Eine Insel träumt barock
Das Manoel-Theater in Valletta bemüht sich um die Erhaltung einer post-kolonialen Opernkultur auf Malta (2003)

Die ältesten erhaltenen Bauwerke der Menschheit sind rund, sie gehorchen nicht der Diktatur des rechten Winkels: Die Steinzeittempel auf Malta dienten dem Kult einer fetten Fruchtbarkeitsgöttin, und die wurde zwischen dicken, klug geschichteten Mauern verehrt, die außen ein Oval, im Inneren aber eine dreiblättrige Kleeblattform bilden. Diese Kultur war längst untergegangen, Karthager, Römer, Araber, Normannen, Spanier waren gekommen und gegangen, als 1530 der Johanniterorden nach dem Verlust von Rhodos sein neues Domizil auf Malta aufschlug und nicht nur den Bauern und Fischern Schutz vor Piraten, sondern der Inselgruppe auch Reichtum brachte. Die zweitgeborenen Söhne der großen europäischen Adelshäuser brachten 1565 den Türken die entscheidende Niederlage bei und bauten Malta zu einer uneinnehmbaren Festung um. Ihre Funktion als Speerspitze des rationalistischen Abendlandes gegen den Orient, ihr zielgerichtetes Handeln im Sinne der Renaissance, schlug sich nieder in der ersten Planstadt Europas: Der französische Ordensgroßmeister Jean Parisot de La Valette ließ nach dem Sieg über die Türken auf einer Halbinsel die neue Hauptstadt Valletta bauen, die zusammen mit den Festungen auf den umliegenden Spornen den Hafen zum sichersten der ganzen Christenheit werden ließ.
Und so triumphiert in Valletta, als Mini- und Ur-Manhattan, der rechte Winkel über alle Naturformen. Die Ritter bauten sich prunkvolle, nach Nationen getrennte Residenzen – Auberge de Provence, Auberge de Castille, Léon et Portugal, Auberge d’Italie, spät wurden auch Bayern, Polen und Engländer zu Mitbewohnern in einem Palais – und dazwischen errichteten reiche Bürger und Adelsfamilien ihre Häuser, die wegen des Wassermangels keinen Garten haben durften – natürlich mit ein, zwei Ausnahmen, zu denen auch der Großmeisterpalast gehörte. Der Barockstil ist bis auf den heutigen Tag der bevorzugte Baustil der Malteser geblieben. Da alle Gebäude aus dem gleichen, honiggold leuchtenden Kalkstein errichtet werden, haben die Häuser bei aller Schlichtheit eine angenehme Einheitlichkeit, die manche Hässlichkeit überdeckt. Und überall barocke Kirchen: von den vier größten Kirchenkuppeln Europas stehen zwei auf Malta – nach dem Petersdom und St. Paul’s kommt die 1978 geweihte Dorfkirche von Xewkija auf der kleinen Insel Gozo, danach die Kirche von Mosta, die im 19. Jahrhundert dem barockisierten Pantheon nachempfunden wurde.
Sieht man die Ortschaften hell übers Land leuchten, könnte man auch glauben, in Israel zu stehen. In den Ballungsgebieten– der Osten Maltas ist zu einer einzigen Stadt zusammengewachsen – und an den Urlaubszentren haben sich allerdings auch Betonblocks breitgemacht, die an osteuropäische Städte erinnern. Für sein Eigenheim, nach dem der Malteser unbedingt strebt, sucht er dennoch nach barocken Formen, merkt aber nicht, dass die vorgefertigten Balkon- und Geländerteile nicht den schönen alten Formen nachgebildet sind, sondern dem globalisierten Abklatsch des Barock, wie er auch in amerikanischen Suburbs herumsteht.

Großmeister Manoel und sein Theater

Barock sind auch die Ursprünge des maltesischen Theaters. Der portugiesische Großmeister Antonio Manoel de Vilhena kaufte 1731 ein Grundstück und ließ mitten in einem Block ein Theater errichten, um der Bevölkerung «anständige Unterhaltung» zu bieten; schon 1732 wurde es eingeweiht, und so ist es eines der ältesten noch funktionierenden Theater Europas. Seine Büste auf dem gewaltigen Grabmal aus schwarzem Marmor, das eine ganze Kapellwand in der Johanneskathedrale einnimmt, zeigt de Vilhena mit schmalem Gesicht und langgelockter Perücke, und dieses Gesicht ist noch heute allgegenwärtig auf Malta, denn auch er hatte den Bauwurm. In seine Regierungszeit fiel das große Erdbeben von 1693, dem die alte Hauptstadt Mdina zum Opfer fiel, die er als barocke Festungsstadt wieder aufbauen ließ. Sein Theater in Valletta hatte U-Form und vier Ränge und war aus Holz.
Meist war es an Impresarios vermietet, die Opernstagiones veranstalteten. Man hielt engen Kontakt mit dem italienischen Opernleben, und auch Cimarosa kam für einige Zeit auf die Insel. Das Ende der ohnehin erschöpften Ordensherrschaft brachte Napoleon im Jahr 1800 auf seinem Weg nach Ägypten. Die Musik des in Neapel ausgebildeten maltesischen Komponisten Nicolò Isoiar gefiel ihm so sehr, dass er ihn als Kriegsbeute nach Paris mitnahm – als Nicolas Isouard konnte dieser sich dort neben Boieldieu erfolgreich als Komponist von Opéras-comiques etablieren («Cendrillon», «Lulli et Quinault»). Doch die Segnungen des Code Civil zeigten ihre Kehrseite in wilden Plünderungen des Reichtums, so dass die Malteser die Engländer zu Hilfe riefen. Sie blieben bis 1964.
Das 19. Jahrhundert war mit dem Theater Manoels nicht mehr zufrieden, stockte es um einen Rang auf, baute je vier Proszeniumslogen ein und änderte die Form durch steinerne Umbauten zu einem Oval um. Spätestens seit 1801 fanden im Manoel-Theater auch regelmäßig Theateraufführungen in maltesischer Sprache statt; der Dichter Luigi Rosato hatte hier als Opernsänger begonnen und führte ab 1838 seine Stücke auf. Die große Garnison, die allgemeine Opernbegeisterung und später auch der aufkommende Tourismus sorgten für ein Theaterleben, für das das Manoel-Theater bald zu klein wurde. So ließen die Engländer vom Architekten der neuen Covent-Garden-Oper hinter dem Stadttor Vallettas ein großes Opernhaus mit 1xxx Plätzen errichten. Am 9. Oktober 1866 wurde es mit Bellinis «I Puritani» eröffnet. Die neuesten italienischen Opern wurden in kürzester Zeit auch in Valletta nachgespielt.
Das Ende kam 1942. Die Deutschen bombardierten Malta Tag und Nacht und richteten im historischen Valletta starke Schäden an – das Opernhaus war ein Totalschaden. Da es sich außerdem sowieso nicht wirklich in die Barockstadt eingepasst hatte, wurde es nie wieder aufgebaut. Man reaktivierte das Manoel-Theater. Die Regierung kaufte es an und stellte es unter staatliche Verwaltung. Es wurde liebevoll restauriert und von späteren Verschandelungen befreit, so dass es seit 1960 wieder im Glanz des 19. Jahrhunderts zu bewundern ist. Nach dem Ende der britischen Kolonialherrschaft hatte Dom Mintoffs staatssozialistische Labour-Regierung außerdem andere Sorgen – Flirts mit Ghaddafi und Mao, sowie ein ziemlich erfolgreicher Umbau der Volkswirtschaft zur Industriegesellschaft. Seit zwölf Jahren sind nun die Konservativen an der Macht. Das Büro der libyschen Fluglinie am Stadttor ist geschlossen. Auch die dem Theater benachbarten Gebäude wurden nach und nach erworben. Im Palazzo Bonici gibt es im Innenhof das Café Diva, das auch als Pausenfoyer dient, den Opernshop und das Büro des Kulturservice, im ersten Stock residiert die Intendanz und im zweiten bilden zwei schöne, im rechten Winkel aufeinander stoßende Säle die Sala Isouard, den Konzertsaal. In weiteren Nachbarhäusern wurden Werkstätten und Probenräume eingerichtet, dazu ein Opernmuseum, und auch die Musikschule «Johann Strauß» residiert hier.

Auf den Spuren von Queen Adelaide: «Lucia da Lammermoor»

Heute bietet das Teatru Manoel eine gemischte Palette an. Oper ist nur selten dabei, meistens als Gastspiel. In Kolonialistenmanier hatten die Engländer nicht daran gedacht, die einheimische Bevölkerung auszubilden und zu qualifizieren. Instrumentalunterricht und Chorsingen beschränken sich auf die Elite. Die ist nun alt, und den jungen Leuten ist Oper fremd. Man gönnt sich wohl einmal im Jahr ein schönes Wochenende auf Gozo (Einwohnerzahl: 30 000!), in dessen Hauptstadt Victoria die beiden rivalisierenden Opernhäuser einmal im Jahr im Herbst je eine Opernaufführung mit internationalen Stars organisieren (siehe OW 5/99). Doch das kennerische Opernpublikum, das im Manoel-Theater Stars wie Magda Olivero, Mirella Freni oder Cecilia Gasdia bejubelte, droht auszusterben. Die 700 Plätze werden wohl einmal ausverkauft, aber schon die zweite Aufführung bleibt halbleer. Oper gehört ja nicht unbedingt zum kulturellen Erbe der Malteser, deren Ursprünge völlig gemischt sind und die eine semitische Sprache sprechen, die mit etlichen italienischen Partikeln durchsetzt ist – die alte Elite liebt es, ihr Oxford-Englisch zu pflegen. So setzte man auf Kulturtourismus, um das Theater zu füllen. Malta möchte ohnehin gerne weg vom Billigtourismus und wirbt mit höher qualifizierten Angeboten.
Im Jahr 1838 waren die Straßen Vallettas festlich erleuchtet, als Queen Adelaide zum Manoel-Theater fuhr, um einer Aufführung von «Lucia di Lammermoor» beizuwohnen – sie blieb bis zum Ende der Aufführung! Im Jahr 2003 pilgern Reisegruppen durch die abendlich verlassene Altstadt zu «Lucia», und dank ihnen findet die zweite Aufführung denn nun auch vor ausverkauftem Haus statt. Es ist die Eigenproduktion, mit der die diesjährigen Opernfestspiele begonnen hatten. Am Pult des Orkestra Nazzjonali steht der Malteser Michael Laus, der zunächst Schwierigkeiten hat, in Schwung zu kommen, doch bald blühen die Musiker auf und singen herrliche Kantilenen – beinahe schöner als die Sänger, wobei sich besonders der Solo-Oboist als Genie erweist.
Auf der Bühne agieren vor allem junge bulgarische Sänger, und aus Sofia kommt auch der Regisseur Plamen Kartaloff, ein alter Haudegen der Oper in aller Welt – in Sofia und Manaus hat er auch eine Serie von Gomes-Opern inszeniert. Es gibt eine enge musikalische Kooperation zwischen Bulgarien und Malta, die sich auch in CD-Produktionen mit Musik zeitgenössischer maltesischer Komponisten wie Charles Camilleri und Joseph Vella niederschlug; auch ein interessanter Isouard-Abend vom Opernfestival 1999 wurde mit dem Symphonieorchester von Sofia aufgezeichnet. Für die blutjunge Mariana Panova kommt die Titelrolle wohl noch etwas zu früh, doch sie meistert die schwierigen Koloraturen und am Ende gelingt es ihr, das Haus durch ihre Darstellung der Zerbrechlichkeit der menschlichen Seele in den Bann zu schlagen. Dabei ist auch ein Sänger aus Malta: Juan Gambina ist der unglückliche Liebhaber Lucias, sonst ist der junge Tenor in Freiburg zu hören.
Für das Opernkonzert in der Sala Isouard wurden zwei Solisten des St. Petersburger Marientheaters gewonnen: die 31-jährige Sopranistin Irina Djioeva und der 36-jährige Bariton Vladimir Samsonov. Mit den Schlagern des 19. Jahrhunderts machen sie Punkte beim Publikum, zumal Samsonov hemmungslos seine Verführerqualitäten ausspielt. Doch zeigt sich, dass die Akustik für diese Art von Musik nicht wirklich taugt – das Manoel-Theater ist barock und braucht Barock. Mozart natürlich auch. Wenn Michael Laus den ersten Akkord der Ouvertüre zu «Don Giovanni» schlägt, stockt dem Zuhörer das Blut in den Adern: Der Klang strömt auf wunderbare Weise durchs Theater und entfaltet seine Farben wie alter Wein.
Gezeigt wird eine Koproduktion mit dem Operalaboratorio des Teatro Massimo in Palermo. Der Regisseur Mauro Avogadro hat sich eine Aktualisierung vorgenommen, doch die besteht vor allem in der Hinzufügung pseudomoderner Albernheiten. Am Schluss wird er dafür kräftig ausgebuht – die Aufführung dokumentiert das Elend der Oper in heutigen Italien. Die jungen italienischen Sänger, die dringend eines Regisseurs bedürften, der ihnen sagt, warum sie gerade was singen und wie sie das ausdrücken könnten, finden sich allein gelassen und fallen in die üblichen Operngesten. Zwischen den Personen passiert herzlich wenig. Dafür lohnt es sich, zuzuhören. Ugo Guagliardo hat noch nicht die Dämonie, wohl aber die stimmlichen Grundlagen für die Titelrolle, und Giovanni Bellavia ist ein gewitzter Leporello. Natasa Katai beeindruckt mit den Koloraturen der Donna Anna, und mit Maurizio Lo Piccolo hat man einen blutjungen, aber stupenden Bassbariton als Komtur, von dem man sicher noch hören wird.
Die Sopranistin Lydia Caruana ist als Donna Elvira die Vertreterin Maltas auf der Bühne; eine beeindruckende Sängerdarstellerin im Aufbruch zur internationalen Karriere. Absoluter Star der maltesischen Szene ist natürlich Miriam Gauci, die mit dem Dirigenten Michael Laus verheiratet ist. Laus lässt Mozarts Musik Zeit, sich zu entwickeln, und gibt dem Orchester Raum, sie entflammen zu lassen. Will das Malteser Opernfestival sich erfolgreich etablieren, sollte es sich bei jungen mitteleuropäischen Regisseuren umsehen, die der Musik den richtigen Rahmen zu geben vermögen, und sich außerdem auf das Repertoire konzentrieren, das hier wirklich klingt. Das Barock-Festival, das sich Anfang Mai mit Oper und Konzerten auch auf die beiden Kathedralen sowie eine alte Dorfkirche auf Gozo ausdehnen wird, geht da genau in die richtige Richtung.

Bernd Feuchtner (Opernwelt 5/2003)

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