| Modernismus und Tradition Oper an der Nordküste: In Oviedo und Bilbao gibt es die ältesten Opernvereine Spaniens (2002) Von Bernd Feuchtner Die Callas war da. Die Tebaldi auch. Die Gruberova ebenfalls. Pavarotti, Carreras und Domingo waren einzeln da: Was teuer ist an Sängern, singt in Bilbao. Oder in Oviedo, wo Alfredo Kraus oder Mirella Freni Stammgäste waren. Oper in Oviedo und Bilbao? Nie davon gehört! Was Oviedo und Bilbao verbindet, sind 300 Kilometer der kantabrischen Kordillere. Aber ebenso trennen die Berge die beiden Städte. Oviedo duckt sich hinter den Naranco, seinen Hausberg mit seinen präromanischen Kirchen, und überlässt die Küste der Rivalin Gijon, während Bilbao sich zum Golf von Biskaya (dem «baskischen») öffnet wer denkt nicht an Brechts Seemannstraum vom Bilbao-Mond. In Oviedo als der Hauptstadt des alten Königreichs Asturien begann die Reconquista (die Vertreibung der Mauren), das junge Bilbao war als Zentrum des Baskenlands immer ein Hort der Aufmüpfigkeit. Gemeinsam haben beide Städte traditionsreiche und aktive Operngesellschaften. Die Asociación Asturiana de Amigos de la Opera (A.O.) führt in diesem Winter ihre 55. Saison durch: es gibt je drei Aufführungen von «Tosca», «Il turco in Italia», «Lamico Fritz» und «Maria Stuarda». Die ABAO (Asociación Bilbaína de Amigos de la Opera) feiert ihr 50-jähriges Jubiläum mit je vier Vorstellungen von «Turandot», «Götterdämmerung», «Werther», «Norma» und «Alcina», gefolgt von fünf Aufführungen der Oper «Zigor», die von der ABAO bei dem im Jahr 2002 verstorbenen baskischen Komponisten Francisco Escudero in Auftrag gegeben und 1967 uraufgeführt worden war. In keiner der beiden Städte gibt es ein Opernhaus. Die A.O. mietet für ihre Aufführungen das Stadttheater, das Teatro Campoamor, das durch die Verleihung des Preises «Príncipe de Asturias» bekannt wurde. Fürst von Asturien? Asturien ist eine autonome Region wie alle anderen, doch der spanische Thronfolger trägt den Titel eines Príncipe de Asturias und so sehen die Ovetenses ihre glorreiche Geschichte im «Principado de Asturias» verewigt. Im Teatro Campoamor eigentlich ein demokratisches Theater ohne Logen in den Rängen wurde im ersten Rang rechts vorne eine Art Loge eingerichtet, vor der ein Teppich mit dem Wappen des Fürstentums von Asturien prangt und in der sich die Stadtregierung sichtlich wohlfühlt. Oviedo genießt seine Vergangenheit, liebt das gute Essen und den Cidre. Die alten Kirchen und Paläste, die traditionsreiche Universität und die Bürgerhäuser auf dem Altstadthügel sind in den letzten Jahren schön restauriert worden, so dass der Sandstein in allen Honigfarben leuchtet. Von den antiken Kirchendenkmälern am Naranco hat man einen atemberaubenden Blick über die grüne Bergkette mit den weißen Spitzen der Picos de Europa Asturien mit seinen bimmelnden Kühen und blauen Bergseen, seiner originellen Architektur und regenreichen Landschaft ist die spanische Schweiz. Und zu seinen bürgerlichen Genüssen gehört die Oper. Eine Oper der Bürger, denn nicht der Fürst, nicht der Caudillo aus dem benachbarten Galizien und auch nicht die Stadt richtete das Opernleben ein, sondern ein Verein von Bürgern, die «Asturianische Gesellschaft der Opernfreunde». Im Vordergrund steht bis heute der Sänger. Los gings am 18 September 1948 mit Victoria de los Angeles als Manon, und in der «Temporada LV» von September bis Januar sind es nun Franz Grundheber als Scarpia, Alberto Zedda als Dirigent des «Turco in Italia» oder Angeles Blancas, Judith Borrás und Joseph Calleja in «Maria Stuarda», die man für Preise zwischen € 5 und € 92 erleben kann. Seit zehn Jahren versucht die A.O. in jeder Saison nicht nur auswärtige Produktionen einzuladen, sondern ein Stück auch selbst herauszubringen. In dieser Saison ist dies Mascagnis «Lamico Fritz», früher ein Kassenschlager und nach der «Cavalleria rusticana» die beliebteste Oper des Komponisten, heute eine Rarität. Man begreift auch rasch, warum. Das bisschen Handlung dreht sich um eine Wette: Fritz, ein junger elsässischer Winzer, verwettet einen Weinberg dafür, dass er niemals heiraten wird. Sein Freund David hält dagegen und gewinnt natürlich am Schluss. Denn seine Argumente bezieht er aus der Bibel, und eben jener Predigtton ist es, der das Stück heute ziemlich alt aussehen lässt. «Lamico Fritz» ist ganz auf den Effekt angelegt. Es gibt ein regelrechtes Virtuosenkonzert, wenn der geigende Zigeuner Beppe auftritt, es gibt dankbare Arien, schwungvolle Duette und kunstreiche Ensembles. José Antonio Gutiérrez hat das in dem realistischen Bühnenbild von Jesús Ruiz so arrangiert, dass die Sänger ihre Nummern mit dem besten Erfolg an der Rampe absolvieren können. Wir erleben Oper so wie in den meisten Häusern Italiens. Im ersten Bild, wenn Fritzens ebenso amüsierlustige Freunde Federico und Hanezó David damit ärgern, dass sie Ehepaar spielen, könnte man noch denken, man hätte es hier mit einem schwulen Pärchen zu tun, das mit Ehe und Familie nichts am Hut hat und deshalb von dem predigenden David als nutzlose Drohnen beschimpft wird. Doch täuscht man sich leider von Ironie keine Spur: Im zweiten Akt schleppen beide Mädchen mit sich herum, dumme Püppchen, erfunden nur zu dem Zweck der Auslöschung jeglichen Verdachts. Immerhin wissen die jungen Sänger damit Eindruck zu machen. Ismael Pons Tena bemüht sich mit seinem Bariton erfolgreich darum, Davids Dröhnen zur Triumpharie aufzuwerten. Ganz vorzüglich ist der Eindruck, den die junge Wiener Mezzosopranistin Alexandra Rivas als Beppe hinterlässt, die ihre Karriere bisher vor allem in Spanien aufgebaut hat. Der Katalane José Bros lässt das Linienspiel des Fritz mit Eleganz aufblühen; ob die tiefe Melancholie, die darin liegt, nun allerdings aus einer etwas lethargischen Natur oder aus der unausgearbeiteten Rolle kommt, bleibt offen. Vermutlich liegt es doch an der Regie, denn auch Miriam Gauci als Suzel, das schönste Mädchen des ganzen Elsass, wirkt eher matronenhaft und verdruckst als frisch und unbefangen. Das raubt auch ihrer an sich reizvollen gesanglichen Darstellung den letzten Glanz. Die Ovetenses sind dennoch glücklich, zumal der junge malteser Dirigent Michael Laus aus dem örtlichen Symphonieorchester und dem Chor der Opernfreunde das Optimale herausholt und den lyrischen Stil des Werkes sehr genau trifft. Das Theater hallt wider von den lebhaften Gesprächen in den beiden Pausen, die den Abend gehörig ausdehnen. Nicht anders wird es am nächsten Abend in Bilbao sein, wo der dreiaktige «Werther» ebenfalls durch zwei lange Pausen auf über drei Stunden gestreckt wird. Man genießt eben und wozu den Genuss freiwillig verkürzen? Bilbao Stadt im Umbruch Der im Februar 1892 an der Wiener Hofoper uraufgeführte «Werther» entstand fast gleichzeitig mit «Lamico Fritz» - doch um wie viel besser Massenets Stück ist, das macht die Aufführung in Bilbao ohrenfällig. Während der Ouvertüre erscheint ein Bildnis des jungen Goethe: das steht schon mal für eine wesentlich bessere, vielschichtigere Geschichte. Die Produktion stammt aus den Teatro Carlo Fenice in Genua in Regie und Ausstattung des im Herbst 2001 verstorbenen Beni Montresor: chic, klar und ebenso rampenorientiert wie «Lamico Fritz» in Oviedo. Das ist indessen nicht die Regel in Bilbao, wo man die «Götterdämmerung» in der Inszenierung von Caurier/Leiser aus Genf und die «Alcina» als Produktion der ENO von McVicar zu sehen bekommt. Das Publikum der Baskenmetropole ist schon ein wenig mehr in der europäischen Gegenwart der Oper angelangt. Das Guggenheim-Museum ist nur ein Teil der Modernisierung von Bilbao. Die Stadt hat das Verschwinden der alten Industrie zu einem Innovationsschub genutzt. Auch der neue Palacio Euskalduna, ein Kongress- und Musikzentrum, in dem auch die Opern gespielt werden, ist in der Nachbarschaft des Guggenheim entstanden. Wo früher Fabrikanlagen das Flussufer besetzten, werden nun großzügige Promenaden angelegt, deren moderne Gestaltung die graubraunen Schreckensgebäude der Nachkriegszeit beinahe unerträglich erscheinen lassen. Eine Wüstenei aus öden Wohnblocks umzingelt Alt- und Neustadt und lässt Bilbao nicht gerade schön erscheinen. Doch durch die Straßen funkelt Gehrys Wunderwerk des Guggenheim, über den Fluss spannt sich eine lichte Brücke von Calatrava, in den Untergrund führen die eleganten Metroeingänge von Foster. Es herrscht Aufbruchstimmung, und die separatistische Strömung wird von Madrid gerade wegen des Reichtums der Region mit Eifersucht verfolgt. Selbst eine liberale Zeitung wie El Pais verbreitet in dieser Frage pure Propaganda. Das Kulturleben ist rege und von einer großen Anzahl Festivals geprägt. Am Abend der «Werther»-Premiere gastiert im alten Stadttheater William Christie mit einem Rameau-Pasticcio. Es passt besser in das im Geschmack des Palais Garnier erbaute Haus als die Oper des 19. Jahrhunderts, für die es zu klein ist. Auch der Zuschauerraum reicht nicht aus für den Zuspruch des Publikums, das von weither kommt. Der Palacio Euskalduna hat für Konzerte eine gute Akustik, doch ist der langgestreckte Saal für Oper nur bedingt geeignet. Die Stimmen tragen nicht bis in die letzen Reihen und Balkone. Der italienische Dirigent Marco Boemi erzielt mit dem Symphonieorchester aus dem ungarischen Szeged einen für Massenets Drama passenden runden, warmen Klang, und auch der Begonien-Chor erscheint gut einstudiert. Der junge kanadische Bariton Jean-François Lapointe lässt mit seiner kernigen, klangschönen Stimme und einer fabelhaften Linienführung Albert als Gegenspieler Werthers beinahe sympathisch werden. Auch die Spanierin Sabina Puertolas in der Rolle von Charlottes kleiner Schwester Sophie hinterlässt einen überaus lebhaften, sympathischen Eindruck. Die Amerikanerin Katharine Goeldner hat sicherlich das größere, luxuriösere Organ, doch bis ins Herz dringt sie damit nicht. Das kann man leider auch von Giuseppe Sabbatini nicht sagen, der zwar perfekt singt und in einigen dramatischen Aufschwüngen auch tenoralen Glanz verbreitet, doch den Zuschauer nicht wirklich berührt zumindest nicht in den hinteren Reihen. Die Bilbaínos genießen die beiden Pausen ebenso wie die Aufführung selbst. Die Oper ist in erster Linie ein kulinarisches Ereignis. Die 50 Jahre Arbeit, die die ABAO hier geleistet hat, verschaffen ihr eine solide Basis in der Gesellschaft das zeigt auch die allmähliche Einführung der Zweisprachigkeit: OLBE heißt sie auf baskisch, die Opera Lagunen Bilboko Elkartea. Politisch korrekt ist die Oper also schon. Dass sie auch etwas mit dem Leben von heute zu tun haben könnte, ist hier zumindest zu erahnen. Mascagni: Lamico Fritz. Premiere am 11., besuchte Vorstellung am 15. November 2002. Orquesta Sinfónica del Principado de Asturias, Dirigent: Michael Laus, Coro de la A.O., Einstudierung: Antonio Bautista, Inszenierung: José Antonio Gutiérrez, Ausstattung: Jesús Ruiz. Solisten: José Bros (Fritz), Miriam Gauci (Suzel), Alexandra Rivas (Beppe), Ismael Pons Tena (David), Lorenzo Moncloa Marco (Federico), Marco Moncloa (Hanezó), Beatriz Díaz González (Caterina) Massenet: Werther. Premiere am 16. November 2002. Sinfonieorchester von Szeged, Dirigent: Marco Boemi, Escolania de Nuestra Sra. de Begoña, Einstudierung: Iosu Soldevilla, Inszenierung und Ausstattung: Beni Montresor, Lichtdesign: José Luis Rodriguez. Solisten: Giuseppe Sabbatini (Werther), Katharine Goeldner (Charlotte), Sabina Puertolas (Sophie), William Powers (Bürgermeister), Jean-François Lapointe (Albert), Jose Ruiz (Schmidt), José Manuel Diaz (Johann) u.a. |
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