| In der besten aller möglichen Welten Das Buxton Festival präsentiert mit «Maria Padilla» eine Donizetti-Rarität und nutzt Händels «Semele» und Bernsteins «Candide» für freche Gesellschaftssatire (2003) Von Bernd Feuchtner Mit England und der Oper ist es ein bisschen wie mit Spanien: Wie viele Opern spielen in Sevilla, ohne dass es dort überhaupt ein Opernhaus gab! Und Gaetano Donizetti schrieb acht Opern, deren Schauplatz in Großbritannien liegt, ohne dass dort eine nennenswerte Produktion von Musiktheater stattfand. Acht? «Lucia di Lammermoor» kennt jeder. Dank Sills, Sutherland und Gruberova wissen viele, dass es drei «Königinnen-Opern» gibt: «Anna Bolena», «Maria Stuarda» und «Roberto Devereux». Der frühe «Alfredo il Grande» (durchgefallen 1823) spielt in Somerset, «Il castello di Kenilworth» (1829) in Warwickshire, «Rosamonda dInghilterra (1834) in Oxfordshire. «Emilia di Liverpool» (1824) war 1957 ein Radioereignis mit Joan Sutherland und wurde dortselbst 2002 zum ersten Mal szenisch aufgeführt die Engländer haben eine besondere Vorliebe für Donizetti. Donizettis «Maria Padilla» hingegen gehört zu den Spanienopern. Sie wurde in der gleichen Saison 1841/42 an der Scala uraufgeführt wie «Nabucco» von Verdi, in dem der Komponist neidlos den ebenbürtigen Nachfolger erkannte. Maria Padilla war die Lieblingsfrau Pedros des Grausamen von Kastilien, und ihre Töchter Constance und Isabella heirateten als Gemahlinnen von John of Gaunt und Edmund, Herzog von York, in den englischen Hochadel ein. Das wird aber kaum der Anlass dafür gewesen sein, dass das Festival von Buxton in diesem Jahr «Maria Padilla» auf den Spielplan setzte, denn dann hätten sie sich eher für die andere Marienoper entscheiden müssen: Während sie beim Earl of Shrewsbury interniert war, kurierte Maria Stuart in Buxton seit 1573 ihr Rheuma schon vor der Römerzeit gab es hier eine heilige Quelle, die auch noch Jahrhunderte später als St Anns Well ihre Wunder tat. Zudem ist Buxton die höchst gelegene Marktgemeinde Englands und zentraler Ort des Peak District in Derbyshire und somit das touristische Zentrum für die Industriegebiete zwischen Manchester, Stoke-on-Trent, Sheffield und Nottingham. Mit seinem kahlen Norden, dessen Wälder im Manchesterkapitalismus den Schaftriften weichen mussten, und dem lieblicheren Süden, wo es ein wenig Ackerbau auf den Hochebenen gibt, vor allem aber Schaf- und Rinderzucht in romantischen Wald- und Wiesentälern, ist der Peak District eine spektakulär schöne Landschaft. Es ist eines der wenigen britischen Mittelgebirge, das die Wanderer erst den Jagdprivilegien des Adels und dann der Angst der Bauern abtrotzen mussten, die wohl fürchteten, ihre Schafe könnten den menschlichen Hammeln hinterherlaufen. Kein Wunder, dass es in Derbyshire großartige Herrensitze gibt wie Chatsworth, den Palast der Herzöge von Devonshire mit einem von William Paxton gestalteten Landschaftspark. Dort ist auch eine Suite von Räumen zu besichtigen, in denen Maria Stuart mehrfach zu Gast war. Als der Herzog von Devonshire 1789 das klassizistische Halbrund des Crescents an St Anns Well einweihte, begann die Geschichte Buxtons als Badeort. In der viktorianischen Zeit wurde Buxton Mode. Nun kamen zwei konkurrierende Eisenbahnlinien in den Ort, die Tausende von Besuchern auswarfen. Im Jahr 1868 wurde das Palace Hotel eingeweiht, in dem auch das Königspaar gern privat zu Besuch war. Der Ort aber gönnte sich als Krönung ein Opernhaus mit 930 Plätzen, das er bei Frank Matcham in Auftrag gab, dem erfolgreichsten britischen Theaterarchitekten seiner Zeit, der auch das Londoner Coliseum gebaut hatte. Auch das 100. Jubiläum des Opernhauses, das vor ein paar Jahren mit Lottogeldern wieder aufpoliert wurde, wird übers Jahr mit einer Vielzahl von Veranstaltungen gefeiert, gipfelnd in einer Gala mit Susan Bullock am 13. September. Die Bäder allerdings sind heute geschlossen. In ihrer feinen Kachelarchitektur hat man Boutiquen untergebracht. Das Quellwasser von Buxton steht im Supermarktregal das 20. Jahrhundert hatte dem mondänen Vergnügen den Garaus gemacht. Auch das Opernhaus ließ nur noch wenig von der alten Pracht ahnen. Da kamen vor 25 Jahren ein paar Opernnarren auf die Idee, hier ein Festival ins Leben zu rufen, um eine neue Attraktion zu schaffen. Die Herzogin von Gloucester unterstützte den Plan ebenso engagiert wie die Herzöge von Devonshire und Derbyshire, und zu seinem Silberjubiläum bekam Buxton sogar ein Glückwunschschreiben von Tony Blair. Sein einflussreicher Parteigenosse, Deputy Leader Roy Hattersley, ist Chairman des Festivals, und als Künstlerischer Leiter amtiert seit vier Jahren Aidan Lang, der früher die Opera Zuid in den Niederlanden aufbaute und Leiter der Glyndebourne Touring Opera war. Brenda Harris auf den Spuren von Renée Fleming: Donizettis «Maria Padilla» «Maria Padilla» war eine der beiden Eigenproduktionen des diesjährigen Festivals und wurde vom Künstlerischen Leiter selbst inszeniert. Er und sein Ausstatter Lez Brotherston beließen die absurde Geschichte im strengen Ambiente Spaniens. Diese Oper hat einen völlig unnatürlichen Ausgang: ein Happyend. Statt der Staatsräson oder der Niedertracht siegt die Liebe. Dafür wird aber vorher anständig gequält, Marias Vater sogar körperlich gezüchtigt, um dann ausführlich als Wrack vorgeführt zu werden. Ausgerechnet er ist der Tenor in der Oper Justin Lavender steht die Rolle des Helden a.D. gar nicht schlecht, seine Stimme hat sich zu einem Charaktertenor entwickelt, der vielseitige Farben wiederzugeben imstande ist. Die Oper beginnt und endet mit einer Hochzeit. Es ist indessen Marias Schwester Ines, die hier die Zeremonien ihrer Vermählung mit Don Luiz feiert. Victoria Simmonds und Andrew Mackenzie-Wickes geben uns nur einen Vorgeschmack auf das Belcanto-Feuer, das Donizetti später entfachen wird. Aber auch Maria findet Aufmerksamkeit: Ein Galan macht ihr den Hof, doch obwohl sie ihn liebt, ist sie nicht sicher, ob sie nicht lieber auf die Erfüllung jenes Traumes warten soll, der ihr den Thron versprochen hatte. Und dennoch ist dies keine Oper über die Vermessenheit von Frauen und ihrer Träume! Im zweiten Akt dringt Don Pedro gewaltsam bei Maria ein, durchaus in unehrenhafter Absicht. George Mosley hat die verschattete Stimme für diese Partie, eine der wenigen Baritonpartien, die nicht unter dem Fluch des Scheiterns stehen, denn das hat ja bereits der Tenor gepachtet. Wir erleben also grandiose Duette zwischen einer ehrgeizigen Diva und einem finsteren Bariton. Da Pedro wirklich ein Thronerbe ist, gibt Maria sich ihm hin gegen das Versprechen einer heimlichen Heirat. In der stürmischen Schwurarie kann Mosley zeigen, dass auch ein koloraturenversierter Held in ihm steckt. Marias scheinbares Dasein als Pedros Mätresse bringt ihren Vater schließlich so auf, dass er sich von Minister Ramiro anstiften lässt, Don Pedro zu beleidigen, der gerade überlegt, wie er die dynastische Heirat mit Frankreich umgehen könnte, die ihm Ramiro nahe legt. Dem jungen König fällt es gar nicht erst ein, sich mit dem alten Spinner auf eine Stufe zu stellen, und so lässt er ihm statt eines Duells Prügel auf die Fußsohlen verabreichen. Die Schreie des alten Mannes rufen Maria auf den Plan, die solche Grausamkeiten am Feiertag unpassend findet als Ramiro sie wissen lässt, dass es ihr Vater ist, verlassen sie und ihre Schwester empört den Palast. Jetzt kommen menschliche Gefühle ins Spiel, und der Komponist begann offensichtlich Feuer zu fangen: Die Oper, die sich anfangs wenn auch auf dem hohen Niveau des reifen Donizetti manche Routine geleistet hatte, wird von Nummer zu Nummer musikalisch origineller und aufregender. Der dritte Akt spitzt das noch zu. Der alte Padilla ist nach der Demütigung so gebrochen, dass er halb wahnsinnig geworden ist und die eigene Tochter nicht wiedererkennt. Er singt Maria ein Volkslied vor, das er einst mit seiner Tochter gesungen habe. Als Maria ihm ein Revers des Königs zeigt, in dem er sie als seine Gattin anerkennt, verbrennt er es voller Wut. Unterdessen nagt die Reue an Don Pedro, Gelegenheit nicht nur für eine Arie, sondern auch noch für eine bravouröse Stretta. Doch der Staat verlangt die Heirat mit Blanche von Frankreich, die feierlich in den Thronsaal einzieht. In dem Augenblick, als ihr die Krone aufs Haupt gesetzt werden soll, stürmt Maria mit ihrem Vater herein und ruft, dass diese Krone nur ihr gebühre, da sie die rechtmäßige Gattin des Königs sei. Und zu aller Überraschung stimmt dieser ihr zu und setzt Maria auf den Thron (im Original tötet sie sich, aber das ließ die Mailänder Zensur nicht zu). In den Huldigungschor mischen sich Stimmen, dass das alles böse enden könnte eine der spannendsten Szenen Donizettis überhaupt. Das Regieteam präsentiert das unbekannte Stück ohne Mätzchen so, dass die Geschichte klar nachvollzogen werden und ihre musikalische Dramatik frei entfalten kann. Andrew Greenwood hielt das Northern Chamber Orchestra in beständiger Spannung. Bretterwände umstehen die Szene und schaffen Handlungs- wie Beobachtungsraum ein Statement über die Selbstfesselungsstrategie des Feudalismus. In solchen Fällen hängt alles von den Sängern ab. Der Don Pedro der Uraufführung war Giorgio Ronconi, der auch den ersten Nabucco sang. Die Rolle des Padilla schrieb Donizetti für den alternden Tenorstar Domenico Donzelli. Es lässt sich nicht leugnen, dass doch der Tenor auch in diesem Fall den Bariton aussticht, wenngleich in einer ungewohnten Konstellation. Aber es waren gerade die gebrochenen, die getriebenen Charaktere, die Donizetti interessierten und die er mit aller Liebe ausstattete. Als Maria war eine junge Sängerin vorgesehen, die später als Verdiheroine Erfolg hatte, doch erst einmal schwanger wurde und absagen musste. Nun ging die Rolle an Sophie Löwe, eine besonders stimmstarke Sopranistin, für die Donizetti die Partie zu unserem Vorteil gerne nachbesserte. Im Repertoire hielt «Maria Padilla» sich nicht. Erst eine Londoner Aufführung und eine Plattenaufnahme von «Opera rara» machten wieder auf das Werk aufmerksam. Die erste szenische Wiederaufführung brachte 1988 die Dorset Opera heraus, die erste US-amerikanische Produktion erlebte Omaha im Jahr 1990 mit Renée Fleming in der Titelrolle. Auch Buxtons bescheidenes Budget kann Beachtliches vorweisen. Die Amerikanerin Brenda Harris hat eine bereits Met-erprobte Stimme von großer Durchschlagskraft. Da sie außerdem auch noch koloraturensicher ist und ihre Farbe anderen Stimmen anzuschmiegen versteht, sang sie herrliche Duette mit ihrer Schwester und stach auch in den Ensembles nicht heraus, sondern trug ihren Teil zum wirkungsvollen Gelingen der dramatischen Absicht bei und das ist ein immerwährendes Nach-vorne-Stoßen, um die Helden sich in ein noch schrecklicheres Dilemma zu versetzen. Damit hat das Buxton Festival erneut ein nachdrückliches Plädoyer für «Maria Padilla» geleistet. Ob es auch im deutschen Sprachraum gehört wird? Auf dem Kontinent ist Buxton noch ein Geheimtipp. Das Festivalpublikum kommt in der Hauptsache aus Großbritannien, immer noch die Hälfte stammt aus der Region. Wie stark das Festival hier verwurzelt ist, merkt man beim Galakonzert zum 25-jährigen Jubiläum mit dem Northern Chamber Orchestra und dem Festivalchor unter Leitung von Andrew Greenwood. Es sangen die diesjährigen Festivalstars, zu denen sich der Veteran Donald Maxwell als Moderator gesellte. Sein Rückblick auf 25 Jahre Buxton Festival und seine musikalischen Späße wurden mit spontanem Beifall, Lachen oder Aufstöhnen quittiert obwohl (oder weil?) meist grauköpfig, ist dieses Publikum noch immer so reaktionsschnell und kennerisch wie das der Gerald-Hoffnung-Konzerte seligen Angedenkens. In Deutschland könnte man mit solchen Anspielungen keinen Treffer landen in Buxton ist das Publikum zugleich Gemeinde. Markengeil, verwöhnt, berühmt und kein bisschen schlau: Händels «Semele» Als zweite Opern-Eigenproduktion brachte der Regisseur Stephen Langridge Händels «Semele» in einer so zwanglos wie spritzig aktualisierten Form auf die Bühne, wie das heute beinahe nur die Briten können. Die Geschichte von der Geliebten des allmächtigen Jupiter, deren Aufstiegswille von der eifersüchtigen Juno so sehr ins Vermessene getrieben wird, dass sie ihren eigenen Tod provoziert, beginnt in einem Shop von heute, wo das Personal gehirngewaschen wird wie bei Walmart, wo Fast Food regiert wie bei McDonalds und wo die Marke angebetet wird wie bei Nike. Ein rundes Glasfenster zeigt die antike Juno mit einem Turnschuh in der Hand (auf dem Olymp gehörte Nike schließlich zu ihrem Umgang), und bei der feierlichen Anrufung der Göttin wird der goldene Sneeker entzündet. Die Bühne von George Souglides zeigt ohne viel Aufwand Orte, die man leicht identifizieren kann. Semele soll den Filialleiter Athamas heiraten, angetrieben von seinem Vater, dem Supervisor Cadmus. Aber sie widersetzt sich immer wieder der Unterschrift. Das Personal wird allmählich wütend über die Widerborstige, als die Blitze von Big Boss Jupiter alle in die Flucht jagen. Semeles Schwester Ino nutzt die Gelegenheit, Athamas zu verführen, was aber nicht gelingt, weil Cadmus hereinstürmt und von der Entführung Semeles berichtet. Nun sieht man sie in einer Fernsehshow, wie sie von den «endlosen Vergnügen» berichtet, die sie nun genießt eine echte Blondine! Helen Williams hat die Wandlung von der Verkäuferin zum Vamp mit Aplomb vollzogen. Die Sopranistin schöpft auch stimmlich aus dem Vollen, während ihre Ex-Kollegen an ihren Lippen hängen; der Festival-Chor erweist sich nicht nur als ein Reservoir frischer, junger Stimmen, sondern spielt auch engagiert mit. Wenn Jupiter und Semele auf dem Lotterbett die Liebe genießen, kommen sie mit jenen Yellow-Press-Blättern herein, in denen die Briten das Leben der Reichen verfolgen. Ihre erste Arie in dem neuen Apartment, das Jupiter ihr vermutlich geschenkt hat, singt sie splitterfasernackt in der Badewanne, als wäre sie Laura in «Neues vom Tage». Jupiter hat seine liebe Not mit ihrem Trieb, nach ganz oben zu kommen. Tom Randle spielt den allmählich genervten Göttervater mit dem nötigen tenoralen Draufgängertum, aber auch mit dramatischer Vielseitigkeit ein wirklicher Sängerdarsteller, wie man ihn sich dafür wünscht. Noch weiß er nicht, dass seine eifersüchtige Gattin Juno längst hinter ihm her ist: In einer finsteren Müll-Ecke tritt Natascha Petrinsky, im Pelzmantel Zigarren rauchend und Rachearien fauchend, mit ihrer Vertrauten Iris auf. Die täuschenden Verwandlungen zwischen Juno und Semeles Schwester Ino, die auch in dem Laden arbeitet, aber gerne mal an dem neuen Luxus teilhat, verlaufen wie geschmiert und schon sitzt in Semele der Stachel, die ganze Göttlichkeit ihres Liebhabers in sich aufzunehmen. Somnus ist ein versoffener Apotheker, der Juno rasch das Mittelchen mischt, das in Jupiter den rechten Sehnsuchtstraum nach Semele weckt und ihn den leichtsinnigen Schwur leisten lässt, ihr jeden Wunsch zu erfüllen. Jupiter redet sich den Mund fusselig, Semele bleibt stur. So muss sie also sterben. Das Marken-Logo aus dem Laden, Jupiters dreigezackter Blitz, geht endlich in ihre Hände über und heraus fällt Asche. Jupiter tötet Semele mit seinem kleinsten Kaliber, mit aufgesetztem Schalldämpfer. Danach tritt er mit dem Baby Bacchus munter in Apollos Talk-Show auf. Was liegt schon an so einem blonden Dummchen? Diese Persiflage auf die durch die Medien- und Konsumwelt verdummte Menschheit ist bis ins Detail so lustvoll und genau durchgearbeitet, dass das Zuschauen ein Vergnügen ist. Die drei Akte fliegen nur so vorbei. Nicht zuletzt ist das auch das Verdienst von Harry Christophers, der seine «Symphony of Harmony and Invention» mit federndem Drive, ohne Druck, aber immer im richtigen Tempo, durch die Aufführung leitet und die Sänger auf Händen trägt. Auch diese freche Eigenproduktion wird vom Festivalpublikum mit Begeisterung aufgenommen offensichtlich fühlt es sich genauso im Jungbrunnen wie einst die Viktorianer in den Buxton Baths. Die Hälfte der Gäste des Festivals bleibt über Nacht 500 Zimmer werden da vermietet und eine Million Pfund sind am Ende der zwei Wochen in der Stadt geblieben. Man übernachtet im Palace Hotel und fühlt sich selbst wie ein Herzog. Das Haus gehört heute zwar zu einer englischen Kette, konnte aber dennoch seine Eigenart bewahren. Der sommerlich auftrumpfende Speisesaal wurde vor wenigen Jahren renoviert mit jenem Mut zur Farbigkeit, der den Engländern bisweilen eigen ist. Vor allem aber gibt es hier einen Küchenchef mit Ambition, und so ist das Dinner im Palace für viele Festivalgäste obligatorisch: die ersten beiden Gänge vor der Vorstellung, Dessert und Kaffee danach. Eingeschliffene Rituale so auch die Fanfare aus dem jeweiligen Werk, die die Besucher zehn Minuten vor Beginn in die Vorstellung ruft. Auch das Festival selbst steht finanziell endlich auf festen Füßen. Es finanziert sich zu 58 Prozent aus dem Kartenverkauf, damit steht es vor Cheltenham an der Spitze der britischen Festivals. Und die Karten sind keineswegs überteuert: In die Oper kommt man für 5 bis 41 Pfund, Konzertkarten kosten maximal 24 Pfund. Nur 17 Prozent des Budgets von 660 000 Pfund kommen von staatlicher Seite, 9 Prozent von Sponsoren und 11 Prozent von privaten Spendern. Der Herzog von Devonshire steht in der alphabetischen Liste der Patrons, und die Namen der «Freunde sind kaum zu zählen. Das Publikum wächst von Jahr zu Jahr. Für den pittoresken Ort mit den grauen Kalksteinhäusern ist das Festival ein wichtiger Fixpunkt im Tourismusjahr, und das ist nicht lang: von Juni bis September höchstens kommen die Wanderer und Ausflugsgäste, dann wird es ruhig, kalt und neblig. An diesem Juliwochenende findet nicht nur der «Karneval» mit dem Jahrmarkt und einem Umzug statt, bei dem der Wagen des Palace Hotels den ersten Preis gewann, sondern auch das «Well Dressing. Das hat nichts mit guter Kleidung zu tun, sondern mit der Verzierung der Brunnen, einem Brauch, den man nur in Derbyshire findet. Seinen Ursprung hatte er wohl bei den Kelten, weshalb die Kirche ihn erst verbot und später übernahm. Jedes Dorf hat seine eigene Technik. Aus Blütenblättern werden Bilder gefertigt, die man vor die öffentlichen Brunnen stellt vor St Anns Well steht in diesem Jahr Rafaels «Verlobung Mariens». Nach einer Woche sind die Farben verblasst. Das Festival selbst ist aber schon vollkommen ausreichend, um den Besucher von morgens bis nachts zu beschäftigen bei 85 Vorstellungen in zwei Wochen! Ann Murray gibt ein Konzert mit Yvonne Kenny und Graham Johnson, Christopher Maltman singt die «Winterreise» mit dem gleichen Pianisten wie in der Wigmore Hall, man kann Bulgarische Chöre am Morgen hören und die Late Night Show «Music Box» am späten Abend sehen. Die literarische Matinee wurde auf 15 Lesungen ausgedehnt, bei denen von dem Dramatiker Tom Stoppard bis zu dem Bischof David Sheppard viele aktuelle Autoren versammelt sind. Für Kinder gibt es «Hänsel und Gretel» in einer speziellen Fassung und «Gwyneth and the Green Knight», beides Gastproduktionen. What a wonderful day for an Autodafé: Bernsteins «Candide» Eine Gastproduktion ist auch «Candide» von «the opera group» aus London, die schon in den Vorjahren mit neuen Werken gastierte. Leonard Bernstein hatte das Musical in den fünfziger Jahren geschrieben, als er selbst sich kaum aus den Fängen des McCarthyismus befreit hatte. Der Zynismus von Voltaires Roman, der seinem Musical zugrunde liegt, klingt in der Musik wütend nach. Ob Candide, der westfälische Bastard, mit seinen weltfremden, harmoniesüchtigen Songs nun ein Trottel ist oder naiv das Gute in der Welt vertritt, bleibt durchaus offen. Nach etlichen Wandlungen von Partitur und Text zwischen Musical und Operette hat 1999 ein Team um John Caird und Trevor Nunn für eine radikale Frischzellenkur gesorgt, wofür sie sogar Richard Wilbur gewinnen konnten, den originalen Songtexter. Der versierte Broadway-Arrangeur Bruce Coughlin bereitete Bernsteins Partitur für ein kleineres Ensemble zu. Dieses wird in Buxton wie auf anderen Tourneestationen von Patrick Bailey mit Attacke und Swing gleichermaßen aufgeladen. Simon Butteriss führt die Zuschauer singend und spielend durch das Stück, ist zugleich Erzähler Voltaire und Erzieher Pangloss, der die Theorie von der «besten aller möglichen Welten» in dieselbe gesetzt hat. Das Stück tut alles, um diesen Irrtum zu kurieren. Den handelnden Personen geschehen die unglaublichsten Grausamkeiten und dennoch verlieren sie nie ihre gute Laune: neben Candide seine mehrfach vergewaltigte Cunegonde (Donna Bateman), ihr mehrfach getöteter Halbbruder Maximilian (Giles Davies), ihr Vater, der brutale Baron (Paul Featherstone), die einer halben Arschbacke beraubte Old Lady (Jill Pert). Regisseur John Fulljames lässt auch Tiefschläge gegen die römische Kirche nicht aus, wenn er den Großinquisitor mit der Parkinson-Hand wedeln lässt, bevor alle gemeinsam den Hit «What a wonderful day, what a wonderful day for an Auto-da-fe» singen und zur Ketzerverbrennung schreiten. Der zweite Akt spielt in der Neuen Welt, in der es aber nicht weniger gnadenlos zugeht. Hier findet Candide Maximilian wieder, der bei den Jesuiten Karriere gemacht hat, wo ihm einer der Oberen besonders zugetan war am selben Tag berichten die Schlagzeilen von der Synode der Anglikanischen Kirche, auf der Evangelikale so gegen den designierten ersten offen schwulen Bischof hetzten, dass er gleich auf das Amt verzichtete. «Hass ist kein Familienwert» stand auf einem Transparent seiner Unterstützer. Dass Candide ein Stück gegen den Hass ist, gegen die Verfolgung des Menschen durch den Menschen, das macht diese Inszenierung unmissverständlich klar, ohne je die gute Laune zu verlieren. Gerade deshalb gewinnt sie ihr Publikum, das auch die bösartigsten Witze fröhlich belacht. In nächster Umgebung werden ja noch immer Kriegsmuseen gebaut, wie der Libeskind-Bau in Manchester, wo man den Krieg liebevoll dokumentiert. Von der Zivilbevölkerung, von den Hintergründen der Kriege ist nur am Rande die Rede: Dies sind in Wahrheit nicht Kriegs-, sondern Militär-Museen einer Gesellschaft, die nach wie vor zum Krieg als Mittel der Politik entschieden ist. Gegen solche Gesinnung lacht dieser frische «Candide» an. Zeitgenössische Stücke gehören zum Festival-Konzept. Im nächsten Jahr hofft man eine Oper für Kinder uraufführen zu können, die man bei Ian McQueen in Auftrag gegeben hat, und in der örtliche Schulkinder gemeinsam mit der Profitruppe auf der Bühne stehen sollen. Unter den beiden weiteren Gastspielen wird Piazzollas Tango-Operita «María de Buenos Aires» sein. Als Eigenproduktionen des 26. Buxton Festival sind Rossinis «Il turco in Italia» und Händels «Hercules» geplant. Wenn schon die Bäder nicht mehr sprudeln, so tun es doch die Festspiele. Donizetti: Maria Padilla. Premiere am 5., besuchte Vorstellung am 12. Juli 2003. Buxton Festival Chorus, Northern Chamber Orchestra, Dirigent: Andrew Greenwood, Inszenierung: Aidan Lang, Ausstattung: Lez Brotherston. Solisten: Brenda Harris (Maria Padilla), Victoria Simmonds (Ines Padilla), Justin Lavender (Don Ruiz di Padilla), George Mosley (Don Pedro), Mark Richardson (Ramiro), Susan Gorton (Francisca), Andrew Mackenzie-Wickes (Don Luiz), William Coleman (Don Alfonso). Händel: Semele. Premiere am 7., besuchte Vorstellung am 11. Juli 2003. Buxton Festival Chorus, The Symphony of Harmony and Invention, Dirigent: Harry Christophers, Inszenierung: Stephen Langridge, Ausstattung: George Souglides. Solisten: Helen Williams (Semele), Tom Randle (Jupiter), Natascha Petrinsky (Juno/Ino), Michael George (Cadmus/Somnus), William Purefoy (Athamas), Angharad Gruffydd Jones (Iris), Dewi Wyn (Apollo). Bernstein: Candide. Premiere am 8., besuchte Vorstellung am 13. Juli 2003. The Opera Group Ensemble, Dirigent: Patrick Bailey, Inszenierung: John Fulljames, Ausstattung: Alex Lowde. Solisten: Simon Butteriss (Voltaire/Pangloss), Daniel Hoadley (Candide), Donna Bateman (Cunegonde), Charlotte Page (Paquette), Jill Pert (Old Lady), Giles Davies (Maximilian/James), Paul Featherstone (Governor/Martin), Devon Harrison (Cacambo) u.a. (Opernwelt 9-10/2003) |
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