Hip Hopera
Eine amerikanische Erfolgsstory: Der unaufhaltsame Aufstieg der Virginia Opera

Norfolk kennt man vor allem als den wichtigsten Navy-Stützpunkt. Hier liegen all die großen Flugzeugträger, und die Navy macht ein Drittel der Wirtschaft der Stadt aus. Was heißt Stadt – Norfolk teilt das Schicksal der meisten amerikanischen Städte, die in den sechziger und siebziger Jahren ihre Identität verloren, als das explosive Wachstum und die Massenmotorisierung einsetzten und die Menschen aus den Innenstädten in die Einkaufszentren im Grünen getrieben wurden. Norfolk hatte kein Gesicht mehr. Wenn überhaupt, dann hätte man in der reichen Hauptstadt Richmond ein Opernhaus vermutet, nicht in der Hafenstadt.
1607 waren hier am Cape Henry die ersten britischen Siedler in der Neuen Welt gelandet und hatten auf der anderen Seite der Chesapeake Bay in Jamestown die erste Kolonie gegründet. Williamsburg wurde Zentrum, dort öffnete 1716 das erste Theater. Im Revolutionskrieg fand 1776 vor Cape Henry eine wichtige Schlacht statt, und Norfolk wurde niedergebrannt. Um die Jahrhundertwende entstanden prachtvolle Gebäude des amerikanischen Klassizismus und des Art nouveau. Doch wo das Leben pulsierte wie in Manhattan, gibt es heute weder Straßenbahnen noch Kaufhäuser und Fußgängermassen. Im Krieg verkam die Altstadt zum Rotlichtviertel, danach zum Slum, und in den achtziger Jahren war von den alten Gebäuden kaum noch etwas übrig. Man wohnte in schönen Vierteln an Wasserläufen oder im historischen „Ghent“-Viertel. Am Elizabeth River entstanden Hochhäuser, zwischen ihnen liegt Brache.
Norfolk hat nur noch 233 000 Einwohner, doch hat es in der Agglomeration „Hampton Roads“, die es zusammen mit sechs anderen Städten bildet, ein Einzugsgebiet von 1,5 Millionen Menschen. Tourismus und High-Tech-Industrie, Hafen und Militär sorgten für einen Wirtschaftsboom. Und wie im ganzen Land entstand ein neues Bürgerbewusstsein. Die Überreste des alten „Downtown“ werden liebevoll konserviert, von Drogen und Kriminalität befreit und in neue urbane Zusammenhänge eingebettet. Der Autoerbe Walter Chrysler stiftete seine erstaunliche Kunstsammlung dem örtlichen Museum, das nun seinen Namen trägt, und baute einen Konzertsaal, die „Walter Chrysler Hall“.
Und es gab Edythe Harrison. Eine demokratische Politikerin, die als erste Frau eine Nominierung für den Senat gewann, und dazu geboren war, Menschen zusammenzuschließen. In Detroit aufgewachsen, liebte sie die Oper und wollte darauf auch nicht verzichten, als sie ihres Mannes wegen nach Norfolk zog. Niemand glaubte, dass sie es schaffen würde, hier etwas aufzubauen, aber 1974 hatte sie genügend Leute zusammen, die Geld für zwei erste Produktionen („La Bohème“ und „La traviata“) gaben – meist Leute um die Vierzig, die etwas für die Zukunft ihrer kleinen Kinder tun wollten. Man gewann Abonnenten, und damit war ins Leben gebracht.
Seit 1975 ist Peter Mark der künstlerische und inzwischen auch der Verwaltungsdirektor. Der Dirigent ist der Motor des Unternehmens, das zunächst auf ein altes Theater zurückgriff, das zur Truppenbetreuung genutzt worden war, aber eine ausgezeichnete Akustik hatte. Mit den Opern von Thea Musgrave – Peter Marks Ehefrau – wurden auch die Zeitgenossen frühzeitig heimisch in Norfolk. Sänger wie Ashley Putnam und Rockwell Blake (1976), Jeannine Altmeyer und Jon F. West (1977), Florence Quivar (1978), Lilli Chookasian und Paula Page (1979), Kristine Ciesinski und Sally Wolf (1982) oder Renée Fleming (1986) gaben hier in den ersten Jahren ihr Debüt.
Seit 1977 finden Aufführungen auch in Richmond und seit 1992 auch in der George Mason University von Fairfax statt, die zum Kulturbereich Washingtons gehört. In der letzten Saison haben 57 000 Menschen die 44 Aufführungen besucht. Dazu kommt noch eine große Anzahl gesellschaftlicher und erzieherischer Veranstaltungen, was insgesamt eine Gesamtzahl von über 300 000 Zuschauern ergibt. Das Schulprogramm ist auch hier besonders wichtig; dafür gibt es eigene Produktionen wie „The Legend of Sleeping Hollow“ nach Washington Irving oder eine „Hip Hopera“. All dies wird vorwiegend privat finanziert. 59 Prozent des Etats von 5 Millionen US Dollar werden durch Eintrittskarten erwirtschaftet.
Privat bezahlt wurde auch der völlige Umbau des alten Theaters zum „Harrison Opera House“, das mit seinen 1700 Plätzen allen Besuchern doch genügend Intimität zur Bühne gestattet und ihnen mit den elektronischen Übertiteln auch die nötige Hilfe zum Verständnis selbst englischsprachiger Aufführungen stellt.


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