Mit einer "Fidelio"-Inszenierung von Johannes Felsenstein feiert das Anhaltische Theater Dessau sein 200-jähriges Bestehen (1994)

Nicht Reden wolle das Publikum hier im Anhaltischen Theater hören, sondern die "Fidelio"-Premiere, sagte der sachsen-anhaltische Ministerpräsident Hübner, und hielt dann eine Predigt. Von jungen Blumen sprach er, die man nur so beschneiden dürfe, daß ihr Wachstum nicht behindert, sondern gefördert werde. Was da klang wie die Ratschläge des Mr. Gardener an die amerikanische (Kino-)Nation, sollte die Sparmaßnahmen im Kulturbereich schmackhaft machen. Doch so leicht kommt man im Anhaltischen nicht davon.
Denn das Dessauer Theater ist eine unmittelbare Frucht der Aufklärung, eine Gründung des kunstsinnigen Fürsten Leopold Friedrich Franz und ein Produkt bürgerlicher Stadtkultur. Vor 200 Jahren hatte der Fürst zuerst eine Schauspielertruppe fest an die Residenz gebunden, dann 1798 von Friedrich Wilhelm von Erdmannsdorff ein Theater bauen lassen, dem gleichen Erdmannsdorff, der den Wörlitzer Park angelegt und mit den ersten klassizistischen Gebäuden Deutschlands versehen hatte. Mit seinem Säulenportikus und 1000 Plätzen war das Dessauer Theater eines der schönsten und größten in Deutschland. Seither ist es drei Mal abgebrannt: 1855, 1922 und 1945, aber eines der größten ist es geblieben - heute eine schwierige Hypothek für eine 100 000-Einwohner-Stadt, 1100 Plätze zu füllen im größten Theater Sachsen-Anhalts, größer als Magdeburg und Halle (die Berliner Lindenoper hat 1400 Plätze).
Doch das Dessauer Theater hatte schon immer überregionale Ausstrahlung. Immerhin wollte Kotzebue hier Direktor werden, Ludwig Devrient stand auf der Bühne, Wilhelm Müller mühte sich an ihm ab. Mit frühzeitigen und umfassenden Wagner-Aufführungen - seit 1886 im effektvollen Schein elektrischen Lichts - erlangte Dessau den Ruf eines "Bayreuth des Nordens". Bei seiner 100-Jahr-Feier zählte man ein festes Personal von 164 Personen; heute sind es 404 Planstellen, die bezahlt sein wollen.
Hatten in den zwanziger Jahren Hans Knappertsbusch für musikalische Qualität oder Kandinsky vom Bauhaus mit seinen abstrakten Figurinen zu "Bilder einer Ausstellung" für innovative Ausstattung gesorgt, schufen die Nazis das Bild des Dessauer Theaters in ihrem Sinne um: schon von den viereckigen Säulenreihen her, von Hitler persönlich autorisiert, erscheint der Neubau von 1938 als Ausdruck ihrer Ästhetik. Hitler kam zur Eröffnung, Goebbels hielt die Einweihungsrede, danach gab es deutschen Wald mit "Freischütz". Sechs Jahre später war Dessau zu 86 Prozent zerstört. Im wiederaufgebauten Theater - 1949 schon wieder das größte und modernste in Deutschland - führte Hilde Benjamin zunächst einmal den ersten Schauprozeß der DDR gegen Willi Brundert und Leo Herwegen durch. Das erfolgreichste Stück in der DDR-Zeit war trotz alledem "My Fair Lady".
Das alles im Herzen, konnten die Dessauer ihren lausbubenhaften neuen Ministerpräsidenten in die Pflicht nehmen. Von seinem "Kampf um die Wahrhaftigkeit" sprach der Indendant. Vom Auftrag der Absicherung des Lebensmittels Kultur, von einer Investition in die Zukunft der Oberbürgermeister. Das war nämlich von einem Wahlzettel der SPD abgelesen. Eine Schicht, die Kultur unhinterfragt trägt, gebe es nicht mehr. Dennoch hätten die Dessauer ihr Theater wieder attraktiv gemacht. Nun dürfe sich das Land als Nachfolger der herzoglichen Theaterstiftung von 1919 seiner finanziellen Absicherung nicht länger widersetzen.
51 Prozent des 30-Millionen-Etats trägt die Stadt, 49 Prozent das Land. 45 Prozent Auslastung sind nur eine statistische Zahl, dahinter verbergen sich immerhin 170 000 Besucher. Und jetzt will die Stadt, "die Unmögliches möglich macht" (so der OB), daß "das Theater ihrer Wahl" auch erhalten wird. Gewählt hat Dessau 1991 einen neuen Intendanten: Johannes Felsenstein, schwergewichtiger Sohn eines berühmten Vaters. Seitdem pilgern aus Berlin die nostalgischen Fans der goldenen Zeit Walter Felsensteins an der Komischen Oper, die in der Kupfer-Zeit nicht glücklich werden, zu Felsenstein-Inszenierungen nach Dessau.
Als Schauspielchef holte Felsenstein Helmut Straßburger, als Ballettchefin Arila Siegert. Mit Daniel Lipton engagierte er einen Musikchef, der vor allem bei Felsensteins Verdi-Zyklus (Die Räuber, Die beiden Foscari, La Traviata) für Aufmerksamkeit sorgte. Da hatte einer Sinn für den dramatischen Bogen, hob das Orchester zu erstaunlicher Brio-Höhe und verstand es, mit jungen, hochtalentierten Belcanto-Sängern zu arbeiten. Vor allem die Sopranistinnen Helen Bickers und Eilana Lappalainen veranlassen auch jüngere Opernfreaks zur Reise nach Dessau.
Ausgerechnet die Jubiläums-Inszenierung des Intendanten konnte trotz ihrer hyperrealistischen Wucht dieses Niveau nicht erreichen. Felsenstein führt ein Lehrstück vor, erinnert schon vor Beginn durch einen Brecht-Spruch ("Eurem Bruder wird Gewalt angetan und Ihr kneift die Augen zu") an die Aktualiät: einen Tag, nachdem die Öffentlichkeit von dem Schwarzen in Berlin erfuhr, dem keiner half, als Skinheads ihn aus der fahrenden S-Bahn warfen. Auch die Ouvertüre wird mit einem Freiheitsreigen, der Festnahme Florestans und der Verkleidung Leonores bebildert - obwohl Beethoven sich doch mit immerhin vier Ouvertüren-Entwürfen gründlich Gedanken gemacht hatte, wie das Publikum am besten eingestimmt würde.
Felsenstein demontiert den Jubelschluß. Das Volk stürmt das Gefängnis, der Minister erscheint lediglich als schlauer Politiker, der die Wende für sich ausnutzt. Und wenn am Ende das Volk tanzt wie bei der Ouvertüre, stürmen wiederum Bewaffnete herein, es zu unterdrücken. Chor und Orchester folgten Liptons intensivem Dirigat, Wärme und differenzierte Charakterisierung zeichneten das Quartett aus, fahle Farben und explosive Dramatik die Kerkerszene.
"Fidelio" ist nun mal vor allem eine Männer-Oper, und dafür ist das Dessauer Ensemble nicht so glänzend disponiert. Gabriele Maria Ronge gastierte als eine wunderbare Leonore, doch hätte Felsenstein es Patricia Potter als Marzelline keinesfalls gestatten dürfen, so zu outrieren, daß sie nur noch wirkt wie ein aufgescheuchtes Huhn. Da wird die Figur nicht mehr ernst genommen und auch der Gesang beeinträchtigt.
Das Fest-Publikum ließ sich gern belehren und begeistern. Hatte doch auch der Ministerpräsident, der sich mit einem schönen Versprecher als "Schirmherrscher" in die Reihe der aufgeklärten Anhalter Fürsten stellte, am Ende seiner Rede doch noch zu dem Versprechen hinreißen lassen, niemanden im Regen stehen zu lassen. Konkret: das Land wird bis Ende des Jahres das Dessauer Theater als GmbH konstituieren und als Gesellschafter beitreten.

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