die Trommeln schlagen rascher, wenn er mit geschlossenen Augen Gesten zu vollführen beginnt, die früher einmal der Kommunikation gedient zu haben scheinen, jetzt aber eng am Körper geführt werden und ganz auf ihn selbst bezogen bleiben: der "Tanz der 120 Bewegungen". Dem Alten folgt die Frau mit dreimaligem Klageruf, kurz treffen sich ihre Bahnen, doch nicht mehr ihre Blicke. Der Mann ist aufgestanden und wickelt sich mit seinen Bewegungen dem Ausgang entgegen, die Frau sinkt zusammen und redet mit der Erde. Die Musik wird flotter, wenn nun drei Maskentänzer und ein dicker, weiß-rot-schwarzer Vogel hereintanzen. Den Vogel füttert man symbolisch, der Alten hilft man klagen und führt sie schließlich hinaus. Noch im Trauerzug beginnt bereits ein jungen Paar zu flirten. Immer wilder wird die Musik, zwei Vögel beginnen zu kämpfen und werden wieder getrennt, und dann hört es auf, denn wir sehen natürlich nur einen Ausschnitt aus einer Zeremonie, die im Dorf mehrere Tage dauern kann. Sehr lebhaft ist die Musik der Karo Batak, von der ein Stück mit sehr kleiner, sehr hoher, sehr näselnder Oboe gespielt wurde, ein litaneiförmiger Männergesang und die raffinierten Rhythmen von zwei Trommeln, zwei Gongs und Flöte, die sich zu einem Tance-Tanz beschleunigten. Sieben Musiker der Toba Batak brachten neben Flöte und zwei Oboen auch zwei Mandolinen mit, dazu eine Art Xylophon und Zimbel. Ihr Musizieren ist ist hochvirtuos und äußerst effektvoll, bewegt sich in kurzen Phrasen, hat mit dem Jazz oder den Afrikanern manches gemein, wirkt also gar nicht mehr fremd, und riß die Besucher zu Begeisterungsstürmen hin. Da waren die Profis am Werk. |
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