| Von Oldenburg ins Silicon Valley Die kleinste Profi-Oper der USA: Met-Star Irene Dalis gründete vor fünfzehn Jahren die Opera San José Obwohl es an der Bai von San Francisco ein Dutzend Opernkompagnien gibt, sind die Opernfans der Stadt viel zu snobistisch, um dorthin zu fahren. Nach San José fahren, um in die Oper zu gehen? Christina Scheppelmann, zuständig für die Künstlerengagements der Oper von San Francisco, fuhr nach San José, um Of Mice an Men zu sehen, Carlisle Floyds Oper nach dem berühmten Stück von John Steinbeck. Eigentlich kam sie nur zur Hauptprobe, um die jungen Sänger zu hören. Dann fuhr sie auch zur Premiere, sie kam noch einmal, und sie kam zur Dernière. Denn in dieser Aufführung ging etwas Magisches vor. Selten wurde in der Oper so viel geweint. Zumindest in dieser Besetzung: Schon der Streit und die schließliche Versöhnung zwischen dem Bariton Maris Vipulis als George und dem Tenor Robert Hoyt als seinem schwerfälligen Partner Lennie im ersten Akt nahm eine so bedrängende Intensität an, die sich im weiteren Verlauf bis hin zum tragischen Ende noch steigerte, dass schwerlich eine idealere Ausführung durch Singing Actors vorstellbar ist das waren Sängerdarsteller, wie Felsenstein sie sich erträumte. Die Einsamkeit eines jeden Menschen in dieser Welt, von der das Stück handelt, wurde elementar fühlbar. War das zu erwarten, als sich der Vorhang vor der winzigen Bühne öffnete und den Blick auf das bescheidene Bühnenbild freigab, das mit nicht viel mehr als Schattenrissen und Licht operiert? Es war. Opera San José gibt es erst seit fünfzehn Jahren. Sie mag die kleinste professionelle Opernkompagnie der USA sein. Die kleinste Bühne und das kleinste Budget hat sie sicherlich, doch ihr Anspruch ist groß und entsprechend beeindruckend ihre Erfolgsstory: Es war einmal eine Diva, die sich 1977 nach zwanzig Saisons an der Met zur Ruhe setzte und an der San José State University eine Professorenstelle annahm. Man musste schon wissen, dass Irene Dalis aus San José stammte, um zu glauben, dass sie hier auch bleiben würde. Doch sie tat noch weit mehr als das. Sie ließ ihre Studenten Opern aufführen und bildete einen Zirkel von Friends of Opera, der das finanziell unterstützte. Drei Jahre später war das schon das San José Community Opera Theater mit einem Abonnement für die Aufführungen zweier verschiedener Programme, unter denen neben Puccinis Suor Angelica auch Hindemiths Hin und zurück war. Und zusätzlich gab man noch einundzwanzig Aufführungen in Schulen. San José liegt mitten im Silicon Valley, dem Zentrum der Computertechnologie. Auch hier war in den fünfziger und sechziger Jahren unter anderem im Zug der Massenmotorisierung das alte Stadtzentrum verödet und damit auch ein Teil der städtischen Identität verlorengegangen. Die Obstbäume der Umgebung verschwanden und wichen Häusern, Malls und Fabriken. Mit dem neuen Reichtum entstand nun aber wieder so etwas wie ein Bürgerbewusstsein unter den inzwischen 800 000 Einwohnern der Stadt (damit ist San José größer als San Francisco). Langsam wird Downtown wiederbelebt und städteplanerisch umgestaltet. Auch die Oper ist der Ausdruck eines solchen neu entstandenen Stadtgefühls. 1983 wurde bereits ein richtiger Board gebildet, und das Theater trennte sich auch räumlich von der Universität. 1984 installierte sich die Opera San José als professionelle Opernkompagnie. Man sammelte Geld für die Schaffung von Probenräumen. Die Aufführungen waren so gut, dass nun vier Produktionen (von Madama Butterfly bis Hänsel und Gretel) in je fünf Aufführungen gezeigt werden konnten; die Zahl der Schulaufführungen steigerte sich auf siebzig, es wurde die Auftragskomposition uraufgeführt: West of Washington Square von Alva Henderson und Janet Lewis. Denn Oper sollte nicht nur etwas aus fremden Zeiten und Ländern sein, sondern unsere eigene Sache. Und dann fasste Irene Dalis einen folgenreichen Entschluss: Sie wollte ein Ensemble haben. Kontinuierliche Arbeit mit jungen Solisten, die ihre Ausbildung hinter sich haben und nun Praxis brauchen. Es begann mit dem Bariton Douglas Nagel und der Sopranistin Eilana Lappalainen (heute die Senta der Deutschen Oper Berlin und die Lulu der San Francisco Opera), und jetzt besteht das Ensemble aus acht festen und zwei assoziierten Mitgliedern. Dass es ein festes Ensemble sein sollte, wie es in den USA völlig unüblich ist, weil die Sänger nur für eine Produktion engagiert werden, lag an den eigenen Erfahrungen der Mezzosopranistin. Nach ihrer Ausbildung in Mailand bekam sie ihr erstes Engagement in Oldenburg, und dort stellte man sie gleich als Prinzessin Eboli auf die Bühne. In Oldenburg lernte sie schätzen, was es heißt, in einem Ensemble die Rollen des Repertoires erarbeiten zu können. Aus Dankbarkeit für das Jahr in Oldenburg wurde das Ensemble der deutschen Stadttheater zum Vorbild für Opera San José. Die jungen Sänger bekommen ein Stipendium für ein Jahr, das auch freie Wohnung in einem eigens dafür angekauften Apartmenthaus einschließt. Es wird verlängert, wenn beide Seiten das wollen. Neben den vierundvierzig Aufführungen im Montgomery-Theater sind noch Recitals, Privat- und einhundert Schulaufführungen zu bewältigen. Nachdem die Regierung den Musikunterricht in den Schulen abgeschafft hat, kümmert sich die Oper selbst um die musikalische Erziehung. Entweder kommt die Oper mit einem ihrer beiden Programme Postcards from Puccini und What is Opera? in die Schule, oder sie führt dort ihr Spezialprogramm Lets Make an Opera! durch. Da sind die Schüler mit allem beschäftigt, was zu einer Opernaufführung gehört, sie suchen das Sujet aus, schreiben Text und Musik, beschaffen Kostüme, schreiben Programmhefte. Dieses arbeitsintensive Programm wird besonders für Schüler in problematischen Umständen durchgeführt, die dabei musische Fähigkeiten und ihre Selbstachtung entdecken können. Und Probleme haben genug Jugendliche; neben Drogen ist die Schwangerschaft von Zwölf- oder Dreizehnjährigen geradezu zum Sport geworden. Wer als Sänger zur Opera San José geht, muss also mehr haben als nur eine gute Stimme und wissen, worauf er sich einlässt. Bereut hat es bisher keiner. Den Aufführungen hat es auch nicht geschadet. Die Maskenball-Inszenierung des Met-Regisseurs Michael Edwards wurde 1991 von den San José Mercury News zur besten Aufführung der Bay Area erklärt. Die Uraufführung der Auftragskomposition Phaedra wurde von öffentlichen Fernsehsendern der ganzen Nation gezeigt. Die Inszenierung von Floyds Von Mäusen und Menschen gehört, auch wenn ich sie nur auf Video sehen konnte, zu meinen bewegendsten Opernerfahrungen. Ein Revival von Donizettis Lucia di Lammermoor war um so beachtenswerter, als man es sich leisten kann, diese Belcanto-Oper in zwei verschiedenen Besetzungen zu präsentieren. Leider ist die Inszenierung so statisch, wie Regisseur Daniel Helfgot sie sich zu Donizettis Zeiten vorstellt, und es bleibt an den Akteuren, daraus auszubrechen. Robert McPhersons Edgardo schafft das durch individuelle Linienführung, und Maureen Magill ebenso erkältet wie ihr Opernliebhaber und ebenso wild entschlossen, sich trotzdem durchzusetzen verschafft den Zuschauern in der Wahnsinnsszene eine Gänsehaut. Die Koloraturen klingen zwar etwas kalt, doch das Material ist vielversprechend, und die Sängerin verfügt, wie sie schon als Curleys Frau in Of Mice and Men beweisen konnte, über raffinierte Verführungskunst. Die Zuschauer wissen es zu schätzen und zeigen das auch. Die finanzielle Unterstützung konnte Opera San José nur durch die Qualität der Aufführungen gewinnen. Das Ambiente in dem kleinen, etwas schäbigen Theater mit seinen 519 Sitzen kann es ja nicht sein. Deshalb ist das nächste Ziel ein eigenes Opernhaus. Nachdem sowohl das Apartmenthaus als auch das Haus, in dem die Verwaltung mit Probebühne und all den anderen Abteilungen vereint ist, abbezahlt sind, kann sich das Fundraising neuen Zielen zuwenden. Das Budget erreicht knapp 1,8 Millionen Dollar. Nicht mehr als zwölf Leute sind mit festen Verträgen beschäftigt; dazu kommen allerdings die zehn Sänger und das Orchester. Der Chor arbeitet auf Laienbasis und rekrutiert sich zu einem guten Teil aus der Universität. Da der Orchestergraben nicht mehr erlaubt, spielt man mit siebenundzwanzig Musikern. Was sie unter der mitreißenden Leitung von David Rohrbaugh an Klang und Schwung produzieren und mit welcher Präzision sie unter sich und mit der Bühne harmonieren, ist bewundernswert. Sie sind, so hört man, glücklich in diesem kleinen Graben, an diesem kleinen Haus. Denn musikalisch ist Opera San José alles andere als die kleinste Oper der USA. |
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