Don’t imitate – innovate!
Die Houston Grand Opera bereitet ihre Multimedia-Modular-Carmen vor


In die Liga der „Big Five“ unter den US-amerikanischen Opernhäusern hat sich die Houston Grand Opera vor allem durch den Willen zur Innovation hinaufkatapultiert. Seit 1972, als David Gockley sein Amt als General Director antrat, ist kaum ein Jahr ohne Uraufführung vergangen. Hier wurde Bernsteins „Quiet Place“ ebenso uraufgeführt wie Adams' „Nixon in China“, Meredith Monks „Atlas“, Tippetts „New Year“ und die Zeitoper „Harvey Milk“. Das Opernstudio bringt nach „Jackie O“ in diesem Jahr Mark Adamos „Little Women“ heraus. Man präsentierte aber auch die amerikanische Erstaufführung von Händels „Rinaldo“ und der kritischen Ausgabe von Rossinis „Tancredi“. Seit 1991 gibt es in jeder Saison mindestens zwei Produktionen mit Opern aus der Neuen Welt – so 1991 Piazzollas „María de Buenos Aires“ und 1996 Virgil Thomsons „Four Saints in Three Acts“.
Sobald es sich einmal daran gewöhnt hatte, faßte das Publikum Vertrauen und unterstützte diesen Kurs. Die Summe der Spenden nahm zu, und im Jahr 1987 konnte die Houston Grand Opera sogar ihren Neubau mit zwei Bühnen beziehen, für den die Opernfans 72 Millionen US-Dollar aufbrachten. Die Oper bedankt sich bei der Gemeinschaft mit einem umfangreichen „Outreach“-Programm: Man geht in die Schulen, macht kostenlose Freilichtaufführungen und wendet sich an Publikumsschichten, die bisher keinen Kontakt mit Oper hatten.
Nun haben die Fundraiser 1,3 Millionen Dollar zusammengetragen, um Gockleys neuestes Projekt MMS zu realisieren: die Multimedia Modular Stage, die am 30. Mai zum ersten Mal zum Einsatz kommt. Damit will man Oper auf völlig neue Weise an die Mediengeneration herantragen. Das Orchester sitzt wie bei der Tour einer Rockband zwischen Lein- und Videowänden, auf die sowohl Texte, Graphiken, Clips sowie das projiziert wird, was das Bühnenbild ersetzt, als auch die Sänger, die von drei festen und einer mobilen Kamera live aufgenommen werden. Wenn man Oper ans junge Volk bringen will, dann bitte vollsaftig: „Carmen“ eignet sich ideal dafür. Und wer erst einmal eingefangen ist, der wird all die anderen Spielarten von Oper dann allmählich schon auch noch entdecken wollen...

Bernd Feuchtner in Opernwelt 3/98

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