Drei Gangster, ein Gesangsabend und chinesische Spitzen
Die Mongolen versuchen Demokratie und Marktwirtschaft, und die GTZ hilft ein wenig dabei

Da sitzen sie nun um den Tisch und mustern den Fremdling. Die Lampe wirft tiefe Schatten in die Jurte. Im Halbdunkel sind die Frauen damit beschäftigt, den Hecht zu braten, den die Praktikantin am Nachmittag gefangen hat, während die Männer zu erzählen beginnen. Drei Jung-Kapitalisten sitzen uns gegenüber. Vor elf Jahren waren sie noch Arbeiter oder Forstwirte im Sägewerk von Bugant, dem größten Holzlieferanten des Landes im Selenge-Aimag im Norden der Mongolei. Aber dann wurde das Sägewerk eine Aktiengesellschaft. Die Mongolei, nach sieben Jahrzehnten Sozialismus auf dem Weg in Selbstständigkeit und Marktwirtschaft, verteilte ihr Produktivvermögen ans Volk: Jeder Mongole bekam eine Aktie in Höhe von 7000 Tugrik, die er bei einer Firma seiner Wahl anlegen konnte. Ein Tugrik war damals noch einen Dollar wert. 1992 war für das Sägewerk von Bugant ein Wert von 60 Millionen Tugrik angesetzt worden, doch die Volksaktien entpuppten sich als Mittel einer radikalen Umverteilung des Volksvermögens in wenige Hände – die meisten Betriebe waren plötzlich nichts mehr wert und brachen zusammen, andere, was weit seltener vorkam, blühten auf und bescherten ihren neuen Besitzern ein schönes Vermögen.
Das Sägewerk von Bugant gehörte zu den ersteren. Seine Aktien waren bald das Papier nicht mehr wert, auf das sie gedruckt waren, und für einen Dollar muss man inzwischen 1000 Tugrik hinlegen. Auch das Werk selbst verfiel. Es verfielen die steinernen Wohnblocks, die die Russen für ihre Arbeiter gebaut hatten und die nun von Mongolen bezogen wurden. Es verfiel das Heizkraftwerk, was keine kleine Sache ist in einem Land mit minus 40 Grad in einem langen Winter. Und dann brannte auch noch der schöne russische Kulturpalast ab. Das Krankenhaus ist jetzt auch zugenagelt, das Bretterdach scheint irreparabel. Fast alle 3500 Einwohner von Bugant wurden arbeitslos. Einige hatten noch in den Goldminen von Tolgoit Arbeit gefunden, aber auch dieses Tal wurde von den Russen inzwischen erschöpft und als umgewühlte Marslandschaft zurückgelassen. Die monatliche Sozialhilfe beträgt 12 000 Tugrik, der minimale Lebensmittelbedarf 30 000 Tugrik, und das Leben hier ist sowieso schon nicht leicht. Wie ein idyllisches Bergdorf sieht Bugant nicht aus.
Im Jahr 1999 präsentierte Direktor Lodoin Gandusch 60 Prozent der Aktien: Er war nun der Besitzer des Werks. Wie ein Kapitalist lebt er dennoch nicht. 10 000 Tugrik bezahlt er für die kleine Wohnung in dem verwahrlosten Russenblock, die nur mit dem Notwendigsten ausgestattet ist. Ganduschs zerfurchtes Gesicht erzählt von einem an Wechseln reichen Leben. Forstwirtschaft studiert hatte er in der CSSR, danach hatte er im Ministerium für Forstwirtschaft und im Handelsministerium gearbeitet, bevor er nach Bugant kam. Damals lag der Betrieb noch 8 km talabwärts am Yeroofluss, wo er 1924 von der jungen Volksrepublik gegründet worden war. Es war der größte Holzverarbeitungsbetrieb des Landes; die Deutschen, die beim Aufbau halfen, brachten Lokomobile und Kreissägen mit, und die Zusammenarbeit mit den Deutschen ist bis heute eine Konstante geblieben in Bugant. Die DDR arbeitete eng zusammen mit dem Brudervolk der Mongolen und bildete einen Teil der Elite aus. Nach der Wende übernahm die Gesellschaft für technische Zusammenarbeit (GTZ) viele der DDR-Projekte, um sie, mit mehr oder weniger Erfolg, in die Marktwirtschaft zu lotsen.
Mit 250 000 ha Einschlag hatte das Sägewerk in Bugant 1986 seine höchste Leistung erreicht – um Wiederaufforstung kümmerte man sich damals weniger. Der Taigawald der Nordmongolei gehört zur borealen Waldzone, die sich um den ganzen Erdball zieht und für das Klima ebenso wichtig ist wie die südlichen Regenwälder, nur dass niemand aufschreit, wenn er in Sibirien, Kanada, Alaska oder eben auch in der Mongolei rabiat abgeholzt wird. Doch das alles wurde zentral in Ulan Bator geregelt, das heißt unter der Oberaufsicht der Russen.
Bei der Wende hatte Bugant 800 Beschäftigte im Sägewerk und im Wald, in den man mit 80 Lkws und 60 Traktoren über selbst gebaute Pisten fuhr. Das Holz ging nach Ulan Bator und über die Provinz-Hauptstadt Suchbaatar und die Transsib nach Russland, Halbfertigprodukte und die Fabrikation der Schreinerei, darunter auch Parkettböden, wurden in der Mongolei verkauft. Jetzt sind noch 150 Beschäftigte da, und mehr als 5 bis 6 Lastwagen und eben so viele Traktoren sind nicht mehr einsatzfähig. Gandusch war 1996 Direktor geworden und hatte sich in den Kopf gesetzt, den Betrieb zu retten. Als er die Aktienmehrheit zusammen hatte, blieb ihm das Sägewerk mit den Werkstätten und 50 Beschäftigten. Die Außenarbeiten fielen an drei andere Männer, und die Arbeitsteilung hat sich durchaus bewährt. Die GTZ unterstützte die vier unerfahrenen Jung-Kapitalisten mit einem Managementplan. Hans Hoffmann nennt sie liebevoll die „Vier Gangster“. Hoffmann, GTZ-Fachmann und Berater im Ministerium für Natur und Umwelt, ist selber ein harter Söldner-Typ, der lange im Kongo gearbeitet hat. Die GTZ greift nur auf Bitten des Partnerlandes unterstützend ein, ist dort aber ein Bindeglied zwischen der Verwaltung und den Basisprojekten. Anfang der Neunziger war die Forstverwaltung im Überschwang der Privatisierung aufgelöst worden, und das daraus entstandene Chaos, das auch Bugant ruinierte, wurde erst 1999 durch die Gründung der jetzigen Verwaltung aufgefangen. Der illegale Holzeinschlag durch Kriminelle mit modernen Geräten, die Suche nach abgeworfenen Hirschstangen und die Wilderei haben in den letzten Jahren zu riesigen Waldbränden geführt – 5 Millionen Hektar Wald wurden dabei vernichtet. Doch auch heute zentralisiert die Verwaltung wieder die Entscheidungen. Der Holzeinschlag wird lizenziert, und wenn Gandusch und seine Partner nur 11 000 ha Wald geleast bekommen und nicht mehr als 5000 Kubikmeter Holz verarbeiten dürfen, reicht das in den fünf Monaten, in denen das Wetter die Arbeit im Wald zulässt, zum Überleben nicht aus. Die Höhenlage und das extreme Klima lassen Wald zudem fast nur an den Nordhängen wurzeln.
Die „Vier Gangster“ würden sich gerne um die Forstwirtschaft in einem größeren Gebiet kümmern. Die GTZ hat im Auftrag des Ministeriums eine Forstinventur in dieser Region unternommen und eine Liste der Maßnahmen aufgestellt, die für eine nachhaltige Bewirtschaftung notwendig wären. Für Mongolei wäre es wichtig, bei der Holzwirtschaft das zu erreichen, was sie auch in den anderen Wirtschaftszweigen noch immer verfehlt: Nicht nur Rohstoffe zu exportieren und Fertigprodukte zu importieren, weil das die Handelsbilanz in den roten Zahlen hält. Heute geht das meiste nach China, und die Chinesen beginnen auch den mongolischen Binnenmarkt zu dominieren. Die GTZ unterstützt deshalb gezielt Initiativen von Mongolen, auf die eigenen Beine zu kommen. Ein Sägewerk kann in der Schreinerei Feuerbekämpfungsmittel wie Äxte, Rechen, Haken, Feuerklatschen herstellen. Auf den abgebrannten Hängen sollen die nachgeschossenen Birken gefällt und durch ertragsreichere Fichten und Lärchen ersetzt werden. Brandwachen und Ranger müssen ausgerüstet werden. All das schafft ja auch Arbeitsplätze.
In einer Gesprächspause fällt eine Frau mit einem Lied ein. Mit wunderschöner, volltönender Stimme singt sie ein Volkslied. Enkhtur, ein mongolischer GTZ-Mitarbeiter, der in Deutschland studiert hat, erklärt uns den Inhalt – zu unserer Überraschung war es ein tragisches Liebeslied. Der Wodka geht reihum, und eben so singt jeder sein Lied. Allmählich dämmert uns, dass auch von uns erwartet wird, dass wir etwas singen, und zwar ein Lied aus Deutschland! Die Deutschen singen aber nicht mehr, sie sind dazu abgerichtet, Musik wie alles andere nur noch zu konsumieren. Welches Lied können wir denn noch und zu welchem fällt uns auch der Text ein? Hans Hoffmann pflegt an dieser Stelle immer das Lied vom Schützengraben zu singen. Es hat nur ein Wort: „Bumm!“
Als wir am Morgen aus der Jurte treten, grast davor eine Herde Kühe – angesichts der Berge, die sich undeutlich im Morgennebel abzeichnen, könnte man glauben, in einem Spessarttal zu stehen. Diese Berge sind mythisch, nicht weit von hier wurde Dschingis Khan geboren, und irgendwo liegt auch sein verborgenes Grab. Die Wälder sind voller Bären, Wölfe, Elche, Hirsche – auch dank seiner Unerschlossenheit ein Jagdparadies für die Reichen dieser Erde. Die Jurte steht an der Stelle, wo das alte Buganter Sägewerk sein Kindererholungsheim hatte; nach der Wende ist es verfallen, wie fast alles. Auf den leeren Flächen haben sich ein paar Frauen zusammengetan und eine Baumschule aufgebaut. Beschützt von einer Folie aus Deutschland warten Millionen von Lärchen- und Fichtenschösslingen darauf, eingesetzt zu werden; 4000 Hektar Wald wurden bereits aufgeforstet. Schon seit 1992 kommt eine Gruppe deutscher „Senioren-Experten“ hierher und unterstützt das Projekt mit Rat, Tat und Gaben; die GTZ hat zuletzt einen Minitraktor besorgt. In einer Holzhütte ist das Material sorgfältig gelagert, im ersten Stock sind Aufenthalts- und Schlafplätze eingerichtet. Der Staatspräsident ist diese Treppe schon zweimal hinaufgestiegen, um diese Genossenschaft aus Privatinitiative auszuzeichnen.
In der Sowjetzeit hatte der Staat für alles gesorgt. Er hatte Fabriken, Schulen und Krankenhäuser unterhalten, Bevölkerungszuwachs und Bürokratie gefördert. Nach 1990 zerfiel das alles in unglaublich schneller Zeit, und auch Regierungswechsel konnten daran nichts ändern. Die Bürokratie ist nicht verschwunden, sondern hat sich um den Zweig der Korruption erweitert. Die Überbevölkerung sitzt in den wenigen Städten und überlebt mit Ach und Krach. So ein Provinzstädtchen hat fünf- bis zehntausend Einwohner und war früher mit allem ausgerüstet, um auch die Nomaden des Kreises zu versorgen. Nomaden sind so gut wie alle Landbewohner der Mongolei.
Bayantschandmani liegt dreißig Kilometer nördlich von Ulan Bator an der vor wenigen Jahren von den Chinesen gebauten Asphaltstraße zur Nordgrenze – es gibt noch eine zweite Asphaltstraße in der Mongolei, die nicht ganz fertig ist und nach Westen führt. Bayantschandmani scheint also privilegiert, doch die staatlichen Einrichtungen sind auch hier zusammengebrochen und ihre steinernen Behausungen verrotten. Im Kreiskrankenhaus sind die Böden morsch und in den Betten möchte man nicht liegen müssen. Dr. Wolf Wagner von der GTZ besucht die Chefärztin Dr. Drauchimeg. Der Computer, die Kaffeemaschine, die Lampe mit GTZ-Emblem verraten schon, dass dieses Krankenhaus zu einem Modellversuch gehört: In fünf ausgewählten Aimags (Provinzen) werden die Kliniken der Kreisstädte unterstützt, wodurch das Projekt rund ein Zehntel der ländlichen Bevölkerung der Mongolei erreicht. In Bayantschandmani wird für 100 Millionen Tugrik ein neues Krankenhaus gebaut, weil das alte nicht zu retten ist.
Dr. Drauchimeg ist geschmackvoll, ja elegant gekleidet, wie alle Städter in der Mongolei, die sich das irgendwie leisten können. Wie sie das bei 60 000 Tugrik Monatseinkommen hinbekommt, bleibt ihr Geheimnis. Sie betreut mit zwei weiteren Ärztinnen und 17 sonstigen Beschäftigten 3100 Landbewohner, darunter 896 Frauen im fruchtbaren Alter. Zu ihr kommen sie zur Entbindung – bis zu 36 km weit kommen sie mit dem Pferd in die Klinik, um im Mütterwarteraum die letzten Tage vor der Geburt zu verbringen. In den letzten fünf Jahren ist keine Frau mehr an der Mutterschaft gestorben. Sie impft die Kinder und versorgt die alten Leute. Früher waren die Ärzte unnahbare Halbgötter in Weiß, jetzt sind sie Dienstleister, und Wolf Wagner versucht ihnen die Methoden dafür nahe zu bringen. Vorsorge wird wichtig, vor allem Aufklärung und Empfängnisverhütung. Man bildet die Lehrer weiter und veranstaltet Aktionstage, macht ab der 6. Klasse Gesundheits- und ab der 8. Sexualkundeunterricht.
Eine Apotheke gibt es nicht; früher gab der Arzt die Medikamente umsonst ab, heute kann man sie nur in Ulan Bator kaufen. Also besorgt das Krankenhaus Medikamente auf Vorrat und gibt sie zu den erzielten Rabattpreisen weiter. Gerade bei der Empfängnisverhütung wirkt sich die Verteuerung der Medikamente fatal aus. Im Krankenhaus von Baruuncharaa, weitere 75 km nördlich, ist Dr. Narantuja mit den misslichen Folgen konfrontiert: Für die 70 bis 80 Geburten im Jahr wurde ein gynäkologischer Untersuchungsraum eingerichtet, eine Pionierleistung, mit chinesischen Spitzenvorhängen an den Fenstern. Sie leitet das Kreiskrankenhaus seit 1991 und freut sich sichtbar über Wolf Wagners Unterstützung. Die GTZ half bei der Modernisierung des Labors und stellt sukzessive Material dafür zur Verfügung. Die größte Entfernung zum Patienten beträgt hier schon 65 km. Überall wird gestrichen und geputzt – ihr Krankenhaus ist aus Stein gebaut und erwies sich als renovierfähig. Das Steckenpferd der GTZ, den Mütterwarteraum, hat sie allerdings umfunktioniert zu einer Art Sanatoriumsraum: Wer Geld hat, kann sich dort im Urlaub mal so richtig gut betreuen lassen. Und die Klinik kann die Nebeneinnahme gebrauchen.
Sonst schlägt Dr. Narantuja sich mit den Folgen der Erkältungen herum, die sich die Männer bei der Goldsuche in den Flüssen zuziehen: Nieren- und Blasenentzündungen liefern ihr neben Unfällen auf der neuen Straße die meisten Patienten. Ihre Mitarbeiter hat sie gut im Griff und auch sie selbst besucht jedes Jahr für drei Wochen Fortbildungskurse in der Klinik der Hauptstadt, um auf der Höhe der ärztlichen Kunst zu bleiben und neuen Problemen bereits mit Routine begegnen zu können. Kreisgouverneur Davaakhuu freut sich, dass sein Krankenhaus in der Provinz auf dem 1. Platz steht, und unterstützt Dr. Narantuja bei ihrer Arbeit, wie wir beim abschließenden Mittagessen im Hotel von Baruuncharaa sehen können. Auch Davaakhuu, ein rundlicher Mann in den Fünfzigern mit gegerbtem Gesicht und freundlichen Schmunzelfältchen, kommt aus der alten Kommunistischen Partei. Die Parteijugend führt noch heute den örtlichen Jugendclub, in dem die Jugendlichen neben der Disko und der Sporthalle Zerstreuung finden können. Demnächst kommen Studenten aus Ulan Bator und studieren mit der Ortsjugend ein Aufklärungstheaterstück ein.
Das Hotel ist ebenfalls noch ein Steinbau aus Sowjetzeiten, zwar sauber und gepflegt, doch auf der Bequemlichkeitsskala sicherlich ganz unten. An der Wand des Restaurants hängt wie so oft ein Poster mit einem Wasserfall: In der niederschlagsarmen Mongolei das Sehnsuchtsbild einer Landschaft wie bei uns die Hügel der Toskana. Zum Essen gibt es koreanisches Bier und Dosengetränke aus dem Hause Coca-Cola – man schafft also Leitungswasser aus Hongkong in die Mongolei und verlangt dafür saftige Preise, als gäbe es im Lande selbst weder Mineralwasser noch Bier. An der Theke wird Alpenschokolade aus Deutschland verkauft. Nach der ausgiebigen Mahlzeit wird wieder mit Wodka angestoßen – da es Mittag ist, bleibt uns das Singen diesmal allerdings erspart. Schade eigentlich. Wir hätten gerne noch ein paar von diesen schönen mongolischen Volksliedern gehört.
Bernd Feuchtner

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