Texaco und die Met: Sponsor der Live-Übertragungen am Samstagnachmittag (1996)

Wenn er an die Stimme von Milton Cross denkt, legt Joseph seinen Kopf wohlig zurück in die Sessellehne. "Milton Cross! Diese Stimme! Meine Mum hat jeden Samstag Nachmittag im Radio die Met-Übertragung gehört. Milton Cross hat immer die Ansagen gemacht, etwas in den Pausen erzählt, die Atmosphäre geschildert. Er vermittelte einem das Gefühl, bei einem spannenden Ereignis dabei zu sein. Seine Stimme hat mich mit der Oper vertraut gemacht, und ich werde sie nie vergessen."
Jetzt sitzt Joseph neben mir im Parkett der Metropolitan Oper und wartet auf den Beginn des dritten "Otello"-Aktes. Draußen herrscht heller Sonnenschein, denn es ist Nachmittag. Samstag Nachmittag: die Zeit der Radio-Liveübertragung aus der Met. "Bei den Radio-Übertragungen ist die Met immer am besten, denn da hören nicht nur die 4000 im Saal zu, sondern eine Million an den Lautsprechern." Heute wohnt Joseph in New York und geht so oft ins Opernhaus, wie er es sich als Junge vor dem Radiogerät niemals hätte vorstellen können. Ein unkritischer Fan ist er deshalb nicht. Nach dem ersten Akt war er zwar sichtbar mitgerissen von Plácido Domingo, auch das Orchester unter James Levine gefiel ihm gut, aber über den Rest der Sänger und die altmodische Inszenierung äußerte er sich doch eher verhalten.
Wie Joseph habe ich in Amerika viele getroffen, die zur Oper über die Radioübertragungen aus der Met gekommen sind, denn lange vor Schallplatte und CD war das Radio das wichtigste Medium, das den Kontakt zur Oper herstellt. Darunter waren durchaus auch Personen fortgeschrittenen Alters, denn die Met nahm ihre Übertragungen an Weihnachten 1931 auf - natürlich wurde Humperdincks "Hänsel und Gretel" gespielt. NBC und rund 100 angeschlossene Sender übertrugen die Aufführung. Milton Cross war der Ansager und blieb es auch, als die Übertragungen in den 40ern an ABC und später an CBS übergingen, vier Jahrzehnte lang war er die Stimme der Oper für Amerika.
Mit der Metropolitan Opera New York hatten die Amerikaner den Superlativ auch auf dem Gebiet der Oper, so wie sie es brauchten. An die Met kamen die berühmtesten Stimmen der Welt, und die besten Dirigenten begleiteten sie. Das kostete viel Geld, die Eintrittskarten waren teuer, und überhaupt verkäuflich waren sie nur, weil große Summen von Sponsoren aufgebracht wurden. In der Hauptsache sind das nicht große Firmen, sondern eine große Anzahl von Einzelpersonen, die an der Oper einen Narren gefressen haben. Die Radioübertragungen machten die Met für jeden zugänglich. Das Radionetz der Met erreicht 95 Prozent der Bevölkerung der Vereinigten Staaten und von Kanada und überträgt die Samstagnachmittags-Aufführungen zur günstigsten Abendsendezeit auch nach Europa - nicht wenige Leser werden gestern abend im DeutschlandRadio die Live-Übertragung der "Macht des Schicksals" gehört haben.
Milton Cross starb 1975, und seitdem ist Peter Allen der Gastgeber am Mikrophon. Seine Stimme ist nicht so charismatisch wie die von Milton Cross, der jeden mit seinem Kenntnisreichtum und seiner Begeisterung ansteckte, Allen spricht eher mit der sonoren Ruhe eines altgedienten Rundfunkansagers. Doch nun ist auch er schon seit 20 Jahren die Stimme der Oper, vielen Amerikanern vertraut wie ein Markenzeichen. Sie verspricht Oper der höchsten Güteklasse, die berühmtesten Tenöre, die beliebtesten Stars und die neuesten Sternchen, von denen noch niemand weiß, ob sie nicht innerhalb weniger Jahre wie Sternschnuppen verglüht sein werden, weil sie allzu gierig nach dem Erfolg waren.
Als die Met mit ihren Radioübertragungen begann, gab es rund 100 Opernkompagnien in den USA - vorwiegend an den Universitäten, denn richtige Opernhäuser gab es kaum. Oper gehört eben nicht zur amerikanischen Kulturtradition. Wenn es heute über 1000 Opernkompagnien gibt, von denen etwa 100 städtische Häuser bespielen, dann wird diese unaufhaltsame Ausbreitung der Opernbegeisterung vor allem den Met-Übertragungen zugeschrieben. Fünf amerikanische Opernhäuser haben Weltgeltung erlangt und brauchen vor den ersten Häusern Europas nicht zurückzustecken: neben der Met sind das die New York City Opera, die Lyric Opera von Chicago, die Oper von San Francisco und die Houston Grand Opera. Und zwanzig Mal in jeder Saison treibt Peter Allen der Oper neue Fans zu.
Allen selbst meint freilich, vor allem das Auto habe die Opernfans vervielfacht. Erst die Mobilität machte es möglich, in den sich breit dahinstreckenden und kaum von öffentlichen Verkehrsmitteln erschlossenen Siedlungen und Regionen zu Opernaufführungen zu gelangen. Der freundliche grauhaarige Herr mit der Hornbrille liebt das Understatement. Während der Übertragung steht er vor seinem Pult in einer winzigen Kabine, beobachtet durch ein kleines Glasfenster das Geschehen auf der Bühne und verliest seine Ansage. Während der Saison, in den Monaten Dezember bis April lebt er mehr oder weniger in der Oper, besucht Proben und Aufführungen, hört sich Aufnahmen früherer Aufführungen an und spricht mit den Künstlern. Bei einer Live-Aufführung gibt es immer mal Verzögerungen von einigen Minuten, die spontan von Allen gefüllt werden müssen, und dann bringt er seine Kenntnisse an.
Es kann aber auch schlimmer kommen, wie bei jener "Parsifal"-Aufführung, bei der die neu installierte Bühnentechnik versagte und eine längere Unterbrechung notwendig machte. Da war Allen froh über all die Geschichten über den "Parsifal", den die Met 1903 als erste von dem Alleinanspruch Bayreuths befreite, oder den "Parsifal"-Freund Puccini, der sich in München die über drei Tage verteilten drei Einzelakte antat - bis es endlich weiterging. Der Besucher, der neben Allen steht, stutzt allerdings, als der Sprecher plötzlich die Stimme höher zieht und einen Werbeslogan des Sponsors Texaco einflicht:"...designed to add more life to your car when you take it to the Star" singt er in Anspielung auf das Markenzeichen von Texaco.
Man nimmt die Werbung weniger befremdet hin, wenn man erfährt, dass Texaco die Met-Übertragungen seit 1940 sponsert, seitdem 1100 Übertragungen von 132 Opern ermöglicht und dafür 100 Millionen Dollar ausgegeben hat. Seit 1960 stellt Texaco der Met ein unabhängiges Radionetz zur Verfügung, das nur noch zu einem Drittel aus kommerziellen Sendern besteht. Verantwortlich ist der Werbechef von Texaco, der den operntypischen Namen Wilhelm Tell trägt. Als kleiner Junge musste er sich gewissermaßen dafür interessieren, was dieser Name in der Oper bedeutet, denn Rossinis Schlager war die Titelmelodie der beliebten Fernsehserie "Lonesome Cowboy". William K. Tell wuchs in opernloser Gegend im Mittelwesten auf, in Cleveland und Detroit, und kam Ende der 60er Jahre zu Texaco nach New York. Das Sponsoring der Met zahlt sich seiner Meinung nach aus: die Leute schätzen das Engagement des Ölmultis für die Kunst und bevorzugen seine Produkte, wie tausende von Briefen bezeugten. Tells nächste Aktionen richten sich auf den Nachwuchs. Man will die Schüler an die Oper heranführen und hat Unterrichtsmaterial herausgegeben, mit dem 64 000 Lehrer, die unter den erheblichen Streichungen der Erziehungsbudgets leiden, arbeiten können.
Im Jahr 1940 begann Texaco auch mit seinen Pausenprogrammen, die im Prinzip mit ihren Podiumsdiskussionen, Sängerpräsentationen oder Quiz auch heute noch den gleichen Mustern folgen. Gleich nach dem Beginn der Pause stürzen die Zuschauer hinunter in den kleinen Saal, aus dem die Pausenprogramme übertragen werden, um einen der 140 Plätze zu ergattern. Auch der Quizmaster Edward Downes ist seit 38 Jahren derselbe. Tradition zählt viel bei den Met-Radioübertragungen.
Im April feiert James Levine sein 25jähriges Jubiläum als Musikchef der Met mit einer großen Gala. Er hat alle Intrigen, wie sie in einem Opernhaus so üblich sind, überlebt, weil er das Orchester zu einem erstklassigen Klangkörper gemacht hat. Seine Leistungen sind erstaunlich, auch wenn man mit seinem Stil nicht einverstanden sein mag. Und er verlang sich auch selbst enormes ab. Von den zwanzig Radioübertragungen dirigiert er neun. An diesem Samstag leitet er nicht nur nachmittags den "Othello", sondern auch abends "Così fan tutte", das zwei Tage zuvor Premiere hatte. Dass er am Tag vor der Premiere noch "Falstaff" dirigiert hatte, war für Levine nichts ungewöhnliches. Dieses Engagement am eigenen Haus möchte man an deutschen Opernhäusern auch öfter einmal erleben. Die Qualität steigert es enorm. Das zeigte auch die Live-Übertragung von "Otello".

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