| Orchidee im Schnee In der kleinen norwegischen Stadt Kristiansund blüht alljährlich ein Opernfestival Schon wieder eine Stadt, in der das Opernhaus von den Deutschen bombardiert wurde. Kristiansund liegt auf vier Felseninseln vor der nordwestlichen Atlantikküste Norwegens. Auf der Suche nach König Haakon VII. und dem Kronschatz, die sich beide auf dem Weg über Kristiansund nach England befanden, griffen 1940 Hitlers Streitkräfte die Stadt an. Die schönen, alten Holzhäuser brannten fast vollständig ab. Völlig zerstört wurde die Kirkelandet-Kirche, die man 1964 durch den exzentrisch-modernen Bau von Odd Østby ersetzte. Das Theater wurde ebenfalls getroffen, der Saal blieb nach dem Wiederaufbau des Jugendstilgebäudes schmucklos. «Theater» trifft nur die halbe Wahrheit: «Festiviteten» wurde 1914 vom Club der reichen Männer der Stadt erbaut, und noch heute sieht man im Erdgeschoss die Säle und Clubräume für Festlichkeiten, während der Theatersaal sich im ersten Stock befindet, mit einer Galerie in der zweiten Etage. Man war reich geworden in Kristiansund. Die Inselgruppe bildet einen Naturhafen, der die Schiffe vor den Atlantikstürmen schützt windig ist es hier eigentlich immer. Die Fischer fuhren reichen Fang ein, steckten ihn in Salzfässer und legten ihn auf den Felsenklippen zum Trocknen aus. Was man hier Klippfisch nennt, wird in Portugal und Brasilien als Bacalao hoch geschätzt: der beste Stockfisch der Welt kommt aus Kristiansund und erzielt auf den Märkten hohe Preise. Es ist nur eine kleine Stadt, hier leben nur 15 000 Menschen, und da ist es schon erstaunlich, dass ausgerechnet in Kristiansund 1928 die erste Oper Norwegens ins Leben gerufen wurde. Glucks «Orpheus und Eurydike» war das erste Stück, das Edvard Bræin dirigierte eine ganze Dynastie der dirigierenden und komponierenden Bræins leitete die Geschicke der «Operaen i Kristiansund». Zwar war 1937 wegen des aufziehenden Krieges mit Boieldieus «Weißer Dame» erst mal Schluss mit Oper, doch schon 1953 ging es mit Gounods «Faust» weiter. Und noch immer war Kristiansund Pionier: Erst im Jahr 1959 rief Kirsten Flagstad die Osloer Oper ins Leben. Ab 1971 gab es dann jährlich Opernaufführungen in Kristiansund, die heute als «Opernfestwochen» durchgeführt werden. Dafür ist das malerische Städtchen heute mehr bekannt als für den Klippfisch. Da den Leuten das ewige Grau der Felsen, der Stockfische und der Häuser zu öde erschien, hatten sie damit begonnen, ihre Holzhäuser bunt zu streichen blau, senfgelb, moosgrün, englischrot und die farbigen Häuser setzen sich nun effektvoll von den Felsen, Wiesen und Bäumen ab. Eine kleine Überraschung erlebt man im «Zentrum» des Ortes: Hier glaubt man sich in eine hannoversche Fußgängerzone versetzt. Die gleichen 60er-Jahre-Betonhäuser, die gleiche Straßenmöblierung, die gleiche Ausrichtung. Und tatsächlich war hier ein deutsches Städtebauteam am Werk, das dem zerbombten Stadtkern zu diesem neuen Aussehen verhalf, das uns so vertraut ist. In diesem Jahr wurde in den beiden Opernfestwochen sechs Mal «Anna Bolena» gespielt als norwegische Erstaufführung und fünf Mal «Albert Herring». Dazwischen findet eine Fülle von kleineren Veranstaltungen statt, darunter ein Liederabend von Håkan Hagegård, ein Andrew-Lloyd-Webber-Abend, ein Chorabend, ein Konzert der Kristiansund Bigband, eine Operngala. Schon mittags geben die beteiligten Sänger Gratiskonzerte im Café, und ein Nachtkonzert um 23 Uhr ist nichts ungewöhnliches. Das Opernfestival ist in jedem Schaufenster plakatiert und findet starke Unterstützung im ganzen Ort, viele Leute helfen ehrenamtlich mit. Bei einem Budget von nur 20 Millionen Kronen kann das auch gar nicht anders sein. Es wird zu 60 Prozent vom Staat, von Stadt und Region aufgebracht, 2 Millionen Kronen kommen von Sponsoren. 2 Millionen werden durch Kartenverkauf und sonstige Leistungen wie Gastspiele erzielt. Auch eine kleine Balletttruppe gehört zur Oper. Wenn sie in einer eigenen Schule 150 Ballettratten trainiert, dann gilt das nicht nur der Züchtung von Nachwuchs, sondern ganz allgemein der musischen Erziehung der Jugend. Das Opernteam selbst geht ebenfalls in die Schulen, es gibt eine Musikschule und das Kristiansund Symfoniorkester, das die Opern begleitet und das Jahr über Konzerte gibt. Die letzte Aufführung von «Anna Bolena» ist der Tag der Region. Stellvertretend für ihre Kollegen tritt die Bürgermeisterin einer der vierzehn Gemeinden auf die Bühne. Sie trägt die Nationaltracht und hat vierzehn Rosen im Arm die wirft sie am Ende ihrer mit guter Laune aufgenommenen Ansprache als Dank der Region an die Stadt in weitem Bogen ins Publikum. Ans Mikrofon tritt auch der neue Opernchef Jan Karstensen, der die Kompagnie vor sechs Monaten übernommen hat; vorher arbeitete er in der internationalen Computerbranche. Er verabschiedet seinen Vorgänger Olav Grytnes, der die Oper von Kristiansund lange Jahre geleitet hatte und offenbar sehr beliebt war. Auch dem fremden Beobachter entgeht nicht, wie sehr die Oper Teil der bürgerlichen Gesellschaft ist. Das zeigt sich auch, als anschließend auf der Bühne zwei Unternehmern ein Preis für ökologische Innovation verliehen wird das Theater ist hier keine heilige Handlung, sondern der Ort der Gemeinschaft. Wenn eine vom Storting, dem norwegischen Parlament, in Auftrag gegebene und Ende letzten Jahres veröffentlichte Studie (www.sv.uio.no/mutr) beklagt, dass im Öl- und Technologie-reichen Norwegen eine Entfremdung der 4,5 Millionen Bürger von ihrem Staat eingetreten sei, weil der sich zu weit von ihnen entfernt habe, dann trifft das im opernsüchtigen Kristiansund jedenfalls nicht zu. Hier geht man nicht nur zum stummen Zuschauen ins Theater, es ist noch immer der Ort der gesellschaftlichen «Festivitäten». Zur Operngala, die nach der letzten Aufführung von «Albert Herring» um 23 Uhr beginnt und bis 1 Uhr dauert, kommt eine bunt gemischte, aber elegant gekleidete Gesellschaft, die sich von dem bekannten Unterhalter Torkjell Berulfsen mit zynischen Sprüchen bestens unterhalten lässt und lebhaft reagiert. Was er ankündigt, sind Opernarien und Lieder nach Shakespeare England und Shakespeare sind das diesjährige Motto vorgetragen von Sängern des Festivals und begleitet von dem Pianisten Kåre Ørnung. Außerdem tritt auf: Rein Alexander, Preisträger eines Wettbewerbs, ein gewichtiger Tenor, der Händels «Total eclipse» aus «Samson» und Mendelssohns «It is enough» aus dem «Elias» mit Wucht und ausgearbeiteter Linienführung vorträgt eine jener erstaunlichen nordischen Stimmen, der nur noch ein wenig Feinschliff fehlt, um eine internationale Karriere zu machen. Auch sonst greift das Festival, vor allem aus Geldgründen, auf junge Stimmen zurück. Man engagiert Sänger der freien Osloer Opernszene, probt mit ihnen vier Wochen vor Weihnachten in Oslo und dann drei Wochen in Kristiansund. In «Albert Herring» bewähren sie sich bestens. Nur Lady Billows ist mit Liv Kjersti Sandve etwas reifer besetzt, die dem Stück so zu seinem sozialen Fokus verhilft. Nils Harald Sødal macht den Durchbruch der menschlichen Regungen in dem Muttersöhnchen Albert mit leichtgängiger Stimme sympathisch. Unter den übrigen Mitwirkenden fällt der Bassist Øystein Skre auf, nicht nur, weil er alle anderen überragt, sondern auch dank einer warmen, interessant gefärbten Stimme und einem dezenten komödiantischen Talent eigentlich ist der 37-Jährige Ingenieur, doch hat er vor ein paar Jahren seine Stimme entdeckt und ausgebildet und versucht sich nun in einer neuen Karriere. Diese dezente Komik weicht im zweiten und dritten Akt leider immer mehr der derberen des Volksstücks: Man habe Angst davor gehabt, dass Britten für Kristiansund noch zu modern sei, erklärt Opernchef Jan Karstensen, und habe deshalb die volkstümlichere Form der Darstellung gewählt (wie sie auch in der deutschen Provinz anzutreffen ist). Immerhin bleibt der Dirigent Kjell Seim der farbigen Partitur nichts schuldig; die Kristiansund Sinfonietta spielt mit Lust und Treffsicherheit. Seim bildet mit Karstensen und dem Produktionsleiter das Leitungsteam des Festivals, gemeinsam beraten sie Repertoire, Besetzung und Finanzplanung. «Albert Herring» hatte auch die lokale Tageszeitung «Tidens Krav» fragen lassen, ob die Tendenz zu einem moderneren Repertoire nicht das Publikum verschreckt. Seltsamerweise trifft das nicht zu, wenn neue norwegische Opern auf dem Programm stehen, was nicht nur mit den Stücken von Fliflet und Edvard Bræin häufig der Fall ist. Auch im nächsten Jahr steht mit «Rose og ravn» von Ragnar Söderlind wieder eine Uraufführung bevor. Die Oper über den Aufstand der Norweger gegen die dänischen Besatzer um das Jahr 1500 wobei die Rose natürlich das Zeichen des Norwegers Knut Alfson und der Rabe das Wappentier des Dänen Henrik Krummedike ist war schon 1986 für die Festspiele von Bergen entstanden, dann aber auch ökonomischen Gründen gestrichen worden. Die «Operafestukene i Kristiansund» von 2005 werden ergänzt von einer Neuproduktion von «Don Giovanni» («Wir lieben die Herausforderung», sagt Jan Karstensen). «Anna Bolena» lässt dann keine Wünsche offen Donizetti war schon immer ein Favorit in Kristiansund. Mit Toril Carlsen steht für die Titelrolle eine durchsetzungsfähige, koloraturenfeste Sopranistin zur Verfügung, die auch darstellerisches Talent hat. Aufhören lässt der junge amerikanische Tenor David Fielder als Percy, der frühere Liebhaber der in Ungnade gefallenen Frau Heinrichs VIII., der zum Spielball der Hofintrige wird. Fielder schmachtet mit Delikatesse, die Stimme sitzt perfekt, hat Schmelz und ein sehr schönes Timbre von ihm wird man sicherlich noch hören. Als Annas Gegenspielerin Giovanna ist Ann-Kristin Jones vielleicht eine Spur zu naiv und nur auf Schönklang aus sie ist nicht nur das Opfer von Heinrichs Sexismus, der von Knut Stiklestad deutlich, aber nicht geschmacklos klargestellt wird. Die stilisierte Bühne von Chinelle Markovic verschafft mit minimalen Requisiten, ein paar Tüchern und einer ausgefeilten Beleuchtung (Svein R. Knudsen) dem Drama einen wirkungsvollen Rahmen, ebenso die angedeutet historischen Kostüme von Anna Gotaas. Das gleiche Team hatte mit wenig Geld und viel Phantasie auch «Albert Herring» ausgestattet. Die Choristinnen und Choristen stecken in schwarzen Gewändern und tragen allesamt Glatze Hofschranzen, die jede Individualität verraten haben. Das nun groß besetzte Orchester nimmt die ganze vordere Hälfte des Saales ein. Einen Orchestergraben gibt es nicht, aber da die Akustik in dem kleinen Theaterchen mit seinen knapp 400 Plätzen großartig ist und auch die Stimmen auf der Bühne ideal unterstützt, gelingt dem Kapellmeister Bjørn Sagstad das Kunststück der Balance. Den Stil von Donizettis auf den Belcanto fixierten Opern, die sich in der zweiten Hälfte dramatisch zuspitzen und in einer Wahnsinnsszene der Protagonistin enden, beherrscht Sagstad mit Überblick. So entsteht eine packende Aufführung, wie sie auch in jedem deutschen Stadttheater bestehen könnte. Dort fehlt freilich, sobald man das Haus wieder verlässt was nicht alle Besucher tun, die lieber noch ein wenig die Geselligkeit der Clubräume genießen die Luft des Atlantiks und die Kulisse der farbenfrohen Häuser vor dem weißen Schnee. |
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