Der Etat für Luftballons ist ausgeschöpft
Die Auswirkungen der Kulturkrise in der "Fläche" - Stendal muss sein Musiktheater schließen

Der Schnellzug Berlin-Amsterdam zuckelt mit 50 Stundenkilometern durch Brandenburg, erreicht nach Rathenow die Landesgrenze Sachsen-Anhalt. Hier beginnt die Altmark, die sich weiter zieht bis vor Lüchow und bis vor Magdeburg. Stendal ist ihr Zentrum, auf halber Strecke zwischen Berlin und Wolfsburg gelegen. Vor und nach der Elbe ist endlich etwas vom Ausbau der Strecke zu sehen, der Schotter für ein zweites Gleis liegt da und manche Begradigung für die Schnellbahn Berlin-Hannover.
Über die Elbe wird gerade eine neue Brücke gelegt. Doch ob später auch der ICE in Stendal halten wird, ist wieder unklar geworden. Die Bonner Technokraten möchten lieber südlich an der Stadt mit ihren 50 000 Einwohnern vorbeifahren. Man zählt also die Fahrgäste am Bahnhof Stendal. Natürlich wird man herausbekommen, dass nicht viele Leute von hier nach Berlin fahren. Manchmal ist es ein Kunststück, dorthin zu kommen.
Es steigen auch wenige Berliner in Stendal aus. Dabei hat die alte Hansestadt Touristen einen unzerstörten Stadtkern zu bieten, viel Backsteingotik und ein Renaissance-Rathaus samt einem mächtigen Roland. Doch die Fassaden bröckeln, nur wenige Häuser wurden bisher saniert. Die Hälfte der 6000 Wohnungen in der Altstadt stehen leer. Die Stendaler Wohnungsbau-Gesellschaft hat kein Geld, die Stadt ist bis an den Rand verschuldet.
Als die Stadtväter sahen, dass der Jahresetat für ihr "Theater der Altmark" bis 1996 auf 17 Millionen DM steigen würde, beschlossen sie, die Musiksparte zu schließen. 35 Musiker, 15 Chorsänger, 16 Solisten werden brotlos, dazu noch das kleine Restballett. Die Tanzsparte war schon im letzten Jahr geschlossen worden, als der Leiter kündigte. Zwei Jahre lang hatte Walter Bickmann modernes Tanztheater in Stendal versucht, doch der Neubürger aus Wien war vielleicht doch ein wenig zu ungeduldig mit den Bürgern.
Mit Rossinis "Barbier von Sevilla" brachte das Musiktheater nun seine letzte Produktion heraus. Während der Aufführung ertappt man sich beim Taxieren: wer wird ein anderes Engagement finden? Rosina wird damit zuallerletzt Probleme haben, denn Daniela Predescu hat nicht nur eine schöne und leichte Stimme, eine gute Technik erlaubt es ihr auch, die Koloraturen, die sonst nicht unbedingt ihr Fach sind, in schönstem Legato perlen zu lassen. Für den Grafen bringt der Australier Michael Howard einen lyrischen Tenor mit, und Kevin Tarte, die zweite Besetzung, soll auch gut schauspielern können, die beiden werden auch etwas finden.
Basilio ist sowieso nur mit einem Vertrag für diese Produktion gebunden, Figaro und Bartolo sind Gäste aus Düsseldorf bzw. Dortmund, der Rest gehört zum Ensemble, darunter auch Heinz Zimmermann, der Oberspielleiter des Musiktheaters, der diesen "Barbier" inszeniert hat. Die Aufführung macht Spaß. Manchmal klingt die Musik zwar ein wenig nach Lortzing (Lortzing müsste oft mit einem Schuss mehr Rossini gespielt werden!), doch das Orchester ist engagiert bei der Sache. Acht Geigen, drei Bratschen, zwei Celli und ein Bass - das ist alles, was sich gegen die Bläser behaupten soll, aber dem jungen Musikchef Frank Jaremko gelingt es durchaus, die Balance herzustellen.
In der Pause werden Mitglieder für einen Förderverein des Orchesters gesucht. Man hofft, wenigstens das Orchester zu erhalten. In seinen Konzerten wagt es sich mit phantasievollen Programmen an die anspruchsvollste Literatur, wobei auch die gemäßigte Moderne nicht ausgespart wird. Als nächstes dirigiert Jaremko Beethovens "Eroica", daneben die Medea-Ouvertüre von Cherubini und ein Oboenkonzert von Johann Christian Bach mit Burghard Glaetzner als Solisten.
Das Theater mit seinen 254 Mitarbeitern war der viertgrößte Arbeitgeber der Stadt. An der Spitze stand das stillgelegte Kernkraftwerk Arneburg - für seine Erbauer hatte man das Stadtseeviertel angelegt, in dessen Plattenbauten 30 000 Stendaler wohnen. Danach kamen das Reichsbahn-Ausbesserungswerk und die Stima ("Stahlrohrmöbel aus Stendal"), deren charakteristische Stühle mit den grauen Beinchen zur DDR gehörten wie die Plaste und Elaste aus Schkopau. Das alles schmolz dahin wie die Russengarnison. Die Stima ist privatisiert worden, und statt 300 arbeiten hier vielleicht noch 30 Leute.
Die offizielle Arbeitslosenquote liegt bei über 18 Prozent. Die Konkurrenz der Gemeinden um Neuansiedlungen sind so groß, dass sie sich gegenseitig unterbieten. Zehn Jahre Verzicht auf Gewerbesteuer sind normal. Ein Versuch, dennoch zu etwas Geld zu kommen, war die Einführung der Zweitwohnsitzsteuer. Wer in Stendal arbeitet, aber seinen ersten Wohnsitz und damit sein Finanzamt auswärts hat, muss dennoch eine Abgabe leisten.
Von dem Zentrum der Rinder- und Schweinezucht, das Stendal zu DDR-Zeiten war, ist wenig geblieben. Oberschulen gibt es in der Stadt und damit auch ein wenig Intelligenz. Der Mittelstand ist ausgeblutet und kommt nur langsam auf die Beine. Doch tauchen mehr und mehr postmoderne Ladenfassaden auf, wie sie in jeder anderen Stadt auch stehen könnten. Das nur zwölf Kilometer entfernt elbaufwärts liegende Tangermünde scheint viel stärker konsolidiert. Die Bewohner der alten Stadt mit der Kaiserpfalz pflegen schon immer sorgfältig die historischen Türen, an denen sich die Entwicklung seit der Renaissance ablesen lässt. Dahinter freilich modernisieren sie ihre Häuser im gleichmacherischen Unstil heutiger Gemütlichkeit.
Stendal fühlt sich alleingelassen. Die Streichung der versprochenen Kulturfinanzierung in den neuen Ländern durch den Bund trifft hart. Dass Kulturpolitik auch Strukturpolitik ist, dürfte aber auch die Landesregierung in Magdeburg erst begreifen, wenn sich die flächenweite Verwahrlosung nicht mehr übersehen lässt. Die kleineren Theater "in der Fläche" müssten sich aufs Sparen einrichten, sagt der Finanzminister, 25 Millionen DM weniger will er in diesem Jahr für sie ausgeben. Für den Stendaler Intendanten Goswin Moniac tut sich damit ein Loch von 1,2 Millionen auf, von dem er nicht weiß, wie er es stopfen soll. Das Land trägt immerhin 48 Prozent seines Etats.
Drei sachsen-anhaltische Städte verfügen noch unangefochten über Musiktheater: Magdeburg, Halle und Dessau. Stendal ist wie Wittenberge ein "Landestheater", das heißt, es bespielt auch die weitere Umgebung. Tangermünde, Salzwedel, Uelzen, Gifhorn und etliche weitere Orte werden bespielt und profitieren vor allem vom Musiktheater der Altmark, einzelne Gastspiele im alten Bundesgebiet kommen hinzu. Das aufgelöste Musiktheater will Moniac, der in Osnabrück und Saarbrücken arbeitete, vor zwei Jahren als Schauspielchef nach Stendal kam und letzten Sommer Intendant wurde, wenigstens durch Zukauf von draußen ausgleichen: zwei Opern, drei Operetten oder Musicals und acht Konzerte sollen als Gastspiele geboten werden. Und in Polen gibt es preiswertes klassisches Ballett.
Die liebste Freizeitbeschäftigung von Jung und Alt, und damit der stärkste Konkurrent für Moniac, ist das Fernsehen. Das alte Capitol-Kino ist geschlossen. Draußen im Grünen gibt es seit zwei Monaten im ehemaligen Kino der Grenztruppe wieder Filme zu sehen, die Jugendlichen schauen sich Rambo an, ein paar Ältere immerhin das Geisterhaus. Ebenfalls ein wenig außerhalb liegt der Musikzirkus mit seiner großen Diskothek.
Dabei ist Theater preiswert in Stendal. Kindertheater gibt’s für 3,20 DM und den "Barbier von Sevilla" kann man für 15 DM oder für 12 DM sehen, und da sind 2 DM "Bautaler" schon eingeschlossen. Stendal hat nämlich sein altes Theater abgerissen und von Werner Ruhnau ein neues bauen lassen. Dort muss Moniac in der nächsten Saison jeden Abend 500 Plätze füllen. Eine kleine Spielstätte für 99 Plätze ist zusätzlich vorgesehen, und im Rangfoyer mit ebenfalls 99 Plätzen machen die Schauspieler Kabarett.
Die Einstellung von drei Theaterpädagoginnen sieht der Intendant als eine Investition in die Zukunft. Sie betreuen die drei Theaterklubs, die für Kinder, Jugendliche und Senioren gegründet wurden. Ein Schauspieler wurde für ein ganz besonderes Projekt engagiert. Aus Workshops über Film, Tanz, Beleuchtung soll eine multimediale Aufführung entstehen. "Einhorn" ist der Arbeitstitel, und gespielt werden soll im Musikzirkus. Sonst sind Moniacs Pläne für den Spielplan nicht besonders progressiv, da er um die Besucherzahlen fürchtet. Sorgen, Operetten könnten die Jugend abhalten, hat er nicht: "die kommen aus dem Weißen Rössl genauso begeistert heraus wie aus dem Kleinen Horrorladen".
Die Umwandlung des Theaters in eine GmbH wird die Arbeit erleichtern. Doch ist immer wieder mit Panikreaktionen der Politiker zu rechnen. "Wir brauchen nur ein wenig Zeit in den neuen Ländern. Man soll keine vollendeten Tatsachen schaffen, sondern die Kultur überwintern lassen." Hätte man früher über Verkleinerungen gesprochen, wäre die Schließung des Musiktheaters vermeidbar gewesen und man hätte mit verminderten Kräften überwintert - Moniac sagt es, als hätte er doch noch eine winzige Hoffnung, es könnte überleben.
Künstlerisch sieht er diese Möglichkeit. Es ist nicht schwer, gute Kräfte zu engagieren. Abgänger von den Berliner Hochschulen sind heute durchaus bereit, in Stendal anzufangen. Für das neue Jugendstück hat er vier jungen Schauspielern Werkverträge angeboten. Unter der Leitung des jungen Berliner Regisseurs Peter Spuhler proben sie gemeinsam mit einem Mitglied des Ensembles F.K. Waechters "Schule mit Clowns".
Ein Hotelzimmer kann ihnen das Theater nicht bezahlen, auch Gästewohnungen sind nicht mehr drin. Sie müssen sich selber eine Wohnung suchen, die halbwegs heizbar und nicht zu verfallen ist, einen regulären Mietvertrag abschließen und hoffen, danach wieder herauszukommen. Wenn sie hören, dass eine Berliner Staatsbühne ihren Etat um 9 Millionen überziehen kann, denken sie daran, dass sie vom Inspizienten schon nach einer Probenwoche gemahnt wurden, sie hätten beinahe den ganzen Etat für Luftballons aufgebraucht. Die Clowns brauchen aber auch in allen Vorstellungen Luftballons, die sie platzen lassen können. In Stendal einen Sponsor suchen, das frisst vermutlich die gesamte Probenzeit auf.

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