Von ganzem Herzen
Keine Revolution in Teheran: Aktuelle Musik beim Iran-Festival im Haus der Kulturen der Welt

Ihr erstes Konzert gaben sie vor 300 Fans im März 2001 in einer Russisch-Orthodoxen Kirche, doch ein offizieller Auftritt wurde bis heute immer wieder in letzter Minute verhindert – einmal so spät, dass bereits alle Karten verkauft waren und nur geschickte Manöver den finanziellen Ruin aller Beteiligten verhindern konnten: O-Hum ist Geheimtipp und Trendsetter zugleich in Teheran. Das Berliner Haus der Kulturen der Welt lud die legendäre Rockband zu seinem Iran-Festival ein, und an ihren Auftritt schlossen sich noch zwei Konzerte in Rostock und Hamburg an. Die persische BBC begleitete die Musiker und sendete das Berliner Konzert live im Internet. Das Internet war auch das Medium, auf dem sich der Ruhm von O-Hum verbreitet hatte. Ihr erstes Album „Nahal’E-Heirat“ schoss 1999 über die Datenautobahn, und heute bietet die bestens designte und gepflegte Website www.o-hum.com Downloads des jüngsten Albums „Sapling of Wonder“ an – das Internet als Medium einer stillen Revolution im Iran?
Der Name ihrer Band bedeutet „Illusionen“. Sie singen Texte des alten Dichters Hafis, und das kann es nicht sein, was die Bürokratie nervös macht – schließlich hat jeder persische Haushalt neben dem Koran seinen Hafis stehen. Mit E-Gitarre, E-Bass, Synthesizer und Schlagzeug rocken die drei Musiker lustvoll vor sich hin, und dieses Instrumentarium ist es, das als konterrevolutionär gebrandmarkt ist. Dass hingegen Parissa keine Auftrittserlaubnis bekommt, der aufstrebende Star der klassischen persischen Musik vor der Islamischen Revolution von 1979, liegt schlicht darin, dass sie eine Frau ist. Dennoch entschied sie sich dafür, im Land zu bleiben und die spirituellen Wurzeln ihrer Kunst zu studieren. Inzwischen darf sie zumindest im Ausland wieder auf die Bühne. Wie schon in Paris und London feierte sie auch in Berlin einen Triumph mit dem Dastan-Ensemble, das auf traditionellen persischen Instrumenten spielt. Sie singt die Texte der alten Mystiker, so wie sie es von ihren Meistern gelernt hat – „von Brust zu Brust“ wird diese Musik überliefert. Mit dem Dastan-Ensemble sucht Parissa dennoch nach neuen Wegen, um die Erstarrung dieser meditativen Musik zu verhindern, die vom jüngeren Publikum in Iran als monoton und langweilig abgelehnt wird.
Die meisten Ensemble-Mitglieder leben allerdings seit Jahren in Kanada oder Los Angeles. Aus der lebhaften Exilszene von „Tehrangeles“ kam die Gruppe „Axiom of Choice“ nach Berlin, die Elemente von Zigeunermusik integriert, wenn sie Texte des mittelalterlichen Mystikers Omar Khayyam (1048-1131) vertont; diese Mischung ist allerdings nicht nur eine Folge der Globalisierung, da Zigeunermusik auch in Persien nicht unbekannt ist. Dass in Iran heute die kurdische Musik Popularität genießt, war vor allem das Verdienst der Kamkars-Familie, deren acht Söhne und Töchter seit 1967 immer weiter auch in den Bereich der persischen Musik vorgestoßen sind. Heute unterhält die Familie in Teheran ein Konservatorium mit rund 400 Studenten. Sie benutzen ausschließlich traditionelle Instrumente, und in Berlin war es eine in Frankfurt lebende Schwester, die als Gesangs-Solistin hervortrat.
Spektakulär neue musikalische Wege wies dieses folkloristische Konzert ebenso wenig wie O-Hum. Die Modernisierung verfolgt hier eine unauffällige Strategie. Die iranischen Gäste regten sich eher auf, wenn sie Filme und Artikel von westlichen Journalisten zu sehen bekamen, die drei Tage in Iran waren und dann glaubten Bescheid zu wissen. In Wirklichkeit bestätigten sie nur die eigenen Vorurteile und stülpten den komplizierten Verhältnissen ihre westlichen Begriffe über. Als subversiv oder revolutionär wird die neue Kulturszene dann beschrieben. Doch das Iran-Festival im Haus der Kulturen zeigte nichts dergleichen. Bis auf den Mann aus dem Schlamm waren auch die Theateraufführungen – westlicher Stücke! – unspektakulär.
Dabei zeigte ein Konzert wie das der Gruppe Rumi sehr schön, was in Iran im Gange ist. Wenn eine deutsche Band sich „Goethes Erben“ nennt, kann man davon ausgehen, dass sie keine Texte von Goethe verwendet. Wenn eine persische Gruppe sich nach dem Dichter Rumi (1207-1273) benennt, bedeutet das sehr wohl etwas. Die beiden Sänger intonieren mit Inbrunst Texte von Hafis, feiern Trunkenheit und Liebe. Die zehn Musiker bieten, anders als in der CD-Version, keine kurzen Songs, sondern beinahe kleine Kompositionen, und dies in einer Intensität, wie sie sie in Iran niemals gewagt haben. Immerwährende Wiederholungen beschwören, dass wirklich „mein ganzes Herz“ der Geliebten – oder Gott – gehören soll. Ein populäres ländliches Stück fleht um einen gnädigen Gott, ein Hafis-Gedicht wird kurzerhand zum Popsong. Und wenn als fünfter Programmpunkt ein Gedicht von Rumi von einem Sänger mit vier traditionellen Instrumenten in kurdischer Manier vorgetragen wird, dann ist schon mehr als eine Stunde verflogen.
Rumi vereinigt alte persische mit modernen Instrumenten. Die Handtrommel Daf wird hochvirtuos von Ali Rahimi geschlagen, ebenso der beste seines Faches im Land wie Eynollah Keyvanshokooh an der Rock-Percussion. Mit Darshan Anand ist mit Bart und Turban ein indischer Tabla-Spezialist dabei, und Babak Akhoondi ist ein witziger, aber nicht vorwitziger E-Gitarrist. Zu Zither, Mandoline und Kniegeige tritt noch ein E-Bass, doch da die deutschen Behörden die Einreise dieses Kollegen erfolgreich verhindert haben, springt ein deutscher Bassist ein – und schlägt sich beachtlich.
Diese Musik glüht von innen und wird getragen von so starker Energie, dass sie auch den mitreißt, dem sich die Texte nicht erschließen. Dabei fehlt ihr jede Aggressivität, und auch dem Rock ist bei dieser Fusion das Rotzige vollständig abhanden gekommen. Mit Rumi singen die Musiker von der Liebe zu Gott und von der Bereitschaft, für die Liebe durchs Feuer zu gehen. Bald wird alte iranische Musik wird umverwandelt zu variantenreichem Rock, bald steigert sich ekstatischer Gesang im Tremolo empor und wird durch pathetische Doppelschläge des ganzen Ensembles ausgestellt. Wortwiederholungen reiten auf einer groovenden Riesenwelle, ein trunkener Mönch flippt aus. Als alle ihr Solo absolvieren, können sie es nicht fassen, wie ihr deutscher Kollege sich hineingefunden hat in diese Musik und sich von ihrem Sog hinauftragen ließ zu sufistischer Spiritualität. Der Goethe des „Ostwestlichen Diwans“ hätte seine Freude daran gehabt.
Politisch ist diese neue persische Musik nicht, denn sie hat kein Ziel. Sie äußert das Lebensgefühl der neuen Generation frei und ohne alle Scheuklappen. Sie lässt die Behinderungen durch die Machthaber links und rechts liegen und geht einfach ihren Weg. Wohin er führt, wen interessiert das schon? Diese Musiker nutzen westliche Formen, aber die Inhalte gehören ihnen. Wie erfüllt die Lebensfreude ist, der sie Ausdruck geben, und wie wenig das dem westlichen Spaßzwang gleicht, das ist das wahre Ereignis.
Bernd Feuchtner

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