In der Stunde des Pferdes
Land ohne Wegweiser: In der Mongolei herrschen noch andere Begriffe von Zeit und Raum

Wer Hammel nicht mag, braucht gar nicht erst weiterzulesen. Für ihn ist der stahlblaue Himmel über der viehreichen Steppe nicht geschaffen, auch nicht die Viertausender des Altai samt seinen kristallklaren Seen, nicht die bizarren Wüstenlandschaften der Gobi, nicht die ostmongolische Steppe mit ihren Gazellenherden, nicht die kostbaren Überreste einer eigenartigen buddhistisch-schamanistischen Kultur. Diese Schönheiten werden sich ihm nicht erschließen. Denn was es in diesen Einsamkeiten zu essen gibt, ist Hammel und immer wieder Hammel. Hammelbraten und Hammelgulasch, Hammelklops, Hammelbulette und Hammelburger, Teigtaschen mit Hammel, Hammelragout, Hammellasagne, Hammelmoussaka. Alles riecht nach Hammel in diesem Land. Wer aber damit einverstanden ist, nach seiner Rückkehr auch selbst noch nach Hammel zu riechen, dem wird sich die Mystik einer anderen Dimension von Zeit und Raum offenbaren.
260 Tage Sonnenschein im Jahr. Mitten in der asiatischen Landmasse fällt kaum Niederschlag. Kann aber auch sein, dass der Himmel trotzdem nicht stahlblau ist: In diesen Tagen hängt dicker Dunst über dem Land, denn in Sibirien brennen die Wälder, und der Rauch zieht bis in die Wüste Gobi. Aus der Weite der von Gebirgen umsäumten Hochebene wird so die bloße Endlosigkeit von Bodenwellen. Und dennoch lässt uns diese Eintönigkeit all das abstreifen, was sonst wichtig ist. Schweigend saugen wir eine archaische Existenzform auf. In einem alten russischen Kleinbus fahren wir durch die Steppe. Kaum je werden wir schneller als 50. Fahren ist harte Arbeit, und der Fahrer muss auch Mechaniker sein, denn Werkstätten gibt es hier ebenso wenig wie Straßen. Natürlich auch keine Verkehrsschilder. Nur alle paar Kilometer eines der runden Filzzelte und Hirten mit ihren Tieren: Pferde zum Reiten und für die Stutenmilch, Kamele als Lastträger. Auch Rinder, Yaks, Schafe und Ziegen zupfen das karge Gras. Alle paar Monate werden die Gers – das von den Russen importierte Wort Jurte mögen die Mongolen nicht – auf die Kamele gepackt und die nächste Weide gesucht.
Ein Hirte bittet uns in sein Ger. Der Hausherr weist auf die Familien-Fotos auf der Kommode, die die alten buddhistischen Andachtsbilder ersetzt haben. Einige zeigen ihn als siegreichen Ringer – das ist eine der Sportarten, die beim Nationalfest „Naadam“ neben Pferderennen und Bogenschießen ausgetragen werden. Die Kämpfer treten mit knappem Höschen und kurzer, offener Weste an, übergeben dem Ringrichter ihren Spitzhut und zeigen den Zuschauern durch ihren „Adlertanz" mit ausgebreiteten Armen an, dass sie zum Sieg entschlossen sind – dabei entfalten die Athleten bisweilen eine überraschende Eleganz. An die zehn Kinder und viele Enkel hat unser Gastgeber, wie er sagt, und die siebzig Jahre sieht man weder seinem gegerbten Gesicht an noch dem seiner fröhlichen Frau. Die ganze Familie, so weit sie hier lebt und am Hüten der Tiere teilnimmt, schläft in diesem Zelt. Nur Hammel isst sie nicht, den gibt es ausschließlich für die Touristen, denn im Sommer reinigen sich die Mongolen, indem sie fast nur Milchprodukte essen. Airag vor allem, die gegorene Stutenmilch. Dafür müssen die Pferde alle zwei Stunden gemolken werden. Immer wieder müssen die Herden gesucht und zusammengetrieben werden – eine harte Arbeit, die kaum Zeit lässt für einen Plausch mit den Reisenden. Bei der Höhenlage des Landes (die Ebenen der Gobi liegen auf 1500 m, der tiefste Punkt des Landes bei 532 m), den niedrigen Temperaturen (die Jahresdurchschnittstemperatur liegt unter dem Gefrierpunkt) und dem geringen Niederschlag (Jahresmenge 400 mm bis gegen Null) wird sich das Nomadenleben in absehbarer Zeit auch nicht ändern. Mehr Menschen ernährt das Land nicht, und die Überbevölkerung, die von den Russen mit einer Art Mutterkreuz gefördert wurde, sammelt sich in Ulan Bator und sorgt für ein wachsendes Staatsdefizit. Doch die Gastfreundschaft ist heilig, ihre Riten werden gepflegt und in der Weite der Steppe sorgt sie immer für Geborgenheit.
Wir verlassen das Ger, indem wir uns unvermeidlich den Kopf an der niedrigen Holztür einschlagen. Draußen saust eine vierköpfige Familie auf einem der feuerroten, zweitaktigen Russen-Motorräder vorbei. Mancher Züchter hat sich sogar einen Russen-Jeep geleistet, um seine Produkte in den nächsten Ort zu bringen. Auf der Rückfahrt hat er dann Güter der neuen Zeit dabei; so muss die Nescafé-Dose zu unserem Züchter gekommen sein, die wir im Ger sahen. Da er in der Nähe eines Touristencamps zeltet, macht er damit auch Geschäfte: Zum Beispiel können Reisegruppen ein Spiel Kamelpolo buchen, zwei Halbzeiten à fünf Minuten. Es ist ihm auch nicht entgangen, wie die alten Russen-Kleinbusse seit der Wende langsam durch japanische Fabrikate und die Kamelkarawanen durch Lastwagen ersetzt werden. Auch Reisende kommen kaum mehr mit dem Pferd, sondern im Geländewagen. Und diese neuen Vehikel pflügen Pisten ins Grasland, die Autobahnbreite annehmen.
Eine Lösung für dieses Problem ist nicht in Sicht. Straßenbau ist nur begrenzt möglich – wo im Winter zwischen Tag und Nacht Temperaturunterschiede von 50 Grad vorkommen, sieht eine Asphaltstraße nach zehn Jahren so aus, dass man besser neben ihr als auf ihr fährt. Doch wenn der Tourismus sich weiter entwickelt, wird man auf seinen Hauptpfaden Straßen bauen müssen. Zur alten Hauptstadt Karakorum, die von Dschingis Khan angelegt wurde, führt schon so eine Straße, und doch braucht man von Ulan Bator acht Stunden für die knapp 400 Kilometer.
Wer aber in der Mongolei nur losfährt, um ein Ziel zu erreichen, hat sowieso alles verfehlt. Hier gilt für den Reisenden buchstäblich, dass der Weg das Ziel ist. Was man dafür braucht, ist neben dem Wagen und dem Fahrer ein Dolmetscher, denn etwas anderes als Mongolisch sprechen die Nomaden selten. Und man braucht Zeit. Die bald kontrastreiche, bald eintönige Landschaft mit ihren Naturwundern lockt zu Abstechern, man möchte nur nach Karte, Kompass und Navigationssatellit fahren, und gerade das geht wegen der Unberechenbarkeit der Wege und ihrer Passierbarkeit nicht. Man muss sich schon auf die Menschen einlassen und mit ihnen über den Weg reden. Dann beginnt man auch etwas von ihrer Lebensweise zu verstehen, die von der zielgerichteten Eile unseres Industriesystems noch so weit entfernt ist.
An Pässen oder anderen markanten Punkten hält unser Fahrer. Denn dort steht meist ein Ovoo, ein Steinhaufen, der den örtlichen Geistern gewidmet ist. Man legt etwas darauf, etwa einen weiteren Stein, ein blaues Band oder einen Geldschein, nur wegnehmen darf man nichts. Dann geht man dreimal im Uhrzeigersinn darum herum und denkt an seinen Wunsch, etwa, dass der Wagen nicht zusammenbrechen oder im Schlamm stecken bleiben möge. In den Weiten der Steppe ließen sich Geisterglaube und Schamanismus durch den Rationalismus der Sowjetmacht auch in 70 Jahren nicht ausrotten. Passieren konnte es allerdings, dass sich ein heiliger Berg als kupferhaltig erwies – so blieb nur ein heiliges Loch.
Magische Orte sind auch die wenigen erhaltenen oder wieder aufgebauten Klöster, besonders wenn sie in Tälern versteckt und abseits der Touristenrouten liegen. Zwischen den Schamanen und den Lamas herrscht durchaus keine Feindschaft. Viele Mongolen gehen zu ihrem Schamanen und erzählen ihm von ihren Sorgen, und der sagt ihnen dann, was er im Tempel von den Lamas gegen eine Spende erbitten soll. Im Tempel sitzen die Novizen neben den wenigen alten Lamas und singen die bestellten Sutren. Nicht alle machen immer mit - die Jungs in den orangen Mänteln wirken proletarisch und benehmen sich oft recht ungezwungen. Im Gandankloster von Ulan Bator stand die 25 Meter hohe Statue des Avalokiteshvara, des Schutzherrn Tibets, dessen Reinkarnation der Dalai Lama ist. Sie war 1913 vom Bogd Khan, dem Gottkönig der Mongolei, zum Dank für die Unabhängigkeit geweiht worden. Da sie aus Kupfer und Gold bestand, wurde sie von den Russen 1938 eingeschmolzen. Jetzt hat der Dalai Lama für eine vereinfachte Replik gesorgt, und so etabliert sich das Kloster wieder als spiritueller Mittelpunkt des Landes.
Sorgen haben die Mongolen genug, zumal nach der Wende die Wirtschaft nicht auf die Beine kommen will. Die Privatisierung hat sich als massenhafter Betrug erwiesen, und nur in der Hauptstadt bildet sich ein kapitalistischer Wasserkopf aus. Neben den Industriestädten Darchan und Erdenet im Norden – beide haben rund 80 000 Einwohner – gibt es nur Kleinstädte ohne nennenswerte Wirtschaftskraft. Hier zu reisen und in einem Hotel abzusteigen, ist nur bedingt ein Vergnügen. Zwar hat auch so manches gottverlassene Wüstenkaff sein kleines Museum – vor allem die Dinosaurierreste sind oft sehenswert, aber auch die Fotoserien aus der sozialistischen Zeit – und vor allem einen Flugplatz. Aber die ehemals staatlichen und jetzt privat geführten Hotels sind oft in einem verwahrlosten Zustand. Man will hier nicht mehr als ankommen und abreisen oder gegebenenfalls Proviant und Treibstoff fassen. Und wenn wir dann so flanieren und das suchen, was man die Stadtmitte nennen könnte, an Türen, die auf- und wieder zugehen, die Läden erkennen, in der Sommerhitze nach Schatten lechzen, dann kommt auf einmal so ein Steppensohn mit Henna im Haar daher. Die verwegensten Burschen tragen Tattoos. Aber es kommt auch vor, dass einer Schuhe nach der aktuellsten italienischen Mode an den Füßen hat – entweder hat er Verwandte im Ausland oder er bekam sie aus Ulan Bator, wo inzwischen fast jede Nomadenfamilie Verwandte hat, die im Sommer zu Besuch kommen.
Auch wenn die traditionellen Stiefel, bei denen links und rechts einerlei ist, im Alltag zugunsten von Gummi- und Lederstiefeln westlicher Form verschwinden, tragen die Männer noch stets ihre alten, bunten Filzkleider. Wie man Wolle spinnt, weiß man nicht, die Filzherstellung aber gehört zum Geschäft einer jeden Nomadenfamilie, und mit Filz ist auch das Ger bespannt, darüber eine Leinwand gegen den seltenen Fall, dass es einmal regnet. Die Frauen ziehen lieber farbenfrohe Seide an, jedenfalls so lange sie im Haus zu tun haben, Besuch kommt, oder besondere Anlässe bestehen. Dass jetzt mongolische Supermodels Karriere machen, ist kein Wunder, denn die Mädchen sind hier besonders hübsch. Sie bewegen sich nicht immer besonders schnell, aber sie tun es mit der ruhigen Eleganz von Kamelen – und das ist ein ganz besonderes Kompliment.
Zuschauen, einfach nur zuschauen, möchte man hier, wie eigentlich überall in der Mongolei. Man fühlt sich so aufgehoben, wie man es als Fremder, der für allemal ausgeschlossen ist, nur sein kann. Man kann es aber auch anders haben. Im Restaurant-Ger eines Touristencamps sitzen wir neben einer österreichischen Reisegruppe, die sich lautstark über die Unpünktlichkeit der Mongolen beschwert. Sicher, die Busse fahren selten weniger als eine halbe Stunde zu spät ab, Treffen finden irgendwann statt, aber garantiert nicht zu der vereinbarten Zeit. Aber deshalb sind wir doch hier! In der Steppe gilt noch die alte mongolische Zeitvorstellung. Die zwölf Stunden des Tages sind nach Tieren benannt, nach dem Rind, dem Affen, dem Drachen oder dem Hahn. Als die beste gilt die Stunde des Pferdes. Sie dauert von elf bis ein Uhr Mittags. Man trifft sich in der Stunde des Pferdes an der Wasserstelle – und wie sollte man in der Steppe präziser sein können?
Sonst ist unsere Reisegruppe aber ganz fidel, die keine Wasserstelle suchen musste, in den Gers Betten wie von Ikea vorfindet und auf Verlangen sogar vegetarisch versorgt wird. Woher das alles mitten in der Steppe kommt, ist ein kleines Wunder, und an die Vergeudung der kostbaren Ressourcen wollen wir gar nicht denken. Eine Reise durch die Mongolei kann ganz komfortabel sein – die meisten der österreichischen Gruppe sind im Rentenalter und genießen die Fahrt zu den wichtigsten Sehenswürdigkeiten wie eine Butterfahrt an der Ostsee. Dafür waren sie aber niemals wirklich weg. Ich habe am letzten Abend in Ulan Bator beim Chinesen Hammel bestellt, Hammel, zweimal gebraten. Es war das beste Gericht von allen.

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